Heute in den Feuilletons

Agnostisches Nichts der puren Dinglichkeit

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.11.2013. Die NZZ rühmt den spanischen Architekten Rafael Moneo. Die FAZ findet am Ende auch aus Zurbarans Stillleben ins Religiöse zurück. Die Welt bewundert Ai Weiwei, der mit seinen Überwachern das Spiel vom Arroseur arrosé spielt. Die SZ ist jetzt doch enttäuscht vom Internet. Und alle freuen sich: Hamed Abdel-Samad ist wohlbehalten in der Obhut des Botschafters.

Spiegel Online, 27.11.2013

Gute Nachrichten: Hamed Abdel-Samad befindet sich in der Obhut der deutschen Botschaft, melden Spiegel Online und alle anderen Medien. "'Er ist am Leben, und es geht ihm gut' hatte sein Bruder zuvor der Welt gesagt. Auch das ägyptische Nachrichtenportal Youm7 meldete am Dienstagabend, dass Abdel-Samad wieder aufgetaucht sei." Über die Umstände des Verschwindens will man noch informieren.

TAZ, 27.11.2013

Ilija Trojanow hat vom amerikanischen PEN erfahren, dass inzwischen 16 Prozent seiner Autoren bestimmte Themen vermeiden, in E-Mails und Unterhaltungen, aber auch in den Texten. Er schließt daraus auf staatliche Effizienz: "Repression muss keineswegs stets brutal und aggressiv daherkommen. Im Gegenteil: Die effizienteste Repression ist jene, die dem Einzelnen das Duckmäusertum so schmackhaft macht, dass er sich selbst auf untertänige Diät setzt. "

Jan Süselbeck schreibt den Nachruf auf Peter Kurzeck, den man keinesfalls für einen Heimatschriftsteller halten dürfe: "Kurzeck träumte sich in einen ganz eigenen Sound des Denkens und Schreibens hinein, in eine detailversessene, musikalisch vor sich hin kontrapunktierende Ästhetik der Provinz, die tatsächlich alles andere als provinziell war."

Weiteres: Sven von Reden findet Ridley Scotts starbesetzten Film "The Counselor" viel "zu geschmackvoll für die Geschmacklosigkeiten seines Drehbuchs". Jens Uthoff spricht über Skype mit dem Musiker Hans Unstern, der ein ziemliches Gewese um seine Person macht ("Da rutscht eine ganze Menge Autorenschaft durch den Kanal."). Christian Rath liest das nun veröffentlichte Frankfurter Urteil zum Streit um Suhrkamp, das beiden Seiten "rücksichtsloses und unkooperatives Verhalten" vorwirft.

Und noch Tom.

Welt, 27.11.2013

Seinen Pass bekommt Ai Weiwei, ohne jede Begründung, nicht zurück. China verlassen kann er also nicht, berichtet Johnny Erling. Aber wie der ständig überwachte Künstler im Land mit den Behörden umgeht - da fragt man sich voller Bewunderung, ob das im Westen durchginge: "Der drangsalierte Künstler dreht inzwischen den Spieß einfach um, inszeniert das Happening 'Ai der Jäger'. Er fotografiert seine Verfolger und ihre schwarzen Dienstlimousinen und twittert die Bilder in alle Welt. Im Pekinger Chaoyang-Park, wo er mit seinem Sohn fast jedes Wochenende spielt, konnte er mit einem Freund einen der penetranten 'Beobachter' überwältigen. Sie nahmen ihm den Fotochip aus der Kamera weg und veröffentlichten Dutzende von Fotos, die er von Ai, Freunden und Familie heimlich aufnahm. Ai drehte einen Videoclip über die Aktion und vertonte ihn mit einer selbst gesungenen Ballade. Die Behörden griffen nicht ein. Sie müssten sich sonst zu ihren 'Zivilen' bekennen."

Weitere Artikel: Im Aufmacher empfiehlt Elmar Krekeler für den heutigen Fernsehabend Brigitte Maria Berteles Verfilmung von Stephan Thomes Roman "Grenzgang". In der Glosse bescheinigt Tim Ackermann dem Schweizer Kunsthändler Eberhardt W. Kornfeld, der am Wochenende in der NZZ die "Medienhysterie" im Fall Gurlitt kritisiert hatte, ein wenig ausgeprägtes Gespür "für mögliche eigene moralische Fehler". Alan Posener erklärt in seiner Kolumne die dialektischen Tücken der "Political Correctness".

Besprochen werden Leander Haußmanns Inszenierung des "Hamlet" am BE und eine Ausstellung des lange verschollenen "Indianermuseums" des Bildhauers Ferdinand Pettrich im Dresdner Albertinum.
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NZZ, 27.11.2013

Brigitte Kramer rühmt den spanischen Architekten Rafael Moneo, dem die Fundación Barrié in La Coruna eine große Werkschau widmet: "Der Architekt hat während Spaniens Boomjahren sehr viel gebaut. Dennoch hat er nirgendwo 'einen Moneo' hinterlassen. 'Mich interessiert es nicht, dass meine Bauwerke meine Handschrift tragen', sagt er, 'mich reizt es, Antworten auf die Vielfalt der Städte zu geben, ihre Heterogenität begeistert mich immer wieder.' Moneo benutzt häufig die Verben einpassen, ausgleichen, zusammenfinden, ergänzen." (Foto: Erweiterungsbau des Rathauses von Murcia an der Plaza del Cardenal Belluga)

Weiteres: Roman Bucheli schreibt zum Tod Peter Kurzecks: "Nicht Prousts gepflegte 'mémoire involontaire' hat ihn umgetrieben, sondern die panische Angst, das Verlorene und Vergangene im Vergessen noch einmal preisgeben zu müssen." Rainer Moritz erinnert sich wehmütig an Dieter Hildebrandt und die alte Bundesrepublik.

Besprochen werden Ausstellungen zu Allan Ramsay und Jack Vettriano in Glasgow, Kaspar von Greyerz' Aufsätze "Von Menschen, die glauben, schreiben und wissen", der Abschluss von Patrick Leigh Fermors Reise-Trilogie "Die unterbrochene Reise" und Martin Mittelmeiers Band "Adorno in Neapel" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Aus den Blogs, 27.11.2013

Stoßseufzer von Luca Sofri: "Das Land, in dem Psychologen eine ganzseitige Anzeige schalten":

FAZ, 27.11.2013

Dirk Schümer ist begeistert von der großen Zurbaran-Ausstellung in Ferrara. Der Maler verwirklichte das Bildprogramm der Inquisition - flüchtete aber zuweilen auch ins "agnostische Nichts der puren Dinglichkeit" und malte Stillleben: "Unwillkürlich stellt man sich die Zen-Frage, woraus eine Vase denn eigentlich besteht. Aus gebrannter Erde? Oder aus der Leere?" Mühelos gelingt die Rückbindung ans Religiöse: "Natura morta - das umfasst, theologisch korrekt, den toten Gott genauso wie ein lebendiges Stückchen Brot."



Weitere Artikel: Sandra Kegel schreibt den Nachruf auf den Selberlebensbeschreiber Peter Kurzeck. Lorenz Jäger ärgert sich, dass über alles jetzt "Biografien" verfasst werden, selbst übers Mittelmeer. Von Christoph Ransmayr wird ein autobiografischer Text veröffentlicht, den er zur Eröffnung der Basler Buchmesse schrieb. Melanie Mühl kann ihre Genugtuung darüber, dass der Firma 23 and me ihre Gentests verboten wurden, nicht verhehlen. Es gibt eine neue Folge von Evgeny Morozovs internetkritischer Kolumne. Oliver Tolmein sucht Gründe für die nachlassende Bereitschaft, Organe zu spenden.

Besprochen werden Ridley Scotts laut Daniel Haas verblasene Cormac-McCarthy-Verfilmung "The Counselor", eine Lorna-Simpson-Ausstellung in München, Thomas Arzts Stück "In den Westen" in Mannheim, Sibylle Bergs neues Stück "Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen" im Gorki Theater, Ereignisse des Opernfestivals von Wexford, Martin Crimps Stück "Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino" im Hamburger Schauspielhaus und Bücher, darunter Liao Yiwus "Dongdong-Tänzerin" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Auf Seite 1 wird gemeldet, dass die EU nun doch keine Konsequenzen aus der NSA-Affäre ziehen will udn weiterhin Bank- und sonstige Daten an die NSA liefert: Die EU-Kommission "hebt den großen Nutzen hervor, den europäische Polizeibehörden davon haben, dass die Amerikaner die Ergebnisse ihrer Auswertungen mit ihnen teilen."

Spiegel Online, 27.11.2013

Dazu passt dann ja, dass sich CDU und SPD doch noch auf die Einführung der flächendeckenden Vorratsdatenspeicherung geeinigt haben. "Trotz der NSA-Affäre wollen die Parteien offenbar einen gewaltigen Überwachungsapparat aufbauen: Provider müssen das Nutzungsverhalten ihrer Kunden über Monate protokollieren, der Staat greift bei Bedarf zu. Ein halbes Jahr später ließe sich noch feststellen, wer mit wem telefoniert hat - und in welche Funkzelle ein Handy eingebucht war", schreibt Ole Reißmann.

SZ, 27.11.2013

Durchaus kulturpessimistisch angesäuert kommt Alexandra Borchardt von einer Berliner Tagung über politische Dynamiken im Internet nach Hause. Statt der versprochenen Vielfalt im Netz, erblickt sie nur Vermassung, in der Kultur genauso wie in der Politik: "Die 'Gefällt mir'-Gesellschaft der sozialen Netzwerke belohnt und stärkt die Sieger, die Schwachen werden bestenfalls ignoriert. Diese Gesetzmäßigkeit gilt auch für Beteiligung an politischen Prozessen. ... Dies ist nicht grundsätzlich beklagenswert. Die Demokratie braucht wirksame Filter, um arbeitsfähig zu bleiben. ... Die Gefahr (...) ist aber, dass Lobbys sich diese Gesetzmäßigkeit sehr schnell zunutze machen und Prozesse damit kapern können." Vor dem Internet herrschten diesbezüglich also andere Zustände?

Weitere Artikel: Christiane Schlötzer berichtet von der Biennale in Athen, wo man zumindest temporär wieder mit der Drachme hantiert. Catrin Lorch gratuliert der Designerin Jil Sander zum 70. Geburtstag. Jörg Magenau schreibt den Nachruf auf den Schriftsteller Peter Kurzeck.

Auf der Medienseite stellt Hans Leyendecker das Portal "Geheimer Krieg" vor, auf der sich die Datensätze von mehr als 300000 US-Regierungsaufträgen in Deutschland recherchieren und einsehen lassen. Die Hoffnung dabei: Eine Beteiligung von Bürgern, um der Datenmassen Herr zu werden und die richtigen Schlüsse aus ihnen zu ziehen: "Eine Kette von Missverständnissen und Fehlinterpretationen wurde zum Halt für die in Bedrängnis geratenen Geheimdienste. ... Die Irrungen und Wirrungen im Fall NSA sprechen nicht gegen, sondern für einen Datenjournalismus, wie ihn beispielhaft der Guardian betreibt."

Besprochen werden neue Popveröffentlichungen, Ridley Scotts neuer Film "The Counselor", ein Chopin-Konzert von Maurizio Pollini, eine Trilogie aus frühen Verdi-Opern in Hamburg und Iwan-Michelangelo D'Apriles "Erfindung der Zeitgeschicht" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).