Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Konkurrenzloses Gedächtnissystem

28.08.2013. Alle Feuillletons trauern um Wolfgang Herrndorf, der sich vorgestern Abend erschossen hat. In der FAZ schreibt Michael Lentz einen Abschiedsbrief. Die taz und alle anderen bewundern sein Blog, indem er seine Krankheit protokollierte. In Spiegel Online stöhnt Sascha Lobo über die Abwesenheit jeglicher roten Linie bei Angela Merkel. Der New Statesman staunt über den Patriotismus von Iron Maiden. Die NZZ besucht den Geschichtsraum Gibraltar.

Das Recht, den Turm zu besteigen

27.08.2013. Im NYRblog fürchtet Tim Parks, dass sich Italien von Silvio Berlusconi erpressen lässt. David Carr fragt sich in der New York Times, warum Edward Snowden oder Julian Assange ausgerechnet von Journalisten oft so gnadenlos angegriffen werden. Die NZZ besucht die Insel Samos und trifft auf neueste Kunst und Emigranten. Die Ausstellung über die Völkerschlacht im Deutschen Historischen Museum findet die Gnade der SZ so wenig wie die der FAZ. In der FAZ besingt György Konrád seine Stadt Budapest.

Grunzend das Schnütchen heben

26.08.2013. In der FAZ will der ägyptische Autor Alaa al-Aswani das Argument des Putsches gegen die Muslimbrüder nicht gelten lassen. Die SZ erklärt, warum der Vergleich der NSA mit der Stasi irreführend ist. In der taz erklärt der kritische Ärztevertreter Ellis Huber der Autorin Gabriele Goettle, wie er sich das ideale Gesundheitssystem vorstellt. Wolfgang Michal fürchtet in Carta um die Mitarbeiter KG des Spiegel, und auch alle anderen Medien sind sehr aufgeregt über die Vorgänge beim Nachrichtenmagazin.

Rahmenlose Träume

24.08.2013. Die 50-Jahre-Bilanz von Martin Luther Kings "I have a dream" fällt durchwachsen aus: der einstige Nestbeschmutzer ist nun eine nationale Ikone, wie die taz feststellt, aber Barack Obama schlägt kaum verhüllter Rassismus entgegen, wendet die SZ ein. Die SZ informiert außerdem über existenzbedrohende Querelen beim Spiegel. In der NZZ erklärt Youssef Rakha, warum viele liberale Intellektuelle in Ägypten das harte Vorgehen der Armee gegen die Muslimbrüder befürworten. Die FAZ begibt sich in Prag auf Korruptionstourismus. Und der Guardian berichtet, dass Google, Facebook und Co. für ihre Zusammenarbeit mit der NSA mit Millionenzahlungen entschädigt wurden.

Pigmentpulver auf Papierbögen

23.08.2013. In der taz erklärt die gehörlose US-Klangkünstlerin Christine Sun Kim, wie sie Klang sichtbar macht. Die NZZ erhofft sich von den Berliner Museumsplänen ein Ende der "bizarren Schäbigkeit", die das Kulturforum auszeichne. Das Entsetzen über den Bradley-Manning-Prozess hat nichts mit Antiamerikanismus zu tun, meint Constanze Kurz in der FAZ. In der FAZ verkündet überdies Mavis Staples eine universale Botschaft: die des Soul.

Sexiness der Intertextualität

22.08.2013. Huffington Post bringt ein erstes Interview mit David Coombs, dem Anwalt von Bradley Manning, der zu 35 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Der schlimmste Schaden, den Manning angerichtet hat, ist die Verlegenheit vieler Amerikaner über ihr Land, meint er. Die Nachricht, dass Bild-Vizechefredakteur Nikolaus Blome zum Spiegel geht, stößt in der taz auf Befremden. Der Tagesspiegel hatte diese Meldung, bevor sie wahr wurde, schon als Satire. In der NZZ beklagt die russische Schriftstellerin Elena Chizhova die Übernahme Russlands duch alte KGBler. Der Putsch gegen die Muslimbrüder in Ägypten ist ein Putsch gegen Demokratie in islamischen Ländern, meint Ian Buruma in der Welt. Die annoncierte Neuordnung der Berliner Museumslandschaft stößt auf den lauwarmen Applaus der Feuilletons.

Die umgedrehte Raubkopie

21.08.2013. Die zerstörten Laptops des Guardian beschäftigen Blogs und Zeitungen. Für Jay Rosen ist nun endgültig klar: "This battle is global." Dirk von Gehlen betrachtet in seinem Blog das Bild des zerstörten Computers. Die taz hat ein paar Nachfragen an den Guardian. Sascha Lobo fragt sich, ob die Öffentlichkeit jetzt aufwacht. Aber die stiff upper lip der Briten rührt sich so gut wie gar nicht, beobachtet die FAZ, die der Bundesregierung aber auch nicht, hat Stefan Niggemeier herausgefunden.

Großfiktionssysteme der Gegenwart

20.08.2013. Alan Rusbridger, Chefredakteur des Guardian, erzählt, wie Geheimdienstleute des GCHQ in die Redaktion kamen und Laptops zerstören ließen. Kein Kommentar in der taz zur Debatte über einen Artikel zum Thema "Grüne und Pädophilie", den die Chefredakteurin Ines Pohl wegen angeblich falscher Behauptungen nicht drucken ließ. Stefan Niggemeier, die Welt und die FAZ greifen die Geschichte auf. Die SZ entschuldigt sich für die Illustration einer Debatte über die Probleme der Bahn mit einem Foto, das die Gleisanlagen von Auschwitz zeigt.  Und aus dem Tagesspiegel, jetzt auch online, wenn auch anderswo, die Geschichte eines Stasi-Offiziers, der bis vor kurzem im Auftrag der Stadt Berlin operierte.

Schicksalhafte Hebel

19.08.2013. Der Lebenspartner des Guardian-Journalisten Glenn Greenwald, der Edward Snowdens Papiere veröffentlichte, wurde am Flughafen Heathrow neun Stunden lang festgehalten - unter angeblichem Terrorverdacht. Eine Einschüchterungsmaßnahme gegen Journalisten, vermuten Andrew Sullivan in The Daily Dish und Greenwald selbst im Guardian. In der NZZ erklärt der Sänger und Produzent Ben Zabo, warum Musik in Mali so wichtig ist. In der SZ kritisiert Orhan Pamuk den Westen, der nicht gegen die Absetzung der ägyptischen Muslimbrüder eingeschritten ist.

Was uns fehlt, sind Robben

17.08.2013. In der taz meint Geschäftsführer Kalle Ruch zur Diskussion um die Zukunft der Zeitungen: Wenn die Zeitungen in der Krise sind, dann liegt das an der Ideenlosigkeit der Verlage. In der NZZ kritisiert Pritzker-Preisträger Wang Shu die aktuelle Drama-Architektur, während die FAZ zu den flachen Bauten der Internetkonzerne steile Thesen entwickelt. SZ, taz und irights.info fragen: Warum gibt's nicht mehr Aufregung über den NSA-Skandal?