Heute in den Feuilletons

Grunzend das Schnütchen heben

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.08.2013. In der FAZ will der ägyptische Autor Alaa al-Aswani das Argument des Putsches gegen die Muslimbrüder nicht gelten lassen. Die SZ erklärt, warum der Vergleich der NSA mit der Stasi irreführend ist. In der taz erklärt der kritische Ärztevertreter Ellis Huber der Autorin Gabriele Goettle, wie er sich das ideale Gesundheitssystem vorstellt. Wolfgang Michal fürchtet in Carta um die Mitarbeiter KG des Spiegel, und auch alle anderen Medien sind sehr aufgeregt über die Vorgänge beim Nachrichtenmagazin.

NZZ, 26.08.2013

Der kolumbianische Schriftsteller Hector Abad widmet seinen beiden Hausangestellten Emma und Teresa eine liebevolle Hommage. Darin schreibt er zum Beispiel: "Im Unterschied zu Teresa kann Emma lesen, und wenn ich ehrlich bin, geht mir das manchmal gegen den Strich. Wenn ich morgens aufstehe, gehe ich als Erstes zur Haustür, um die Zeitung zu holen. Aber oft hat Emma sie sich schon geschnappt und ist gerade dabei, sie zu lesen. Wir haben alle unsere Macken, und auch wenn Emma die Seiten nicht durcheinanderbringt, meldet sich in meinem Innern, ganz tief in mir drin, jedes Mal ein Protest, den ich eigentlich nicht gutheißen kann: nämlich, dass sie kein Recht hat, die Zeitung vor mir zu lesen. Aber da ich ein Mensch mit einer sozialen Einstellung bin, sage ich nie etwas."

Weiteres: Tom Schoper feiert Gion A. Caminadas Waldhütte in Plong Vaschnaus, einer Wiese am Bergwald von Domat/Ems. Martin Schäfer huldigt Leonard Cohen, der auf seiner "Old Ideas World Tour" gerade in Zürich zu Gast war. Peter Hagmann hat sich in Luzern Bruckners Neunte mit Claudio Abbado angehört.

Aus den Blogs, 26.08.2013

In Carta warnt Wolfgang Michal vor einer Schwächung der Mitarbeiter KG beim Spiegel, die für ihn allein einen "im Zweifel linken" Kurs des Blattes garantiert: "Eine Einschränkung der Mitbestimmungsbefugnisse der Mitarbeiter KG bei der Festlegung der Blattlinie wäre ein herber Verlust für die ganze Medienlandschaft, denn die journalistischen Zukunftsmodelle heißen angesichts der Zeitungskrise heute nicht mehr Familienverleger, Presselords, Aktiengesellschaften und anderes altmodisches Gedöns, sondern Netzwerk-Genossenschaft (taz), Stiftungen (FAZ, Guardian) und Redaktionseigentum (Spiegel). Nur so hat kritischer Journalismus in Zeiten des Internets eine Chance."

Der ehemalige CIA-Agent und Autor Barry Eisler liefert in seinem Blog eine (und laut Jay Rosen die bisher beste) Erklärung für die Festnahme und stundenlange Vernehmung David Mirandas durch den britischen Geheimdines GCHQ vor einer Woche. "The purpose was to demonstrate to journalists that what they thought was a secure secondary means of communication - a courier, possibly to ferry encrypted thumb drives from one air-gapped computer to another - can be compromised, and thereby to make the journalists' efforts harder and slower."

(via Gawker) Bei Vice - und in seinem neuen Buch - enthüllt Greg Palast ein Memo über das "Endspiel" von Bankern und amerikanischen Politikern (Summers, Geithner), das die Weltwirtschaftskrise Ende der Neunziger eingeleitet hat: "The Memo confirmed every conspiracy freak's fantasy: that in the late 1990s, the top US Treasury officials secretly conspired with a small cabal of banker big-shots to rip apart financial regulation across the planet. When you see 26.3 percent unemployment in Spain, desperation and hunger in Greece, riots in Indonesia and Detroit in bankruptcy, go back to this End Game memo..."

Welt, 26.08.2013

"Ist das noch Kunstausstellung oder selbst schon Hollywood", fragt sich Kolja Reichert angesichts der jüngsten Ausstellungen von Paul McCarthy. Ziemlich gut fand er dann doch die Schau in der Park Avenue Armory. Dort wuchs "ein in allen Drogenfarben strahlender 25 Meter hoher Kunstwald unter die Decke. An beiden Enden der Halle spannten sich Leinwände im Kinoformat auf, die auf je vier Projektionen eine ausgedehnte Orgie zwischen Schneewittchen, den sieben Zwergen und Walt Disney zeigten. Dabei gab es originellerweise neun Zwerge und drei Schneewittchen, und Disney wurde vom Künstler selbst gespielt. Wie der trunkene alte Mann zwischen den kokettierenden Schönen und den ralligen Burschen umher schwankte, seine Männlichkeit auf die vegetativen Körperfunktionen runtergedimmt, bis er nur mehr grunzend das Schnütchen heben konnte, um den erhofften Kuss zu verfehlen, das war eine eindrucksvolle Darstellung." (Foto: Paul McCarthy, 'WS,' 2013. Mehr Bilder hier)

Weitere Artikel: Kai-Hinrich Renner sieht den Konflikt im Spiegel um den zum stellvertretenden Chefredakteur berufenen Bild-Mann Nikolaus Blome als Auftakt zum Machtkampf zwischen Mitarbeiter KG und neuer Chefredaktion. Marc Reichwein buchstabiert in seiner Feuilletonkolumne Y wie Youtube.

Besprochen werden die Eröffnung der Ruhrtriennale mit Harry Partchs "Delusion of the Fury" und Igor Levits Einspielung der Beethoven-Klaviersonaten Nr. 28-32.
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Weitere Medien, 26.08.2013

Die NSA hat nicht nur die Europäische Union abgehört, sondern auch die Uno, berichtet der Spiegel unter Berufung auf Dokumente des amerikanischen Whistleblowers Edward Snowden. "Demnach ist es der NSA im Sommer 2012 gelungen, in die interne Videokonferenzanlage der Völkergemeinschaft einzudringen und die Verschlüsselung zu knacken. .... In einem Fall habe die NSA zudem den chinesischen Geheimdienst dabei ertappt, ebenfalls zu spionieren. Daraufhin haben die NSA abgefangen, was zuvor die Chinesen abgehört hatten. Die Spionageaktionen sind illegal, in einem bis heute gültigen Abkommen mit der Uno hat sich die USA verpflichtet, keine verdeckten Aktionen zu unternehmen. Aus den internen Dokumenten geht zudem hervor, dass die NSA die EU auch nach deren Umzug in die neuen Botschaftsräume im September 2012 noch ausspioniert hat."

TAZ, 26.08.2013

Das Feuilleton gehört heute Gabriele Goettle. Sie proträtiert den kritischen Ärztevertreter Ellis Huber, der sich den Umbau des Systems so vorstellt: "Ich, wäre ich verantwortlicher Gesundheitspolitiker, würde den Ärzten mehr Geld geben, und zwar dafür, dass sie die Pharmaindustrie verraten und der Gesellschaft dienen. Sicher, jeder Mensch ist egoistisch und auch ein bisschen altruistisch. Aber ich möchte, dass Ärzte ihre innere Energie zu 51 Prozent den Mitmenschen und zu 49 Prozent dem Ich zuordnen. Für diese zwei Prozent bin ich auch bereit, Panzer und Staatsgewalt einzusetzen. Mehr will ich gar nicht. Was ich sagen will, wir müssen das System der Gesundheitsversorgung radikal ändern. Das Geld ist da! Im Moment investieren wir es in Prozesse, die weder helfen noch heilen, in eine gewaltige bürokratische Maschinerie und in eine von Geldinteressen gesteuerte massive Fehl- und Überversorgung."

Und Tom.
Stichwörter: Geld, Gabriele Goettle

FAZ, 26.08.2013

Jetzt ist auch Frank Schirrmachers Text aus der FAS über Big Data online: "Am 9. Juni dieses Jahres machte der Guardian die Identität Edward Snowdens in einem Interview öffentlich. In dem Gespräch begründete Snowden seine Aktion mit folgendem Satz: 'Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der alles, was ich tue und sage, aufgezeichnet wird.' Nach allem, was man seither gelesen, gehört und gesehen hat, ist festzustellen, dass kein Wort an dieser Begründung falsch oder übertrieben war. Die offene Frage in der ganzen Snowden-Affäre, die wir und die Politik uns zu stellen haben, ist dieselbe, die Snowden stellte: ob wir in so einer Welt leben wollen oder nicht."

Der ägyptische Autor Alaa al-Aswani will im Gespräch mit Lena Bopp das Argument des Putsches gegen die Muslimbrüder, denen er Terrorismus vorwirft, nicht gelten lassen. Erstens habe Präsident Mursi selbst die Verfassung außer Kraft gesetzt, als er sich per Dekret neue Machtvollkommenheit zusprach, und zweitens: "Wir haben in jedem Fall das Recht, einem gewählten Präsidenten das Vertrauen zu entziehen - so wie in jeder Demokratie. Normalerweise funktioniert so etwas über die Parlamente, aber wir haben kein Parlament, weil es vom Obersten Gericht aufgelöst worden ist. Wenn es kein Parlament gibt, geht die Macht wieder auf das Volk über."

Weitere Artikel: Michael Hanfeld geht die Konfliktlage beim Spiegel, wo heute große Versammlung stattfindet und der designierte Chefredakteur Wolfgang Büchner eventuell vor Amtsantritt zusammengefaltet wird, noch einmal gründlich durch, ohne neue Aspekte zu präsentieren. Swantje Karich staunt über Marina Abramovic, die sich in New York ein Kunstzentrum baut und dafür auf Kickstarter Umarmungen verkauft, die sie zahlungswilligen Fans angedeihen lässt. Jürg Altwegg liefert eine kleine Presseschau um innerschweizer Debatten (unter anderem um Jean Ziegler, der die Schweiz im UN-Menschenrechtsrat vertreten soll und dafür durch den Gaddafi-Menschenrechtspreis, den er einst schaffen half, bestens gerüstet ist, mehr hier). Oliver Tolmein fragt, warum psychisch Kranke und "rundum Betreute" nicht wählen dürfen. Paul Ingendaay sucht in Víznar, nahe Granada, nach dem Grab Federico García Lorcas und hat erstaunliche Schwierigkeiten, es zu finden.

Besprochen werden Harry Partchs Hauptwerk "Delusion of the Fury", für dessen nicht temperierte Skalen eigens neue Instrumente gebaut wurden, aufgeführt unter der Leitung von Heiner Goebbels bei der Ruhrtriennale, eine Maurizio Cattelan-Ausstellung in der Fondation Beyeler, Ereignisse des Weimarer Kunstfestes, das zum letzten Mal unter Nike Wagner abgehalten wurde, und Bücher darunter Kurt Flaschs Essay "Warum ich kein Christ bin" (Ex-Oberkatholik Hans Maier nennt Flaschs Umgang mit den Theologen "herablassend, ja despektierlich - an einer Stelle nennt er die Adepten der natürlichen Theologie 'Zechpreller der Philosophie'") - mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

SZ, 26.08.2013

Stasi-Vergleiche verschleiern die eigentliche neue Qualität von NSA und Prism, merkt Jörg Häntzschel an. Diese besteht eben nicht darin, dass einzelne Überwachungskandidaten aus der Menge gepickt werden, sondern dass Ermittlungen sich von verdachtsbasierten auf prognostische Verfahren verlagern. "Die einzige Methode, diese Gleichung mit lauter Unbekannten zu lösen, ist die flächendeckende Überwachung aller: 'Um die Nadel zu finden, brauchst du einen Heuhaufen', wie es NSA-Direktor Keith Alexander formulierte. Die Statistiker begannen mit einer Hypothese und suchten nach den Daten, um sie zu beweisen. Big Data stellt keine Hypothesen auf, es lässt die Daten sprechen."

Jan Füchtjohann gibt Entwarnung: Alles deutet darauf hin, dass Leute tatsächlich bereit sind, für Inhalte im Netz - ob nun Filme, Musik oder Bücher - Geld hinzulegen. Doch trotz gesunkener Schwellen, eigene Inhalte zu produzieren, "hat sich die Macht eher konzentriert. Mit Apple, Google, Facebook oder Amazon sind riesige, global operierende Medienkonzerne entstanden, die, wie man nun weiß, auch eng mit einem gewaltigen staatlichen Überwachungsapparat zusammenarbeiten. Wenn also die Freunde der 'alten' und 'neuen' Medien bald besser miteinander können, dann umso besser."

Außerdem: Regisseur Neill Blomkamp erklärt Joachim Hentschel, warum er seinen aktuellen Sci-Fi-Blockbuster "Elysium" (unsere Kritik) nicht in 3D gedreht hat: "Weil ich 3D hasse. Aus tiefstem Herzen." Peter Richter berichtet von einem New Yorker Abend mit Okwui Enwezor und Thomas Hirschhorn. Volker Breidecker gratuliert dem Schriftsteller Boris Pahor zum 100. Geburtstag.

Auf der Medienseite meldet Christian Zaschke, dass der Guardian nach den Gängeleien durch den britischen Geheimdienst in Sachen Snowden eine transatlantische Kooperation mit der New York Times eingegangen ist. Online dazu eine knappe Meldung. Warum die Washington Post offenbar ausgestiegen ist, wird nicht erklärt.

Besprochen werden die Rodtschenko-Ausstellung im Bucerius Kunst Forum in Hamburg, Heiner Goebbels' Inszenierung von Harry Partchs "Delusions of the Fury" in Bochum (Egbert Tholl wird Zeuge von "Gesumm, Gebrumm, Vokalisen, dubidub, archaischen Klangrituale, Urmenschenmusik" und ist von solcher "lichten Heiterkeit" rundum beglückt) und Bücher, darunter Peer Meters und Gerda Raidts Comic "Böse Geister" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).