Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.06.2002. Die FAZ erzählt von einem deutschen Arzt, der nordkoreanischen Flüchtlingen in China hilft. In der FR fordert der Philosoph Etienne Balibar eine selbstkritische Konzeption des Feindes. In der NZZ fordert der Molekularbiologe Alexander Kekule den Schutz der Menschenrechte für das Genom. Die SZ denkt über amerikanische Kriegsfilme nach. Alle Zeitungen widmen dem Biochemiker Erwin Chargaff lange Nachrufe.

FAZ, 25.06.2002

Drill oder Kümmern, Frontalunterricht oder Gruppenarbeit, strenge Auslese oder geduldiges Mitnehmen der Schwächeren, Ganztagsschule oder Halbtagsschule? Wenn aus der Pisa-Studie eines klar geworden sei, meint Jürgen Kaube, dann, dass Schulerfolg auf keine bestimmte Organisationsformen zurückzuführen sei. Schließlich seien nicht nur Bayern und Baden-Württemberg ins obere Drittel gekommen, sondern auch Finnland, Japan, England oder Schweden. Kaube fordert, "den Schulen die Freiheit einzuräumen, die sie benötigen, um auf lokale Erziehungsumstände zu reagieren. Stadt und Land, die Möglichkeit von Hauptschülern, später überhaupt beschäftigt zu werden, der Anteil von Migranten an der Schülerschaft - dies sind nur die auffälligsten Rahmendaten des Unterrichts. Die Altersstruktur der Lehrerschaft, ihre Ausbildung und Rekrutierung dürfte ebenso wichtig sein."

Zhou Derong berichtet (wie immer viel zu kurz) von dem deutschen Arzt Norbert Vollertsen, der zusammen mit dem südkoreanischen Pastor Douglas Shin die Hilfsorganisation "Exodus 21" gegründet und in Peking eine spektakuläre Aktion organisiert hat: 25 nordkoreanische Flüchtlinge stürmten die spanische Botschaft in Peking in der Hoffnung, nach Südkorea ausreisen zu dürfen. Der Hintergrund: Bis zu dreihunderttausend Nordkoreaner leben illegal in China. Die chinesische Regierung erkennt sie nicht als Flüchtlinge an, und die südkoreanische Botschaft will auch nichts mit ihnen zu tun haben, um die Entspannungspolitik mit Nordkorea nicht zu gefährden.

Die Legende der sauberen Vergangenheit des Bertelsmann-Konzerns musste eine Historiker-Kommission zerstören, der Evangelische Pressedienst tut es nun immerhin selbst, wie Jörg Thomas anerkennt. Der epd hatte seinen Medienredakteur ein Jahr lang die NS-Geschichte des Pressedienstes recherchieren lassen, mit dem Ergebnis: Der epd war kein Hort für Widerständler gewesen, sondern ein reibungslos rotierendes Rädchen im Getriebe der Propaganda-Maschine.

Weitere Artikel: Vor dem heutigen Halbfinale überlegt Michael Jeismann, aus welchen Wurzeln die koreanischen Spieler ihre Kraft schöpfen: Archaische Ekstasetechnik oder Ginseng? Jürgen Otton berichtet aus dem marokkanischen Fes vom "Festival des musiques sacrees du monde", bei dem trotz Wadi al Safi oder Barbara Hendricks der Funke nicht überspringen wollte. Markus Breidenbach erklärt, dass zwei israelische Mathematiker herausgefunden haben, wie man morgens welchen Weg zur Arbeit wählen sollte, um den Stau zu vermeiden - Würfeln!

Dietmar Polaczek berichtet Wunderliches aus dem Land von Padre Pio. Joseph Croitoru befürchtet, dass Israel sich auf dünnes Eis begibt, was die Menschenrechte betrifft: Die Regierung will gegen die Familien von Selbstmordattentätern vorgehen. Katja Gelinsky hat das gestrige Urteil des US Supreme Courts zur Todesstrafe zwar nicht mehr mitbekommen, denkt aber dennoch passend darüber nach, ob Amerika künftig weniger töten wird oder nur verfassungsgemäßer. Peter Winter gratuliert dem Maler und Sergeant-Pepper-Mann Peter Blake zum siebzigsten Geburtstag.

Auf der Bücher-und-Themen-Seite erzählt der Historiker Wolfgang Reinhard die Geschichte der Macht zwischen Nostalgie und Aufklärung und begrüßt das Comeback des Staates in die Geschichtswissenschaft. Jürg Altwegg meldet, dass die NZZ in einer tiefen Krise steckt: 25 Prozent der Werbeeinnahmen sind weggefallen. Es wird Entlassungen geben. Des weiteren sind gleich zwei Nachrufe auf den Biochemiker und Pionier der Genforschung Erwin Chargaff zu lesen. Joachim Müller-Jung würdigt den Mann, der die Molekularbiologie zum "Totengräber der Menschheit" erklärt hatte, Ingeborg Harms lobt den Doctor mysticus. )Mehr zu Erwin Chargaff finden Sie hier, hier und hier. Außerdem hat die NZZ im August 2001 ein langes Interview mit ihm veröffentlicht.)

Besprechungen widmen sich der Wiederentdeckung von Franz Schrekers Oper "Christophorus" an der Kieler Oper, Christian Pades Inszenierung von Lars Norens "November", Baltasar Kormakurs Filmkomödie "101 Reykjavik", einer Freiburger Ausstellung zu Plakaten aus dreißig Jahren Protestbewegung und Büchern, darunter politischen Büchern, Kim Yooyoungs Roman "Der Stachelroman" und Gunther Hirschfelders Band über die "Europäische Esskultur" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 25.06.2002

Der französische Philosoph Etienne Balibar (mehr hier) argumentiert in einem sehr komplexen Aufsatz dafür, Judenhass und Araberhass als Komplementärphänomene zu begreifen - und vor allem jeder Versuchung zu widerstehen, das eine gegen das andere in Stellung zu bringen. "Man weiß, dass die Juden unablässig als die Anstifter eines weltweiten Unternehmens der Subversion durch das Verbrechen und die Macht des Geldes dargestellt worden sind (...). Diese Darstellung ist nicht verschwunden, aber sie hat sich durch eine symmetrische Darstellung verdoppelt, die den Islam und die Araber betrifft, die unter der Regie einer okkulten Macht im planetarischen Maßstab die Öl-Reichtümer, die fundamentalistische Missionierung und den Terrorismus (Dschihad) manipulierten und deren Ziel über die Juden hinaus das Herz der freien Welt sei." Balibar plädiert, mit Hannah Arendt, dafür, "dass sich der Antirassismus auf eine aktive, sich verändernde, selbstkritische Konzeption des Feindes stützen" muss, denn nur so könne man die Fallen des Rassismus hier vermeiden.

Außerdem: In Köln hat die Filmstiftung NRW zur Diskussion über die Lage des deutschen Films geladen: Heiko R. Blum berichtet - sehr viel Neues erfährt man nicht. Peter Iden erklärt in der Times-Mager-Kolumne, warum er - wie die meisten seiner deutschen Kritikerkollegen - darauf verzichtet hat, für Peter Steins Penthesilea-Inszenierung den langen Weg nach Epidauros auf sich zu nehmen. Eine Besprechung gibt es dagegen zu Franz Schrekers Oper "Christophorus oder die Vision einer Oper", aber dafür musste Georg-Friedrich Kühn ja auch nur nach Kiel fahren. Gleich in Frankfurt bleiben durfte Christoph Schröder, der Eindrücke vom ersten Frankfurter Literaturfest liefert. Besprochen werden eine Gedicht-Anthologie von Thomas Kling und neu veröffentlichte Texte von Sandor Marai.

Ein Geburtstag und drei Todesfälle: Eine ausführliche Würdigung erfährt der katalanische Architekt Antonio Gaudi (mehr hier) zum 150. Geburtstag. Kurz gemeldet wird der Tod des Architekten Jean Balladur (mehr hier), ebenso der des Pianisten Conrad Hansen. Ein längerer Nachruf gilt dem Chemiker, Beinahe-Nobelpreisträger und späteren Kritiker der Naturwissenschaften Erwin Chargaff.

TAZ, 25.06.2002

Jan Engelmann hat eine von türkischen Autokorsi umtoste Berliner Tagung (hier das Programm) zum Thema "Islamische Perspektiven in der säkularen Gesellschaft" besucht, bei der unter anderem deutsche Politologen auf arabische Wissenschaftler trafen: "Die zentrale Frage aber blieb, inwieweit ein säkularer Staat auch offen sein muss für religiöse Lebensweisen, welche die liberale Kunst der Trennung nicht immer mitmachen wollen. Mit dem Koran sei diese durchaus vereinbar, betonten Abo Elela Mady (Kairo) und Mohammad Al-Habib Al-Marzouki (Tunis)." Dass man das auch nochmal ganz anders sehen kann, zeigt die holländische Perspektive: "Martin van Bruinessen (Leiden/Utrecht) blieb es vorbehalten, den schönsten rhetorischen Treffer zu landen. 'Vielleicht wird Deutschland durch die Anwesenheit der Türken ja endlich säkularisiert', ätzte er mit Blick auf die Kruzifixe in bayerischen Amtsstuben."

Erst ein Wochenende hat Christiane Kühl beim Festival "Theater der Welt" (hier die Website) hinter sich und ist schon reichlich durcheinander: "Der tote brasilianische Jesus saß da plötzlich neben dem argentinischen Himmelspförtner Petrus, während die chinesische Kommunistin der Peking Opera Company hoffnungsfroh verkündete, dass der Tod für die Partei einer zweiten Geburt entspräche." Und auf der Tagesthemenseite geben Dirk Knipphals und Kolja Mensing eine Lesehilfe für den neuen Walser und Andreas Schleicher, Koordinator des internationalen Schulvergleichs Pisa, erklärt im Interview, warum Deutschland so schlecht abgeschnitten hat.

Besprochen werden zwei Bücher der amerikanischen Autorin Judy Budnitz, Joseph von Westphalens neuer Roman mit dem schönen Titel "Der Liebessalat" und ein Bild-Text-Band aus der layout culture. Dazu hat Klaus Modick in seiner Taschenbuch-Kolumne Einschlägiges für die anstehende Reisesaison gelesen (wir erfahren, dass Arno Schmidt der Ansicht war, eine New-York-Reise erübrige sich für den, der Hannover kennt). Besprochen werden heute auch politische Bücher, nämlich Renate Künasts "Klasse statt Masse" und Jan Stages Reportagen aus "Niemandsländern" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.

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NZZ, 25.06.2002

Die NZZ druckt einen kürzlich in Berlin gehaltenen Vortrag des Mikrobiologen Alexander Kekule ab, in dem dieser dafür plädiert, dass menschliche Genom unter den Schutz der Menschenrechte zu stellen: "Reproduktives Klonen und Eingriffe in die Keimbahn können weit gefährlicher werden als alles andere, was der Homo sapiens bisher erfunden hat: Erstens werden genetisch veränderte Menschen 'hergestellt?, die in der Natur bis anhin nicht vorkommen. Zweitens werden die Veränderungen unwiderruflich an die nachfolgenden Generationen vererbt; heute gewünschte Eigenschaften können jedoch eines Tages einen tödlichen 'Selektionsnachteil' bedeuten, etwa bei neu auftretenden Infektionskrankheiten ... Mit dem Wegfall der genetischen Chancengleichheit wäre nämlich die Gleichheit aller Menschen aufgehoben, das Fundament der Demokratien und der Menschenrechte wäre zerstört."

Weitere Artikel: Ho Nam Seelmann hat in Korea ferngesehen und bemerkt, dass dort sämtliche TV-Sender an der Werteordnung festhalten - also no sex, no crime. "Die beliebtesten Sendungen sind Seriendramen. Sowohl in den historischen als auch in den modernen Dramen geht es letztlich immer um die Beziehung der Familienmitglieder und nicht, wie es im Westen der Fall ist, um Konflikte zwischen Individuen." Roman Hollenstein porträtiert den spanischen Baukünstler Santiago Calatrava (mehr hier), dessen Bauwerke nun in Valencia einen ganzen Kulturbezirk bilden.

Besprochen werden eine Überblicksschau des Frankfurter Künstlers Tobias Rehberger in Karlsruhe (mehr hier). Und Bücher: die neue Zusammenstellung der Arbeiten von Oskar Negt und Alexander Kluge in: "Der unterschätzte Mensch. Gemeinsame Philosophie in zwei Bänden", Jakob Heins Debüt "Mein erstes T-Shirt" und Wladimir Woinowitsch neuer Roman "Aglaja Rewkinas letzte Liebe" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 25.06.2002

Fritz Göttler fragt nach dem gegenwärtigen Zustand der USA im Spiegel der neuen Kriegsfilm-Konjunktur, unter besonderer Berücksichtigung von John Woos Film "Windtalkers": "In den heutigen Kriegsfilmen vollendet sich das Geschick des Genres. Dass es die Kategorien des traditionellen Erzählens zerfetzen musste, weil dessen große Kategorien - Individualität, Identifikation, Introspektion - keine Chancen hatten im grellen Schlachtenlärm." Ja, Göttler sieht den direkten Bezug zur tatsächlichen aktuellen Kriegsführung der USA: "Je hartnäckiger die amerikanische Regierung sich dem Bodeneinsatz heute verweigert, je intensiver sie auf Krieg aus der Distanz beharrt, desto stärker rücken die Filme den Kampf ins Blickfeld. Das reine Splatter-Kino - ohne dass sie das Verdikt befürchten müssten, unter dem das Horrorgenre leidet, die Angst vor den Nachahmungstätern."

Aus der deutschen Hauptstadt die Zusammenfassung eines Podiumsgesprächs mit dem Berliner Kultursenator Thomas Flierl. Auf die Frage, was er sich wünscht antwortet Flierl: "Ich würde mir erhoffen, dass die Intellektuellen Berlins die kulturpolitische Debatte selber vorantreiben und nicht nur darauf warten, dass der Kultursenator sich äußert."

Weitere Artikel: In Berlin macht auch Claus Peymann mit einem scheinspendablen Rückzahlungs-Angebot von sich reden. Harald Eggebrecht schickt dagegen Impressionen aus der "middle of nowhere", genauer gesagt: aus dem einstmals deutschen Hermannsburg, Australien. Um mehr als einen Historikerstreit ging es bei einer Zusammenkunft der Zunft in Potsdam. In Nürnberg stritt das lutheranische Refom-"Bündnis 2008" mit anwesenden Vertretern der Amtskirche über die "Vereinbarkeit von Kreuzesopfer und lean management". Gottfried Knapp liefert ein umfangreiches Porträt Antonio Gaudis zum 150. Geburtstag. Volker Breidecker berichtet vom Auftritt des Suhrkamp Verlages beim Literaturfest "Die Stadt am Fluss" in Frankfurt. Gratuliert wird auch dem Pop-Art-Künstler Peter Blake, und zwar zum 70. Dazu gibt es Nachrufe auf den Pianisten Conrad Hansen und auf den Ausstellungsmacher Claus Peter Groß.

Besprechungen: Kunst der sechziger Jahre wird gerade im Wiener Museum moderner Kunst zur Wiederentdeckung freigegeben. "Nix als Dekoration" hat Thomas Thieringer in Franco Zeffirellis beim Publikum umjubelter Freiluftinszenierung der Aida in Verona entdeckt. Weiter besprochen werden - vor allem - der neueste Fosse bei der letzten Bonner Theaterbiennale, ein Pasticcio aus barocker Opernmusik des Theaters am Gärtnerplatz in München und Bücher, darunter die Reportagen des dänischen Kriegsberichterstatters Jan Stage und ein Band über die "Künstlerküche" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).