Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.06.2002. Die FAZ hat schon Steven Spielbergs neuen Film "Minority Report" gesehen und ist überrascht und begeistert. Die NZZ meldet: Ingmar Bergman dreht eine Fortstzung der "Szenen einer Ehe". Die taz erklärt, wie die Multiplex-Kinos unser Sehen veränderten. Die FR gibt zu: Auch Frankfurt ist im Niedergang. Die SZ rät: Schämen Sie sich ruhig.

FAZ, 21.06.2002

Verena Lueken hat in New York Steven Spielbergs neuen Film "Minority Report" gesehen und ist beeindruckt: "Die Vorlage schrieb Philip K. Dick - der Autor, aus dessen Buch 'Träumen Androiden von elektrischen Schafen?' einst Ridley Scotts 'Blade Runner' wurde - in den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie ist eine düstere Phantasie über die Verschmelzung von Mensch und Maschine und über skrupellose Regierungsbeamte, deren Karriere auf den verkabelten Körpern anderer gebaut ist. Nichts in Spielbergs Werdegang wies darauf hin, dass es ihn reizen könnte, diese Geschichte mit den Mitteln des Kinos noch einmal zu erzählen. Vielleicht liegt es an der Fremdheit des Stoffs, die so quer zu seinen gewohnten Erzählmustern liegt, dass 'Minority Report' sein bester Film seit vielen Jahren geworden ist."

Der israelische Autor David Grossman (mehr hier) entwirft dunkle Perspektiven für den Nahen Osten: "Wenn wir die Gedankengänge beider Seiten nur noch ein kleines Stück fortführen, können wir uns mit Leichtigkeit ein Bild von der Wirklichkeit machen, in der wir bald leben werden: ein endloser Wirbel von Mord, Verbannung, Wiederbesetzung, strategischen und vielleicht auch atomaren Terroranschlägen, Destabilisierung der gemäßigten arabischen Staaten und womöglich auch ein Krieg, dessen Ausgang kein Mensch voraussagen kann. Alles wirkt wie ein Albtraum, und vielleicht wird erst ein Historiker, der uns künftig aus zeitlichem Abstand betrachtet, die hypnotische Wirkung dieses Albtraums erklären können, auf den wir offenen Auges zugehen, während beide Seiten - wechselweise - nahezu alles in ihren Kräften Stehende tun, um ihn zu verwirklichen."

Weiteres: Patrick Bahners kommentiert Johannes Raus Rüge der Parteien für ihr Verhalten bei der Bundesratsabstimmung zum Zuwanderungsgesetz. Theresia Enzenseberger trägt in einer Internetrecherche zusammen, was heutige Abiturienten wissen und nicht wissen ("'Wetten dass. . ?' war immer mit Thomas Gottschalk.") Joseph Hanimann erzählt, wie Jose Bove der französische Bauer und Globalisierungsgegner, auf dem Traktor in den Knast fuhr. (" Der fröhlich hupende Traktorenkonvoi, die vorausfahrenden Polizisten und schmunzelnden Gendarmen am Straßenrand, die applaudierenden Zuschauer und zahlreich entsandten Medien zeigen, wie entspannt die zivile Gesellschaft heute in Frankreich auch Gefängniszellen erobert.") Martin Thoemmes informiert uns, das Lübeck eine Kultursenatorin sucht. Der ehemalige Verfassungsrichter Dieter Grimm erklärt uns nach dem Erlass des Zuwanderungsgesetzes auf einer ganzen Seite, "welche kulturellen Konflikte zwischen Einheimischen und Zugewanderten entstehen und wie ihnen juristisch begegnet werden kann" (ist das wirklich das dringendste Problem?)

Auf der letzten Seite meldet Andreas Rossmann, dass Wuppertal nun beide Theaterspielstätten, das Opernhaus in Barmen und das Schauspielhaus in Elberfeld, behalten wird - schon damit Pina Bausch bleibt. Clas M. Naumann schickt eine Reportage über die missliche Lage des höheren Bildungswesens in Afghanistan und die Notwendigkeit deutscher Hilfe, die auch geleistet werden soll. Und Arnold Barrtetzky stellt uns den neuen Leipziger Baustadtrat Engelbert Lütke Daldrup vor. Auf der Medienseite erzählt Paul Ingendaay über die Frenesie der spanischen Presse vor dem morgigen Viertelfinalspiel ihrer Mannschaft gegen Südkorea. Und Michael Hanfeld berichtet, dass der Produzent Jan Mojto und der Fernsehmann Nico Hofmann eine Firma gegründet haben, um "Event-Movies" herauszubringen.

Besprochen werden eine Ausstellung über Madame de Pompadour und die Kunst in der Münchner Hypo-Kunsthalle, die Choreografie "Schwarze Engel" von Daniel Goldin in Münster und eine Ausstellung über die Geburt des Theaters im alten Griechenland in München.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht es um die Olivier Messiaen-Schüler Gerard Grisey, eine Kammermusik-CD mit Martha Argerich, um Musik der Bach-Söhne, um eine CD der Breeders, um eine CD von Joe Cocker und um wieder aufgelegte Platten von Gil Scott-Heron.

NZZ, 21.06.2002

Schön international geht's im Zürcher Feuilleton heute zu: Martin Ebner besucht die kürzlich eröffnete, von Tadao Ando entworfene neue Kunsthalle von Kobe und erzählt nebenbei die kurze Geschichte der Kunstmuseen in Japan. Claudia Schwartz kommentiert das Ende der Berliner Lokalseiten der FAZ ("Die Berliner Seiten bleiben in guter Erinnerung als ein Dessert, das man nicht wirklich brauchte.") Peer Hagmann stellt die "Zeit-Zone" vor, in der sich die Wiener Festwochen mit Neuer Musik auseinandersetzen. Marc Christoph Wagner befasst sich mit der Zukunft der Königlichen Oper von Dänemark, die sich mit Kasper Holten einen 29-jährigen Intendanten geholt hat und die Ambition hat, zu den führenden europäischen Häusern aufzuschließen (mit dem Vorbild Stuttgart übrigens). Martin Treml resümiert die Leipziger Tagung "Confessional Conversions". Sieglinde Geisel hat einer Konferenz zwischen türkischen und deutschen Journalisten in Berlin zugehört und kritisiert nebenbei die deutschen Gastgeber: "Die sieben leitenden Redaktoren, die eigens aus der Türkei angereist waren, fanden nach einigen kurzfristigen Absagen nur gerade zwei deutschsprachige Journalisten als Gesprächspartner vor." Und Georges Waser spricht Probleme im British Museum an, wo jüngst gestreikt wurde.

Auf der Filmseite erfahren wir, dass Ingmar Bergman nun doch wieder einen Film drehen will. "Bergmans neues Projekt, ist eine Art Fortsetzung und Variation seines 1975 mit einem Golden Globe prämierten Ehedramas 'Szenen einer Ehe'. Marianne (Liv Ullmann) und Johan (Erland Josephson) treffen sich dreißig Jahre nach ihrer Scheidung in einem abgelegenen Landhaus am See wieder. Ganz in der Nähe wohnt Henrik, Johans Sohn aus früherer Ehe, mit seiner Tochter Karin, einer talentierten Cellistin. Als jener von Johan einen Vorschuss auf das Erbe fordert, um ein wertvolles Instrument zu erwerben, bricht der alte Vater-Sohn-Konflikt wieder aus."

Besprochen werden die Filme "Von Werra" von Werner Schweizer, "Samsara" von Pan Nalin und " Pantaleon y las visitadoras" von Francisco Lombardi.

Auf der Medien-und-Informatik-Seite schickt Heribert Seifert eine Reportage aus der Redaktion der Bild-Zeitung, die bekanntlich fünfzig Jahre alt wird. Auch der "prekäre Kampf um Anerkennung" der Zeitung wird geschildert. Man liefert " Zahlen und Fakten zur Boulevard-Presse". Ferner stellt Heribert Seifert fest, dass die Bild-Geschichte auch den Wertewandel der deutschen Gesellschaft in den letzten fünfzig Jahren spiegelt.

TAZ, 21.06.2002

Wie das Multiplexkino die Wahrnehmung und gar die Körperlichkeit des Publikums und die Realität des Films verändert hat, erklärt uns Veronika Rall in einem Essay. Nicht nur, dass wir uns in ihrer öden Architektur wie Unterhaltungshäftlinge vorkommen, in diesen Räumen lässt sich auch nicht träumen: "Entspannt zurücklehnen darf ich mich nicht, denn die Leinwand ist nicht über meiner Blickachse, sondern darunter angebracht ... Hätte es ohne diesen Blick nach oben Rita Hayworth Gilda gegeben? Hätte Marilyn Monroe uns aus der Übersicht derartig fasziniert? Hätten Monty Clift, Gregory Peck oder James Dean uns je in ihren Bann geschlagen, wenn wir auf sie herabgeblickt hätten? Ich glaube nicht. Das moderne Multiplexkino ist nicht zufällig seltsam starlos, hier regieren die Technik, die Kameraführung, die Montage, die digitale Bearbeitung. Seine Blickachsen berauben uns des imaginären Raums in Kopf und Kino, sie stehlen uns die Distanz, die Träumer und Träumerin brauchen."

Christoph Braun porträtiert den zwischen Jazz und Klassik wandernden Komponisten Lalo Schifrin, der heute 70 wird, und Harald Fricke stellt David Bowies neues Album "Heathen" vor: "Bowie spielt Bowie nicht als Steinbruch seiner eigenen Vergangenheit, sondern ruhig und beherrscht - scheiß auf den Zeitgeist, er war ja selbst mal einer." Lange her, aber wahr.

Schließlich TOM.
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FR, 21.06.2002

Bankenwegzug, die Eintracht am Ende, TAT- und Forsythe-Debakel - was ist am Main bloß los? Peter Michalzik hat eine Erklärung, wonach es in Frankfurt schlicht keine Gesellschaft gibt, die die Stadt trägt und prägt. "Die Gesellschaft, die Frankfurt heute hervorbringen könnte, wäre eine, die sich aus den Beziehungen der hier auf engem Raum versammelten vielen Schichten, Gruppen, Klassen und Ethnien ergibt. Das schwebte der Stadt selbst einmal vor, ist aber als Ideal mittlerweile vollständig dem scheinbar einfacheren und schmerzfreieren Weg des Wirtschafts- und Bankenstandorts geopfert worden. So wird eine Klasse stadtbestimmend, für die man alles tun möchte, die aber die Stadt nur benutzt und nicht bereichert und immer auf sie herabschaut."

Ob wir wollen oder nicht - die Vorstellung, dass da eine Instanz wäre, die die Dinge ins Recht setzte, schreibt Petra Kohse in einem Beitrag zur Regression öffentlicher Klageführung am Beispiel des Berliner Kulturbetriebs (Peymann!), hat ausgedient. "Da ist einfach nichts Drittes mehr, das den Kontakt zwischen Ich und Nicht-Ich federte. Jeder ist dazu angehalten, in den eigenen Bahnen zu maximaler Funktionalität aufzulaufen, und der Reibungsverlust durch an den Rändern klebende Reste von Höflichkeit und Rücksichtnahme finanziert sich durch den Imagegewinn, nicht nur ein handlungs-, sondern auch kommunikationsfähiger und damit doppelt geldwerter Partner zu sein." War das jetzt ein Protest oder Imagepflege?

Auf der Kasseler documenta hat sich Vanessa Joan Müller die interdisziplinär arbeitende italienische Künstlergruppe "Multiplicity" angeschaut, und "Times mager" erwägt den Umzug des Theaterfestivals Bonner Biennale 2002, über das Stefan Keim hier gesondert berichtet, nach Wiesbaden.

Besprechungen widmen sich der isländischen Liebeskomödie "101 Reykjavik", der Ausstellung "Dichter als Maler" in der Zürcher Galerie im Strauhof und Padmini Chetturs Tanzstück "Fragility" in Düsseldorf.

SZ, 21.06.2002

Walter Riester, Ron Sommer, Gerhard Schmid - sind das die Schamlosen? In einem Beitrag erinnert Alexander Kissler an die Scham, "ein vergessenes Gefühl", fragt sich aber auch, ob das Abkassieren, das Erschleichen und Betrügen, wie wir es kennen, wirklich schamlos ist: "Angeprangert wird ein Verhalten, das der Motor der kapitalistischen Gesellschaftsordnung ist und das alle längst internalisiert haben. Ohne den Drang nach mehr Besitz, mehr Geltung könnte die Marktwirtschaft nicht funktionieren." Schamlosigkeit, richtig verstanden, liege hingegen dort vor, wo neben dem Ich nichts und niemand Platz habe, wo der Mensch nicht bereit sei, sich selbst als der Besserung bedürftiges, der Umkehr fähiges Mängelwesen zu begreifen. Hier aber sei tatsächlich der Mut gefordert, die Scham wiederzuentdecken - "als Erkenntnis stiftenden Bewusstseinsvorgang par excellence und ersten Schritt heraus aus einer grenzenlosen Selbstbezüglichkeit".

Den holprigen Weg zum Zuwanderungsrecht, wie es Rau gestern abgesegnet hat, zeichnet Gustav Seibt in einem Artikel nach und überlegt, ob es auch angenommen werden wird. "Man darf voraussagen: Es wird. Die Kirchen sind dafür, die Wirtschaft hat geradezu darum gefleht, die Anzahl andersfarbiger Menschen auf unseren Straßen wird sich keineswegs fühlbar erhöhen; die Anwendung des Gesetzes findet außerhalb des Gesichtskreises der Bevölkerungsteile statt, die sich am meisten darüber aufregen." Soll die Opposition nur nach Karlsruhe ziehn: "Das kühle, unumstrittene Verfahren in Karlsruhe beurteilt das heiße, umstrittene Verfahren in Berlin. Für solche Legitimation durch doppelte Verfahren sind Verfassungen da, und das ist gut so."

Weitere Artikel: Petra Steinberger taxiert die Resonanzkraft eines offenen Appells, mit dem 55 palästinensische Intellektuelle und Politiker in der Zeitung Al-Quds zur Beendigung der Selbstmordkommandos gegen Israelis aufgerufen haben. Steinberger scheint die Ansicht der New York Times zu teilen: "Too little, too late." Anlässlich des "Tags des Schlafes" erklärt Harald Eggebrecht, warum auch im Informationszeitalter gilt: Schlaf muss sein. Sabine Oelze weiß Neues von den Künstlerprotesten gegen den Abriss des Haubrich-Forums. Arno Orzessek gratuliert der ersten Wissenschaftsgesellschaft "Leopoldina", die in Halle ihren 350. Geburtstag feiert. Fritz Göttler annonciert das Moskauer Filmfestival und meint, die russische Filmindustrie schlafe noch. Im Gespräch verrät Matthias Lilienthal, Leiter des ab heute in Bonn, Köln, Düsseldorf und Duisburg stattfindenden Festivals "Theater der Welt", wie Schlingensief sich Möllemann in letzter Konsequenz vorstellt (als Wurst). Die Pet Shop Boys (mehr hier) geben ein Interview und erklären, warum sie keine kreative Krisen kennen ("Es muss daran liegen, dass unser Leben so verpfuscht ist. Es gibt immer Stoff für neue Songs her"), und Gerhard Matzig berichtet von Tauben- und Hundesheriffs in deutschen Städten. Sauber.

Besprochen werden Eva Lopez-Sanchez' Film "Francisca", eine Ausstellung über Vincenzo Foppa und die lombardische Renaissance in Brescia, Carl H.Grauns "Orfeo" in Potsdam, eine Ausstellung über die Liebesbriefe schreibende Nonne Mariana Alcoforado im portugiesischen Beja, ein Sammelband über die Rosenkreuzer als europäisches Phänomen, ein Buch für den Sommer über das Hawaiihemd sowie das Belletristikdebüt "Für Isabel war es Liebe" der Jugendbuchautorin Mirjam Pressler (auch in unserer Bücherschau um 14 Uhr).