Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.06.2004. Heute ist Bloomsday. Die taz wurde darüber blau. Und dichtet James Joyce nach. In der FR erzählt Marlene Streeruwitz, wie ihr Ulysses zum Fluchthelfer wurde. Die FAZ trägt Zeitungsmeldungen vom 16. Juni 1904 zusammen. Die SZ verarbeitet den Monumentalroman zu Miniaturen. Außerdem: In der Welt behauptet Peter Glotz, dass die SPD noch zu retten ist. Die NZZ findet die Jungen zu dick, um die Alten zu bekämpfen.

TAZ, 16.06.2004

Alles Ulysses heute in der taz! Eine wunderbare Ausgabe, 24 Seiten ohne Bilder: ganz blau ist sie darüber geworden. Vierzehn, "vom 'Ulysses' nicht oder wenig verbildete taz-KollegInnen", haben einzelne Kapitel des Buchs neu geschrieben - unter Wahrung des Urheberrechts, erklärt das Editorial. Das liest sich dann beispielsweise so:

"Bei Gott, dass Jo immer angeben muss. 'Hier war schon Nadja Auermann', sagt er und geht die paar Stufen runter. Hinter der niedrigen Stahltür versteckt sich angeblich ne Bar. 'Ohne Lizenz', sagt Jo. 'Nee, was für ne Überraschung', sage ich. Ich könnte ihn zum Schweigen bringen, müsste nur sagen, dass ich gestern Joschka Fischer gesehen habe. Immer von der Seite, sozusagen einäugig. Er saß beim Italiener neben mir. Seine neue Freundin war auch dabei. Mit Kind. Ob es ihres war? Sie sieht wirklich nicht schlecht aus, noch besser als auf den Fotos. Sympathischer. Hat erstaunlich breite Hüften. Und er hat die ganze Zeit gegähnt. 'Kommst du endlich!?', schreit Jo. 'Dieser Schuppen ist das Illegalste vom Illegalen.' Was ist denn das für ne Steigerung! Ich hab mal einen Türken getroffen, der ausnahmsweise Humor hatte. Der sammelte die dümmsten deutschen Superlative. Zum Beispiel soll sich die breiteste Automatiktür im Saarbrücker Flughafen befinden. Ich wusste gar nicht, dass die einen Flughafen haben."

Für alles, die es zumindest virtuell nach Dublin zieht: Hier die Website zu den heutigen Festivitäten. Hier die Website des Dubliner James-Joyce-Zentrums. Und die BBC gratuliert der taz.

FR, 16.06.2004

Marlene Steeruwitz erzählt, wie ihr der Ulysses zum Fluchthelfer wurde in der österreichischen Provinz: "Zu begreifen war da nichts gewesen. Mit 16. Zu verstehen aber dann alles. Schon die Entdeckung des Ulysses kam aus dem Wunsch nach Fluchthilfe. Aus der Suche nach Fluchthelfern. Und missbräuchlich identifikatorisches Lesen war die Folge. Aber was für ein Gelingen der Flucht. Welche Entwindungen wurden da möglich. Ein Bekannter meines Vaters sagte beim Kaffee auf einer Veranda im Salzburgischen, dass er seine Einschlafprobleme mit dem Ulysses bekämpfe. Das Buch läge auf seinem Nachtkästchen. Seit Jahren läge es da. Er verstünde gar nichts von dem Buch. Aber. Eine halbe Seite vor dem Einschlafen. Der beste Schlaf wäre der Lohn. Und dazu lächelte er so zu meinem Vater über den Tisch hinüber. Ironisch. Überlegen. Sicher, dass alle seiner Meinung waren. Einer katholisch sozialisierten Person gerät das Gegen-diese-Religion-Sein leicht selbst zur Religion. Die Geste des Dagegenseins wird so rigoros wie die Selbstaufgabe von Zugehörigkeit. Und ich war 16, und das ironisch überlegene Einverständnis an diesem Frühstückstisch machte mich weinen vor Zorn und Hilflosigkeit."

Einen Geburtstagsgruß an Leopold Bloom schicken auch Anna Katharina Hahn, Martin Mosebach und Michael Rutschky.

Weitere Artikel: Gunnar Luetzow stellt "Sonic Nurse" von Sonic Youth vor. Martin Altmeyer berichtet über eine Konferenz der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, die sich in Berlin Gedanken über die Hintergründe des Terrorismus machte. In Times Mager ermuntert Ina Hartwig zur Lektüre der dicken drei: Joyces "Ulysses", Musils "Mann ohne Eigenschaften" und Prousts "Auf der Suche nach verlorenen Zeit": "Selbst schuld, wer es sich nicht gönnt, die großen erzählerischen Berge der klassischen Moderne zu besteigen, und zwar bis zur Spitze. Denn auf der Spitze gestanden zu haben (liegend, auf dem Sofa), bedeutet die Zähigkeit der Zeit kennen gelernt zu haben."

Besprochen werden Jan Fabres "Tannhäuser"-Inszenierung am Brüsseler Theatre de la Monnaie und Laurent Pellys Inszenierung der Rameau-Oper "Les Boreades" am Opernhaus Zürich.

Weitere Medien, 16.06.2004

Bloomsday auch in den anderen Zeitungen: in der Berliner Zeitung schreibt Wladimir Kaminer, im Tagesspiegel schreibt Ulrich Peltzer. Der Guardian bietet ein Weblog und viel anderes Material zum Bloomsday.
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Welt, 16.06.2004

Ist die SPD noch zu retten? Sicher, meint Peter Glotz und erklärt wie: "Jetzt sind nicht bohrende Sinnfragen angesagt, sondern eine gut gemachte Politik. Schröder hat mit seiner schroffen Wendung gegen den Irak-Krieg eine richtige Entscheidung getroffen und könnte jetzt die Ernte einfahren. Ein Willy Brandt hätte von solch einem Konflikt viele Jahre gelebt und alle Praxisgebühren der Welt mit diesem Thema auf die Spätnachrichten gedrückt. Warum ist die SPD 2004 dazu unfähig?"
Stichwörter: Willy Brandt, Peter Glotz, Irak

NZZ, 16.06.2004

Der so oft beschworene Krieg der Generationen wird wohl ausfallen, lästert Joachim Güntner, "die ungelenke und zuckerkranke Jugend taugt nicht zum Kombattanten. Übergewichtig, wie sie ist, kann sie die Alten nicht einmal mehr mit Körperidealen beschämen." Eine WHO-Studie unter Schülern in Europa, den USA und Kanada hat nämlich ergeben: "Sie haben zu wenig Bewegung, ernähren sich schlecht, rauchen und trinken zu früh und zu viel."

Weiteres: Samuel Herzog hat bei der fünften europäischen Kunstbiennale Manifesta in San Sebastian den Eindruck gewonnen, dass die "präsentierten Delikatessen wohl zu einem großen Teil doch eher bei stiller See gepflückt worden sind". Lutz Windhöfel feiert die Wiedereröffnung des Architekturmuseum Basel in den "sanft umgebauten spätklassizistischen Steinenberg-Räumen" der Basler Kunsthalle.

Besprochen werden außerdem Bücher, darunter Otto Mazals Geschichte der Buchkultur im Frühmittelalter, Ruben Gonzalez Gallego Unglücksbericht "Weiß auf Schwarz", Kurt Palms James-Joyce-Alphabet "Der Brechreiz eines Hottentotten" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 16.06.2004

Bloomsday auch in der FAZ. Sie hat Zeitungsmeldungen vom Tage zusammengetragen, die im Hintergrund auch in Joyces "Ulysses" eine Rolle spielen. Aus Berlin kam folgende Meldung: "Bei den Ermittlungen im Mordfall Lucie Berlin hat die Polizei heute einen großen Erfolg bekannt gegeben. Nachdem am Dienstagnachmittag der Kopf und die Arme des Mädchens am Hafen in Plötzensee gefunden worden waren, wurde gestern in der Wohnung von Johanna Liebetrut, einer Nachbarin der Familie Berlin im Haus Ackerstraße 180, in einem Wäschestapel verborgen ein etwa 50 cm langes Messer mit Blutspuren entdeckt, das allgemein für die Tatwaffe gehalten wird.... " Tilman Spreckelsen erläutert in einem zugehörigen Artikel "wie die Welt in den 'Ulysses' geriet."

Weitere Artikel: Richard Kämmerlings glossiert die mögliche Ladung Peter Handkes vor das Tribunal von Den Haag - der Schriftsteller soll dort als Entlastungszeuge für Milovan Milosevic aussagen, wozu er auch gerne bereit zu sein scheint. Andreas Platthaus begrüßt ein Urteil gegen einen Journalisten, der über Ebay seine Rezensionsexemplare verkloppte, womit er die Buchpreisbindung, unterlief. Jordan Mejias berichtet, dass der Fahneneid an amerikanischen Schulen zulässig bleibt. Joseph Hanimann setzt seine lexikalischen Grenzgänge zwischen Frankreich und Deutschland mit den Begriffen "Reformwille" und "esprit de reforme" fort. Heinrich Wefing meldet, dass die Telekom-Stiftung die Naturwissenschaften fördern will.

Jordan Mejias schildert, wie Bill und Hillary Clinton ins Weiße Haus zurückkehrten, um dort ihre offiziellen Porträts abzugeben. Mechthild Küpper berichtet von der Vorstellung eines Buchs zum 17. Juni der Historiker Bernd Eisenfeld, Ilko Sascha-Kowalczuk und Ehrhard Neubert. Alfred Beaujean freut sich über die großen Erfolge von Lars Vogts Kammermusikfestival "Spannungen" in der Turbinenhalle des Kraftwerks Heimbach. Joseph Croitoru stellt eine israelische Dissertation der Forscherin Sachlav Stoler-Lis vor, die nachweist, dass eugenisches Gedankengut auch bei frühen israelischen Medizinern verbreitet war. Matthias Grünzig hat das vom Architekten Ferdinand Heide entworfene Besucherzentrum zur internationalen Bauausstellung Fürst-Pückler-Land (mehr hier) in der Lausitz besucht. Und Wiebke Hüster singt eine Hymne auf die französische Tanzgruppe Systeme Castafiore, die in der Provence aufsehenerregende Choreografien mit Schulkindern erarbeitete.

Auf der Medienseite kommentiert Michael Hanfeld die Berufung Giovanni di Lorenzos vom Tagesspiegel zum Chefredakteur der Zeit. Christian Deutschmann schildert einen Streit zwischen der Akademie der Künste und der ARD, der die Ausrichtung der Berliner "Woche des Hörspiels" gefährdet. Franz-Solms Laubach widmet der Kabel 1-"Eventdokumentation" mit dem Titel "Auf den Spuren Winnetous", die sich auf die Suche nach den kroatischen Spielorten der Karl-May-Verfilmungen begibt, eine ausführliche Reportage.

Auf der letzten Seite schreibt Bogdan Musial, der polnische Historiker, der einst den Streit um die Wehrmachtsausstellung entfachte, über die Verbrechen der sowjetischen Partisanen in Weißrussland - unter anderem an der polnischen Partisanenbewegung. Irene Bazinger klagt über die Halbierung des Etats beim Berliner Carrousel-Theater, dem größten Kinder- und Jugendtheater Deutschlands. Und Manfred Lindinger gratuliert dem Erfinder des World Wide Web, Tim Berners-Lee, der für seine Erfindung mit dem Millennium-Technologie-Preis ausgezeichnet wurde - das Preisgeld, eine Million Dollar, ist das erste Geld, das Berners-Lee für seine Erfindung bekommt!

Besprochen werden Verdis "Don Carlo" in der Inszenierung Philipp Himmelmanns an der Berliner Lindenoper, eine Installation der Künstlerin Paulina Olowska im Kunstverein Braunschweig, eine Ausstellung mit Fotografien Martin Pudenz' in Frankfurt.

SZ, 16.06.2004

Auch die SZ feiert heute Bloomsday. Die Redaktion flicht dem Anzeigen-Akquisiteur Leopold Bloom einen Geburtstagsstrauß aus Miniaturen zu guten Reklamereimen, schwierigen Anzeigenkunden, der verlorenen Unschuld der Branche, der strukturellen Verbundenheit von Werbung und schönen Frauen und und und.

Ansonsten gibt es Besprechungen, die natürlich allesamt mit "Ulysses"-Zitaten überschrieben sind. Auf der Schallplattenseite huldigt Thomas Steinfeld dem Klang - "wie treibendes, klares Wasser" - in Till Fellners Einspielung des Wohltemperierten Klaviers (mehr hier). Jens Malte Fischer geht vor Jacques Brel auf die Knie, von dem nun eine Gesamteinspielung zu haben ist. Besprochen werden auch Samuel Coleridge-Taylors Violinkonzert mit Philippe Graffin und Albeniz' "Iberia" vom Trio Campanella.

Weitere Besprechungen widmen sich einem offenbar ironiefreien "Macbeth" am Schauspiel Hannover, einer Schau von Bernd und Hilla Becher Arbeiten im Münchner Haus der Kunst und Richard Linklaters Romanze "Before Sunset" (Tobias Kniebe will nicht ausschließen, dass es Menschen gibt, die sich von Julie Delpie und Ethan Hawke nicht berühren lassen), und Bücher, darunter Les Murrays Versroman "Fredy Neptune" und Michael Stolleis "Geschichte des Sozialrechts in Deutschland" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).