Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Keine Erklärung für den Schuss

27.05.2009. Der 2. Juni 1967 verwirrt die Geister weiter. In der SZ meint Gerd Koenen, dass sich die Springer-Presse und die Stasi wahrscheinlich ganz gut auf das Feindbild "langhaarige Chaoten" einigen konnten. Die Welt will nachweisen, dass der Springer-Verlag differenzierter über die Studentenproteste berichtete, als das Feindbild es wahrhaben möchte. In der FAZ polemisiert Wolfgang Kraushaar gegen all jene, die an ihrem Geschichtsbild festhalten. Alle würdigen Walter Kappacher, der in diesem Jahr den Büchner-Preis bekommen wird.

Konsequente Fortführung der Groteske

26.05.2009. Bei Durban 2 haben die Feuilletons geschlafen, bei Faruk Hosni werden sie wach. Ein Unesco-Generaldirektor, der entschlossen ist, die Bibliothek von Alexandria Israel-rein zu halten, ist nicht haltbar, meint die FR. Das Blog Lizas Welt sieht den antisemitischen Unesco-Politiker nicht als Ausnahme, sondern als Regel in der UNO. In vielen Feuilletons klingt Cannes nach: Tolles Festival, meint die FAZ, geht so, meint die taz. In der Welt spricht Michael Haneke über seinen palmenprämierten Film. In der SZ fordert Navid Kermani eine Akademie der Kulturen der Welt für Köln. Und Walter Kappacher bekommt den Büchner-Preis, meldet Spiegel Online.

Kinder, einkaufen!

25.05.2009. Die FAZ druckt den Aufruf Bernard-Henri Levys und Claude Lanzmanns gegen die Installierung eines antisemitischen Unesco-Direktors nach. Die NZZ sucht nach dem Gen für Sprache. Überall wird das Festival von Cannes resümiert, erschöpft, aber nicht unglücklich. Die taz schreibt die Geschichte zu Karl-Heinz Kurras nicht um. In der SZ antwortet Beqe Cufaj auf Franziska Augstein zum Kosovo-Krieg. Und man feiert den Schauspieler Christoph Waltz als hocheleganten Nazi bei Quentin Tarantino.

Wir waren kritische Analphabeten

23.05.2009. War der Schuss auf Benno Ohnesorg ein Stasi-Mord? Stefan Aust findet diese Frage in der FAZ nicht von der Hand zu weisen. Auch Wolfgang Kraushaar appelliert in der Berliner Zeitung an Karl-Heinz Kurras, die Hintergründe bekannt zu machen - ohne große Hoffnung, denn Mord verjährt nicht. In der NZZ fragt Dubravka Ugresic: Wo ist Heimat? Die SZ hat sich die Antwortmaschine Wolfram alpha agesehen, die viele Fragen offen lässt.

Gesunder Hauch von Schmiere

22.05.2009. In der FR streiten sich Claus Peymann und Rene Pollesch über den Wert der Literatur. Die Welt zeichnet ein wenig schmeichelhaftes Porträt des neuen Festivalchefs von Salzburg, Alexander Pereira. Und alle schreiben aus Cannes über Quentin Tarantinos Film "Inglourious Basterds": Für die SZ ist es ein Feelgood-Film über Nazis, die taz freut sich, weil Hitler kaputt, die FR sieht ihn als verwegene Kolportage, die Welt feiert den eigentlichen Star des Films: Christoph Waltz.

Vergesst die Ökumene

20.05.2009. Große Debatten über das Internet. Ist es gut, ist es böse? Die Zeit verteidigt die Intellektuellen gegen alle, die zugeben, sie nicht zu verstehen, zumindest aber gegen muehl500. Kann es sein, dass die Intellektuellen selbst die Entkoppelung von Text und Medium durch das Netz nicht verstehen?, fragt der Freitag. In der FAZ antwortet Stefan Niggemeier auf Miriam Meckel: Die Zeitungen haben die Autoren schon vor Google enteignet. In der FAZ kriecht auch Kardinal Lehmann keineswegs zu Kreuze.

Alle Zeichen stehen auf Schock

19.05.2009. Der Skandal um den Hessischen Kulturpreis grollt und rollt weiter. Die FR fordert eine Trennung von Staat und Kirche in Hessen. Die NZZ muss mit Besorgnis zur Kenntnis nehmen, dass ein NZZ-Artikel zum Skandal Anlass gegeben hat. In der FAZ versetzt der Theologe Friedrich Wilhelm Graf den Staats- und Kirchenfürsten eine kräftige Watsche. SZ und Welt geben zu bedenken: Dürfen Christen nicht auch mal beleidigt sein? Und dann Lars von Trier, der Irrsinn, das Echte, die Schere, der Horror, der Horror, der Horror...

Sooo zerbrechlich

18.05.2009. Micha Brumlik fürchtet nach dem Debakel um den Hessischen Kulturpreis in der FR um die Zukunft der Integrationspolitik. In der Welt befürwortet der Autor Rolf Schneider einen Prozess gegen John Demjanjuk. In der taz spricht der Historiker Tom Segev über Rassismus in Israel. Die Cannes-Kolumnisten schreiben zumeist über Ang Lees neuen Film "Taking Woodstock". Die NZZ fand Albert Ostermaiers neues Stück "Blaue Spiegel" am Berliner Ensemble so leicht verständlich wie schwer verdaulich.

Die Jugendschutzschiene

16.05.2009. In der NZZ erklärt David Lodge, wann ein Künstler zum Geschäftsmann wird. Die CDU will bei Google überhaupt keine deutschen Bücher sehen, meldet Spiegel Online. In der taz erklärt der Theatermacher Volker Lösch, wie er das Theater an die Welt ankoppelt. Netzpolitik.org weiß, warum sich die Videotheken solche Sorgen über Kinderpornos im Netz machen. Und: Die Empörung über die Aberkennung des Hessischen Kulturpreises an Navid Kermani ist einhellig.

Die Rückkehr des Bleichen

15.05.2009. Deutsche Politiker im Web 2.0 - ratlos: Die NZZ ist nach Untersuchung der Wahlkampfseiten ernüchtert. In Qantara benennt der Lyriker Adonis die Hindernisse im Dialog der Kulturen. Die Welt bringt ein Gespräch mit Lars von Trier, der eine Depression mit dem "Antichrist" bewältigte. Der Skandal um die Aberkennung des Hessischen Kulturpreises für Navid Kermani sorgt allgemein für Befremdung - Kermani selbst schreibt in der FAZ. Aktualisiert um 10 h: Die Blogs diskutieren über Lawrence Lessig, Kinderpornosperren, "Heidelberger Appell".