Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.08.2001.

NZZ, 07.08.2001

Johann Reidemeister stellt Beispiele für eine neue Innenarchitektur in London vor. Besonders gefallen hat ihm eine Modeboutique der Marke Marni: "Future Systems, das englische Architekturbüro, das im vergangenen Jahr den Sterling-Preis gewann, hat hier den Aufbruch in eine neue Dimension der Ladeneinrichtung realisiert. Wie auf einer Insel weißen Sands inmitten des Blaus des Ozeans wandelt hier der Kunde auf einem leicht erhöhten und organisch geformten Fussboden. Das strahlende Weiss des Bodens hebt sich vom leuchtenden Blau der Wände ab und spiegelt sich in den polierten Edelstahlblechen der Decke. Seine geschwungene Form rollt wie eine Welle gegen den rechteckigen Grundriss an. Ein gebautes Manifest ist das, für alles Runde und gegen alle Kanten, aber auch eine Revolte gegen erstarrte Räume." Dagegen scheinen Reidemeister die neuen Innenarchitekturen in Londoner Hotels von Philippe Starck schwach.

Weitere Artikel: Hanno Helbling beschreibt die Neustrukturierung der deutschen geisteswissenschaftlichen Auslandsinstitute. Besprochen werden eine Dennis-Hopper-Ausstellung im Wiener Museum für Angewandte Kunst und einige Bücher, darunter Amitav Goshs Roman "Der Glaspalast", Detlev Meyers Roman "Das Sonnenkind" und Neuerscheinungen über Richard Wagner. (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)

SZ, 07.08.2001

Jason Epstein, der New Yorker Verleger und Begründer der New York Review of Books, hat ein Buch über das Verlagswesen der vergangenen 50 Jahre veröffentlicht ("Book Business ? Publishing Past Present and Future". W.W. Norton, New York), in dem er der Buchbranche eine glänzende Zukunft prophezeit. Der Grund: Das Internet. "Er, der das ganze Buch über verhalten abwägt, der 1952 über die Wucht erschrak, mit der Anchor Books, die literarische Taschenbuchreihe, die er erfunden hatte, einschlug ? 'Ich wollte keine neue Welt schaffen, ich wollte nur das ancien regime der Literatur ausweiten' ?, er gerät nun beim Thema Internet ins Schwärmen wie ein Cybernaut der ersten Stunde. Wie Marshall McLuhan vom globalen Dorf träumte, so wird hier die Vision von einer weltweiten Schreibwerkstatt mit integriertem Buchladen entworfen, in dem sich jeder frisch gebunden die schönsten Stellen der Weltliteratur runterlädt. 'Wir haben die dazu benötigte Technik schon zur Hand. Die Zukunft kann man nicht aufhalten. Ich warte darauf mit zitternder Freude.' Und während wir warten, stellen wir eigene Texte ins Netz und machen uns zu Selbstverlegern wie früher Charles Dickens oder Walt Whitman", schreibt Alex Rühle gerührt. Epstein hat im Juli in der Review auch einen Artikel zum Thema veröffentlicht.

Weitere Artikel: Jürgen Berger erzählt, dass der Mannheimer Intendant Ulrich Schwab den Ballettchef Philippe Talard wegen "finanzieller Unregelmäßigkeiten" gefeuert hat. Reinhard J. Brembeck berichtet über den Streit zwischen dem Archäologen Manfred Korfmann und dem Althistoriker Frank Kolb über die Frage, ob der von Homer beschriebene Trojanische Krieg wirklich stattgefunden hat. Der Architekt Werner Durth erklärt im Interview seine Pläne für das Reichsparteitagsgelände. Der Galerist Gerd Harry Lybke erzählt, was ihn in letzter Zeit zum besseren Menschen gemacht hat. Und H. G. Pflaum porträtiert den irischen Schriftsteller Eoin Colfer, der mit seinem Fantasy-Roman "Artemis Fowl" J.K. Rowlings "Harry Potter" Konkurrenz macht. Im Gegensatz zum liebenswerten Harry ist Colfers 12-jähriger Titelheld allerdings "nicht nur ein blasses Wunderkind zwischen Genie und Wahnsinn, sondern auch ein ausgesprochener Mistkerl, der ? unterstützt von einem in Israel ausgebildeten Bodyguard ? hinter dem tief unter der Erde vermuteten Gold der Elfen her ist."

Besprochen werden ein Liederabend mit Christine Schäfer und ein Symphoniekonzert mit Werken von Berlioz und Schostakowitsch, gespielt von den Tschechische Philharmonikern unter John Eliot Gardiner bei den Salzburger Festspielen. Eine Ausstellung mit Illustrationen von Wolf Erlbruch im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover. Die "Celtic Season" am Londoner Globe Theatre. "Azzurro", Denis Rabglias Film über "die schmutzige Seite der Schweiz". Die CD "Adlib" von Don Covay & Friends. Die Ausstellung "Hommage a Picasso" in der Mailänder Mazzotta-Stiftung. Das Crossover-Projekt "Magick Mountain Madness" beim Salzburger "Zeitfluss"- Festival. Und eine Biografie des Musikers und Mäzens Paul Sacher (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 07.08.2001

Die FR dokumentiert einen Nachruf von Elfriede Jelinek auf Einar Schleef, den sie für das österreichische Magazin Format geschrieben hat: "Bitte lesen Sie seine Bücher! Das muss sein! Schleef war als Dichter und als Theatermann die herausragendste Erscheinung, die ich kennengelernt habe. Es hat nur zwei Genies in Deutschland nach dem Krieg gegeben, im Westen Fassbinder, im Osten Schleef."

Rüdiger Suchsland hat den Obersalzberg besucht, wo bekanntlich einmal Hitlers Berghof stand und demnächst ein schickes Interconti-Hotel entstehen soll: "Tagesausflügler genießen die Bergluft und schnuppern nebenbei ein wenig Diktatur. Man sieht die Gruppen auf den Berg wandern, im Wald herumkraxeln, dort wo noch ein paar Ruinen des 1945 gesprengten 'Berghofs' zu vermuten sind, oder Schlange stehen vor dem Eingang zu der riesigen Bunkeranlage, deren Besuch pro Person fünf Mark kostet. Man fühlt sich an Altötting erinnert, wo kaum mehr Busse stehen, und das Publikum nicht viel jünger ist, nur etwas weniger international. Obwohl es ein wenig in der Luft zu liegen scheint, traut man sich hier nicht so recht, auf Hitler als Popstar zu setzen. Erst mal abwarten, bis die Amerikaner da sind."

Weitere Artikel: Peer Wiechmann untersucht rechtsradikale Tendenzen in der Techno-Bewegung. Daniel Kothenschulte stellt eine Neufassung des Elvis-Dokumentarfilms "That's The Way It Is" vor. Besprochen werden die Ausstellung "Untragbar - Mode als Skulptur" im Museum für Angewandte Kunst in Köln und und Carl Heinrich Grauns Oper "Cäsar und Cleopatra" in Rheinsberg.
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TAZ, 07.08.2001

Tom Holert befasst sich mit dem "amerikanischen Kulturimperialismus" im Kino, und selbst Ang Lees Film "Tiger & Dragon" fügt sich da "nahtlos in ein Bedingungsgeflecht, in dem das künstlerische Potenzial vor allem Märkte öffnet".

Weitere Artikel: Daniel Fersch setzt uns aus Gründen, die uns nicht ganz nachvollziehbar sind, von der Tradition der Familienfeste in seiner Verwandtschaft in Kenntnis. Besprochen werden eine Retrospektive des Malers Leon Golub im Brooklyn Museum of Art in New York und einige Bücher.

Schließlich Tom.

FAZ, 07.08.2001

Schon mehrfach haben russische Autoren in deutschen Feuilletons die Rebürokratisierung Russlands unter Putin beklagt, nun auch Sonja Margolina. Und sie wirft auch der deutschen Regierung vor, mit dem "Sankt Petersburger Dialog", der angeblich ein Forum der Zivilgesellschaften Russlands und Deutschlands sein soll, im Sinne von Putins Absichten zu agieren. Denn Putin will offensichtlich auch ein Netz halbamtlicher Nichtregierungsorganisationen schaffen: "Der natürlichen Koordinierung der Zivilgesellschaft von unten wird der künstliche Prozess von oben im Geiste der 'Machtvertikale' entgegengesetzt. Unter diesen Umständen stellt sich die Frage, ob es für manch eine deutsche Partnerorganisation nicht an der Zeit wäre, über den Sinn und die Ergebnisse ihres Engagements in Russland nachzudenken. Denn es ist schlecht vorstellbar, dass von den jahrzehntelangen Beziehungen zu Russland nichts außer der Routine der Geldbeschaffung und des institutionellen Selbsterhaltungstriebs übriggeblieben ist. Ungeachtet aller Betriebsblindheit muss irgendwann das Menetekel an der Wand erscheinen."

Josph Hanimann schildert auf einer schön illustrierten Seite Verschiebungen der französischen Geografie durch die neuen TGVs: "Die Geografie des Landes schrumpft zu neuen Formen: Marseille liegt heute näher an Paris als Clermont-Ferrand, und in Brüssel ist man schneller als an den nahen Stränden der Normandie, wo die Proustsche Gesellschaft sich einst tummelte. Überdies kann heute, wer in Calais am Ärmelkanal den Frühstückstee trank, viereinhalb Stunden später unter Umfahrung von Paris am Mittelmeer zum Aperitif den Pastis bestellen. Das mühsame Kofferschleppen der Durchgangsreisenden von einem Pariser Kopfbahnhof zum anderen geht allmählich zu Ende."

Weitere Artikel: Thomas Weber stellt amerikanische Studien vor, die Zweifel an der Zuverlässigkeit von Fingerabdrücken als kriminologischem Beweismittel wecken (Simon Cole, Urheber dieser Zweifel, hat in Lingua Franca einen langen Artikel dazu geschrieben). Ute Diehl porträtiert den italienischen Kunstkritiker Achille Bonito Oliva, der einst den Begriff der "Transavanguardia" schuf und berühmte Ausstellungen organisierte - zur Zeit läuft "Les tribu delle Arte" in der Galleria comunale d'Arte moderna e contemporanea in Rom. Alexandra Kemmerer würdigt nochmals die Arbeit des internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, der jüngst das erste Völkermordurteil fällte.

Von Christian Schwägerl erfährt man ferner, dass sich der wichtigste Geldgeber der clonwilligen Raelianersekte zurückzieht. Susanne Klingenstein berichtet, dass das Goethe-Institut von Boston seine Bibliothek schließt. Patrick Bahners schreibt zum Tod von Lord Longford, der adlig, katholisch und links war. Dieter Bartetzko gratuliert dem Denkmalschützer Gottfried Kiesow zum Siebzigsten. Ferner erfährt man in Meldungen, dass Peter Mussbach als Intendant der Berliner Staatsoper im Gespräch ist, und dass sich in Bonn eine Initiative von Genforschern gegen die Stammzellforschung gebildet hat.

Besprochen werden die große Murillo-Ausstellung in der Münchner Pinakothek, das Tanzprogramm des Festivals von Avignon und Benno Bessons Inszenierung von Sanguinetis "Liebe zu den drei Orangen" in Venedig.

Im Medienforum werden die Schwierigkeiten der auf 20 Uhr verlegten Fußballsendung ran geschildert, eine angemessene Quote zu erreichen. Außerdem erfährt man, das in Nordrhein-Westfalen Verleger Fernsehen machen wollen und dass die Fotografin Herlinde Koelbl Journalisten für eine "Meute" hält.