Heute in den Feuilletons

Zuweilen auch unbequeme Nachrichten

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.05.2008. Die reale Gegenwart des Herrn in entsprechend präparierten Hostien löst heute in zahlreichen Weltgegenden Prozessionen aus und führt zu realer Abwesenheit führender Institute des Qualitätsjournalismus. Immerhin: Die Welt fragt anlassgemäß, was Hape Kerkeling so erfolgreich macht. In der NZZ befasst sich Bahman Nirumand mit Abdolkarim Soroushs These, nicht Gott, sondern der Prophet Mohammed sei der Autor des Korans.

TAZ, 22.05.2008

Der Filmemacher Heinz Emigholz, bekannt für seine Arbeiten über moderne Architektur ("Schindlers Häuser"), spricht im Interview über sein jüngstes Projekt zu den antiornamentalistischen Bauten des österreichischen Architekten Adolf Loos. Eingangs erklärt er, warum er sich darin mit biografischen Fakten zu Loos so zurückhält: "Das Internet leistet doch unschätzbare Dienste. Ich muss als Filmemacher ja nicht mehr den Oberlehrer spielen, der Ihnen lexikalisches Wissen beibringt. Jeder kann sich das mit Tastenklick beschaffen, warum sollte ich darauf mein Filmmaterial verschwenden? Insofern ist das auch ein Rückgriff auf das, was Kino einmal war. Die Brüder Lumiere entsandten Kameraleute in die ganze Welt, um herauszufinden, wie es anderswo aussieht. Das kann ich jetzt wieder tun, ohne diesen Pädagogenbombast."

Christian Semler fasst die Tagung "Extreme Gewalt" der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften zusammen, auf der unter anderem Jan Philipp Reemtsma und der Sozialpsychologe Harald Welzer darüber diskutierten, wie man exzessive Gewaltakte erklärt. Cristina Nord schwärmt von Albert Serras Film "Der Gesang der Vögel", der in Cannes in der Quinzaine des Realisateurs lief. Ekkehard Knörer empfiehlt eine Doppel-DVD mit Filmen von Richard Kelly: "Southland Tales" und "Donnie Darko". Brigitte Werneburg stellt den Dokumentarfilm "Ich. Immendorf" vor, für den Filmemacherin Nicola Graef den Künstler zwei Jahre lang bis zu seinem Tod begleitete. Birgit Rieger berichtet von der Kunstmesse Art Moskow.

Zu lesen sind außerdem zwei Abgesänge: In tazzwei beklagt Grimberg das Aus für Radio Multikulti aus Geldmangel: "Vielleicht sähe es anders aus, wenn viele, die jetzt Multikulti beklatschen und beklagen, auch im täglichen Leben mal eingeschaltet hätten." Auf der Medienseite informieren Juliane Wiedemeier und Steffen Grimberg über die Absetzung des ARD-Magazins "Polylux" durch den RBB aus den angeblich gleichen Gründen (hier ein Kommentar von Moderatorin Tita von Hardenberg auf dem dazugehörigen Portal Ploylog).

Schließlich Tom.

Weitere Medien, 22.05.2008

Im Tages-Anzeiger-Interview mit Judith Witwer äußert sich Springer-Chef Mathias Döpfner optimistisch zur Zukunft der Zeitungen: "Wir dürfen aus Angst vor dem Sterben nicht Selbstmord begehen, die Identitätskrise nicht mit Totsparen überwinden. Axel Springer wird auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten die größten Renditen im Printgeschäft erwirtschaften. Solange wir in Qualität investieren, solange eine charismatische Sprache, pointierte, mutige Meinungen und exklusive und zuweilen auch unbequeme Nachrichten die Grundlage unserer journalistischen Arbeit bilden, haben Zeitungen und Zeitschriften eine Zukunft." Und online machen wir schöne Bilderstrecken!

NZZ, 22.05.2008

Der Publizist Bahman Nirumand kommentiert die selbstverständlich sehr umkämpfte These des iranischen Religionsphilosophen Abdolkarim Soroush, nicht Gott, sondern Mohammed sei der Autor des Korans. "Würde man Soroush folgen, stünde die gesamte islamische Gesetzgebung, die Scharia, von den Benachteiligungen der Frauen bis zu den Strafmaßnahmen auf dem Prüfstand und müsste an die Moderne angepasst werden. Eine derartige Historisierung der Offenbarung und Entheiligung des Korans würden die größte Hürde, die den Weg zu Reformen im Islam versperrt, beseitigen und eine Modernisierung erlauben, ohne den Kern und die geistig-metaphysische Substanz des Glaubens anzutasten. Doch mit Recht stellt Soroush fest, dass seine Auffassung zwar von einigen Reformern, auch unter den Sunniten, geteilt werde, bei den tonangebenden Konservativen, allen voran bei den herrschenden schiitischen Islamisten in Iran, jedoch auf massiven Widerstand stoße: 'Ihre Macht basiert auf einer konservativen Auslegung des Islam. Daher befürchten sie, durch Diskussionen wie die über die Rolle des Propheten alles zu verlieren.'"

Weitere Artikel: Eva Clausen berichtet von der in Ferrara zu sehenden Retrospektive des Renaissancemalers Benvenuto Tisi, genannt Il Garofalo, die einen Beitrag der Stiftung "Ermitage Italia" zur Förderung des italienisch-russischen Kulturaustausches darstellt.

Besprochen werden zwei Gedichtbände, "Übersetzungen aus der Natur" von Les Murray und "Grenzflug" von Robin Fulton (beide übersetzt von Margitt Lehbert), Manfred Kochs Fußballbuch "Brot und Spiele" und "Eine Woche im Oktober", der neue Roman der Robert Schumann-Urenkelin Elizabeth Subercaseaux (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

Auf der Filmseite formuliert Christoph Egger im Titel die Einsicht, beim 61. Filmfestival Cannes bisher nichts "wirklich Herausragendes" gesehen zu haben, lobt aber die Debütfilme "Hunger" des Briten Steve McQueen und "Die Unfreiwilligen" des Schweden Ruben Östlund trotzdem als "künstlerisch herausragend". Susanne Ostwald schätzt den neuen "Indiana Jones" als "anspielungsreich und wunderbar altmodisch".
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Berliner Zeitung, 22.05.2008

Im Interview mit Nikolaus Bernau spricht der Architekt Klaus Roth über seine bereits heftig umstrittene Idee, einen modernen Zuschauerraum in die Staatsoper zu setzen: "Die Zuschauer hören nur deswegen halbwegs gut, weil es eine elektronische Akustikanlage gibt. Das Orchester aber hört sich selbst nur sehr schlecht, kann also nicht gut reagieren und seine Möglichkeiten entfalten. Bis zum Brand von 1944 waren Länge, Breite und Höhe des Saales so aufeinander abgestimmt, dass sie einen ausgewogenen Klang ergaben. Die Staatsoper Knobelsdorffs wurde deswegen auch als 'klingende Vase' bezeichnet, als 'Vasa sonora'. Paulick aber hat die Saaldecke nach unten gezogen und die Logen verbreitert, so dass die Nachhallzeit verkürzt wurde. Außerdem hat jetzt etwa ein Viertel der Sitze schlechte Sicht auf die Bühne."
Stichwörter: Bernau, Orchester

Aus den Blogs, 22.05.2008

Die grässliche und beschämende Provokation von Michael Hanekes "Funny Games" funktioniert auch im Selber-Remake, stellt San Andreas im Umblätterer fest: "Situationen von unglaublicher Beklemmung, von erschütternder Intensität, und doch sehen wir nichts von dem, was andere Filmemacher glauben unbedingt zeigen zu müssen."

Welt, 22.05.2008

Wir empfehlen heute die qualitätsjournalistische Bilderstrecke: "333 Fakten über Sex - Wie lang, wie oft, wo und mit wem?"

Matthias Heine sucht nach den Gründen für den Erfolg von Hape Kerkelings Buch "Ich bin dann mal weg", das seit Erscheinen vor zwei Jahren an der Spitze der Bestsellerliste steht, beginnt seinen Artikel mit der kaum überschreitbaren Erkenntnis, dass solche Erfolge nicht planbar sind: "Die wirklichen Volksbücher lassen sich nicht planen, denn sie machen häufig erst Bedürfnisse und Sehnsüchte sichtbar, die weit unterhalb der Wahrnehmungsschwelle offizieller Kulturkaufleute und Kulturerklärer schon längere Zeit gereift sind."

Weitere Artikel: Hendrik Werner verfolgte eine Debatte über Politik in Literatur mit den Geistesgrößen Günter Grass, Joschka Fischer und Ulrich Wickert in Lübeck. Jacques Schuster fürchtet, dass sich der ägyptische Kulturminister Faruk Husni mit einem Plädoyer für die Verbrennung israelischer Bücher endgültig für den Posten des Generalsekretärs der Unesco, den er ersehnt, disqualifiziert hat. Michael Loesl unterhält sich mit dem Popsänger Bon Jovi. Uta Baier stellt den britischen Künstler Liam Gillick vor, der den deutschen Pavillon bei der Biennale in Venedig bespielen wird. Rainer Haubrich freut sich, dass der Saal der Philharmonie von dem gestrigen Feuer verschont blieb und resümiert die Debatten um die Neugestaltung des Saals der Lindenoper. Auf der Filmseite geht's unter annderem um Nicola Graefs Dokumentarfilm "Ich, Immendorff" (mehr hier) über die lezten Lebenjahre des Künstlers.

Freitag, 22.05.2008

Die feuilletonistischen und literarischen Versuche, im Fall Amstetten sinnstiftend zu wirken, lassen Thomas Wörtche kalt: "Es geht nicht um 'Amstetten', nicht um Josef Fritzl und schon ganz und gar nicht um die Opfer der ganzen widerwärtigen Veranstaltung. Es geht vornehmlich um die Selbstreferentialität irgendwelcher sich als kulturtheoretisch begreifender Schleifen und Systeme. Die mögen noch so zynisch, abgedreht, unfreiwillig komisch und leicht parodierbar, weil schnell ausrechenbar sein, sie transportieren den Schauder und Angstlust, das triefend Tabloidhafte und Grellsensationelle der Untat in die Wohnzimmer der feineren Kreise - zum zeitprognostischen Diskurs schon hübsch aufgearbeitet, aber eben in Kontexten, in den man sich wohl und entre nous fühlt: Elfies Werk-Zusammenhang eben."

Das hält Andrea Roedig nicht davon ab, eine Schleife um Charlotte Roche, die Tochter von Josef F. und Werbung für Vuitton-Handtaschen zu ziehen.