Heute in den Feuilletons

Die Farbenseligkeit, die Pianissimokultur, das Feuer

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.07.2013. Die Welt bringt Karl-Heinz Bohrers Rede zum Gedenken an die Widerständler des 20. Juli: Er fragt, warum die Deutschen sie so wenig mögen. Viel Stoff gibt's zum heutigen Götz und Henrich George-Tag, den das Altpapier sorgsam aufgelistet hat. Nun reiten auch die Kuratoren auf dem "Schaumkamm der Retro-Welle" und veranstalten Austellungen über Ausstellungen , seufzt die NZZ. In der taz schildert Geert Mak die traurige Lage im Fly-over-Country der USA. In der FAZ bringt Georg Mascolo Rezepte gegen den Abhörwahn.

TAZ, 22.07.2013

Eva Berger unterhält sich mit dem niederländischen Schriftsteller Geert Mak über seine große Reise durch "Amerika" auf den Spuren von John Steinbeck (der sich aber vieles aus den Finger gesogen hatte). Abseits der hochentwickelten, progressiven Zentren hat Mak viel Resignation erlebt: "Das gilt vor allem für das Durchschnittsamerika, das ländliche Fly-over-Country, durch das ich vornehmlich gereist bin. Da ist die Infrastruktur oft auf dem Stand eines Entwicklungslands. Und das Problem ist, dass die meisten Amerikaner keine Ahnung haben, wie unterentwickelt ihre eigene Region teilweise ist. Die können ja nicht wie die Reichen in der Welt herumreisen und sich ein eigenes Bild machen. Und Medien à la Fox News verstärken das. Die machen die Welt zur Karikatur."

Weiteres: Claudia Lenssen blickt vor dem heutigen Fernseh-Großereignis auf das große, schrecklich-tragische Leben des Heinrich George. Jörg Sundermeier trauert um den Festsaal Kreuzberg, der in der Nacht zum Sonntag abgebrannt ist. Uwe Mattheiss hat den Salzburger "Jedermann" aus vollem Herzen nicht genossen. Ingo Arend berichtet von der Triennale Kleinplastik in Fellbach bei Stuttgart.

Und Tom.

Aus den Blogs, 22.07.2013

(via Jezebel) Der absolut fabelhaft aussehende 74-jährige britische Schauspieler Ian McKellen startete auf der Comic Con eine Charmeoffensive in Richtung Michael Fassbender, der im neuen X-Men-Film sein jüngeres Alter ego spielt, erzählt ein aufgekratzter Kyle Buchanan von der Pressekonferenz der ganzen Crew auf Vulture. "'I just want to say it's great to be back in California,' McKellen told the crowd. 'I feel safe here now that you've gotten rid of Proposition 8. I'm looking for a husband.' He cast a sidelong glance at Fassbender, the handsome Shame star who plays the 1970s version of McKellen's character in Days of Future Past. With lasciviousness in his voice, McKellen purred, 'It's great to meet you, Michael.' It's Rick Santorum's worst nightmare come true: comic-book villains gay-marrying themselves!"
Stichwörter: Alter, Michael Fassbender

Welt, 22.07.2013

Sehr lesenswert ist Karl-Heinz Bohrers hier nachgedruckte Rede zum Gedenken an die Widerständler des 20. Juli. Warum fällt es uns nachgeborenen Deutschen so schwer, ihrer zu gedenken, fragt er. Einer der Faktoren ist wohl, dass wir es uns mit ihnen nicht als Opfer gemütlich machen können - denn sie waren Täter: "Auch die Worte der Verurteilten vor Freisler waren Taten. Was uns davon überliefert ist, steht nicht einfach als Ausdruck einer Gesinnung, sondern als Demonstration einer uns beschämenden Charakterstärke einzigartig da."

Weitere Artikel: Richard Kämmerlings kommentiert neueste Peripetien im Streit um Suhrkamp - Mitgesellschafter Hans Barlach hat eine einstwilige Verfügung gengen den Verlag erwirkt, um dessen Schutzschirmverfahren zu unterlaufen. Marc Reichwein lotet in seiner Feuilletonkolumne das "S wie Sommerloch" aus. Besprochen wird der neueste Salzburger "Jedermann".
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Aus den Blogs, 22.07.2013

Das Altpapier listet alles auf, was in der Presse über Götz als Heinrich George geschrieben würde. Früher hätte es nicht in die Bibliothek von Alexandria gepasst. Heute Abend läuft Götz' Ehrenrettung für Heinrich auf Arte.

Oh Gott, ist es etwa so weit?

Stichwörter: Bibliothek, Altpapier

NZZ, 22.07.2013

Auch die Kuratoren reiten jetzt "auf dem Schaumkamm der Retro-Welle", stellt Samuel Herzog fest, der sich in Venedig die Rekonstruktion von Harald Szeemanns legendärer Schau 'When Attitudes Become Form' von 1969 angesehen hat: "Auf den heutigen Betrachter würde eine Ausstellung wie 'Live in Your Head' wohl außerordentlich trocken wirken. Zahllose Objekte von ungefähr derselben Größe, aus oft ähnlichen Materialien, so eng nebeneinander in Position gebracht, dass nichts wirklich Wirkung entfalten kann - man fühlt sich dann und wann wie in einem Baumarkt, in dem ein wenig herumgealbert wurde. Ironisches gibt es nur wenig - vieles ist ernst, manches fast stur."

Der Schriftsteller Norbert Hummelt erzählt von seinem Wiedersehen mit England. Ueli Bernays berichtet vom Luzerner Pop-Festival "Blue Balls".

FAZ, 22.07.2013

Recht pragmatisch und optimistisch kommentiert Georg Mascolo die Lage nach dem Prism-Skandal: Einerseits solle die Kanzlerin zusammen mit EU-Institutionen Druck auf die Internetgiganten machen und ihnen das Leben in Europa erschweren, solange der Datenschutz nicht sichergestellt werde, andererseits nimmt er einen Vorschlag des ehemaligen BND-Chefs Hansjörg Geiger auf, der einen internationalen "Intelligence Kodex" fordert: "Jede geheimdienstliche Tätigkeit auf dem Gebiet eines anderen Mitgliedsstaates wäre nur mit dessen Zustimmung und unter Einhaltung der dort geltenden Gesetze möglich. Soweit auf internationale Datenströme zugegriffen wird, soll dies nur zu einem zuvor verabredeten, gemeinsamen Zweck geschehen - der Verhinderung von Proliferation oder Terrorismus etwa."

Eleonore Büning ist schon ganz aufgeregt: Kirill Petrenko wird in Bayreuth ab Freitag den "Ring" dirigieren - was zählt da noch, was Regisseur Castorf einfällt? Und sie erinnert daran, wie Petrenko das Orchester der Komischen Oper Berlin neu erstrahlen ließ;: "Unter Petrenkos freundlich-unerbittlicher Führung verwandelte es sich in kürzester Frist in einen idealen Sängerbegleitklangkörper, Barenboims Staatskapelle ebenbürtig, was die Trennschärfe angeht, die Farbenseligkeit, die Pianissimokultur, das Feuer."

Auf der Seite mit Geburtstagsartikeln sticht Dietmar Daths Artikel zu Mick Jaggers Siebzigsten (den er am Freitag feiert) heraus. Besprochen werden der "Jedermann" in Salzburg, Haydns "Schöpfung" unter Nikolaus Harnoncourt in Salzburg, Ereignisse bei, Melt-Fetival in Gräfenhainichen und in Bregenz (hier) und Bücher, darunter Elanor Dymotts Krimi "Bevor sie mich liebte" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Das Gespräch mit Ulrich Beck vom Samstag steht jetzt online.

SZ, 22.07.2013

Dirk von Gehlen stellt die geplante GEMA-Alternative Cultural Commons Collecting Society, kurz: C3S, vor, die demokratischer sein sowie auch mit CC-Lizenzen arbeitende Künstler berücksichtigen will und zur ersten Finanzmittelakquise eine Crowdfunding-Kampagne gestartet hat. Außerdem hat sich Jens Bisky Karl Heinz Bohrers in Plötzensee gehaltene Rede zum Gedenktag für die gescheiterten Hitler-Attentäter um Stauffenberg angehört (siehe dazu etwa auch dieses Gespräch mit Bohrer in der Zeit).

Im Wirtschaftsteil kündigt der Springteufel seine Rückkehr an: Thomas Middelhoff soll wieder Chef "eines internationalen Medienunternehmens" werden: "Ja, das stimmt, die Sache ist so gut wie unter Dach und Fach."

Besprochen werden eine Ausstellung zu Ehren des Architekten Richard Rogers in der Royal Academy of Arts in London, ein "Jedermann" in Salzburg, ein Hadyn-Konzert unter Nikolaus Harnoncourt in Salzburg (am kommenden Sonntag im TV) und Bücher, darunter eine mit umfangreichen Zusatzmaterialien versehene Edition von Walter Benjamins Kunstwerkaufsatz (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).