Heute in den Feuilletons

Im Land der papierdünnen Wände

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.12.2012. Die NZZ beleuchtet die aktuelle Lage der Maya. Und sie feiert Weihnachten mit den Japanern. Arno Widmann erklärt in FR-Online, was 99 Jahre Leica der FR bedeuten könnten. In der SZ erinnert sich der Schauspieler Herbert Fritsch an seine heroischen Zeiten. Die FAZ feiert das bemerkenswerte Universum, in dem wir jetzt leben. Außerdem: ein bisschen Monteverdi mit Dinu Lipatti und Nadia Boulanger.

NZZ, 21.12.2012

Peter Gaupp blickt auf die bittere Situation der Maya, die in diesen Tagen den Übergang vom 13. zum 14. Baktun-Zyklus in der langen Zählung ihres Kalenders begehen: "Über 9 Millionen Abkömmlinge der Maya-Völker leben heute mehrheitlich in Guatemala und vorwiegend als Kleinbauern, mit einer Vielfalt an Sprachen, traditioneller Kräutermedizin und hochstehendem Kunsthandwerk, vor allem bei den Textilien. In Riten und mündlicher Überlieferung ist trotz der religiös begründeten Unterdrückung in der spanischen Kolonialzeit vieles von der alten Kultur erhalten geblieben. Wo sie nicht als Statisten im touristischen Spektakel mitwirken, begehen die Indigenen den Zykluswechsel freilich eher im Stillen, in Zeremonien im Dorf oder an geheiligten Naturstätten, zum Beispiel den Cenotes, tiefen Wasserlöchern im Karstboden des Nordens von Yucatán."

Auch die Japaner feiern mittlerweile Weihnachten, weiß Daniela Tan zu berichten, vielleicht ist es aber auch eher eine Wintersonnenwende: "Im diesseitigen und lebensbejahenden Denken des Shintoismus steht einer weiteren Festivität im Jahresablauf nichts entgegen. Weihnachten ist daher vor allem ein Fest für junge Leute: Paare gehen zusammen aus, nach dem Date wird vielleicht die Nacht gemeinsam in einem Love-Hotel verbracht - nichts Anrüchiges im Land der papierdünnen Wände, die dermaßen geräuschdurchlässig sind, dass man sich lieber an einen intimeren Ort zurückzieht."

Weiteres: Marion Löhndorf kommt ganz berauscht aus einer Valentino-Schau im Londoner im Somerset House, die den Modeschöpfer als "Liebhaber der dramatischen Geste" präsentiert: "Der ungebremste Glamour der alten Schule prunkt hier, das satte Valentino-Rot leuchtet." Claus Leggewie beleuchtet, an welchen Punkten die Demokratie unter Druck gerät. Jörg Scheller fasst, seine Gedanken zur Apokalypse in der Kunst zusammen. Besprochen werden auf der Plattenseite das Album "Roll on, Roll on" des Folk-Veterans Tom Paley und die "Pseudo"-Autobiografie von Neil Young (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Weitere Medien, 21.12.2012

Arno Widmann geht fremd und räumt in der FR-Online (statt im Perlentaucher!) Bücher vom Nachttisch - unter anderem einen Band zu 99 Jahren Leica: "Diese Zeilen erscheinen online bei der insolventen Frankfurter Rundschau und bei der wohl stark angeschlagenen Berliner Zeitung. Vielleicht sehe ich darum mit besonderer Aufmerksamkeit auf die vorderen und die hinteren Seiten des Prachtbandes. Nichts als kleine Passfotos von lauter lächelnden Menschen. Damen und Herren." Das sind die Mitarbeiter von Leica: "Die Firma setzt 245 Millionen Euro um. Sie scheint sich erholt zu haben von dem Überfall, den die Digitalisierung bedeutete."

(Via Will Robin) Monteverdis "Zefiro torna": Alte Musik in einer selbst historischen Aufnahme von 1937 mit Hugues Cuénod und Paul Derenne, Tenor, Dino Lipatti, Piano, Ensemble Vocal et Instrumental Nadia Boulanger unter der Leitung von Nadia Boulanger.


Welt, 21.12.2012

Matthias Heine bekennt, dass er es genauso macht, wie es Familienministerin Kristina Schröder in einer umstrittenen Äußerung bekannte: Auch bei ihm ist der "Negerkönig" ein "Südseekönig", wenn er Pippi Langstrumpf vorliest. Gerhard Gnauck sah in Warschau eine Dramatisierung der Autobiografie Danuta Walesas, der Frau des Arbeiterführers, mit Krystyna Janda in der Hauptrolle. Manuel Brug sah und hörte in München eine uralte Produktion von "Hänsel und Gretel".

Im Forum spricht Henryk Broder eine deutliche Meinung zur Europäischen Union aus: "Die EU löst keine Probleme, sie ist ein Problem. Seit dem Ende des real existierenden Sozialismus, zu dem es nach Meinung seiner Repräsentanten ebenfalls keine Alternative gab, ist die EU der massivste Versuch, die Bürger zu entmündigen und die Gesellschaft zu entdemokratisieren."
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TAZ, 21.12.2012

Die taz hat ihren ganzen Sachverstand zusammengenommen und empfiehlt letzte Weihnachtsgeschenke. Wie wärs also mit einem Schuhlöffel aus dem Horn afrikanischer Rinder? Individuelle Unterwäsche von Berlin Underwear? Einen Schreibtischschlafsack?

Und Tom.
Stichwörter: Berlin, Taz, Unterwäsche

SZ, 21.12.2012

Früher war er Rebell, heute sucht er die Form: Sehr ausführlich plaudert Christine Dössel mit dem einstigen "Extremschauspieler" der Volksbühne, Herbert Fritsch, der heute am Haus Regie führt und sich im Gespräch an die gute, alte Zeit erinnert: Bei "Clockwork Orange", sagt er, "habe ich meinen Schlussmonolog ausgedehnt bis zum Geht-nicht-mehr. Da ging dann richtig die Post ab. Schon während der Vorstellung. Da waren die Skinheads drin, das war ja 'ihr Ding', 'ihr Werk', und für die Skinheads waren wir absolut nicht 'werktreu'. Da wurde dann schon mal geschlägert und es sind Bierflaschen auf die Bühne geflogen, das war richtig heftig. Jedenfalls war immer was los."

Für die Reportage auf Seite Drei hat Thorsten Schmitz eine glänzend aufgelegte, lauter Wunder in der Welt erblickende Alice Sommer in London besucht, Mutter des 2001 verstorbenen Cellisten Raphael Sommer und mit 109 Jahren die älteste Überlebende der Shoah. Bis heute spielt sie täglich aus dem Kopf Klavier, so auch für diesen Besuch: "Für einen Moment schweben ihre schmalen Finger über der Tastatur, dann sinken sie herunter, und Alice Sommer erschafft mit ihren acht aktiven Fingern eine Welt, die ihr Schutz war und Seelentrost in all den letzten hundertundvier Jahren. An diesem Morgen beginnt sie mit einem Präludium von Bach, natürlich."

Weitere Artikel: Christoph David Piorkowski muss über ins Blaue geschossene Theorien, die einen Zusammenhang zwischen Online-Abstinenz und Amoklauf fabulieren, arg die Stirn runzeln. Mit der Weigerung, sich für die Pflege des Erbes der Wikinger einzusetzen, wollen die Schweden auf Distanz zu Rechtsideologen gehen, mutmaßt Wikingerforscher Lars Lönnroth. Burkhard Müller gratuliert Schriftsteller Uwe Dick zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden die archäologische Ausstellung "L'età dell'equilibrio" in den Kapitolinischen Museen in Rom und Bücher, darunter Jenny Erpenbecks Roman "Aller Tage Abend" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 21.12.2012

Werden sich heute obskure Mayakalender-Prophezeiungen erfüllen und wir alle aus dem Leben scheiden? Mit Sicherheit nicht, beruhigt der Astrophysiker Ben Moore, der in einem gut gelaunten Artikel über Methoden zur Weltuntergangsprognostik die Wahrscheinlichkeit, dass prophezeite Apokalypsen auch tatsächlich eintreten, schon erfahrungsgemäß auf 0,00 Prozent einschätzt. "Es gibt keinen Grund, warum die menschliche Rasse nicht Millionen von Jahren oder gar viel länger existieren sollte. Wir können nur nicht für immer auf der Erde bleiben. ... Das ist keine Prophezeiung; es ist das Resultat wissenschaftlichen Denkens. Wir können dieses endgültige Schicksal nicht steuern. Aber wie auch immer all dies entstanden ist und wie auch immer es enden wird - es ist ein bemerkenswertes Universum, in dem wir jetzt leben."

Außerdem beschreibt Constanze Kurz den hart umkämpften Markt der Datenakquise für die Orientierungssysteme von Navis und Smartphones.

Besprochen werden Miguel Gomes' neuer Film "Tabu", Manuel von Stürlers Film "Winternomaden", René Polleschs am Schauspielhaus Zürich aufgeführtes Stück "Macht es für Euch" (das Martin Halter heilfroh verlässt, am Ende nicht noch selbst "als unbezahlter Mitspieler einbezogen" worden zu sein) und Bücher, darunter passend zum Datum Christian Schüles "Ende unserer Tage" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).