Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.05.2004. In der SZ singt Mario Vargas Llosa ein Hohelied auf den "amourösen, empfindsamen Kult" der Tauromachie. Die FAZ weist nach, wie Wolfgang Petersen die "Ilias" mit dem Computer verhöhnt. In der NZZ zweifelt der Philosoph Otfried Höffe am Modellcharakter der Wirtschaft für die Universitäten. In der FR weist Claus Leggewie die Absurdität der Zuwanderungsdebatte nach - denn Deutschland ist längst ein Auswanderungsland. Im Tagesspiegel erkennt Daniel Barenboim das palästinensische Volk an.

FR, 07.05.2004

Der Politologe Claus Leggewie findet die Debatte über ein Zuwanderungsgesetz absurd: Deutschland sei inzwischen längst zum Auswanderungsland geworden. "Hatte Deutschland Anfang der Neunziger mit einem spektakulären Zuwachs - vor allem an Asylbewerbern, Bürgerkriegsflüchtlingen und ethnischen Deutschen - das Einwanderungsland USA sogar in absoluten Zahlen erreicht, ist der Saldo von Zu- und Abwanderung mittlerweile auf 133.000 Personen geschrumpft, nachdem es 1997 und 1998 schon keine Nettoeinwanderung mehr gab."

Daniel Kothenschulte fragt sich, warum der Regisseur Michael Moore so überrascht tut, dass sein Film "Fahrenheit 11", der die Beziehungen zwischen den Familien Bush und Bin Laden beleuchten soll, nicht mehr von Disney unterstützt wird. Disney, dessen Hauptsitz in Florida liegt, wo es "beachtliche Steuerrabatte" von Gouverneur Jeb Bush genießt, hat sich aus dem Projekt zurückgezogen. Aber "Michael Moore, der mit Film und zwei schnell hintereinander herausgebrachten Büchern zum Multimillionär geworden ist, hätte ... das Budget ohne jede Kraftanstrengung selbst stemmen können. Es gibt wohl kein Low-Budget-Projekt, das sich im US-Wahljahr größere Gewinnchancen ausrechnen könnte", meint Kothenschulte.

Weitere Artikel: Die Niederländer besinnen sich auf ihr architektonisches Erbe: Anneke Bokern stellt mehrere bedeutende Gebäude des Modernismus vor, die jetzt renoviert worden sind, darunter das 1928 von Johannes Duiker entworfene Tuberkulose-Sanatorium De Zonnestraal in Hilversum. Anlässlich des Starts von Wim Wenders Blues-Semi-Dokumentation "The Soul Of A Man", erster Film der siebenteiligen Reihe "The Blues", porträtiert Andreas Hartmann die aktuelle Blues-Szene in den USA. Harry Nutt gratuliert dem Historiker Arno Lustiger zum Achtzigsten. In Times Mager meditiert Burkhard Müller-Ulrich über den "Fehlalarm".

Besprochen werden die Sammlung zeitgenössischer Kunst des Ehepaars Scharpff, die unter dem Titel "Heißkalt" in der Staatsgalerie Stuttgart ausgestellt wird, und Bücher, darunter Paul Noltes "Generation Reform" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 07.05.2004

Andreas Platthaus hat Wolfgang Petersens "Troja"-Film, den Blockbuster der Saison, schon gesehen, ist aber alles in allem nicht zufrieden mit dem, was Petersen aus Homer gemacht hat: zum Beispiel "aus dem eindrucksvollen und historisch so wichtigen Schiffskatalog des zweiten Gesangs, der minuziös die von den griechischen Völkern gestellten Kontingente auflistet, wird bei Petersen die himmelstürmende Kamerafahrt, die einen Blick auf ein mit Schiffen geradezu gesprenkeltes Meer eröffnet. Doch diese Einstellung wurde durch die computergestützte Vervielfältigung von nur fünf Schiffsmodellen erzeugt - eine Verhöhnung der akribischen Differenzierung der 'Ilias'."

Weitere Artikel: Edo Reents erbringt in der Leitglosse den lebenden Beweis, dass "auch der Spargel bei ausdauernder Betrachtung ein knallhartes Feuilletonthema" ist. "rmg" berichtet über den höchsten Zuschlag, der je für ein Gemälde erreicht wurde, über 100 Millionen Dollar für Picassos "Garcon a la pipe", das vorgestern an einen unbekannten Ersteigerer ging. Josef Oehrlein hat die "Götterdämmerung" im "merkwürdigsten aller Opernhäuser der Welt" gesehen, nämlich in der Oper in der brasilianischen Dschungelstadt Manaus und ist hoch zufrieden mit den Leistungen des britischen Regisseurs Aidan Lang, des Dirigenten Luis Fernando Malheiro und einiger Sänger. Gina Thomas berichtet, dass die britische Regierung entgegen Jahrhunderte langer Tradition einen Gesetzentwurf zur Schaffung von Personalausweisen, und zwar gleich mit "biometrischen Daten wie Fingerabdruck und Irisaufnahme" einbringt, ohne auf allzu viel Widerspruch zu stoßen. Henning Ritter gratuliert Arno Lustiger zum Achtzigsten. "R.O." meldet, dass "die ungarische Ausgabe des Romans 'Die Blechtrommel' von Günter Grass soeben 'aus Versehen' abermals in einer alten, während des kommunistischen Regimes zensierten Fassung" erschienen ist - der Irrtum soll korrigiert werden. Magnus Klaue erkundet die rechtsradikale Rockmusikszene im Internet (und nennt Adressen wi "Rocknord"). Rh meldet, dass die Bayern in ihrer Berliner Landesvertretung ein "sudetendeutsches Zimmer" eingerichtet haben.

Besprochen werden Julie Bertuccellis Film "Seit Otar fort ist ..." und Heinrich Marschners romantische Oper "Hans Heiling" in Cagliari, Sardinien.

Auf der Medienseite ermittelt Michael Hanfeld, "was die ARD durch Sponsoring und Gewinnspiele verdient" (nämlich "zusammen 43,6 Millionen Euro durch Sponsoren und Gewinnspiele übers Telefon). Außerdem meldet Hanfeld, dass der Streit im Hessischen Rundfunk um die Radiosendungen "Der Tag" und "Schwarzweiß" weiter anhält (hier die entsprechenden Rettungsseiten).

Für die letzte Seite besucht Hans-Peter Riese "eines der kuriosesten Bauwerke, das eine amerikanische Regierung je zu verantworten hatte", einen dreißig Jahre lang geheim gehaltenen Atombunker für den Kongress, dessen Eingang im Hotel "The Greenbrier" in West Virginia liegt. Oliver Tolmein wirft einen kritischen Blick auf neue Grundsätze der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung. Eleonore Büning porträtiert den Musikbuchmacher Uwe Schweikert, der beim Verlag Metzler seinen Abschied nehmen muss, weil sich für die Verlagsbesitzer Holtzbrinck das Machen von Musikbüchern einfach nicht lohnt.

SZ, 07.05.2004

"Die Feinde der Tauromachie irren sich, wenn sie glauben, der Stierkampf sei eine reine Übung in Gemeinheit, bei der eine irrationale Masse ihren atavistischen Hass an einem Tier abreagiert. Hinter der Fiesta steht im Gegenteil ein eigener amouröser, empfindsamer Kult, der den Stier zum König erhebt", erklärt der der Schriftsteller Mario Vargas Llosa seine Liebe zur Corrida: "Das Faszinierende an einem guten Stierkampf sind ja gerade die Grazie, die Technik, der Elan und die Inspiration des Toreros, die Tapferkeit, der Adel und die Eleganz des Stieres. Wenn diese in der Corrida eine gelungene Verbindung eingehen, werden aller Schmerz und alle Gefahr ausgeblendet. Die dabei entstehenden Bilder haben etwas von der Intensität der Musik, der Bewegung des Tanzes, der Plastizität bildender Kunst und der flüchtigen Tiefe des Theaters. Der Stierkampf besitzt Elemente des Rituellen und der Improvisation. Er ist in manchen Augenblicken aufgeladen mit Religiosität, Mystik und einem Symbolismus, der die conditio humana widerspiegelt - unser Leben existiert nur dank seines Gegenstücks, dem Tod. In der schönsten Nachmittagssonne ausgetragen, erinnern uns die Stierkämpfe daran, wie unsicher unsere Existenz ist und wie wunderbar sie gerade aufgrund ihrer zerbrechlichen und vergänglichen Natur ist."

Weiteres: Andrian Kreye berichtet von einer New Yorker Veranstaltung, auf der unter anderen Journalisten und Filmemacher die "Marke Amerika" diskutierten. Sonja Zekri verabschiedet mit Spezialist Lynndie England die Illusion, dass Frauen in der Armee einen pazifierenden Einfluss hätten. Stefan Koldehoff meldet den Durchbruch einer Schallmauer: Bei Sotheby's wurde für Picassos "Jung mit Pfeife" mehr als 100 Millionen Dollar gezahlt, Käufer unbekannt.

Adrienne Braun erfreut sich am restaurierten Ludwigsburger Schloss, das nun um eine Barockgalerie und ein Keramikmuseum erweitert wurde. Svenja Klaucke steht noch ganz im Banne eines musikalischen Großereignis: der Hommage an Luigi Nono bei der MusikTriennale Köln. Francesca Giudice stellt den Koordinator der stärksten Bürgerbewegung Italiens gegen Berlusconi vor, Gianfranco Mascia, der für sein Engagement einen Preis einer Freiburger Stiftung zur Förderung eines Kantschen Weltbürger-Ethos erhält.

Besprochen werden Johan Simons "Richard III"-Inszenierung in Eindhoven, die Ausstellung zu Peter Doig in der Münchner Pinakothek der Moderne, Julie Bertucellis Film "Seit Otar fort ist..." und Bücher, darunter Doris Lessings Roman "Ein süßer Traum", Maxim Billers "Bernsteintage" und Kinderbücher (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
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NZZ, 07.05.2004

Der Tübinger Philosoph Otfried Höffe (mehr hierblickt in einem längeren Debattenbeitrag misstrauisch auf Versuche, die Universitäten nach Vorbildern aus der Wirtschaft neu zu organisieren: "Denn ob man auf Harvard, Princeton oder die Scuola Normale Superiore in Pisa blickt: Hochschulen können dort blühen, wo sie über viele Generationen von staatlichem Reformismus und hochschulpolitischer Gleichmacherei weitgehend verschont bleiben."

Außerdem berichtet Georges Waser ausführlich über die Versteigerung eines bisher unbekannten Conan-Doyle-Archivs. "B. En." stellt das Programm der Spielzeit 04/05 im Stadttheater Bern vor. Und Claudia Schwartz weist auf den Berliner Designmai hin. Besprochen werden eine Ausstellung des Barockmalers Guercino (1591-1666) in den Räumen der Stazione Termini in Rom (mehr hier) und eine Baselitz-Ausstellung im Kunstmuseum Bern.

Auf der Filmseite rechnet Gerda Wurzenberger es dem Regisseur Fatih Akin hoch an, dass er mit seinem Film "Gegen die Wand" "in Zeiten von Terrorangst, Kopftuchdebatten und verhärteten Fronten zwischen den Kulturen den Mut hatte, die Schwierigkeiten einer deutsch-türkischen Generation ausgerechnet in einer äußerst gewaltvollen Liebesgeschichte zur Diskussion zu stellen."

Weiteres: Heribert Seifert hat bei den 50. Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen "nur wenig Herausragendes" gesehen. Besprochen werden noch Stephen Sommers' Vampirfilm "Van Helsing" und Sören Kragh-Jacobsens "poetische, witzige" Liebesgeschichte "Skagerrak".

Auf der Medien- und Informatikseite berichtet set. über Internet-Suchmaschinen, die Suchergebnisse geografisch eingrenzen. Neben Google.ch sind das in der Schweiz Search.ch und Swissclick. S. B. informiert über die anstehenden neuen Microsoft-Produkte. Vorgestellt werden weiter zwei journalistische Websites: Claus Kochs Neue Phosphoros und largeur.com, ein Westschweizer Journal mit Beiträgen zu Themen aus Kultur oder Lifestyle, Politik, Medien oder Wirtschaft. Und ii. stellt vier Deutschschweizer Netmagazine vor, die versuchen, mit ihrem Angebot auch Geld zu verdienen: www.nachrichten.ch; www.onlinereports.ch; www.cosmopolis.ch und www.plebs.ch.

Tagesspiegel, 07.05.2004

"Der Nahost-Konflikt ist ein Konflikt der sozialen Gerechtigkeit", schreibt Daniel Barenboim, der heute in Ramallah dirigieren und übermorgen in Jerusalem den Wolf-Preis erhalten wird. "Und er ist wie kein anderer an die politische Entwicklung des Staates Israel gebunden, vom frühen Zionismus und Sozialismus der Zwanzigerjahre bis zum heute herrschenden Kapitalismus. Die Gründung des Staates Israel hat den Juden als Juden eine Identität gegeben, zum ersten Mal seit 2000 Jahren. Aber solange wir Juden uns die Frage nicht beantworten: Was ist ein Jude? Und: Wie definieren wir uns? - solange wir nicht wissen, wer wir sind, solange können wir mit den Palästinensern nicht verhandeln. Und wenn wir mir den Palästinensern nicht verhandeln, wird der Staat Israel eine Episode bleiben in der Geschichte des jüdischen Volkes. Die Akzeptanz des palästinensischen Volkes ist unsere einzige, langfristige Sicherheit, kein Herr Bush und sonst auch niemand."

TAZ, 07.05.2004

"Frank Castorf hat die ersten Ruhrfestspiele unter eigener künstlerischer Leitung eröffnet, und wer etwas Arbeitnehmer- und Arbeitslosenfreundliches in alter Ruhrfest-Tradition wie 'Kohle für Kunst - Kunst für Kohle' erhofft hatte, der hatte sich geschnitten", hält Alexander Haas von Castorfs Einstand fest und erklärt uns die aktuelle Parole: "Das Motto 'No Fear' bedeutet eine Absage an den Funktionstüchtigkeitsterror des globalisierten Kapitalismus und zugleich mit Stirner einen Appell zum Mut zur eigenen Grenze. Außerdem natürlich eine Absage an die gegenwärtige Politik der Angst in den USA und Teilen Europas."

Weiteres: Tobias Rapp schlägt die Trommel für den brasilianischen Klangexperimentator Tom Ze (mehr hier), der heute Abend in Berlin ein Konzert gibt. Dorothea Hahn kündigt Proteste von Schauspielerinnen, Regisseuren und Technikern in Cannes an. Besprochen wird Jane Birkins neue CD "Rendez-vous", auf der, wie sollte es anders sein, die "Fährnisse des Liebeslebens" besungen werden.

Hingewiesen sei noch auf die Tagesthemenseiten mit einem äußerst lebhaften Streitgespräch über Islam und Integration: "Wir stehen in Deutschland unter Generalverdacht", sagt Milli-Görüs-Chef Oguz Ücüncü. Es herrsche eine islamophobe Stimmung. - "Milli Görüs verstärkt die Tendenz zu einer Parallelgesellschaft", sagt der Publizist Eberhard Seidel.

Und noch TOM.