Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.10.2001. Nach den Anschlägen haben die Feuilletons Mühe, ihre angestammten Themen wiederzufinden. Wo waren wir stehengeblieben? Beim ewigen Ruin der Grünen etwa (FR) oder dem der Germanistik (SZ)? Nur die FAZ legt noch nach. Zum Beispiel mit der Frage, wie Journalisten - etwa Ulrich Wickert - den Terror "meistern".

NZZ, 05.10.2001

Paul Jandl stellt zwei ambitionierte Netz-Literatur-Projekte aus Österreich vor. Das aus Walter Gronds Roman «Old Danube House» hervorgegangene als künstlerisch-essayistisches Netzwerk verstandene "house", an dem Autoren wie Marlene Streeruwitz und Peter Glaser mitschreiben. Und "die flut", vor genau einem Jahr von dem jungen Autor Xaver Bayer ins Leben gerufen. Was der deutsche Vorgänger dieser und ähnlicher Projekte, "ampool.de", uns bereits lehrte, kann hier noch einmal erfahren werden: "Das Internet hat trotz aller Unterschiede mit dem Buch vor allem eben eines gemein: Es ist ein Medium der Geduld."

Besprochen werden Werke von Ivo Soldini im Centro Svizzero in Mailand, das Strassburger Festival für Neue Musik "Musica" mit dem diesjährigen Schwerpunkt Ungarn. Ferner das 15. Internationale Forum für Gestaltung in Ulm, das Foto- und Filmfestival "Printemps de Cahors" in Toulouse, eine Schau über Dichter und ihre Lieblingstiere im Literaturarchiv Bern, antike Porzellane in der Fondazione Ragghianti in Lucca. Sowie die im Rahmen des Jubiläumsjahrs "Preussen 2001" in Potsdam stattfindende Ausstellung "Marksteine. Eine Entdeckungsreise durch Brandenburg-Preussen."

SZ, 05.10.2001

Dass man im Feuilleton inzwischen auch wieder von Germanistentagen lesen kann, ist einerseits beruhigend. Andrerseits klingt, was Volker Breideckerüber den diesjährigen Germanistentag in Erlangen schreibt, alles andere als beruhigend. Diese Zunft scheint sich immer stärker in zeitgeistige Sprechblasen zu verstricken, während ihr der Zugang zur Literatur sichtlich abhanden kommt. Von den sechshundert Germanisten waren dann auch kaum mehr als dreißig zu einer Lesung des Schriftstellers Georg Klein erschienen, "der am Eröffnungsabend im dafür eigens zur Verfügung gestellten, prachtvollen barocken Markgrafentheater aus seinem Roman "Barbar Rosa" lesen und mit den Germanisten diskutieren wollte". Klein habe daraus die Konsequenz gezogen, die Germanistik habe ihre Gegenwartsliteratur nicht verdient. Breidecker fand das sehr höflich ausgedrückt und ist zu dem härteren Urteil gekommen, manche Germanisten hätten nicht einmal die Literatur schlechthin verdient und sollten sich vielleicht doch besser anderswo, "im ewig zappelnden Netz"oder nachts nach drei bei MTV umschauen."

Aber ganz ohne New York geht es dann doch nicht. Und hier hat es jetzt sogar der Baulöwe Donald Trump ins deutsche Feuilleton geschafft, der bisher nicht durch übertriebene Nähe zur Kultur aufgefallen ist: "MisterTrump", fragt also hochintelligent SZ-Journalist Andrian Kreye, "markieren die Anschläge vom 11. September das Ende des Wolkenkratzers?" Und nun raten Sie mal, was The Donald meint: "Nein. Der Wolkenkratzer wird niemals sterben." Kreye: " Kein einzelner hat die Skyline von NewYork so verändert wie Sie". (Und was ist mit Mohamed Atta? Anm. d. Red.)" Trump: "Unsere Stadt, dieses Land und die Freiheit haben sehr gelitten, aber wir werden das wieder hinkriegen." Wie gesagt, SZ-Feuilleton - heute.

Ferner: Marc Deckert macht sich Sorgen um die Zukunft des Pop, seit sie mit der Maus in Mikropixel zerhackt worden ist. Reinhard Brembeck hat in Berlin Schostakowitsch-Visionen mit dem Emerson-Quartett gesehen. Wir lesen einen Bericht über die sagenhafte Kunstsammlung des Arztes Gustav Paul Ludwig Rau, die zur Zeit im Münchener Haus der Kunst zu sehen ist. In Zürich wurde das neue Museum für konkrete Kunst mit einer James-Turrell-Ausstellung eröffnet. Und Sonja Zreki fasst neue Thesen zur Debatte um Leo Baecks umstrittenes Werk über die "Rechtsstellung der Juden in Europa" zusammen.

Besprochen werden auch Andreas Homokis "Aida"-Inszenierung in Hannover, die Uraufführung von Sibylle Bergs Stück "Hund, Frau, Mann" in Stuttgart sowie Conor McPhersons "Port Authority" an der Schaubühne Berlin. Und aus dem Theater an der Ruhr in Mülheim wird berichtet, dass dort ein Iranisches Theater zu Gast war: Theater ist das Gegenteil von Terror.

FR, 05.10.2001

Martin Altmeyer hat wenig Mitleid mit den Grünen und ihren Schwierigkeiten, auf Kurs zu bleiben. Hinter "all diesen hysterischen Aufgeregtheiten" zwischen Krieg und Frieden erkennt er "eine kaum verhohlene Lust am eigenen Ruin". Oder lasse sich etwa ernsthaft daran zweifeln, fragt Altmeyer, "dass die grüne Partei mit ihrer politischen Existenz bezahlen wird, wenn sie jetzt die Regierung verlässt, um ins Exercitium der gewaltlosen Unschuld zurückzukehren? Das gleiche Schicksal droht ihr freilich, wenn sie sich bloß ängstlich an die Macht klammert. Flucht in die Opposition zum Zwecke der Selbsterhaltung würde ebenso Untergang bedeuten wie die klägliche Selbststilisierung zum "kleineren Übel."

Wegen der prometheischen Blindheit hat Christian Thomas einige Bedenken, was die Errichtung von Hochhäusern betrifft. Auch hat er beobachtet, das "der urbane Gau" in Manhatten in der Branche, die sich am globalen Wettlauf um die höchsten Türme beteiligt hat, wahrscheinlich alles andere als zu einer Verunsicherung geführt hat. Am gesinnungsfesten Optimismus sei der Vorwurf des verantwortungslosen Pragmatismus oder Zynismus schon immer abgeprallt. "Wenn man das Hochhaus als hoch aufgerichtetes Paradox begreift, als einen Bautypus, der immer auf doppelte Weise zu lesen sein wird, dann erklärt dies die Frontstellung zwischen Befürwortern und Gegnern. Der Schock des 11. September traf auf einen kompakten Optimismus, der sich nicht selten aggressiv wappnete. Zu dieser Entwicklung gehörte zuletzt, dass sich nicht mehr die hitzige Turmfrömmigkeit der Bauherren, Investoren und Architekten rechtfertigen musste, sondern zunehmend der Skrupel."

Ferner: Der Komiker Frank Gosen macht sich Gedanken über Komik in schweren Zeiten: "Sollte es die berüchtigte Spaßgesellschaft wirklich geben, ist sie noch lange nicht am Ende. Vielleicht wird sie nur gerade erwachsen." Michael Braun gratuliert der Zeitschrift "Sprache im technischen Zeitalter" zum 40. Geburtstag und Thomas Medicus berichtet vom Streit zwischen Thomas Urban und Jan T. Gross über die Frage: Was ist 1941 in Jedwabne wirklich geschehen?

Kritisch beäugt werden: Kinderbuchillustrationen von Wolf Erlbruch im Wilhelm-Busch-Museum Hannover, Fotografien von Wim Wenders im Hamburger Bahnhof in Berlin, eine internationale Tagung der Bonner Zentrale für Politische Bildung (es geht um globale Kultur und Identitäten) und Belgrads Kulturszene ein Jahr nach dem Sturz des Milosevic-Regimes.
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TAZ, 05.10.2001

Daniel Bax bespricht das neue Album von Tori Amos als Übung für angewandte Gender Studies, das "einen tiefen Blick ins dunkle Herz der Männerwelt zu werfen verspricht". Als hätte sie "The Sex Revolts" gelesen, so Bax, habe Tori Amos dafür ein Dutzend mehr oder weniger bekannte Stücke ausgesucht, die ihr exemplarisch erschienen, sie neu arrangiert und einem Perspektivwechsel unterzogen: Alle Songs sind nun aus der Sicht von Frauen erzählt, die in den Original-Stücken vorkommen, besungen werden oder einfach von Amos dazu gedacht wurden.

Andreas Busche hat in Ken Loachs Film "Bread and Roses" ein großes und vor allem (wichtig!) utopisches, marxistisches Märchen gesehen, was mehr sei als er heutzutage überhaupt noch erwarten konnte. Sibylle Tönnies hat in Krakau den Franziskanermönch Niedziela kennengelernt, der seine ganz eigene Form der akzeptierten Drogenarbeit betreibt. Ferner wird besprochen: das neue Album von Richie Hawtin: "DE9: Closer ToThe Edit" (Novamute) sowie ein Gastspiel des japanischen Theaterkollektivs Ishinha, das in Hamburg die europäische Erstaufführung seiner Jan-Jan-Oper "Ryusei" zeigt.

Und Tom.

FAZ, 05.10.2001

Aufmacher ist ein etwas gewunden wirkender Text ("Den Schultern unzähliger Mudschahedin haben Stinger-Raketen die Bürde des weißen Mannes auferlegt" usw.) des Kulturwissenschaftlers Friedrich Kittler, der sich mit den Hintergründen der Anschläge in den USA befasst. Für Kittler heißt das Gegenteil von Demokratie nicht Barbarei, sondern Nomadentum: Der Friede sei nicht gefährdet von Taschenmessern, sondern von proprietären Betriebssystemen und von deregulierten Fluglinien: "Nichtmehrraucher und Nichtmehrtrinker als mehr oder weniger willige Geiseln von Sparzwängen, Gesundheitserlässen, Buchungscomputern." Nichts, auf das der Turbokapitalismus kein Patent anmelden würde.

In zwei weiteren Artikeln geht es darum, wie Journalisten die Terror-Krise "meistern". Oder eben darüber stolpern, wie Ulrich Wickert, dem Michael Hanfeld hinsichtlich seiner Interpretation des FAZ-Artikels von Arundhati Roy "fehlende Begründungstiefe des politischen Urteils" und mangelnde Sachkenntnis vorwirft. In der Printausgabe widmet sich Dietmar Polaczek dem aufsehenerregenden Text, den die in Manhattan lebende Grande Dame des italienischen Journalismus, Oriana Fallaci, am Samstag im "Corriere della Sera" veröffentlichte. Ein "schäumendes, rhetorisch überschäumendes Pamphlet, das gegen westliche und islamische Heuchelei gleicherweise gerichtet ist", nennt es Polaczek. Fallaci beklage die eklatante Missachtung der Menschenrechte in vielen islamischen Ländern und zugleich die autoläsionistische Toleranz gegenüber der Intoleranz. Die Überlegenheit der westlichen Kultur, die Silvio Berlusconi glaubte feststellen zu müssen und die auch Fallaci zu empfinden scheint, findet Polaczek hier aufgehoben in der Frage, ob Toleranz ein Merkmal der Überlegenheit sei.

Außerdem: Richard Kämmerlings hat fleißig vor-gelesen und kann uns so einen Überblick geben über die Belletristik im Herbst, Florian Rötzer weiß Neues über Wirksamkeit von Placebos, Jürgen Kaube wittert einen wissenschaftspolitischen Skandal an der Uni München, Barbara Hobom meldet die Entdeckung des Sprach-Gens "FOXP2",

Besprochen werden: Der Kinderkinofilm "Der kleine Eisbär", Werke von Piero Manzoni und John Nixon in Reutlingen, Albanische Gegenwartskunst in der neuen Berliner Ifa-Galerie, Conor McPhersons "Port Authority" an der Berliner Schaubühne, die späte Uraufführung von Walter Braunfels' 1943 entstandener Oper "Szenen aus dem Leben der heiligen Johanna" in Stockholm, Schnabel und Schönberg auf den Berliner Festwochen, Henzes "Nachtstücke" bei den Koblenzer Mendelssohn-Tagen sowie die erste vollendete Zwölftonoper ? Ernst Kreneks "Karl V" auf CD. Und ein Buch: Kem Nunns Surfroman "Wo Legenden sterben"