Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.05.2001.

NZZ, 04.05.2001

Maja Turowskaja schreibt über Verbrechen und Versuche, sie aufzuklären: "Seit dem Mord an dem in Russland mehr als populären Fernsehmoderator Wlad Listjew und an der Politikerin Galina Starowoitowa weiß man, dass schnelle Ergebnisse nicht zu erwarten sind. Die Monatszeitung Sowerschenno sekretno ('Vollkommen geheim') zitiert Zahlen aus dem Informationszentrum des Innenministeriums: Bis Ende November 2000 wurden in Russland 28 727 Fälle von Mord und Totschlag registriert, und von den darin enthaltenen Auftragsmorden wurden 126 aufgeklärt."

Martin Alioth fragt sich, wie es gerade in Großbritannien, dem Land der Tierschützer, ohne Proteste zu den Massenschlachtungen wegen Maul- und Klauenseuche kommen konnte, denn ökonomisch sind sie nach seiner Darlegung nicht gerechtfertigt ? und man hätte impfen können: "Sobald das Goldene Kalb der ungehinderten Exportfähigkeit einmal als solches entlarvt ist, löst sich die gesamte ökonomische Kausalkette in Schall und Rauch auf. Übrig bleiben qualmende Scheiterhaufen, deren toxische Fracht noch weitgehend unbekannt ist, Massengräber von der Größe von Hangars, aus denen Blut und Leichengift in die Trinkwasserversorgung sickern, eine ruinierte Tourismusbranche und schließlich eine gänzlich demoralisierte Bauernschaft."

Weitere Artikel: Matthias Frehner schreibt zur Eröffnung der Daros-Collection in Zürich. Besprochen wird eine Ausstellung über Donato Bramante in Mailand. Und in einer Meldung erfährt man Näheres über die Pläne des Burgtheaters für die nächste Saison.

SZ, 04.05.2001

Andrian Kreye berichtet, dass Bill Gates die Bilder seiner Agentur Corbis in einem 70 Meter tiefen Stollen vergraben will, angeblich, um es so für die Nachwelt zu erhalten. Gates besitzt eines der größten Bildarchive der Welt: ihm gehören "die Rechte an 65 Millionen Bildern, zu denen neben der Sammlung von Otto Bettmann auch das Archiv der Nachrichtenagentur UPI gehört", schreibt Kreye. "Nun wolle man die Sammlung digitalisieren und dadurch für die Zukunft bewahren. Über die Web-Seite von Corbis habe die Öffentlichkeit doch weiterhin Zugriff auf die Bilder."

Weitere Artikel: Johannes Willms interviewt den Historiker Winfried Schulze zum Streit um die von ihm vorgeschlagene Neuorganisation der Auslandsinstitute, Bernd Graff verteidigt den Nationalen Ethikrat, Uwe Timm bedankt sich für die Verleihung des Großen Literaturpreises, und Susan Vahabzadeh berichtet über den Rücktritt Gudrun Geyers als Leiterin des Dokumentarfilmfestivals: zuviel Selbstausbeutung.

Besprochen werden eine Ausstellung im Deutschen Museum München mit bislang geheimen Dokumenten über das deutsche Atombombenprojekt in der NS-Zeit, Andrzej Bartkowiaks Film "Exit Wounds ? Die Copjäger", ein Auftritt Klaus Maria Brandauers bei den Ruhrfestspielen, die Aufführung von Valere Novarinas "Le drame de la vie" inszeniert von Jean-Pierre Vincent in Paris und Tim Parks Roman "Schicksal" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages heute ab 14 Uhr).

FR, 04.05.2001

Junhua Zhang, China-Experte an der FU Berlin, erklärt, was es mit dem hässlichen Wort der "Fleischbombe" auf sich hat. So bezeichnet man Konkubinen, mit den reiche Chinesen die Kader der Partei bestechen: "In der südlichen Provinz Guangdong wurden im Jahr 1999 102 hochkarätige Beamte wegen Korruption angeklagt. Allen konnte nachgewiesen werden, dass sie in ihrer zweiten Wohnung oder in ihrer zweiten Villa eine 'Mistress' zu ernähren hatten. Dass die Beamten nach dem Besuch eines getarnten Bordells oft noch eine Quittung verlangten, um sich die hohen Beträge als dienstliche Ausgaben zurückerstatten zu lassen, zeigt, wie ungeniert verstehen sie von ihrer Macht Gebrauch machten." Nun überlegt man, "sexuelle Bestechung" als Straftatbestand ins Gesetzbuch aufzunehmen.

Klaus Walter porträtiert die Girls Group Destiny's Child, die mit feministisch angehauchten Hits und einer Serie von Nummer 1-Hits als würdige Nachfolgerinnen der Spice Girls gelten: "Scheitern ist nicht vorgesehen im Masterplan D.C.: Wie 'Independent woman' schießt die neue Single auf beiden Seiten des Atlantik an die Spitze der Charts. Das wird selbstverständlich auch mit dem Album passieren, das so heißt wie die Single: 'Survivor'. D.C. bleiben beim Thema und reanimieren 'I will survive', Gloria Gaynors Überlebens-Hymne aus den 70ern (und After-Work-Party-Hymne der Gegenwart) im Sounddesign des Cyber-R&B. 'Du dachtest, ich wäre schwach ohne dich, aber ich bin stärker. Du dachtest, ich wäre arm ohne dich, aber ich bin reicher. I'm a survivor.' Die Rezensentin des New Musical Express fühlte sich an die Phrasen einschlägiger Selbsthilfebücher erinnert." Politisch steht die Gruppe übrigens George W. Bush nahe.

Weitere Artikel: Florian Hassel berichtet vom Triumph Cecilia Bartolis in Moskau. Judith Jammers stellt neue britische Architekturprojekte vor. Eckhard Henscheid nimmt in seiner Kolumne "Gewäsch des Monats" Alice Schwarzer aufs Korn. Besprochen werden der Rembrandt-Film mit Klaus-Maria Brandauer, Benjamin Brittens Kammeroper "The Turn of the Screw", von Carsten Fuhrmann in Freiburg inszeniert und "Der Torso in der Skulptur der Moderne" - eine Ausstellung der Stuttgarter Staatsgalerie.
Anzeige

TAZ, 04.05.2001

Sebastian Handke erzählt, wie die Berliner Autonomen ihre Maifeierlichkeiten in "kritischen Medienprojekten" aufarbeiten: "Also trafen sich am Mittwoch in einem Berliner Club Vertreter von KanalB und Indymedia - beides unabhängige und offene multimediale Plattformen, die Infrastruktur zur Verfügung stellen für die Veröffentlichung von nichtkommerziellem Material -, um sich Gedanken zu machen über 'Stand und Chancen linker Vernetzungsprojekte'. Zunächst gab es Videos aus Kreuzberg. Mit der Nonchalance eines Gerd Rubenbauer stilisierte sich der Referent zum Kriegsberichterstatter, und der Sache angemessen war sein olivgrünes Outfit. 'An dieser Stelle gehe ich zurück zum Kotti, und man merkt: jetzt beginnt's. Ich bin selbst auch gerannt, damit meine Privatkamera nicht nass wird, die ersetzt mir keiner.'"

Andreas Becker porträtiert die Folksängerin Ani DiFranco und wundert sich angesichts ihrer Kindheit, wie sie überhaupt zur Folksängerin werden konnte: "Die Legende geht so: Als Kind der ausgehenden Flower-Power-Tage stolperte Ani DiFranco, geboren 1970, manchmal beim morgendlichen Gang zur Cornflakes-Schachtel über leicht angeschmuddelte Langhaarige in Schlafsäcken, die neben ihren Gitarren im Flur übernachtet hatten. Denn ihre Eltern ließen öfter Folkmusiker bei sich übernachten, die gerade auf Tramp- und Konzerttour waren. Anderen Kids hätte diese Erfahrung wahrscheinlich gereicht, eine gesunde Skepsis gegenüber Gitarren zu entwickeln und später die Republikaner zu wählen. Nicht so die kleine Ani."

Weitere Artikel widmen sich den CDs von Janet Jackson und Destiny's Child, dem Album "Profane" der Instrumentalband Couch, dem Film "Lost Killers" und einer "HipHop-Tour gegen rechte Gewalt" (das wird sicher helfen!)

Schließlich Tom.

FAZ, 04.05.2001

Hubert Spiegel würdigt Friederike Mayröcker, die bekanntlich den Büchner-Preis erhalten wird: "In Friederike Mayröcker ehrt die Darmstädter Akademie ein Werk, aber vielleicht mehr noch einen Anspruch, wie er absoluter nicht sein könnte: Es ist kein Heil, kein Leben, keine Liebe, es sei denn in der Literatur und durch die Literatur." (siehe auch unser Link des Tages heute ab 10.30 Uhr).

Christian Schwägerl nimmt die Position der FDP zur Biopolitik auseinander: "Ausgerechnet die FDP, die Partei der Spaßpolitiker und der RTL-gerechten Inszenierungen, nimmt sich mit großer Radikalität dem wohl ernstesten Fragenkomplex der Gegenwart an." Die FAZ hat ja Verdienste um die alte Rechtschreibung, aber nun sollte sie sich auch mit dem Genitiv befassen!

Eine ganze Bilderseite widmet die FAZ einem fotografierenden Revolutionär. Paul Ingendaay berichtet: "Erst 1998 wurden Vertreter des Valencianischen Instituts für Moderne Kunst (IVAM) auf die Dimensionen der fotografischen Arbeit Ernesto Guevaras aufmerksam, gewannen dessen Witwe Aleida March für eine Ausstellung und präsentieren jetzt in der Valencianischen Bibliothek hundertzwanzig Aufnahmen aus den Jahren 1955 bis 1965. In Europa waren sie bisher unbekannt." Leider sind sie im Internet nicht zu sehen.

Wieviel noch zu tun ist, bis sich die meisten gen-ethischen Fragen tatsächlich stellen, geht aus dem zweiten Teil der Reith-Lecture von Tom Kirkwood hervor, der sich mit dem Altern und gentechnischen Perspektiven der Lebensverlängerung befasst: "Stammzellforschung ist so schwierig, weil es darum geht, die Macht der DNA zu zähmen und gleichzeitig ihre Schadensanfälligkeit zu kontrollieren. Dieses Problem wird unzulässig simplifiziert, wenn einfach davon ausgegangen wird, dass Stammzellen unsere genetischen Baupläne enthalten und dadurch die Aufgaben aller spezialisierten Körperzellen übernehmen können. Embryonale Stammzellen durchlaufen einen komplexen Entwicklungsprozess, bis sie zu Zellen im erwachsenen Körper werden. Falls wir junge Stammzellen in erwachsenes Gewebe einpflanzen wollen, müssen wir erst einmal herausfinden, ob die jungen Zellen an dieser Stelle den normalen Entwicklungsprozess auch wirklich wiederholen oder ob nicht vielleicht wesentliche Schritte versehentlich ausgelassen werden."

Weitere Artikel: Andreas Rossmann hat in Köln einer Lesung der gesamten "Recherche" von Proust beigewohnt. Andreas Kilb bespricht den "unvergesslichen" Film "Rosetta". Jürgen Kaube schreibt zum Tod Soziologin Marie Jahoda. Florian Rötzer stellt neue Forschungen zum Einfluss der kulturellen Umwelt auf die Gene des Menschen (besonders seine Intelligenz) vor. Gerhard R. Koch gratuliert dem Dirigenten Gennadi Roshdestwenski zum Siebzigsten.

Besprochen werden die Ausstellung "Die Entdeckung des Lichts" in Saarbrücken, "Beatrice et Benedicte" von Hector Berlioz in Amsterdam, der Film "Under Suspicion", Conor McPhersons "Dublin Carol" im Schauspiel Stuttgart, eine Hans-Henny Jahnn-Inszenierung in Bremen, David Sawers' "From Morning to Midnight" nach Georg Kaiser in London, eine Ausstellung über Design und Literatur im Großbritannien der fünfziger Jahre im Zürcher Museum für Gestaltung und Tanzspektakel in Stuttgart.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht es um neue CDs von Jazzgitarristen, um den Komponisten Adolph Henselt, um eine CD von Bob Dorough und Dave Frishberg und um den senegalesischen Musiker Cherif Mbaw.