Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.07.2002. Architektur überall - der Weltkongress beginnt. Die SZ und die FR  berichtet über New Yorker Proteste gegen die Wiederaufpläne für den Ground Zero. In der taz konstatiert der Architekt Christoph Ingenhoven einen Berliner Horror Vacui. Die FAZ klagt, dass deutsche Architekten vor allem bei Häusern für die Toten überzeugen. In der NZZ denkt Michael Brenner über den Begriff des Antisemitismus nach.

SZ, 22.07.2002

Democracy at work hat Jörg Hätzschel am Wochenende in New York erlebt, wo die "größte Städteversammlung der amerikanischen Geschichte" die Pläne zum Wiederaufbau von Ground Zero nahezu einstimmig abgelehnt hat. Geladen hatte die Civic Alliance to Rebuild Downtown New York: "Statt vor ein Expertengremium setzte die gemeinnützige Organisation America Speaks die Teilnehmer an 500 Einzeltische, wo sie unter der Leitung neutraler Moderatoren mit wildfremden anderen New Yorkern eine lange Liste von Themenkomplexen diskutierten: Welcher Entwurf eignet sich am besten für die Gedenkstätte, was fehlt in den Entwürfen, wo liegen die Prioritäten beim Wiederaufbau? Die Teilnehmer gaben ihr Votum wie in Fernsehshows per drahtlosem Stimmgerät ab oder äußerten sich mittels kurzer Texte, die von Laptops an jedem einzelnen Tisch abgesendet und anschließend sofort ausgewertet und zusammengefasst wurden. So diskutierten an einem Tisch zwei Wallstreet-Broker, eine Studentin, ein schwarzer Ex-Häftling und ein chinesisches Gemüsehändlerehepaar, für das eigens zwei Dolmetscher abgestellt worden waren." (Die Entwürfe sind hier zu sehen.)

Weitere Artikel: Gerhard Matzig hält es für eine grausame Pointe an, dass der Architektur-Weltkongresses der Union Internationale des Architectes (UIA) ausgerechnet in diesem Jahr in Berlin tagt, wo sich doch eben erst die Stimme des Volkes erhoben habe, "um die Architekten der Gegenwart aus der so genannten historischen Mitte der Stadt zu jagen." Andrian Kreye fürchtet eine Kriminalisierung der Raverszene in den USA. Dort liegt jetzt ein Gesetzesentwurf vor, der die Veranstalter von Parties belangen will, auf denen Drogen gehandelt werden - und zwar mit 20 Jahren Gefängnis. Der Philosoph Andreas Dorschel fragt sich, warum Menschen berühmt sein wollen.

Reinhard J. Brembeck spekuliert, ob der Dirigent Mariss Janson (mehr hier) womöglich in München und Amsterdam Orchesterchef wird: Sowohl das Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks als auch das Concertgebouw umwerben den lettischen Maeostro. Henning Klüver klagt über die Umbauten an der Mailander Scala und ihren neuen Spielplan: Restauration allerorten. Rolf Dombrowski erklärt, warum der Jazz-Saxophonist Branford Marsalis sein eigenes Label gründet. Und Reinhard J. Brembeck schreibt einen Nachruf auf den Musikethnologen Alan Lomax.

Besprochen werden eine Ausstellung der hybriden Wohnwelten von Tobias Rehberger im Museum für Neue Kunst in Karlsruhe, Sommerkonzerte beim Musikfest in Wildbad Kreuth mit Vadim Repin, dem Kronos Quartet und Jazz und eine ganze Menge Bücher: etwa Otto Köhlers Biografie Rudolf Augsteins, Peter Paul Zahls neuer Krimi "Der Domraub", Norbert Krons Debüt "Der Autopilot", Thomas Pfeiffers Studie über die rechtsradikale Szene und die neuen Medien "Für Volk und Vaterland", ein Lexikon "berühmter Schiffe", Signe Zerrahns Frontbericht "Familien in Deutschland" sowie eine Monografie Markus Lüpertz' (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 22.07.2002

Zum Architektur-Weltkongress in Berlin hat Ulla Handelmann mit dem Düsseldorfer Architekten Christoph Ingenhoven gesprochen, der in der Hauptstadt eine Angst vor der Leere herrschen sieht: "Wir sind etabliert und spießig geworden und ertragen es nicht, dass in unserem Schlafzimmer die Matratze auf dem Fußboden liegt. Berlin ist so besenrein geworden. Haus um Haus, Baulücke um Baulücke, Block um Block, wird die Stadt poliert und zu Ende gebaut."

Harald Fricke eröffnet die neue Kolumne "Das Personal der Wahl" mit Anmerkungen zum Marathonmann Joschka Fischer: "Plötzlich kann er vor der Qual, Entscheidungen treffen zu müssen, einfach davonlaufen und in der Masse abtauchen - andere würden vielleicht in irgendeinem Berliner Club das Wochenende durchtanzen. Fischer dagegen zieht aus der Flucht in die Tortur neue Gewissheit. Jede Ankunft im Ziel macht ihn zu einem Überlebenden. Dieses Zusammenspiel von physischer Erschöpfung und Selbstdisziplinierung ist auch bei ihm Ersatz: für den Mangel an jener Lebenskunst, die man ihm früher ansah."

Weitere Artikel: Anlässlich ihrer Ausstellung in Wiesbaden porträtiert Ulf-Erdmann Ziegler im Aufmacher des taz-Feuilletons die deutsch-amerikanische Künstlerin Eva Hesse. Christina Nord widmet sich zwei Dokumenta-Filmen des britischen Künstlers Steve McQueen. Burkhard Brunn beschreibt wie Burgdorf seine Verkehrsteilnehmer zu beruhigen versucht. Und Martin Zeyn bespricht die Neuedition der "Spirit"-Comics des Zeichners Will Eisner.

Auf den Tagesthemen-Seiten verabschiedet Arno Frank sich nicht allzu schweren Herzens von jetzt, dem Jugendmagazin der SZ: "Gegen die Qualität des Heftes wie seine wöchentliche Konstruktion medialer Realitäten ist nichts einzuwenden - wohl aber gegen das kulturelle und merkantile Kartell, zu dessen Gunsten dies geschah ... So ganz lässt sich der Eindruck nicht von der Hand weisen, dass ein selbstreferenzieller Zirkel von Autoren die süddeutschen Beilagen als das nutzt, was sie eigentlich sind: exklusive, allzu teure Werbebroschüren."

Und schließlich Tom.

FR, 22.07.2002

Am Wochenende hat sich in New York die größte Bürgerversammlung aller mit dem Wiederaufbau von Ground Zero beschäftigt und sämtliche vorgelegten Entwürfe abgelehnt (mehr hier und hier). Eva Schweitzer meint aber, dass letztlich doch nicht die Demokratie die Bauherrin sein wird, sondern "die staatliche Hafenbehörde, die Port Authority of New York and New Jersey beziehungsweise ihr Ableger Lower Manhattan Development Corporation (LMDC), die noch nicht einmal parlamentarischer Kontrolle unterliegt. Die Fähigkeit der Port Authority zum öffentlichen Diskurs liegt ungefähr zwischen der der Kaderleitung eines DDR-Steinkohlekombinats und der des Managements der Deutschen Telekom." Außerdem weist Schweitzer darauf hin, dass die sechs Entwürfe nicht etwa einem Wettbewerb entstammen, sondern einem einzigen Büro, den Lokalmatadoren Beyer, Blinder, Belle.

Weitere Artikel: Martin Altmeyer freut sich mit den Psychoanalytikern Helmut Thomä und Horst Kächele über ihre Auszeichnung mit dem Siegmund-Freud-Preis. Besprochen werden die Ausstellung "Painting on the move" in Basel und Bücher: etwa zwei Arbeiten über die frühen Frauenvereine, zwei Biografien zu Gerhard Schröder und eine Geschichte Breslaus von Norman Davies und Roger Moorhouse: "Die Blume Europas" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
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NZZ, 22.07.2002

Der Vorwurf des Antisemitismus wird zur Zeit schnell erhoben. Doch was bezeichnet dieser Begriff eigentlich? Michael Brenner, Professor für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität München, untersucht in einem langen Text das Verhältnis von Antisemitismus und jüdischem Selbstverständnis, von Fremd- und Selbstdefinition. Nach einem ausführlichen historischen Rückblick schließt Brenner mit Blick auf die Gegenwart: "An eine Rückkehr des Geschehenen, vor der manche warnen, ist nicht zu denken, und beileibe lauert auch nicht in jeder dunklen Ecke der Antisemit. Und dennoch macht man es sich auf der anderen Seite zu leicht, wenn man jede Warnung vor Antisemitismus als hysterisch und eingebildet abweist. Es muss einem aufmerksamen Geist zu denken geben, was zwischen Münsterland und Bodensee in letzter Zeit für Töne angeschlagen werden und wie schwierig es manchen Beobachtern fällt, antisemitische Klischees auch als solche wahrzunehmen."

Franz Haas stellt die neueste Ausgabe der italienischen Kulturzeitschrift MicroMega vor, "die ihre ganze letzte Nummer einer speziellen Art von Literatur widmet: Unter dem Motto 'Krimi und Engagement' koppelt sie den Wunsch nach Gegenwart mit der allgemeinen Liebe der Italiener zum Kriminalroman und publiziert Geschichten vom Hier und Heute, von morgen und übermorgen, mit jeder Menge Verbrechen, vor allem aber mit zweierlei Ziel: Aufklärung für die fiktiven Kriminalfälle dieser Erzählungen und für den realen politischen Fall Italien." 300 Seiten dick ist die Ausgabe und enthält neben den Geschichten "auch Aufsätze, Gedichte und sonstige Zeugnisse gegen jede Art von Falschmünzerei im Revier der kleinen Gangster, der mittleren Mafiosi oder der großen Staatenlenker."

Weitere Artikel: Anlässlich des Streits um den Internationalen Gerichtshof berichtet Andrea Köhler über eine Debatte in der New York Times, die um die Frage kreist, "ob Kriegsverbrecherprozesse als politische Schautribunale abgehalten werden sollen. Die Zeitung zitiert eine wachsende Zahl von Rechtstheoretikern, die sich von der Ausstrahlung öffentlich abgehaltener Prozesse eine positive Resonanz für das historische Bewusstsein der Gesellschaft versprechen." Und Martin Krumbholz erzählt von einer Begegnung mit der Schriftstellerin Herta Müller.

Besprochen werden die Ausstellung "Tableaux vivants" in der Kunsthalle Wien, ein Auftritt von Oasis am Berner Gurten-Festival und Bücher, darunter ein Band über die Globalisierungskritiker von Attac (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 22.07.2002

Niklas Maak denkt vor dem 21. Weltkongress der Architektur über die Lage dr Architektur in Deutschland nach. Dass sie nicht rosig ist, liegt auch an den Architekten selbst, meint er und denkt mit Schaudern an die neue Wohnsiedlung in München-Riem: "Trostlose Wohnregale, lieblose Lochfenster, öde Straßen ohne Vorgärten, endlose Monotonie... Es ist kein gutes Zeichen, daß der architektonisch überzeugendste Bau von Riem die Aussegnungshalle von Andreas Meck ist; dass der spannendste Raum, den Axel Schultes in Berlin gebaut hat, der Säulenwald seines Krematoriums am Berliner Baumschulenweg ist. Die innovativsten und ästhetisch anspruchsvollsten Bauten in Deutschland sind Häuser für die Toten."

Anne Zielke erzählt die unglaubliche Geschichte der Russin Larissa Savizkaia, die vor zwanzig Jahren eine Flugzeugkollision und den Absturz aus 5.000 Metern Höhe überlebte. "Später werden die Retter zu ihr sagen, dass sie ungefähr acht Minuten lang gefallen sein muss, bis sie den Boden erreichte; acht Minuten, die sich dem Zeitgefühl entziehen. Die Trümmer, die am Bodensee herunterkamen, haben ungefähr zwei Minuten gebraucht, aber was den Fall des Kabinenwracks der Antonow bremste, waren die Luftwirbel, die sich in der oben offenen Kabine bildeten. Wie ein Blatt vom Baum muss das Trümmerstück gefallen sein, mit deutlich abgebremster Geschwindigkeit."

Johan Schloemann resümiert eine Tagung über "Medien und Medialität des Politischen" an der Bielefelder Universität. Oliver Tolmein erzählt die Geschichte einer Familie, die von Nachbarn wegen eines behinderten Kinds auf Ruhestörung verklagt wurden und das Wohnhaus verlassen mussten Für die Serie "Im Milieu" beocbachtet Edo Reents den Wahlkampf Guido Westerwelles in seinem "Guidomobil" beobachtet. Dirk Schümer berichtet von einem Lyriktreffen in San Benedetto an der Adria, das deutschen Lyrik und besonders Robert Gernhardt gewidmet war. Andreas Rossmann meldet die kostenbedingte Reduktion des Programms am Essener Aalto-Theater. Renate Schostak stellt eine "soziale Skulptur" in einem Betriebshof der Münchner Müllmänner vor - Titel: "Woher Kollege, wohin Kollege?" Kerstin Holm meldet, dass Wladimir Sorokin jetzt gegen die Jugendorganisation "Gemeinsamer Weg", die ihn seit Monaten drangsaliert, vor Gericht zieht. Katja Gelinsky berichtet, dass der amerikanische Taliban John Lindh, dessen Fall vor Monaten durch die Presse ging, mit einem relativ milden Urteil abgefunden wurde (immerhin 20 Jahre), weil er wohl bereit ist, auch als Informant zu dienen.

Auf der letzten Seite sieht Verena Lueken die Erfahrung bestätigt, dass Amerikaner in Zeiten der Krise ins Kino gehen - um 20 Prozent ist der Umsatz der Industrie gewachsen. Andreas Rossmann schreibt ein kleines Porträt über Norbert Mennemeier, der seit 44 Jahren für die Zeitschrift neues rheinland als Literaturkritiker tätig ist. Und Uwe Walter schaut sich noch einmal die große Ausstellung "Griechische Klassik - Idee oder Wirklichkeit" an, die von Berlin nach Bonn gewandert ist. Auf der Medienseite fragt die Redaktion eine Reihe von Chefredakteuren, wie sie sich ihre Zeitung in zehn Jahren vorstellen, darunter Giovanni die Lorenzo vom Tagesspiegel: "Ich wünsche mir, dass der Tagesspiegel 2012 noch im Besitz einer Familie ist, die an eine Qualitätszeitung nicht zuerst die Erwartung einer Rendite knüpft. Aber er muss bis dahin schon seit längerer Zeit schwarze Zahlen schreiben." Ja, was denn jetzt?

Besrochen werden eine Ausstellung japanischer Schwerter in Solingen und ein Auftritt der Sydney Dance Company unter Graeme Murphy in Köln.