Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.10.2002. Imre Kertesz fühlt sich durch Martin Walser doch nicht verletzt, stellt sich in der FAZ heraus. Die SZ polemisiert gegen den Historiker Hans-Ulrich Wehler, der die Türkei nicht in der EU haben will. Die FR fühlt sich durch das balinesische Attentat an Michel Houellebecq erinnert. Die taz schildert die Aggressivität der Berliner Publikums gegen Daniel Goldhagen. Die SZ sucht die Mitte Europas und findet sie in Litauen.

FAZ, 15.10.2002

Imre Kertesz ist missverstanden worden! Er fühlte sich gar nicht durch Passagen aus Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers" verletzt, wie es in einem Interview mit der FAZ am Sonntag geheißen hatte, und er erklärt in einem zweiten Interview, wie das erste zu verstehen war: "Ja, ich habe den Roman nicht gelesen, aber einige Passagen verfolgt, die Walser selbst im Fernsehen vortrug. Da spürte ich eine tiefe Verletzung. Mein Gesprächspartner glaubte nun, ich sei der Verletzte, so wie etwa Ruth Klüger oder Robert Schindel sagten, sie fühlten sich durch den Roman verletzt. Ich aber meinte Walser, der von der Kritik an seinen Büchern tief verletzt war. Ihr Kollege fragte nach, und nun war ich es, der ihn missverstand. Deshalb antwortete ich auf seine Frage, ob ich verletzt war, mit 'ja'. Das ist ein Malheur, an dem wir beide unschuldig sind."

Im Ton allerhöchsten Respekts berichtet Walter Haubrich über den ersten Band von Gabriel Garcia Marquez Memoiren "Leben um davon zu erzählen", der letzte Woche in einer Auflage von einer Million in vier spanischen Verlagen erschien (hier ein langer Auszug): "'Leben, um davon zu erzählen' .. ist ein eminent literarisches Buch: in der Struktur einfach, doch von außergewöhnlicher Präzision in der Wortwahl. Kaum ein anderer zeitgenössischer Schriftsteller benennt die Dinge so genau wie Garcia Marquez. So manches heute kaum noch vernommene Wort der spanischen Sprache erreicht erst in dem Werk des Kolumbianers wieder seine bildhafte Ausdruckskraft, lässt die verschiedenen Bedeutungsinhalte sichtbar werden und stellt neue oder nicht mehr bekannte sprachliche Zusammenhänge auf. Bei jedem Satz, auch in dem neuen Buch, ist der Leser sofort überzeugt, dass kein einziges Wort verändert oder ausgetauscht werden darf. Die Metaphern überraschen in ihrer Originalität, wirken aber nie zufällig. Garcia Marquez braucht weder Neologismen noch pittoreske oder regionale Ausdrücke und Wendungen - trotz der klaren Begrenzung des Schauplatzes auf das karibische Kolumbien." Man möchte an sich sofort spanisch lernen!

Für die letzte Seite besucht Siegfried Stadler Kirchen, die bei der Jahrhundertflut beschädigt wurden. Hannes Hintermeier schreibt ein kleines Profil über Volker Neumann, der jetzt seine erste Buchmesse absolvierte. Gerhard R. Koch schildert, wie München den Todestag zehnten John Cages beging. Auf der Medienseite beschreibt Frank Olbert den medienpolitischen Filz in NRW, an dem der künstige Bundessuperminister Wolfgang Clement nicht ganz unschuldig ist. Auf der Bücher-und-Themen-Seite setzt sich Jürgen Kaube ausführlich mit der jüngst erschienen Studie über Bertelsmann im Dritten Reich auseinander.

Besprochen werden eine Ausstellung der Sammlung Gonzaga in Mantua, ein Konzert von Prince in Frankfurt, Maxim Billers Stück "Kühltransport" in Mainz, Rene Polleschs Tück "24 Stunden sind kein Tag" an der Berliner Volksbühne, eine Ausstellung des Malers Ralph Fleck (Bilder) in Augsburg und eine Ausstellung über Günter Grass in der Berliner Akademie der Künste.

NZZ, 15.10.2002

Was denn wohl der renommierte deutsche Historiker Hans-Ulrich Wehler mit seiner historischen Begründung gemeint habe, mit der er in einem Zeit-Aufsatz gegen eine Aufnahme der Türkei in die EU argumentiert hat, fragt Hanno Helbling. "Wenn Wehler meint, man müsse politisch von Sinnen sein, um die Aufnahme der Türkei in die EU zu empfehlen, so ist es Sache der Politiker und der Ökonomen, ihm zu widersprechen oder ihm Recht zu geben. Was aber die Kompatibilität von Minaretten und Kirchtürmen angeht, so wäre zu klären, wie es der christlich geprägte Westen mit der Religionsfreiheit hält - und wie der islamische Osten sie üben darf." Wehlers historische Thesen seien zu kurz gegriffen, denn "solange er zu vergessen scheint, dass vor gar nicht so langer Zeit auch gewisse europäische Länder ihre Vertrauenswürdigkeit gegenüber dem 'Staatenverein' neu zu beweisen hatten: so lange steht es um seine historischen Gründe gegen die Aufnahme der Türkei in die EU nicht gut."

Dass die vor zehn Jahren begonnene Sanierung des umfangreichsten Altstadtensembles Lateinamerikas im Zentrum von Salvador da Bahia nicht nur gute Seiten mit sich bringt, berichtet Thomas Veser aus Brasilien. "Offiziell feiert Salvadors Stadtverwaltung die Restaurierung als Erfolg, räumt aber ein, dass man unerwünschte Entwicklungen korrigieren müsse. Denn die sehnlichst herbeigewünschten Mieter oder Wohnungskäufer zeigen der renovierten Altstadt die kalte Schulter. Salvadorianer aus der Mittelklasse sind zwar stolz auf die Resultate der Wiederbelebung. Kaum einer von ihnen möchte jedoch im historischen Zentrum leben."

Weitere Artikel: Einen "respektablen Eindruck" hat der Auftritt Litauens auf der Frankfurter Buchmesse für Claudia Sinnig hinterlassen. Die "entwaffnende Offenheit" hätte dem Land viel Sympathie eingetragen. Von dem Eröffnungskonzert der neuen Spielzeit des Orchestre de Paris (OP) im neu bezogenen Theâtre Mogador berichtet Marc Zitzmann.

Besprochen werden die Ausstellung "Shopping" in der Schirn-Kunsthalle Frankfurt; die von Katharina Thalbach inszenierte Offenbach-Operette "Orpheus in der Unterwelt" am Theater Basel; Romane von Roger McDonald und Stefan Beuse, ein Mossad-Thriller von Uri Adelman, sowie "Der Fall Federer" von Pirmin Meier.

FR, 15.10.2002

Martina Meister kommentiert den Bombenanschlag auf Bali und denkt ihn mit Michel Houellebecqs (mehr hier) jüngstem Roman "Plattform" zusammen: "Die Bomben auf Bali trafen keine Houellebecq'schen Sextouristen, die der lange Weg der Onanie und sozialen Vereinsamung ins Paradies des körperlichen Konsums geführt hat. Und doch sind die Parallelen beängstigend. Denn Kuta ist nicht das balinesische Paradies, als das es nun in den Medien beschrieben wird." Es sei tatsächlich "die Fortsetzung des westlichen Lebensstils inmitten von Reisterrassen" und "selbst eine jener Agglomerationen geworden, denen die Menschen im Urlaub zu flüchten vorgeben. TUI und Co. sind der Garant dafür, dass es am anderen Ende der Welt Schnitzel gibt, auch wenn es von Männern im Sarong serviert wird. (...) Es sind fraglos koloniale Muster, die sich wiederholen, wenn eine Nacht im Hotel mehr kostet als die heimische Putzfrau im Monat verdient.

Weitere Artikel: Elke Buhr gefiel das Eröffnungskonzert der Deutschlandtournee von Prince, der an diesem Abend "alles war: koketter Musical-Star (...) und Rock-Poser, (...) Verführer, (...) Profi-Entertainer." Reinhard Wustlich weiß von einer "Moderne-Hybride der dritten Art" zu berichten, die die Architekten Meyer und Van Schooten in Amsterdam bauen. Martin Hartmann besuchte den 31. Soziologenkongress in Leipzig, auf dem es letztlich um "Unsicherheitsbewältigungskompetenz" ging. Peter Iden begleitete den "rasanten Auftakt" der Intendanz von Amelie Niermeyer am Freiburger Theater mit "gemischten Gefühlen". In der Kolumne Times mager berichtet Jochen Stöckmann über einen gescheiterten Zensurversuch, mit dem in Frankreich ein "literarischer Monolog eines Pädophilen" verboten werden sollte. Christian Broecking schreibt einen Nachruf auf den amerikanischen Bandleader und "Erfinder des Easy Listening-Sounds" Ray Conniff (mehr hier).

Besprochen werden Bücher, darunter eine Publikation von Vittorio Magnano Lampugnani zur Zukunft des urbanen Lebens in der "telematischen Stadt" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 15.10.2002

Viele Nachbetrachtungen und Besprechungen heute. So resümiert Jan Engelmann eine Diskussionsveranstaltung über das neue Buch von Daniel Jonah Goldhagen zur katholischen Kirche im NS-Staat, die so anfing: "Vielleicht werden einige am Sonntag das Renaissance-Theater, wo Goldhagen im Rahmen der 'Berliner Lektionen' seine Thesen diskutierte, schon mit dem Gedanken betreten haben, ihm auch noch die Urheberschaft für den ekligen Schneeregen, das Pfingstwunder im Oktober, anzuhängen. Anders könnte man so manche aggressive Publikumsreaktion und die gereizte Atmosphäre auf dem Podium nicht erklären." Und so ausging: "Eine gelungene Publicity für den Siedler Verlag, ohne Frage. Aber keine gute Werbung für die Firma, die das Kreuz in ihrem Briefkopf trägt."

Dirk Seifert besuchte derweil zwei Benefizkonzerte gegen rechts in Mecklenburg-Vorpommern, die sehr unterschiedliche Erfolge zu verzeichnen hatten. Für die taz begutachtet (und lobt!) Dorothea Marcus den Arbeitsantritt der ehemaligen Schauspielleiterin Frankfurt, Regisseurin am Residenztheater München und Deutschen Theater Berlin, Amelie Niermeyer, am Freiburger Theater. Und dann werden Bücher besprochen, darunter eine als "glänzend" gelobte Analyse des 11. September, ein Band zur "Schenkkultur" in der Renaissance, ein Roman von Ulrich Woelk und ein autobiografisches Werk von Dietrich Kuhlbrodt (wird heute 70). (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

Und schließlich TOM.

SZ, 15.10.2002

Volker Breidecker lobt den überzeugenden Auftritt Litauens bei der Frankfurter Buchmesse im allgemeinen und Litauens "bedeutendsten literarischen Botschafter, den Dichter, Essayisten und amerikanischen Literaturprofessor Tomas Venclova" im besonderen. Venclova suchte zuletzt auf einer Podiumsdiskussion in München mit Gästen aus Litauen und den angrenzenden Ländern Lettland, Polen, Weißrussland, der russischen Enklave Kaliningrad und Deutschland das Zentrum Europas. Geografisch befindet sich dieses laut Venclova "in einer kleinen Gartenlandschaft unweit der Hauptstadt Vilnius". Karl Schlögel ergänzte "die wiederhergestellte kontinentale Topographie um den Namen und die Bedeutung von Mitteleuropas heimlicher Hauptstadt: Marijampole im südwestlichen Litauen nahe den Grenzen zu Kaliningrad, Polen und Weißrussland. Dort ist Europas größter Umschlagplatz für Gebrauchtwagen entstanden, und der dort herrschende Betrieb zeugt auch symbolisch von einer Dynamik, die mehr europäische Einigung hervorbringt als alle bürokratischen Maßnahmen zusammen. Die Frage ist nur, was "aus Marijampole und der Idee des lebendigen Transfers (wird), wenn einige Grenzen fallen, andere aber nicht?"

Petra Steinberger berichtet von US-amerikanischen Szenarien für einen Irak nach dem Krieg. Darüber denken etwa der Militärexperte Michael O'Hanlon und Kenneth Pollack, Ex-CIA-Analytiker nach. "Beide arbeiten zur Zeit bei der Brookings Institution, beide sind entgegengesetzter Ansicht, was die Notwendigkeit eines Irak-Krieges betrifft. Doch beide sind der Meinung, dass sich die Vereinigten Staaten, wenn sie denn Krieg führen, für lange Zeit im Irak einrichten müssten: Andernfalls drohe Chaos, Bürgerkrieg oder ethnische Säuberungen". Das aber kostet! Laut Pollack, der für einen Krieg ist, müsste die UN 250.000 bis 300.000 Soldaten stationieren, "um zumindest systematische Gewalt zu verhindern." Michael O?Hanlon, der gegen einen Krieg ist, hat ausgerechnet, dass allein die Stationierung der Soldaten die Vereinigten Staaten "zwischen 5 und 20 Milliarden Dollar jährlich kosten - abgesehen von den allgemeinen Kosten des irakischen Wiederaufbaus, den Amerika zumindest teilweise tragen müsste".

Weitere Artikel: Susan Vahabzadeh berichtet, dass US-Filmstudios im Internet von ihren Werbern positive Kritiken ihrer Filme auf Film-Websites veröffentlichen lassen. In der Reihe "Die Zukunft der Architekten" plädiert Kristin Feireiss, Vorstand des Berlage-Instituts in Rotterdam und Gründungsmitglied der Design-School in Essen, für "Risikofreude" in den Lehrplänen. Patrick Kraus erinnert an den Turnvater Jahn (mehr hier), der vor 150 Jahren starb. Jörg Häntzschel fühlte sich nach einem Besuch im neu eröffneten Museum of Sex in New York irgendwie lustlos: "Ist es wirklich schon Zeit für 'Sex - Die Retrospektive'?" Berthold Franke konstatiert eine gewisse "Miesepetrigkeit" der Zunft beim 31. Deutschen Soziologentag in Leipzig. Jürgen Berger stellt den "Theater-Superminister" Amelie Niermeyer vor, die ihre Freiburger Intendanz mit drei Uraufführungen und Shakespeares "Sommernachtstraum" beginnt. Agrb. berichtet gemeinsam mit der dpa von der Verleihung der "Echo-Klassik"-Preise in Frankfurt. Gemeldet wird schließlich, dass der Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreis in diesem Jahr Maria Carlsson für ihre Übersetzungen der Werke John Updikes zugesprochen wurde.

Auf der Medienseite bringt Herbert Riehl-Heyse das Kunststück fertig, ganz ohne Larmoyanz die Berichterstattung über die Krise der SZ zu beklagen.

Besprochen werden eine Ausstellung der Fotografien Richard Avedons im New Yorker Metropolitan Museum, ein Konzert mit Werken von Olga Neuwirth und das Festspielporträt mit Kaija Saariaho bei den Berliner Festwochen, der Film "Super Süß und Super Sexy" mit Cameron Diaz und Bücher, darunter Arno Widmanns Roman "Sprenger" und der erste Band von Alexander Solschenizyns Studie über die Beziehung zwischen Russen und Juden "Zweihundert Jahre gemeinsam" - "ein Exempel geistiger Autarkie", wie Sonja Margolina meint (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).