Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.12.2001. Der Zeit ist weihnachtlich zumute. In der FAZ erklärt der bayerische Kulturminister Hans Zehetmair, warum Julian Nida-Rümelin die Mecklenburger Sonne nur im Ausland untergehen lassen will. In der FR schreibt Norbert Bolz ein Plädoyer für Otto Schily, die taz erklärt uns die Geschichte der PDS und die NZZ bespricht Bücher.

NZZ, 20.12.2001

Die NZZ bringt heute vor allem Buchbesprechungen. Es geht unter anderem um einen Essay von J. M. Coetzee über Geisteswissenschaften in Afrika, um Bücher über "Die Manns", um Gartenkultur und um Durs Grünbeins "Das erste Jahr". (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)

Besprechungen widmen sich einer Ausstellung des Architekten Jean Nouvel im Centre Pompidou in Paris, einer Solo-CD des Produzenten Timbaland und österreichischen Jazz-CDs.

SZ, 20.12.2001

Die SZ war erst um acht Uhr im Netz und muss darum etwas kürzer abgehandelt werden. Es steht aber auch nicht viel drin.

Ralf Berhorst erklärt uns, "was die Biometrie von der Anthropometrie geerbt hat - und worin sie sich von ihr unterscheidet". Marianne Heuwagen berichtet über das vorweihnachtliche Kamingespräch, zu dem sich heute Julian Nida-Rümelin und die Ministerpräsidenten der Länder treffen, um über die Bundeskulturstiftung zu diskutieren. Willi Winkler kommentiert den neuen Stand im Fall Mumia Abu-Jamal. Anneke Bokern meldet Gezerre um Alvaro Sizas Ausbau des Stedelijk Museums. Auf der Kinoseite resümieren zwölf SZ-Autoren die schönsten Kinoerlebnisse des Jahres.

Besprechungen widmen sich einer Ausstellung des Künstlers Urs Graf im Kunstmuseum Basel, der Wiederaufführung von Godards "Vivre sa vie", einem "Hamlet" der Royal Shakespeare Company, dem 2. Festival für internationale Neue Dramatik, dem Huddersfield Contemporary Music Festival (mehr hier) und einer Ausstellung über Luzifer im Altonaer Museum.

FR, 20.12.2001

Ein ungewöhnliches (und nicht gleich als solches erkennbares) Plädoyer für Otto Schily hält der Essener Kommunikationstheoretiker Norbert Bolz. "Wie verhält sich eine aufgeklärte Kultur der Toleranz angesichts religiöser Intoleranz?" fragt er zunächst, weil die Aufhebung des Religionsprivilegs und das Verbot des Kölner Kalifats für ihn "ein Grundproblem der modernen Gesellschaft mit dem hellen Licht der Tagesaktualität beleuchtet". Religion fordere Respekt. Aber Respekt kann für Bolz auch darin bestehen, die andere Auffassung - zwangsverschleierte Frauen - zu bekämpfen. Wir können, so Bolz, das Andere nur anerkennen, wenn wir unserer Toleranz eine Grenze setzen. Die politische Frage lautet für ihn dann konkret: "Verläuft diese Grenze bei Schill oder bei Schily?" Der Ruf nach Werten, ruft Bolz dann Richtung Rechtspopulisten, ziele eigentlich auf die Unentrinnbarkeit eines Dogmas. Doch wer derart über einen Werteverlust jammert, verkenne den spezifischen Werteverzicht der modernen Gesellschaft. Dass sie nicht mehr zu bieten habe als formale Demokratie, Liberalismus und soziale Marktwirtschaft, sei gerade das Geheimnis ihrer Stärke. EinWertekonflikt aber lasse sich nicht mit übergeordneten Werten lösen, sondern eben nur politisch: "Und damit sind wir wieder bei Schily." Weitere Artikel: Martina Meister befürchtet, dass sich die Mehrheit der Ministerpräsidenten morgen gegen eine vom Bund getragene Kulturstiftung entscheiden könnte, und unsere Republik damit "unter dem Deckmäntelchen des Kulturföderalismus endgültig im Kulturprovinzialismus angekommen wäre". Judith Jammers berichtet über das erstarkte kulturelle Selbstbewußtsein der Briten, das ihr in London aus den gediegen eleganten Galerien des aufwendig renovierten Victoria und Albert-Museum entgegenschlug. Und Thomas Fechner-Smarsly schreibt über das Musik-Label Rune Grammofon und dessen Macher Rune Kristoffersen

Besprochen werden Jean-Luc Godards Film "Alphaville", eine William-Eggleston-Ausstellung in der Pariser Fondation Cartier, Giuseppe Verdis "Il Trovatore" an der Staatsoper Stuttgart und Bücher, darunter Huschang Golschiris Roman "Prinz Ehtedschab" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 20.12.2001

Mit Hilfe von zwei Heiner-Müller-Gedichten erklärt Andre Meier die Geschichte der PDS und warum die Regierungsverantwortung für die Partei als überlebenswichtiger Schritt ins westliche Protest-, Alternativ- und Gewerkschaftslager zur entscheidenden Nagelprobe wird. "Anders als in Mecklenburg-Vorpommern ist hier die Regierungsbeteiligung ein Zweifrontenkrieg. Muss doch an der Spree der greise Stasi-Offizier aus Lichtenberg ebenso bedient werden wie der pazifistische Naturkosthändler aus Kreuzberg, die verbeamtete Russischlehrerin aus Pankow ebenso wie der legasthenische Punk oder der türkischstämmige Betriebsrat aus Neukölln. Ein Drahtseilakt, den die Partei nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch zwischen Gestern und Morgen vollführen muss. Für die PDS kann dieses Experiment eigentlich nur mit einer Bruchlandung enden. Für die Stadt ist es allerdings die einzige Hoffnung, endlich aus jener Lethargie zu erwachen". Besprochen werden Mohsen Makhmalbafs Roadmovie durch das noch von den Taliban beherrschte Afghanistan "Reise nach Kandahar", Manoel de Oliveiras Film "Ich geh nach Hause", in dem Michel Piccoli einen Schauspieler spielt, der des Darstellens müde ist, Jean Luc Godards Film "Alphaville" , der wieder in die Kinos kommt und George Salles Essay "Der Blick", der mehr als sechzig Jahre nach seinem Erscheinen nun endlich auf Deutsch vorliegt.

Schließlich Tom.

FAZ, 20.12.2001

Der bayerische Kulturminister Hans Zehetmair zeigt in einer hübschen kleinen Philippika, dass er Sinn und Zweck der von Julian Nida-Rümelin herbeigesehnten Bundeskulturstiftung voll und ganz verstanden hat: "Weil sich der Bund unbedingt mit zeitgenössischer Kunst schmücken möchte, weil er aber qua Verfassung die Finger von reinen Länderkompetenzen lassen müsste, schmückt er sich mit zeitgenössischer Kunst, die irgendwie mit dem Ausland zu tun hat. Wenn wir Herrn Nida-Rümelin richtig verstehen, wird dann die Darstellung eines Abendrotes über der Mecklenburgischen Seenplatte nur unter zwei Bedingungen von seiner Kulturstiftung gefördert werden: entweder der Künstler kommt aus dem Ausland, oder er lässt wenigstens die Sonne dort untergehen." Heinrich Wefing klärt uns in einem nebenstehenden Artikel auf, dass Nida-Rümelin heute im Gespräch mit den Ministerpräsidenten mit den juristischen Vorbereitungen für seineStiftung beginnen will.

Im naturwissenschaftlichen Feuilleton bringt uns Nicola von Lutterotti folgende frohe Kunde: "Als 'French Paradox' bezeichnete man das Phänomen, dass Franzosen trotz fettreicher Kost sehr viel seltener an Herzinfarkten erkranken als andere Nationen mit ähnlichen Essgewohnheiten. Einer der Gründe für diese Diskrepanz wird in dem vergleichsweise höheren Rotweinkonsum unserer linksrheinischen Nachbarn vermutet." Lässt sich der Effekt verstärken, indem man zusätzlich raucht?

Weitere Artikel: Joseph Hanimann berichtet darüber, wie Jean-Marie Messier, Chef des milliardenschweren Medienunternehmens Vivendi die französische Kulturwelt in Aufruhr brachte: Er erklärte die "Exception culturelle" - also der protektionistische Schutz der französischen Kinoindustrie - sei Schnee von gestern. In einem Artikel in Le Monde (der bei Zeitung leider nicht zu finden ist) erklärte Messier flugs, wie wichtig ihm die Kulturenvielfalt sei. Mark Siemons resümiert eine Tagung über das Christentum in China im Berliner Europa-Kolleg und stellt fest, dass "Religionswissenschaftler aus der Volksrepublik, .. ohne Christen zu sein, von ihrer Forschungsmaterie auf eine verblüffend empathische, existentielle Weise affiziert sind". Verena Lueken schreibt über den verheerenden Brand in der New Yorker Kathedrale St. John ("Bevor die Bauarbeiten nach hundertzehn Jahren des Werkelns beendet werden konnten, muss jetzt der Wiederaufbau begonnen werden.") Eduard Beaucamp würdigt die Arbeit Jean-Christophe Ammanns, der nach zehn Jahren die Leitung des Museums für moderne Kunst in Frankfurt abgibt. Andreas Obst erlebte mit, wie die Geigerin Vanessa-Mae "bauchfrei, breitbeinig, wehenden Haars" ihr Frankfurter Publikum entzückte.

Ferner macht uns Dirk Schümer in seiner Kolumne über sein beneidenswertes "Leben in Venedig" mit den Glasbläsern von Murano bekannt. Christian Poplutz stellt eine bioethische Frage: "Dürfen künstlich erzeugte Embryonen, deren Mutter die Einpflanzung ablehnt, weggeworfen werden? Oder sollte ihre Adoption möglich sein?" Mathias Rene Hofter hat in einem Berliner Kolloquium über "Die Stadt als Großbaustelle" erfahren, dass die Geschichte der europäischen Stadtplanung im siebten Jahrhundert vor Christus begann. Uwe Ulrich resümiert ein Dresdner Symposion über die Zukunft des Denkmalschutzes. Edo Reents porträtiert auf der Medienseite Sandra Maischberger, die in ihrer Sendung am Freitag Helmut Kohl interviewen wird. Michael Hanfeld schreibt einen Abgesang auf Klaus Bednarz, der heute Abend zum letzten Mal Monitor moderiert. Auf der letzten Seite erklärt uns Holger Tillmann, dass der Islam "wissenschaftliche Forschung im Interesse der Menschheit, auch genetische Manipulationen (fördert). Das Klonen von Menschen jedoch würde die genealogische Ordnung der Welt in Frage stellen." Jordan Mejias berichtet über eine neue Volte im Fall Abu-Jamal. Und Dietmar Dath schreibt über eine Verfilmung des Lebens von John Nash, eines der genialsten, aber auch verrücktesten Mathemtikers im letzten Jahrhundert.

Besprochen wird die Fotoausstellung "Out of Japan" im Victoria & Albert Museum.

Im Faz.net finden wir ferner eine Umfrage zu Axel Schultes' gestern in der FAZ gefeierten Schlossplatz-Entwurf mit Stellungnahmen von Monika Maron, Dieter Hoffmann-Axthelm, Christoph Stölzl und anderen.

Zeit, 20.12.2001

Die Zeit, die sonst wegen ihres Wochenrhythmus oft mal ein paar Tage zu spät kommt, ist heute mal ihrer Zeit voraus: Das Feuilleton hat ein Weihnachtsdossier zusammengestellt. Das hat auch Vorteile: Wer nicht so auf Besinnliches steht, ist schnell durch.

Peter Kümmel liefert vorweihnachtliche Impressionen aus New York. "Die Stadt erstellt und rettet ihr Familienalbum", schreibt sie. "Die New York Times hat in den Tagen nach dem Anschlag eine Serie begonnen, die noch läuft. Sie heißt Portraits of Grief und präsentiert auf einer Seite, manchmal sogar auf eine Doppelseite, Fotos und Kurzporträts der WTC-Opfer, mindestens zwölf am Tag. Wir sehen alle, die da fielen, Monate nach ihrem Tod. Wir erfahren aus welchem Leben sie gerissen wurden... Es ist ein Soziogramm der Verschwundenen, ein Wiederauferstehungsprojekt in je 30 trockenen Zeilen, ein Katalog von Toten, in dem, so die unteschwelllige Botschaft, auch wir verzeichnet sein könnten."

Weiteres: Annegret Held erzählt eine Weihnachtsgeschichte, die in der Frankfurter Fußgängerzone spiel. Hannor Rauterberg besucht vier neue Kirchen in Wien, in Hamburg, in Völklingen-Ludweiler und in München. Die Soziologin Barbara Vinken schreibt über die Wiederkehr religiöser Bilder und figuren in Werbung und Pop

Ferner schreibt Rolf Vollmann zum Tod von W. G. Sebald. Christoph Dieckmann gedenkt Stefan Heyms. Besprochen werden Marlowes "Jude von Malta" in Peter Zadeks Wiener Inszenierung, Manoel de Oliveiras Spät-Spät-Spätfilm "Ich geh' nach Hause" und zwei Ausstellungen ber die Kunst des Spätmittelalters am Oberrhein im Badischen Landesmuseumund in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe.

Aufmacher des Literaturteils ist Hans Beltings Rezension zweier Neuerscheinungen zur Kunst des 20. Jahrhunderts. (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

Auch sonst weihnachtet es ein wenig sehr in der Zeit. Auf Seite 1 beschreibt Michael Naumann den "Supermarkt der religiösen Gefühle", in dem zu leben wir gezwungen seien. Jan Ross fragt im politischen Teil, ob die Christen gegenüber den Moslems zu tolerant seien. Das Dossier handelt von der Rückkehr Gottes in der heutigen Jugend. Und im Leben erfahren wir, wie der Playboy-Gründer Hugh Hefner Weihnachten verbringt.