Heute in den Feuilletons

Konkurrenzloses Gedächtnissystem

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.08.2013. Alle Feuillletons trauern um Wolfgang Herrndorf, der sich vorgestern Abend erschossen hat. In der FAZ schreibt Michael Lentz einen Abschiedsbrief. Die taz und alle anderen bewundern sein Blog, indem er seine Krankheit protokollierte. In Spiegel Online stöhnt Sascha Lobo über die Abwesenheit jeglicher roten Linie bei Angela Merkel. Der New Statesman staunt über den Patriotismus von Iron Maiden. Die NZZ besucht den Geschichtsraum Gibraltar.

TAZ, 28.08.2013

Dirk Knipphals schreibt über den Tod von Wolfgang Herrndorf, den er für seine Roman und sein Blog Arbeit und Struktur sehr liebte: "Drei Operationen, zwei Chemotherapien, drei Bestrahlungen. Der Krebs kam immer wieder zurück. Wolfgang Herrndorf hat in dem Blog nie einen Zweifel daran gelassen, dass er den Freitod wählen würde, wenn er durch den Krebs seine Sprache verlieren würde. Am Montag in den späten Abendstunden hat er sich am Ufer des Hohenzollernkanals in Berlin erschossen. Eine Entscheidung, die Respekt erfordert. Wobei einem die Pistole krass erscheint."

Weiteres: Cristina Nord staunt in ihrem Ausblick auf die Fimfestspiele von Venedig über die vielen amerikanischen Produktionen im Programm. Silke Burmester fragt sich, was eigentlich Tom Buhrow macht: "Der zog aus nach Köln, um Intendant zu werden. Wurde er auch. Aber gibt es den noch? Tut der da was?"

Besprochen werden der neue Disney-Film "Planes" (den Thomas Groh für eine "glatte Bruchlandung" hält) und die Performance des britischen Dokumentarfilmemachers Adam Curtis mit der Band Massive Attack bei der Ruhrtriennale.

Aus den Blogs, 28.08.2013

Der Merkur hat als Hommage an den verstorbenen Wolfgang Herrndorf Michael Maars Besprechung von "Sand" in sein Blog gestellt. Kritiker, auch die wohlmeinenden, hatten oft beklagt, dass Herrndorfs Romane sehr chaotisch sind und sich kaum nacherzählen lassen. Das wollte Maar 2012 nicht stehen lassen: "Herrndorf gibt seine Informationen versetzt, rhythmisiert, leicht verschoben, gewissermaßen angeschrägt. Aber er gibt uns alle, die wir brauchen. Wenn in der Dichtung das Chaos durch den Flor der Ordnung schimmere, wie es Novalis forderte, so ist es in seinem Fall gerade anders herum. Er sei kurz davor, hundert Euro auszuloben für jeden losen Faden, den ein Rezensent benenne und nicht nur behaupte, schreibt Herrndorf und riskiert damit keinen Cent."
Stichwörter: Euro, Wolfgang Herrndorf

Tagesspiegel, 28.08.2013

Gerrit Bartels zeichnet in seinem Nachruf auf Wolfgang Herrndorf ein sehr liebevolles Porträt des eigenwilligen Autors: "In der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur hatte Wolfgang Herrndorf etwas Solitäres: mit seinem trockenen Humor, seiner ihm eigenen, vorsichtigen Distanz, einer sympathischen Verpeiltheit und auch seiner Ambitoniertheit. Er war ein passionierter Danebensteher, ohne sich den Gepflogenheiten des Betriebs vollends verweigern zu wollen, wie zum Beispiel die Teilnahme in Klagenfurt bewies (und wäre er nicht so krank gewesen, hätte er sicher auch in Leipzig seinen Buchpreis in Empfang genommen)."
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NZZ, 28.08.2013

Dass Spanien und Großbritannien seit dreihundert Jahren um das alte Piratennest Gibraltar streiten, zeigt für Michael Kempe, wie sich Geschichte in geografischen Extremräumen konzentriert: "Das gut 6,5 Quadratkilometer große Territorium, auf dem heute knapp 30 000 Menschen leben, ist eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Erde. Geschichte hat sich an diesem Ort ebenso extrem verdichtet - und sie beschränkt sich nicht allein auf den Menschen. Gibraltar gehörte zu den vermutlich letzten Rückzugsräumen des Neandertalers vor rund 28 000 Jahren und ist heute der einzige Ort in Europa, an dem Affen - nämlich die Berberaffen - freilebend existieren."

Weiteres: Susanne Ostwald gibt einen Ausblick auf die heute beginnenenden Filmfestspiele von Venedig. In einer Kolumne auf der Meinungsseite geben Kathrin Passig und Ira Strübel Tipps für gutes Benehmen gegenüber Autoren.

Besprochen werden die Konzerte moderner Kammermusik in Luzern, Per Olov Enquists Roman "Das Buch der Gleichnisse", Fritz Rudolf Fries' Roman "Last Exit to El Paso" sowie Clive H. Churchs und Randolph C. Heads Buch "A Concise History of Switzerland" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Welt, 28.08.2013

Jan Küveler schreibt zum Tod des krebskranken Autors Wolfgang Herrndorf: "Als Herrndorf seine Diagnose erfuhr, fragte er sich keine Sekunde: 'Warum ich?' Sondern: 'Warum denn nicht ich? Willkommen in der biochemischen Lotterie.' Ästhetisch gesehen ist es ja womöglich ein Trost, dass das Verhängnis in der Wirklichkeit so wenig klemmt wie in Herrndorfs grandiosen Romanen. In jeder anderen Hinsicht ist es eine Tragödie."

Weitere Artikel: G. K. Chesterton befindet sich auf einem guten Weg zur Heiligsprechung, erklärt Matthias Heine. Johannes Wetzel stellt die neuen Asterix-Autoren Didier Conrad und Jean-Yves Ferri vor. Naveen Kishore, der deutsche Autoren in Indien verlegt und dafür heute mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet wird, spricht in einem kurzen Interview über seine Arbeit.

Besprochen wird Andreas Mühes Fotoserie "A. M." mit Angela Merkel (die gar nicht Angela Merkel ist) an deutschen Erinnerungsorten (einige Bilder).

Spiegel Online, 28.08.2013

Geradezu verzweifelt liest sich Sascha Lobos Diagnose der mauen Kanzlerin in einer mauen Öffentlichkeit, die sich über die NSA-Affäre einfach nicht aufregen will: "Kein Leak einer noch so umfassenden Internet-Überwachung wird eine rote Linie überschreiten können. Noch mehr als alles kann ja auch kein Geheimdienst ausspähen, damit wäre bei 100 Prozent eine natürliche Obergrenze erreicht. Nur eben keine rote Linie."

Weitere Medien, 28.08.2013

(via 3 quarks daily) Kate Mossman hat für den New Statesman ein Konzert von Iron Maiden besucht und fand sie - ziemlich patriotisch. Aber damit stehen sie nicht allein, meint sie. "Britische Rockstars sind schnell aufgestiegen, sie verbrüderten sich mit Adligen, kauften Schlösser und Rüstungen, kolonisierten Mustique und erschienen auf den Gesellschaftsseiten des Tatler. Sie halfen, die einzige Art von Patriotismus einzuführen, mit der wir uns heute wohlfühlen: selbstironisch, cartoonhaft, lächerlich, locker."

Oh, und Gott existiert. Kurt Gödel hat es bewiesen und ein Computer hat seine Argumentation jetzt bestätigt, meldet Heise.

Allerdings nicht in diesem Haus, das ein deutscher Arzt vor zwanzig Jahren verlassen hat und das Daniel Marbaix jetzt in ziemlich unglaublichen Fotos festgehalten hat - Die Daily Mail veröffentlicht sie.
Stichwörter: Kurt Gödel

SZ, 28.08.2013

Jens Bisky schreibt zum Tod des Schriftstellers Wolfgang Herrndorf. Von diesem "bleiben vier große Bücher, die auf verschiedenen Wegen noch einmal die ganz großen Fragen stellen: nach der Einsamkeit, der Sehnsucht, dem Glück, dem Bösen im Menschen und in der Welt. Sie sprechen davon auf ganz gegenwärtige Weise, ohne metaphysische oder weltanschauliche Krücken zu bemühen. Zurück bleibt Wolfgang Herrndorfs Blog 'Arbeit und Struktur', in dem er alle an seinem Leben mit dem Tumor teilnehmen ließ, ohne auch nur einem zu dicht auf die Pelle zu rücken."

Weitere Artikel: Entgegen anders lautenden Gerüchten hat sich Van Gogh tatsächlich selbst getötet, meldet Benjamin Paul unter Verweis auf eine Expertise der beiden Van-Gogh-Museum-Direktoren Louis van Tilborgh und Teio Meedendorp (mehr dazu hier). Klaus Brill staunt über die erblühende Kunst- und Museenlandschaft in Krakau. Lothar Müller besuchte eine Berliner Diskussion über die Serie "Breaking Bad".

Besprochen werden die Leppien-Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle, der neue Animationsfilm "Planes", die "Himmelsmechanik" in der Deutschen Oper Berlin und Bücher, darunter Nellja Veremejs Roman "Berlin liegt im Osten" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 28.08.2013

Laut einem Tweet von Kathrin Passig hat sich Wolfgang Herrndorf, der krebskranke Autor von "Tschick" und "Sand" erschossen. In seinem Blog hat er auch die späten Stadien seiner Krankheit protokolliert. Michael Lentz schreibt einen Abschiedsbrief an seinen Freund. "Am meisten beeindruckte die Schonungslosigkeit, mit der Du Dich Dir selber ausgesetzt hast. Du hast gezeigt, dass Literatur ein starkes, ein konkurrenzloses Gedächtnissystem ist. Man kann ein Leben in der Literatur führen, als Literatur."

Von redaktioneller Seite würdigt Felicitas von Lovenberg den Autor.

Weitere Artikel: Im Aufmacher beklagt Dieter Bartetzko den Abriss der Frankfurter Oberfinanzdirektion, eines jener grazilen Fünfziger-Jahre-Bauten, die heutzutage dran glauben müssen. Zum Geburtstag Goethes wird in der Leitglosse ein eher pessimistisches Aperçu des Nationaldichters abgedruckt. Andreas Platthaus besucht das Deutsche Fotomuseum in der kleinen Stadt Markkleeberg. Patrick Bahners schildert Zensurgewohnheiten in der Gefangenenbibliothek von Guantanomo, wo man den "Archipel Gulag" offenbar nicht lesen warf. André Thiele liest ein unbekanntes Gedicht von Peter Hacks. Lena Bopp besucht den Schweizer Schriftsteller Urs Widmer, dessen Autobiografie in diesen Tagen erscheint.

Besprochen werden Rawson Marshall Thurbers Kinokomödie "Wir sind die Millers", eine Ausstellung mit Landschaftsradierungen Rembrandts im Städel Museum (das ein eigenes instruktives Blog zur Ausstellung führt) und Bücher, darunter der neue Reportageband der designierten Friedenspreisträgerin Swetlana Alexijewitsch (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).