Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.02.2002. Die Feuilletons begeben sich auf historische Reisen: Die SZ begleitet die USA auf der Suche nach dem Reich des Bösen. Die FAZ fragt: Soll Berlin-Brandenburg dereinst wieder "Preußen" heißen? Die FR untersucht den Zusammenhang zwischen Terror und Spektakel und die taz resümiert den Streit zwischen der Familie von Pierre Bourdieu und dem Nouvel Observateur.

NZZ, 19.02.2002

Oh je, noch eine Minderheit. Barbara Spengler-Axiopoulos schickt eine Reportage aus dem Rhodopengebirge im Nordosten Griechenlands, wo 100.000 Griechen moslemischen Glaubens leben, darunter 33.000 Pomaken. "Die Pomaken sind... auf dem griechischen Arbeitsmarkt von vorneherein benachteiligt, da sie arm, unqualifiziert und teilweise sogar Analphabeten sind. Die pomakische Sprache, die offiziell als Schriftsprache nicht existiert, wird in den Minderheitenschulen durch das Türkische verdrängt."

Weitere Artikel: Hans Peter Isler resümiert das große Tübinger Symposion über Troja. "aes" schreibt zum Tod des Architekten A. G. Fronzoni. Besprochen werdem eine Gary Hill-Ausstellung in Wolfsburg, eine Ausstellung über den Architekten Jan Kotra in Prag und einige Bücher, darunter Bettine von Arnims Briefwechsel mit Friedrich Wilhelm IV. von Preußen und ein Reisebericht des Philosophen Knut Ebeling über Russland (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

Vermeldet wird (unter der triumphalen Überschrift "Dreimal Zürich"), welche Theaterstücke zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurden.

SZ, 19.02.2002

Franziska Augstein beschreibt eine der "Richtlinien" amerikanischer Politik der 90er Jahre: Die Suche nach einem "Ersatz für das Reich des Bösen". Die "wissenschaftliche Feinabstimmung" hätten der Journalist Ian Buruma und der israelische Philosoph Avishai Margalit in einem Aufsatz in der New York Review of Books geliefert. Dort entfalteten sie ihr Konzept des "Okzidentalismus". Als Gegenstück zu Edward Saids "Orientalism" bezögen sie ihren Begriff auf die "Feinde des Westens". Und die sehen laut Augstein so aus: "Mit dem japanischen Totalitarismus geht es los und endet beim islamischen Fundamentalismus."

Weitere Artikel: Andrian Kreye berichtet über einen aktuellen jüdischen Generationskonflikt in New York; es geht darin um die Zeitschrift "Heeb", genauer gesagt um ihren Namen, der früher einmal ein Schimpfwort für Juden war. Im gleichen Kontext steht ein Streit um die Ausstellung "Mirroring Evil: Nazi Imagery and Recent Art" im New Yorker Jewish Museum, die unter anderem das Lego-Konzentrationslager des polnischen Installationskünstlers Zbigniew Libera zeigt. Johannes Friedrich, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, erklärt, warum die Kirche sich wandeln muss: "Heute ist die Kirche nicht mehr der privilegierte Sinnvermittler. Sie befindet sich im Wettbewerb, ob uns das gefällt oder nicht." Christian Jostmann berichtet von einem Kolloquium des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Potsdam zum Thema "Krieg und Gesellschaft 1939 ? 1945". Bernd Graf stellt die X-Box vor, Microsofts Antwort auf die "Playstation II" von Sony. Und schließlich ergeht eine Gratulation zum 80. Geburtstag an den Historiker und zweimaligen polnischen Außenminister Wladyslaw Bartoszewski.

Besprochen werden eine Ausstellung über den Opernregisseur Jean-Pierre Ponnelle in der Berliner Akademie der Künste, die Ausstellung "Frequenzen ? Audiovisuelle Räume" in der Frankfurt Schirn Kunsthalle ", ein Konzert von Cecilia Bartoli in München, der Familienthriller "Tödliches Vertrauen" mit John Travolta und Bücher, darunter ein nur auf französisch erschienener Bildband über "Le Paris noir" und der Roman "Die jungen Rebellen" von Sandor Marais (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 19.02.2002

Die Theaterwissenschaftlerin Helga Finter untersucht in ihrem Text anhand des 11. Septembers den Zusammenhang zwischen Terror und Spektakel. "Auf den ersten Blick scheint mit diesem Attentat die Gesellschaft des Spektakels das ihr unheimlich angemessene Theater gefunden zu haben: ein Spektakel, dessen Szene das globale Dorf, dessen Zuschauer die Weltbevölkerung, dessen Medium CNN sind." Doch letztlich bedeute es "nichts anderes als den Tod der Bilder durch ein Spektakel des Realen."

Weitere Themen
: Martina Meister berichtet von der ersten Ausschusssitzung, die dem neuen Berliner Kultursenator Thomas Flierl Gelegenheit gab, am "heißen Brei" seiner Vorgänger (vulgo: Konsequenzen der prekären Finanzlage) "vorbei zu reden". Der Historiker K. Erik Franzen liefert Anmerkungen zu den biografischen Aufzeichnungen von Oskar und Emilie Schindler. Andrea Nüsse erklärt uns einen Streit, den ein Koran-Bibel-Vergleich im amerikanischen Magazin Newsweek ausgelöst hat; der Skandal in der islamischen Welt entzündet sich dabei weniger am Inhalt des Textes als an seiner Bebilderung: eine verbotene Darstellung des Propheten Mohammed. Heute berichtet auch die FR über das Tübinger Symposion, auf dem der Archäologe Manfred Korfmann und der Althistoriker Frank Kolb wieder einmal öffentlich über die "Bedeutung Troias in der späten Bronzezeit" stritten. Gunnar Lützow kommt nach eigener Aussage in London "bisweilen der Referenzboden abhanden", und in der Kolumne "Times Mager" geht es um Bayern, genauer um kopflose Hühner und klösterliche Bierbraukunst.

Gehört
wurden in New York eine Inszenierung von Prokofjews "Krieg und Frieden" an der Met und ein konzertanter "Tristan-Verschnitt" unter der Leitung von Kurt Masur. Porträtiert wird "die blinde Sängerin als Klischee", Corinna May, die Deutschland beim Grand Prix vertreten soll. Gesehen wurde Robert Schusters Inszenierung der "Vaterlosen" von Anton P. Tschechow in Hannover und die Uraufführung von Oliver Czesliks Theaterstück "Stammheim Proben" in den Berliner Sophiensälen, außerdem der Kinothriller "Tödliches Vertrauen" mit John Travolta und das Kostümfilmspektakel "Der Pakt der Wölfe" von Christophe Gans und die Ausstellung "Made in USA" im Schloss Oberhausen, die Pop-Art der zweiten Generation zeigt.
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TAZ, 19.02.2002

Die taz berichtet über einen Riesenkrach mit juristischem Nachspiel zwischen der Familie von Pierre Bourdieu und dem Nouvel Observateur. Das Magazin hatte in seiner Ausgabe vom 31. Januar neben einigen sehr kritischen Nachrufen auch einen autobiografischen Text Bourdieus über seine Internatsjahre veröffentlicht. Der, so die Familie jetzt, sei "nicht zur Veröffentlichung gedacht gewesen", und die Rechte seien auch nicht eingeholt worden. Der Nouvel Observateur gibt letzteres zu, und Textlieferant Didier Eribon, freier Autor und Bourdieu-Vertrauter, bedauert seinen Schritt inzwischen. In Deutschland wird Bourdieus "Autoanalyse" übrigens demnächst bei Suhrkamp erscheinen ? ganz legal.

Werner Bloch interviewt den amerikanischen Politologen Benjamin Barber. Barber, dessen Buch "Dschihad gegen McWold" bereits Mitte der 90er Jahre erschien, erläutert darin noch einmal seine zentrale These, dass Krieg zuweilen zwar "nötig, aber nicht genug" sei. Nur "die erste Front ist militärisch. Aber der zweite Kampf ist der politische, ökonomische und moralische Kampf, um dem Bösen die Bedingungen zu entziehen, durch die es verführerisch wirken kann."

Gerrit Bartels bescheinigt John Irving, in seinem neuen Roman "Die vierte Hand" den "Überblick" behalten zu haben. Und im Ressort Politisches Buch verreißt Ulrike Herrmann Peter Scholl-Latour und sein Buch "Afrikanische Totenklage. Der Ausverkauf des Schwarzen Kontinents" als "Steinzeitjournalist" und "eitle Selbstdarstellung", Dominic Johnson assistiert ihr mit einer Liste von Fehlern und Rassismen im Buch (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und hier TOM.

FAZ, 19.02.2002

Soll das noch gar nicht existierende Land Berlin-Brandenburg in Preußen umbenannt werden? Die FAZ setzt diese so aufregende Debatte fort. Im Interview mit Hubert Spiegel äußert sich auch Marcel Reich-Ranicki. Die preußischen Untugenden seien zwar nicht größer als die bayerischen oder schwäbischen: "Vergessen wir nicht, dass die größten und gefährlichsten Nazis beinahe alle aus Süddeutschland oder Österreich kamen und die Widerstandskämpfer doch eher eben aus Preußen. Aber all dies ist Vergangenheit, die man kennen und deuten soll, aber die man nicht wiederbeleben kann."

Für eine Umbenennung plädiert dagegen der Historiker Eberhard Straub (mehr hier). "Berlin ist ohne Preußen eine Stadt ohne Substanz. Mit Preußen gewinnt es ein Hinterland. Damit aus dem tatsächlich ein neues Preußen werden könnte, müsste Preußen nicht nur einen Namen, sondern auch ein Programm bedeuten. Noch nicht einmal andeutungsweise kann davon die Rede sein." Vielleicht sollte man eine Historikerkommission gründen?

Weiteres: Eva Menasse kommentiert die politischen Zustände in Österreich nach Jörg Haiders "Rücktritt vom Rücktritt vom Rücktritt": "Genaugenommen ist die österreichische Innenpolitik so stabil wie immer: Was früher totenstill war, ist heute gleichbleibendes karnevaleskes Rauschen.". Jürgen Kaube kritisiert in scharfen Worten die "ideologiefreie Ideologie" der Forschungsministerin Edelgard Bulmahn. Die deutsch-jugoslawische Autorin Marica Bodrozic legt eine Erzählung vor: "Mein Onkel Joseph". Kerstin Holm berichtet von Briefen, die besorgte Russen an Alexander Solschenizyn schickten und in denen sie Utopien für ihr Land ausmalen - sie wurden jetzt von der Literaturnaja gazeta veröffentlicht. Andreas Platthaus porträtiert den japanischen Regisseur Miyazaki Hayao, der für seinen Film "Spirited Away" den Goldenen Bären bekam. Dieter Bartetzko berichtet über Pläne für das neuen Ägyptische Museum in Kairo. Andreas Rossmann warnt, dass Pina Bausch Wuppertal verlassen könnte, weil die Stadt einen Theaterneubau plant, der für ihre Truppe nicht geeignet wäre. Dieter Bartetzko meldet, dass das Kurländer Palais in Dresden rekonstruiert werden soll. Auf der Bücher-und-Themen-Seite schreibt Hans-Christof Kraus über die historische Quellensammlung Acta Borussica. Und Wiebke Deneke resümiert norwegische Debatten um Knut Hamsun zu seinem fünfzigsten Todestag.

Auf der Medienseite schildert Alexander Bartl, wie die Filmmusik zu Thomas Schadts neuer Version der "Sinfonie einer Großstadt" eingespielt wird. Wir erfahren Neues über die Personalpolitik bei der RAI, dass in Deutschland der Sender Tele 5 wiederbelebt werden soll, dass Sportreporter ihre Helden gern beim Vornamen nennen und dass ARD und ZDF mit ihrer Berichterstattung über die Olympiade hohe Quoten erreichen, dafür aber auch viel Geld ausgeben.

Besprochen werden eine Ausstellung des spätgotischen Bildhauers Dries Holthuys in Kleve, eine Ausstellung des schottischen Künstlers Douglas Gordon im Kunsthaus Bregenz, der Stephen-King-Film "Hearts in Atlantis" und ein Tanzstück von Irina Paul in Heidelberg.