Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.02.2003. Ereignis des Wochenendes waren ganz klar die "Groundings" des fast abgesägten Zürcher Intendanten Christoph Marthaler - das erste Theaterstück über die Aktieneuphorie und ihr dunkles Ende. Die FAZ macht sich aber auch Sorgen über die Schweizer: Können die noch deutsch? Die SZ verspürt Aufbruchsstimmung in Kenia. In der taz porträtiert Gabriele Goettle einen Bombenentschärfer.

SZ, 24.02.2003

Axel Timo Purr denkt über die Aufbruchsstimmung nach, die in Kenia seit der Wahl Mwai Kibakis herrscht: Eine Antikorruptionsbehörde wurde gebildet und schon "kündigt der IWF an, seine Politik gegenüber Kenia zu überdenken. Das ist eine große Meldung in den kenianischen Medien, denn jeder weiß, dass nur mit den Krediten der Bretton Woods Institutionen all die großen Wahlversprechen eingelöst werden können." Allerdings fragt sich Purr, warum sich "die westlichen Geberländer so begierig auf die These von der Korruption" stürzen? "Ist es vielleicht mehr als Zufall, dass die ersten Forderungskataloge zu einem Zeitpunkt ausgehändigt wurden, als sich nicht nur an den Neuen Märkten der westlichen Welt abzuzeichnen begann, wie korrupt das eigene Wirtschaftssystem im Grunde ist?"

Jürgen Zimmerer schildert den neu entbrannten Historikerstreit in Australien über die geschichtliche Rolle von Einwanderern und Aborigines: Eine Schlüsselrolle spielt dabei das 2001 eröffnete australische Nationalmuseum, das "ausdrücklich die Geschichte der Aborigines als Teil der australischen Geschichte" begreift. Die Regierung, so Zimmerer, hat jetzt eine Revision der Ausstellung initiiert, die befürchten lässt, dass "die politische Ausrichtung des Museums insgesamt" geändert werden soll.

Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse führt uns ein in das politische Kabarett seines Heimatlandes. "Was ist passiert? Ist überhaupt etwas passiert? Österreich hat seit einem Vierteljahr keine Regierung - die allerdings identisch ist mit der Regierung zuvor. Bald aber wird Österreich eine neue Regierung bekommen, und die wird die alte sein." Trotz der "heiligen Dreifaltigkeit von Irrationalismus, Begriffsstutzigkeit und Vergesslichkeit" müsste die nächste Regierung eigentlich Schwarz-Grün sein, spekuliert er, um dann wieder alles umzuwerfen. Nur eines ist sicher: "Jetzt muss Schüssel seinen Weg zu Ende gehen. Der Weg ist nicht mehr lang."

Weitere Artikel: Der Bestseller-Autor und Angst-Profi Richard Preston (mehr hier) spricht über das Erbe der Biowaffenforschung und die Gefahr einer Pocken-Attacke. Willi Winkler bemerkt zufrieden, dass die USA in Person von Colin Powell zum ersten Mal in aller Öffentlichkeit ihre unrühmliche Rolle bei Putsch und Ermordung von Chiles Präsident Salvador Allende zugegeben haben. Alexander Menden fragt entstetzt, ob die Staatsoper Berlin wirklich an US-Investoren verleast werden soll. Fritz Göttler interpretiert den Triumph von Roman Polanskis "Der Pianist" bei der Cesar-Verleihung als transzendenten "Moment des Utopischen". Stefan Koldehoff hat erfahren, dass Alfred Taubman erstens bald aus dem Gefängnis entlassen wird und er zweitens seinen Mehrheitsanteil am Auktionshaus Sotheby's nun doch nicht verkaufen will. Regula Freuler meldet, dass die Schweiz sich mit der BuchBasel von nun an eine zweite Buchmesse leistet. Und Joachim Sartorius druckt "besuch", ein Gedicht des Berliner Lyrikers Andreas Altmann.

Auf der Medienseite attestiert Senta Krasser RTL und seiner Expertenrunde zur Dokumentation über Michael Jackson umfassendes Versagen. Birgit Weidinger stellt in der Reihe "Große Journalisten" Ursula von Kardorff vor, die ab 1937 in München über Paris, Politik und Mode berichtete.

Besprochen werden Christoph Marthalers Heimatabend für Führungskräfte "Groundings" am Schauspiel Zürich, Andreas Rogenhagens westfälischer Arztfim "Die Frau, die an Dr. Fabian zweifelte", Mort Nathans schrille Kinokreuzfahrt "Boat Trip", Vera Nemirovas Freiburger "Carmen"-Inszenierung, die Uraufführung von Maria Hofmanns tragischer Komödie "Der Dichter und sein Diktator" in Salzburg, eine Ausstellung der Videoarbeiten von Marcel Odenbach im Kunstraum Innsbruck, und Bücher, darunter "Das fliegende Auge", Tom Tykwers langes Gespräch mit Michael Ballhaus, Emmanuel Todds Überlegungen "Weltmacht USA. Ein Nachruf" und Kurt Flaschs übersetzerische und essayistische Beschäftigung mit dem Decameron, "Vernunft und Vergnügen" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 24.02.2003

Gabriele Goettle (mehr hier) bekommt das ganze Feuilleton für sich und beehrt uns mit einer ihrer großen Reportagen, diesmal über den Bombenentschärfer Hans-Jürgen Weise. Der nimmt sie und uns mit auf den zentralen Sprengplatz von Brandenburg und erklärt alles über Bomben. "Diese Zünder haben auch eine Ausbausperre drin, wenn man die, sagen wir, um einen Millimeter überschätzt, dann explodiert der. Also die Bomben mit Langzeitzündern sind saugefährlich, sie entzünden sich alle alleine, sie gehen hoch! Da kann noch einiges passieren im Laufe der Zeit. Sie sind wie Uhrwerke, irgendwann kommen die. (...) Man nimmt überhaupt alles wahr, auch wie das von innen heraus riecht. Bomben riechen verschieden. Bomben, die aus der Wiese kommen oder aus dem Humusboden, die riechen moderig, mehr faulig. Das ist ein ganz blöder Geruch. Die Bomben, die hier in Oranienburg im Boden liegen, die riechen überhaupt nicht."

Die Irakexpertin Phyllis Bennis, Leiterin des Programms "Neuer Internationalismus" am Institute for Policy Studies in Washington und Kriegsgegnerin, erklärt im Interview auf den Tagesthemenseiten, wie die USA die Abstimmung im Sicherheitsrat gewinnen könnten: "Die drei afrikanischen Staaten müssen einen Stopp der US-Finanzhilfe fürchten. Chile hat zwar offenkundig mehr Macht als die afrikanischen Länder, es ist auch reicher. Aber Chile arbeitet seit neun Jahren an dem angestrebten Freihandelsabkommen mit den USA, und das muss jetzt muss noch durch den US-Kongress. Es liegt an der US-Regierung, wann sie das Abkommen zur Abstimmung stellt ?"

Auf der Medienseite bescheinigt Rainer Braun der Literaturverfilmung "Live aus Bagdad", die sich mit den Schwierigkeiten der Berichterstattung im Golfkrieg beschäftigt, den "Charme der Authentizität".

Schließlich Tom.

NZZ, 24.02.2003

Bisher wurde die staatliche Förderung von Kunst und Kultur immer nur lauthals eingeklagt, Michael Opielka liefert nun das theoretische Fundament, plädiert aber auch für eine stärkere Beteiligung von Produzenten und Konsumenten an den finanziellen Entscheidungen der Kulturpolitik. Uwe Justus Wenzel kommentiert Gunther von Hagens Leichenzug "Körperwelten", der seit gestern in München Halt macht, ebenfalls auf höchstem Niveau.

Urs Hafner berichtet von der Genfer Jubiläumstagung zum so genannten Mediationsakt von 1803, bei der Napoleon den Schweizer Eidgenossen ihre gleichberechtigten Kantone verpasste.

Besprochen werden Christoph Marthalers "lieblich-hintersinnigen" Klamaukabend "groundings" am Zürcher Schauspielhaus, Rossinis Oper "Mose e Faraone" in Luzern, die beiden Produktionen "Giustino" und "Silla" bei den Händel-Festspielen in Karlsruhe sowie eine Studie zu schweizerischen Bettelorden im Mittelalter.


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FAZ, 24.02.2003

Recht begeistert bespricht Gerhard Stadelmaier Christoph Marthalers Zürcher Stück "Groundings", das sich mit der Börsenkatastrophe und ihren Managern befasst "Der allgemeine Ruin ist keine Tragödie - sondern eine lachende Erkenntnis. Leicht, mit links serviert, an der reinen Oberfläche, die Tiefe genug ist. Das Theater beschäftigt sich mit Gesellschaft und Wirtschaft und Elend und Kapitalismus und Globalisierung - und macht daraus einen grandiosen, schaurigen Witz."

Aber verstehen die Schweizer diesen Witz noch? Konrad Mrusek macht sich jedenfalls Sorgen um die Schweizerdeutschen, die fast nur noch Dialekt sprechen wollen und damit nicht nur ihre französischsprachigen Mitbürger vergrätzen: "Wenn die Schweizer nicht bald etwas für ihr Deutsch tun, dann werden die Jungen demnächst vielleicht lieber Englisch sprechen, wenn sie einen Deutschen treffen."

Heinrich Wefing berichtet, dass auch Mäzene ärmer werden, und zitiert eine Studie der Fachzeitschrift The Chronicle of Philanthropy: Demnach "sind wohltätigen Institutionen, Universitäten, Museen und karitativen Einrichtungen im Jahr 2002 gut vier Milliarden Dollar geschenkt oder versprochen worden. 2001 waren es noch fast dreizehn Milliarden gewesen." (Eine ähnliche Recherche wäre doch auch mal für deutsche Feuilletons ein echtes Thema, oder?)

Weitere Artikel: Detlev Ganten, Mitglied des Nationalen Ethikrats plädiert für eine Zulassung des therapeutischen Klonens. Paul Ingendaay kommentiert die Schließung der einzigen baskischsprachigen Zeitung, der Euskaldunon Egunkaria (hier eine Archivseite von Google), die angeblich den baskischen Terroristen nahe stand. (Es gibt allerdings schon ein Nachfolgerblatt.) Mark Siemons macht uns mit der Perspektive einer "'Drehorgelgasse' mit Würstchenbuden und Geschenkartikelverkauf" am ehemaligen Checkpoint Charlie in Berlin vertraut. Joseph Hanimann schreibt zum Tod des französischen Regisseurs Jean-Pierre Miquel. Patrick Bahners gratuliert dem Historiker Johannes Burkhardt zum Sechzigsten. Jürgen Kesting gratuliert der Sopranistin Renata Scotto zum siebzigsten Geburtstag. Eine Meldung freut sich über den Ankauf von Bildern altdeutscher Meister aus der Sammlung Georg Schäfer für die Veste Coburg.

Auf der letzten Seite erinnert Dirk Schümer an den "Ramp", die verheerende Sturmflut, die vor 50 Jahren in den Niederlanden 1.800 Todesopfer forderte - im Fotomuseum Rotterdam ist ihr und dem Wiederaufbau eine Ausstellung gewidmet. Nils Minkmar hat einer Diskussion zwischen Wolfgang Schäuble und Elmar Altvater über den Irak-Krieg in der Humboldt-Uni zugehört. Und Lorenz Jäger betrachtet britische und französische Zeitungen, die ihre alt-neuen gegenseitigen Ressentiments munter ausleben. Auf der Medienseite porträtiert Hannes Hintermeier Thomas Gruber, den Intendanten des Bayerischen Rundfunks. Michael Hanfeld berichtet, dass das Politmagazin Panorama wegen eines kritischen Beitrags von den Gewerkschaften unter Druck gesetzt wird. Und Michael Jeismann empfiehlt einen Dokumentarfilm über Stalin zu dessen 50. Todestag heute Abend im Ersten.

Besprochen werden Sebastian Baumgartens Luzerner Inszenierung von Rossinis großer "Moïse"-Oper und ein Hildegard-Knef-Musical in Wilhelmshaven.

FR, 24.02.2003

Ganz entzückt hat Peter Michalzik das Züricher Schauspielhaus nach Christoph Marthalers Abgesang auf die Shareholder-Value-Welt wieder verlassen. Michalzik hält "Groundings" nicht nur für einen der "allerschönsten Traum-, Spiel- und Gesangsabende", die ihm Marthaler je beschert hat, seine ganze Rezension ist eine Hymne auf dessen wunderbar böse Abrechnung mit der Aktieneuphorie. "Wo alles den Bach runtergeht, fliegt Marthaler beschwingt. Dabei versinkt nicht nur die Swissair im Strudel seiner Blasphemie, auch die Insel der Seligen, für die sich die Schweiz bis heute hält, wird von den unaufhaltsamen Wassern des Spotts überspült, und die gesamte Western World und ihre Werte, die sie ja doch nur noch versteht, wenn sie sie in den Shareholder-Value übersetzt, wird mit liebevollem Hass gegroundet. Es wurde ja auch Zeit."

Weitere Artikel: Jörg Biesler kommentiert die massiven Einsparungswünsche des Kölner Oberbürgermeisters in Sachen Kultur. Die Nerven liegen offenbar blank, denn jetzt steht auch der geplante Kulturkomplex auf der Kippe. Christoph Schröder erklärt im Litertaturteil, warum Yann Martel und Ilja Richter kein gutes Gespann sind. "Sez" lästert in Times mager über akademische Spanner, die ganz kultiviert von roten String-Tangas schwärmen. Gemeldet wird, dass Wolf Biermann die Hurra-Pazifisten kritisiert und Kunsträuber eine archäologische Fundstätte in Serbien geplündert haben.

Auf der Medienseite berichtet Antje Kraschinski aus Berlin, wo Politiker, Journalisten und Wissenschaftler unter dem Motto "Medialisierung der Weltpolitik" zwei Tage lang über die wechselseitige Beeinflussung von Außenpolitik und Berichterstattung diskutiert haben.

Besprochen werden der Film "Rain" der neuseeländischen Regisseurin Christine Jeffs sowie die neue Compilation ".ilation" des Kölner Sonig-Labels.