Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.08.2001.

NZZ, 14.08.2001

Eine Hymne auf den Massentourismusort Benidorm singt Markus Jakob: " Gibt es ein großartigeres Beispiel für eine vernünftige, vergleichsweise umweltschonende Kanalisierung des Massentourismus als das dicht bebaute Benidorm? Zwar sieht der negative Mythos in Benidorm, wo kaum Regen fällt, ein Beispiel für die aberwitzige Verschleuderung nicht vorhandener Wasserressourcen. Doch weit gefehlt: Erstens werden nur 140 Liter pro Gast und Tag verbraucht (deutlich unter dem europäischen Durchschnitt), und zweitens ist die Stadt im Recycling weltweit führend: 97 Prozent werden als Brauchwasser wiederverwendet."

Weitere Artikel: Robert Seidel ist nach Halle gefahren und stellt das Interdisziplinäre Zentrum für die Erforschung der europäischen Aufklärung (IZEA) und weitere der Aufklärung gewidmete Forschungseinrichtungen vor. Martin Zingg schreibt zum 100. Geburtstag der Schriftstellerin Alice Rivaz. Besprochen werden eine Ausstellung über die Century Guild, die sich in Großbritannien um die angewandten Künste verdient machte, in der William Morris Gallery in London und einige Bücher, darunter Sven Regeners Romandebut "Herr Lehmann" und Jozef Wittlins neu aufgelegter Roman "Das Salz der Erde".

SZ, 14.08.2001

In Großbritannien scheint das Wetter besser gewesen zu sein als bei uns, denn der walisische Autor Lawrence Norfolk beginnt seinen Text über diverse Schlägereien zwischen muslimischen und anglikanischen Briten mit dem Satz: "Dies ist ein wunderbarer Sommer für Rassenkrawalle." Norfolk beschreibt die Verwirrung der weißen Bevölkerung darüber, dass es plötzlich die Muslime sind, die ohne konkreten Anlass zuschlagen: "Keiner hat ein Interesse daran, das Offensichtliche zu sehen. Die politische Rechte braucht die 'anderen', um ein 'wir' zu definieren, während die politische Linke Opfer benötigt, um mit ihnen zu sympathisieren. Wie undankbar sind die britischen Muslims, dass sie sich diesen Rollen verweigern (Und wie glücklich, dass es so viele andere Kandidaten gibt, um in diese Rollen nachzurücken: Bosnier, Rumänen, Türken ...)!" Die Verwirrten weist Norfolk darauf hin, dass etwa fünfzig Prozent der "jungen Männern asiatischer Abstammung" arbeitslos sind.

Susan Vahabzadeh gefällt an dem Film "The Mexican" vor allem, wie Regisseur Gore Verbinski das Traumpaar Julia Roberts ? Brad Pitt einsetzt: "Es sind nicht Pitt und Roberts, zwischen denen die Funken sprühen, der Film lebt von den Beziehungen, die die beiden zu ihren jeweiligen Sidekicks entwickeln ? zu einem Killer und einem Köter."

Ein Rezensent mit dem passenden Namen Sascha Schreck porträtiert den dunklen Ville Valo, Sänger der finnischen Band HIM: "Love Metal nennen sie ihre Musik, und wenn Ville Valo im gutturalen Flüsterton singt, weiß man nie, ob gerade ein Orgasmus oder der Exitus bevorsteht."

Weitere Artikel: der Historiker Moshe Zimmermann unternimmt einen weiteren fruchtlosen Versuch, den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zu erklären. Abgedruckt ist ein Artikel von George W. Bush aus der New York Times, in dem der Präsident der Vereinigten Staaten erklärt, warum es unethisch ist, Forschung an neuen Stammzellen zu fördern, aber ethisch, an bereits vorhandenen Stammzellen zu forschen. In der Rubrik Fragen und Antworten wird dem Musik-Manager Thomas Stein der Kommentar eines verärgerten Napster-Users vorgehalten: 'Ich bin arm und liebe Musik. Was gibt?s da besseres als Downloads? Wenn Neu-Veröffentlichungen wieder 20 Mark kosten, lass ich mit mir reden. So aber nicht!' Darauf Stein: "Also, wenn er kein Geld hat, kann er auch keine 20 Mark ausgeben". Holger Liebs stellt kurz die Architektengruppe Future Systems aus Birmingham vor. Bgr. erklärt kurz, wie der MTV Music Generator 2 (MMG2) funktioniert. Uwm. berichtet, dass dem Wiener Künstlerhaus das Ende droht. Reinhard J. Brembeck beschreibt die Finanzierungsnot in Bayreuth, Fritz Göttler schreibt zum Tod des Schriftstellers und Philosophen Pierre Klossowski. Wolfgang Schreiber gratuliert dem Dirigenten Franz Konwitschny zum 100. Geburtstag und Jörg Feyer gratuliert David Crosby zum 60.

Besprochen werden Peter Lichts "Lieder"?Album, eine Aufführung von Wilhelm Meyer-Försters "Student Prince" in Heidelberg, die 5. Internationale Foto?Triennale in Esslingen und die Uraufführung von Charlotte Jones "Humble Boy" am Londoner National Theatre mit Diana Rigg in der Hauptrolle.

FR, 14.08.2001

Hat die FR eigentlich Korrektoren? "Dieser Zustand zwischen richtigem Krieg und wirklichem Frieden hat inzwischen vielen unschuldigen Menschen das Leben gekostet, Albanern ebenso wie Mazedoniern," lesen wir in einem (übersetzten) Text des kosovarischen Schriftstellers Beqë Cufaj über den Kleinkrieg in Mazedonien. Was die Zukunft des Konflikts angeht, ist Cufaj übrigens nicht sehr optimistisch: "Wahrscheinlich wird es kommen wie meistens auf dem Balkan: Die Anführer beider Konfliktparteien wandeln (demonstrativ) auf der Straße des Friedens, während ihre Bluthunde durch das Unterholz hecheln und sich ihre Opfer suchen. Die Welt, die das Kapitel Balkan eigentlich schon abgeschlossen hatte, wird sich am Bildschirm weiter widerwillig mit den bekannten Schreckensszenen auseinandersetzen müssen."

Weitere Artikel: Manfred Schneider schreibt zum Tod von Pierre Klossowski. Hans Wolfgang Hoffmann stellt in der Reihe über den neuen Traditionalismus in der Architektur die Ungarische Botschaft in Berlin vor. Holger Römers resümiert das Filmfestival von Locarno. Und Hans-Klaus Jungheinrich hat sich Haydns "Schöpfung" auf den Erfurter Domstufen angehört.
Anzeige

TAZ, 14.08.2001

Nicht eine Entschuldigung der PDS zum Mauerbau fordert Christian Semler, sondern Ursachenforschung unter ehemaligen DDR-Intellektuellen: "Viele von ihnen wurden später zu Vorkämpfern der demokratischen Opposition. Aber bis heute sucht man vergeblich nach einer intellektuellen Selbsterforschung der Motive, die damals so viele Intellektuelle nicht aus Anpassung und Statusängsten, sondern aus ehrlicher Überzeugung zu Verteidigern der Mauer werden ließ. War diese Haltung nicht Ausdruck des tiefen Misstrauens gegenüber den DDR-Deutschen? Schwang vielfach nicht die Idee einer wohlmeinenden Erziehungsdiktatur mit, ein Präzeptorentum, zu dem sich Intellektuelle seit jeher berufen fühlen?"

Anke Leweke stellt in ihrem Resümee aus Locarno die Behauptrung auf, "dass man nach den ersten paar Einstellungen weiß, ob ein Film funktioniert oder nicht. Rausgehen oder sitzen bleiben - wobei der schnellste Weg zum nächsten Risotto oder zur achterbahnartigen Seilbahn in Locarno natürlich auch Entscheidungsvektor ist."

Weitere Artikel: Besprochen werden die Ausstellung "orientale 1" in Weimar, Mark Cirinos Roman "Arizona Blues" und Irene Weiss-Eklunds Erinnerungen an Peter Weiss.

Schließlich Tom.
Stichwörter: Weimar, Peter Weiss

FAZ, 14.08.2001

Andreas Rosenfelder hat ein Hacker-Zeltlager in den Niederlanden besucht und berichtet von den Nöten und Sorgen der jungen Computervirtuosen: "Seit der russische Programmierer Dmitri Sklyarov, der den Kopierschutz für elektronische Bücher geknackt hat, im Juli auf einem Hackertreffen in Las Vegas verhaftet wurde, geht in der Szene die blanke Angst um. Tom Vogt aus Hamburg etwa, der mit einem Entschlüsselungsprogramm für geschützte DVD-Filme Ruhm erlangt hat, will nach eigenen Angaben keinen Fuß mehr auf kalifornischen Boden setzen. Vogt geht es freilich nicht einfach um ein Recht auf Gratiskino. Spätestens mit dem digitalen Fernsehen, das von 2006 an das analoge ablösen werde, sei die Kontrolle über Kopierschutztechniken auch eine Herrschaft über die Geschichte: Dann könne beispielsweise verhindert werden, dass sich der Fernsehzuschauer durch Mitschnitte sein privates Archiv anlegt."

Mit einer Position, die die Ethikexperten der FAZ schockieren könnte, wendet sich der Physiker Gregory Benford, der sich selbst als "Klon" (nämlich eineiigen Zwilling) outet, gegen Leon Kass, den konservativen Vorsitzenden der von George W. Bush eingesetzten Ethikkommission: "Er will verhindern, dass Eltern ein sterbendes Kind klonen lassen oder auf diesem Wege einem kranken Kind zur Heilung verhelfen. Ich habe eine Sicherungskopie und mein Zwillingsbruder ebenfalls. Kass möchte sicherstellen, dass Sie so etwas nicht haben."

Heinrich Wefing hat die CDU-Veranstaltung zum Jahrestag des Mauerbaus in Berlin nicht gefallen: "Wenn man die Reden am ehemaligen Checkpoint hörte, musste man fast glauben, die Opfer des DDR-Grenzregimes seien für die Union oder im Kampf gegen die PDS gestorben."

Weitere Artikel: Werner Spies schreibt zum Tod von Pierre Klossowski. Dokumentiert wird eine Rede des SPD-Politikers Horst Ehmke zum 50. Geburtstag des Bundesverfassungsgerichts. Andreas Platthaus berichtet vom Prozess eines Arbeitslosen, der den Direktor seines Arbeitsamtes mit einem Dreikantschaber erstach. Siegfried Thielbeer porträtiert den chinesischen Journalisten Wang und schildert die strengen Zensurbestimmungen, denen er gehorchen muss. Auf der Medienseite schildert der Intendant des SWR Peter Voß in einem Interview die ARD als schwerfällig, aber wasserdicht (und was haben wir davon?). Ferner wird eine französische Mitarbeiterin von Harald Schmidt porträtiert, und wir erfahren, dass die Sat 1-Fußballsendung ran bald doch wieder zwei Stunden früher läuft.
Besprechungen gelten der Ausstellung "Ornament und Abstraktion" in der Fondation Beyeler, einem Auftritt des "Aterballetto" beim Weimarer Kunstfest, zwei Ausstellungen über den Architekten Jean Prouve in Paris, eine Jason-Rhoades-Ausstellung im Frankfurter Portikus und eine Otto-Modersohn-Ausstellung im Grafschaftsmuseum Wertheim.