Heute in den Feuilletons

Mit heruntergelassener Hose durchs Dorf

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.09.2013. In der NZZ fürchtet sich Javier Marías vor der Rache der spanischen Regierung an den Kulturschaffenden. Die FAZ vergewissert sich beim Filmfestival in Toronto der Wirkmächtigkeit des Films. Dem Chaos Computer Club genügt das Foto eines Fingerabdrucks zum Knacken des neuen iPhones. Die Welt gedenkt Theodor Wolffs und seiner opportunistischen Kollegen. Und die taz fühlt sich mit dem gestrigen Wahlergebnis endgültig in der Demokratie light angekommen.

TAZ, 23.09.2013

Stefan Reinecke fühlt sich von Wahlkampf und Wahlergebnis politisch einigermaßen gut sediert: "Wir bewegen uns auf eine Art Demokratie light zu, eine Spielart des Postpolitischen. Auf der Bühne balgt man sich ein bisschen, strategische Entscheidungen stehen nicht zu Wahl." An anderer Stelle erklärt er Rot-Grün ein für allemal für beendet: Dessen "kulturelle Hegemonie (...) ist Geschichte. ... Die Grünen werden sich öffnen müssen. Richtung Union oder Linkspartei."

Cigdem Akyol spricht mit Rupert Neudeck über die Situation in Syrien. Marcus Bensmann berichtet vom Filmfestival in Kirgistan, wo politische Gruppen die Aufführung eines Dokumentarfilms über den Aktivisten Asimschan Askarow verhindern wollen. Außerdem kürt Linus Volkmann die peinlichsten Parteisongs (auf Platz 1 der wirklich atemberaubend scheußliche "Harzer Septemberwind" der SPD, "die traditonell beim Thema Wahlkampfsongs am ausgiebigsten mit heruntergelassener Hose durchs Dorf rennt").

Besprochen wird Barbara Vinkens Buch "Angezogen. Das Geheimnis der Mode" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Und Tom.

Aus den Blogs, 23.09.2013

Wolfgang Michal nähert sich dem Wahlergebnis in Carta mit dem Humor der Verzweiflung: "Ich glaube, nach dem Wahlabend des 22. September wird der Dude-ismus auch in Deutschland Fuß fassen. Es scheint sich um die einzige Lebensform zu handeln, die einem derartigen Wahlergebnis gewachsen ist. Man möchte nur noch bowlen, einen Joint rauchen und in einem Ford Gran Torino 'Lookin out my backdoor' hören."


Stichwörter: Deutschland

NZZ, 23.09.2013

Im Interview mit Brigitte Kramer spricht Javier Marías über seinen Erfolg im Ausland und die spanische Sparpolitik, die seines Erachtens "vorsätzlich gegen Kultur vorgeht. Manchmal hat man den Eindruck, als ob die Regierung sich an uns rächen wollte. Es ist ja kein Geheimnis, dass Kulturschaffende generell noch nie besondere Freunde der Konservativen waren. Welchen Sinn hat es, dass das Budget öffentlicher Bibliotheken dieses Jahr null Euro beträgt? Das bedeutet, dass sie dieses Jahr keine einzige Neuerscheinung kaufen können. Die sagen sich wohl: Dann sollen die Leute halt lesen, was da ist."

Weiteres: Die Schweizer Mäzene Luc und Maja Hoffmann sorgen im südfranzösischen Arles mit Kulturgroßprojekten für "frischen Wind in Orkanstärke", berichtet Marc Zitzmann. Wilhelm Droste gratuliert dem ungarischen Schriftsteller György Dalos zum Siebzigsten, Philipp Meier dem Kunsthändler Eberhard W. Kornfeld zum Neunzigsten. Besprochen wird Viktor Bodós Inszenierung von Tschechows "Möwe" am Theater Basel.
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Aus den Blogs, 23.09.2013

Das mit dem Fingerabdruck und dem iPhone ist wirklich keine gute Idee. Der Chaos Computer Club meldet, dass es gelungen ist, "die biometrischen Sicherheitsfunktionen des Apple TouchID mit einfachsten Mitteln zu umgehen. Dazu genügte den Hackern ein Fingerabdruck, welchen sie von einer Glasoberfläche abfotografierten, um einen künstlichen Finger zu erzeugen. Damit waren sie in der Lage, ein iPhone 5s zu entsperren, welches mit TouchID geschützt war."

Mit äußerstem Missmut kommentiert Markus Beckedahl das Ergebnis der Bundestagswahl: "Die nächsten vier Jahren werden die Netzpolitik in Deutschland verändern. Im Moment sieht es nicht so aus als ob sich irgendwas bessern wird - ganz im Gegenteil."

Welt, 23.09.2013

Heute vor siebzig Jahren starb der Journalist und Chefredakteur des Berliner Tageblatts Theodor Wolff in der Haft, zu der ihn die Nazis wegen seines publizistisch Widerstands verurteilt hatten. Ernst Elitz würdigt ihn in einem Artikel, in dem er auch auf die steilen Karrieren eingeht, die Wolffs opportunistischere Kollegen nach dem Krieg machten, etwa Walther Kiaulehn, "nach 1945 einer der bekanntesten deutschen Feuilletonisten, begehrter Festredner und Bestsellerautor... Sein Lehrmeister Giselher Wirsing brachte es zum Chefredakteur von Christ und Welt. Herbert Reinecker, Leitartikler beim Völkischen Beobachter, schuf den Export-Krimi 'Derrick'. Henri Nannen ('Noch einmal und noch einmal stürzen wir, werfen Bomben und schießen, was aus den Rohren heraus will!') wurde eine Ikone des Boulevardjournalismus."

Weiteres: Matthias Heine trifft Stefan Bachmann, den neuen Intendanten am Kölner Schauspiel. Besprochen werden ein neues Album von Earth, Wind & Fire und die Komödie "Jalta" im Düsseldorfer Schauspielhaus.

Weitere Medien, 23.09.2013

SZ, 23.09.2013

Catrin Lorch berichtet missmutig von der "Painting Forever!"-Schau in Berlin: "Man hätte gerne mehr gesehen - doch gezeigt bekommt man eine Anschlagtafel. ... Die Malerei lebt auf dieser Schau nur dort auf, wo sie sich von der Gattungsschau emanzipieren darf."

Außerdem: Tim Neshitov bemängelt die Befugnisse an EU- und Deutschlands Grenzen zur Eindämmung des Handels mit Raubkunst. Jens Bisky gratuliert dem Schriftsteller Györgi Dalos zum 70. Geburtstag. Joachim Hentschel trifft sich mit dem Jazzmusiker Gregory Porter, den er für einen ganz gewaltigen Newcomer hält: Ganz und gar erliegt er dessen "absolut müheloser, weiser Kraft, die einen kurz in dem unsinnigen Glauben wiegt, man könne mit einem Stück Butter auch einen Stahlträger zerteilen." Auf Youtube gibt es ein ganzes Konzert:



Besprochen werden neue DVDs, Marion Vernouxs Film "Die schönen Tage", die Theateradaption von Florian Illies' Sachbuch "1913" in Oberhausen, Thomas Jonigks "Hotel Capri" in München und Bücher, darunter neue Veröffentlichungen von Hans Magnus Enzensberger (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 23.09.2013

Beim Filmfestival in Toronto schaltet Bert Rebhandl sein Smartphone gerne mehrfach am Tag aus, um sich in Filmen über WikiLeaks und die Rolle digitaler Medien für den Arabischen Frühling ganz dem Kino zu überantworten und damit "einem Zusammenhang, der im Grunde seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert, seit der Ausprägung des 'abendfüllenden' Filmformats, relativ intakt geblieben ist. Das als eine 'fünfte Gewalt' zu bezeichnen ergibt beinahe mehr Sinn als bei dem Schwarmdispositiv Internet."

Weitere Artikel: Stefan Koldehoff bringt Hintergründe zum Eklat um die Restitution des sogenannten "Welfenschatzes" (mehr). Mark Siemons zeigt sich überrascht vom Verlauf des Prozesses gegen Bo Xilai. Andreas Platthaus besucht eine Düsseldorfer Abendveranstaltung mit Peter Handke. Kerstin Holm lässt sich in Bonn von der "erschütternden, ja niederschmetternden Musik" des Ural-Philharmonieorchesters überwältigen.

Besprochen werden zwei Warhol-Ausstellungen in München, Staffan Valdemar Holms Inszenierung von Lucas Svenssons "Jalta" am Schauspielhaus Düsseldorf, Achim Freyers "Cage Stage" am Landestheater Linz und Bücher, darunter Thomas de Padovas Studie über "Leibniz, Newton und die Erfindung der Zeit" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).