Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.08.2003. In der SZ erinnert sich Gräfin Razumovsky, wie Adorno einmal über Proust fast weinen musste. Die NZZ blickt mit unaufgeregter Zufriedenheit auf die Filmfestspiele von Locarno zurück. In der FAZ kann Andrea Fischer die These vom Machtzuwachs der Frauen in den Medien (und sonstwo) nicht bestätigen.

SZ, 18.08.2003

Die Gräfin Dorothea Razumovsky erinnert sich an Theodor W. Adorno und zitiert aus einem Brief ihres Mannes, der in den fünfziger Jahren Musikkritiker der FAZ war, über einen Abend mit Adorno: "Es wurde viel getrunken, und er begann plötzlich Proust vorzulesen, die (in der Tat unwahrscheinlich schöne) Stelle vom Tode des Dichters Bergotte, alias Anatole France. Er hat dabei fast geweint und sehr religiöse Sachen von sich gegeben. Er kam auf Dostojewsky und den Idioten... - eingefleischten Dialektikern wären die Haare zu Berge gestanden ... das Ganze dauerte bis halb zwei."

Alexander Kissler sieht das deutsche Judentum an der Schwelle einer neuen Epoche, die Zeit nach der Nachkriegszeit. "In Deutschland hat der Staatsvertrag zwischen der Bundesrepublik und dem Zentralrat innerjüdische Konflikte verstärkt. Er könnte alte Gräben zuschütten und neue aufreißen." Die alten Gegensätze zwischen Orthodoxen und Liberalen könnten vorübergehend unbedeutend werden, "der Eindruck drängt sich auf, dass Orthodoxe und Liberale eine Allianz gegen die ultraorthodoxen Sektierer bilden sollen."

Weitere Artikel: Fritz Göttler stellt klar, dass nicht Mel Gibson oder sein Jesus-Film antisemitisch sind, sondern dass die Radikalität der beiden Antisemitismus auslösen könnten. Das glaubt jedenfalls die Anti Defamation League, die "The Passion" kritisiert. Tobias Kniebe und Oliver Fuchs nutzen den Rückblick auf die Popkomm, wo sie sich inmitten von "Erfolgsideologen, Arschzusammenkneifern und Sich-Nichts-Anmerken-Lassern" fühlten, zu einer Befindlichkeitsstudie der Republik und ihrer Musik. Willi Winkler macht den kolonialistischen Westen für Idi Amin und seine Kollegen von Mobutu bis Hussein verantwortlich. Fritz Göttler verspürte auf dem Filmfestival von Locarno ebenso wenig Kreativität wie in Cannes. '"Imue" glaubt, dass mit der DDR-Box des Eulenspiegel-Verlags die Ostalgie-Welle noch nicht vorbei ist, denn die DDR habe einfach das Zeug zum Komischen. "cbs" meldet, dass Alvis Hermanis mit Gogols "Revisor" beim Salzburger Young Directors Project den Sieg davongetragen hat. Fritz Göttler schreibt zum Siebzigsten des Regisseurs Roman Polanski.

Besprochen werden Michael Thalheimers radikale Version von Büchners "Woyzeck" bei den Salzburger Festspielen, eine fulminante Schau über Hans Holbein den Jüngeren in Den Haag, Dieter Wedels nach wie vor stilistisch unsichere Inszenierung von Moritz Rinkes "Nibelungen" bei den Wormser Festspielen, die Ausstellung zum Leben von Italo Svevo und James Joyce in Triest, und Bücher, darunter Jean-Jacques Greifs leichter, ernster Band über "Mozart" für Anfänger, Peter Stothards Bericht über einen Monat an der Seite von Tony Blair im Krieg "30 Days. A Month at the Heart of Blair?s War", sowie Kai Hafezs und Birgit Schäblers differenzierte Studie "Der Irak. Land zwischen Krieg und Frieden" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FR, 18.08.2003

Peter Iden meldet sich von den Salzburger Festspielen und rapportiert pflichtfertig sowohl Michael Thalheimers Schwierigkeiten mit dem Publikum als auch das Gastspiel des lettischen Nachwuchsregisseurs Alvis Hermanis. Gogols "Revisor" hat er im originalgeteuen Sowjet-Stil auf die Bühne gebracht. "Seltener Fall der exakten szenischen Rekonstruktion eines 'falschen' Stils, durchgeführt mit allen Mitteln der übertreibenden Karikatur aller Figuren und äußerster Genauigkeit in jedem Detail der Personenzeichnung und des Bühnenbildes." Gründsätzlich klettert Iden im Augenblick aber lieber, zu den blauen Digitalziffern hoch über der Stadt. "'Ziffern im Wald' heißt die Arbeit. Sie lohnt den Aufstieg auf den Berg womöglich mehr als zur Zeit manchen Gang ins Theater."

Weitere Artikel: Daniel Kothenschulte blickt auf das eben zu Ende gegangene Filmfestival von Locarno, das alte Grand Hotel und die schöne Dorfjugend. Christian Thomas erklärt, was Peter Eisenman mit dem Stelenfeld des Holocaust-Denkmals bezweckt: eine "schmerzende Metapher". Silke Hohmann resümiert das letzte Wochenende der Popkomm in musikalischer wie kulinarischer Hinsicht. Alexander Schnackenburg mäkelt in Times mager ein wenig an der unkorrekten Machart von Richard's Romme herum, einem Kartenspie rund um die Intriganten des Wagnerschen Kosmos, das in Bayreuth reißenden Absatz findet.

Auf der Medienseite würdigt Dirk Engelhardt eine kleine Kreuzberger Radiostation, die nun schon zum dritten Mal in New York zum besten Jazz-Sender der Welt gekürt wurde. Roderich Reifenrath schreibt zum Tod des großen Gerichtsreporters Gerhard Mauz.

TAZ, 18.08.2003

Wenig geschlafen hat Anke Leweke ihrem Bericht zufolge auf dem Filmfestival von Locarno. "Die Straßen von Locarno haben sich in eine Disco-Meile verwandelt, jede noch so kleinste Bar protzt mit DJ oder Band. Zu Ehren der Retrospektive 'All that Jazz' findet jede Nacht genau unter meinem Hotelfenster eine Jam-Session statt. Die Musik hat die Stadt vollkommen im Griff. Sie übertönt das sanfte Plätschern am Ufer des Lago Maggiore und belästigt die wunderbare Bergkulisse mit jazzigem Gequäke, so als sei man im falschen Film. In den richtigen Filmen - das muss man leider feststellen - war es dann auch nicht viel anders." Etwa bei Sönke Wortmann, der sein "Wunder von Bern" mit einer Schlachtenmusik unterlegt, "wie man sie nur aus miesen amerikanischen Kriegsfilmen kennt".

Auf der Tagesthemenseite erinnert Dominic Johnson Uganda daran, dass nach dem Tod von Idi Amin nun auch die Verdrängung seiner Schreckensherrschaft beendet werden muss. Dazu eine schöne Sammlung mit Zitaten von und über Amin ("Ich will dein Herz. Ich will deine Kinder essen", soll Amin etwa zu einem Berater kurz vor dem Abendessen gesagt haben).

Weiteres: Daniel Bax sieht schwarz für die Popkomm: Musik fad, Rahmenprogramm langweilig, Überleben in Berlin unsicher. Helmut Höge streift durch die Untiefen der ästhetischen Ökonomie, erinnert sich an die Zeit, als er Waschmittel nach Saratow verhökerte und bezweifelt die Eignung des Künstlers "als Prototyp des neuen Homo Oeconomicus". Magdalena Kröner staunt über den Fernsehmaler Bob Ross, der mit seinem "Joy of Painting" (Sendetermine) immerhin in 20 Ländern vertreten ist, was er angeblich vor allem seinem kühl kalkulierten Sexappeal zu verdanken hat.

Auf der Medienseite lesen wir ein Interview mit Stefan Krohmer, dem Regisseur von "Familienkreise", eine schon im Vorfeld hochgelobte wie gut besetzte Vater-Sohn-Studie im Fernsehen.

Schließlich Tom.
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NZZ, 18.08.2003

Mit "ruhiger, geradezu unaufgeregter Zufriedenheit" blickt Alexandra Stäheli auf die zu Ende gegangenen Filmfestspiele von Locarno und fragt: "Könnte in der glanzlosen Schlichtheit nicht auch ein Potenzial Locarnos liegen? Muss man denn zwischen Berlin und Venedig immerzu Jennifer Lopez' neuste Entlobungsstreitereien und George Clooneys schleppende Reflexionen zum Weltgeschehen als Voice- over zum aktuellen Filmgeschehen hören? Ist es nicht denkbar, dass gerade das unprätentiöse Nebeneinander der Filme dem Locarno-Publikum - das ohnehin mehr durch das Charisma des Ortes als durch Promi-Hetze angezogen wird - einen unverstellten Blick auf Unbekanntes zu bieten vermag? Müsste man sich nicht an das Credo halten, das an der etwas spastischen Preisverleihung am Samstagabend mehrfach zu hören war: dass Locarno ein Festival der jungen Talente und der Entdeckungen sein möchte?"

Maike Albath porträtiert den jungen italienischen Schriftsteller Niccolo Ammaniti (mehr hier), dessen erster Roman von seinem Vater erzwungen wurde: "Als Student der Biologie hatte Ammaniti sich wochenlang im Labor herumgetrieben und eine Diplomarbeit über 'Die Übertragung von Acetylcholin auf Neuroblastom' geplant, seinen Eltern aber die fehlenden Prüfungen verheimlicht, die dem Examen noch hätten vorangehen müssen. Als seinem Vater, einem international bekannten Kinder-Psychoanalytiker, die mangelnde Disziplin des Sohnes auffiel, griff er zu extremen Maßnahmen: Niccolo wurde tagsüber in die väterliche Praxis verfrachtet. Während der Arzt die 50-Minuten-Sitzungen mit seinen Patienten absolvierte, schlief der flüchtige Diplomand; in den Pausen tat er so, als schriebe er. Außer biologischer Fachliteratur gab es keine Bücher, lediglich den leeren Bildschirm eines Computers, und um seiner Zwangslage zu entkommen und den klaustrophobischen Zustand zu neutralisieren, begann Niccolo Ammaniti mit der Arbeit an einem Roman."

Für Andrea Köhler könnte in New York ruhig öfter das Licht ausgehen. "Die Restaurants hatten Tische hinausgestellt und servierten Wasser und Wein, die Delikatessenläden leerten die Kühlfächer und verschenkten tauende Spezialitäten; an den toten Ampeln gaben Schauspieler Performances mit dem Titel Verkehrspolizist."

Besprochen werden Georg Friedrich Haas' atemberaubende Oper "Die schöne Wunde" bei den Bregenzer Festspielen und Michael Thalheimers Inszenierung von Büchners "Woyzeck" in Salzburg.

FAZ, 18.08.2003

Die FAZ setzt ihre Reihe über den unbilligen Machtzuwachs der Frauen in den Medien fort. Die ehemalige Ministerin Andrea Fischer kommt aber überraschender Weise zu einem anderen Ergebnis als FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, der sich in mehreren Artikeln von den unheimlichen Mogulinnen umstellt sah: "Was, wenn Frausein plötzlich zum Vorteil beim raueren Kampf um Quoten und Auflagen werden sollte? Die Kehrseite ist ja unterhalb der Wahrnehmungsschwelle: all die vielen jungen, gut ausgebildeten Frauen, die so um die Dreißig still aussteigen aus den vielversprechenden Karrierewegen, wenn auch ganz bestimmt nur vorübergehend. Oder der eklatante Mangel an Chefredakteurinnen, in allen deutschen Tageszeitungen ganze zwei. Keinem Berliner Parlamentsbüro einer bedeutenden Zeitung oder eines Magazins steht eine Frau vor. Erst vor wenigen Wochen wurde zum ersten Mal eine Intendantin einer Rundfunkanstalt gekürt; kein einziger wichtiger privater Sender wird von einer Frau geführt."

Andreas Rosenfelder empfindet beim Gang über die Popkomm den bitteren Triumph des Kölners: "Im Vergleich zum Vorjahr fiel die Ausstellerzahl von 790 auf 618, die Zahl der Fachbesucher brach von 14 533 auf 10 247 ein. Da passte das Gerücht, Dieter Gorny als neuer Herr über die Popkomm habe dem Berliner Senat lediglich ein totes Label verkauft und nicht die von der Hauptstadt erhoffte heiße Ware, ins Bild."

Weitere Artikel: Gerhard Stadelmaier legt seine Unzufriedenheit mit der Salzburger Woyzeck-Inszenierung in einer seiner berühmten Kurzmeldungen dar: "Rufmord an Woyzeck. Begangen vom Spielvogt Michael Thalheimer und dem Hystero-Schmuddel-Ensemble des Hamburger Thalia." Jürgen Kaube schließt aus dem Zustand des Titanic-Wracks, das stärker zerfressen ist als die Wissenschaft vermutete, dass die Mikroorganismen im Meer wegen Überfischung der Gewässer überhand nehmen. Jordan Mejjias schildert das Aufatmen eines wieder mit Strom versorgten New York. Dieter Bartetzko stellt die neue Lübecker Ausstellungshalle im Annenkloster vor. Petra Kolonko konstatiert in der Metropolenreihe "Geld oder Leben" Touristenmangel und Preisverfall in Peking nach der Sars-Seuche. Konstanze Crüwell resümiert die jüngsten Darmstädter Proteste gegen die Verlegung von Holbeins Schutzmantel-Madonna ins verhasste Frankfurt. Michael Althen schickt dem siebzigjährigen Roman Polanski einen knappen Geburtstagsgruß. Martin Kämpchen schildert die fruchtlosen Bemühungen der Inder um ein einheitliches Familienrecht.

Auf der Medienseite schreibt Patrick Bahners zum Tod des Gerichtsreporters Gerhard Mauz. Alexander Bartl beobachtet den Dokumentarfilmer Klaus Stern, der wiederum einen ehemaligen Unternehmer der New Economy beim Lecken seiner Wunden beobachtet. Gemeldet wird, was die Spatzen von allen Dächern pfeifen: Der Chefredakteur des Tagesspiegel, Giovanni di Lorenzo, soll angeblich Chefredakteur der Zeit werden, und Feuilleton- und Literaturteil der Zeit werden wieder zusammengelegt wie einst.

Auf der letzten Seite begeht Christian Schwägerl das brandenburgische Naturschutzgelände Jüterbog-West. Wolfgang Sandner porträtiert Wolfgang Knauer, alias Dr. Jazz, denn Knauer ist Chef des in Darmstadt befindlichen größten Jazz-Archivs Europas. Und Andreas Rossmann beschwert sich über ein Großplakat, das die Zeche Zollverein, ein Weltkulturerbe, verschandelt.

Besprochen werden eine Ausstellung über "Russland und die Avantgarden " in der Fondation Maeght in Saint-Paul de Vence. , die Opern "Semiramide" und "Le Comte Ory" beim Rossini-Festival in Pesaro, eine Ausstellung der Fotos von Robert Lebeck in Bonn, eine Ausstellung über die Schlösser und Gärten Mecklenburg-Vorpommerns in Barth und einige Sachbücher, darunter eine Bild-Monografie übe Adorno und die Adorno-Biografien von Detlev Claussen (mehr hier) und Stefan Müller-Doohm (mehr hier).