Heute in den Feuilletons

Das Palimpsest als Werkbegriff

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.04.2013. Die NZZ hat herausgefunden: Das Internet macht die Literatur doch neu. Das Internet der Konzerne ist zugleich Straße, Karte und selbstfahrendes Auto und entmündigt seine Nutzer, meint Felix Stalder in der Berliner Gazette. Ian McEwan erinnert im Guardian an Großbritannien vor Thatcher - und will auf keinen Fall dahin zurück. FAZ Independent und Presse staunen über den Hass, der Thatcher bis heute entgegenschlägt. Die Welt schwankt zwischen Wolfgang Büchner und Jakob Augstein als Chefredakteur des Spiegel. In der SZ schämt sich Heribert Prantl im nachhinein über den Journalismus in der Causa Wulff.

NZZ, 10.04.2013

Das Internet hat die Experimentierlust mit kollektiver Literatur beflügelt, weiß Astrid Kaminski in die Szenerie ein, aus der besonders die Autorengruppen Wu Ming und The Grand Piano hervorstechen. Aber auch im guten alten Print gibt es immer mehr Versuche, Urheberschaft neu zu gestalten: "Das Palimpsest als Werkbegriff ist inzwischen keine Metapher mehr, sondern Methode. Es geht nicht mehr nur um einen postmodernen Resonanzraum, ein bisschen Durchpausen oder Klauen, sondern darum, bereits bestehende Werke buchstäblich zu übermalen oder gleich ganz neu zu schreiben. 'Etwas, das die Grenzen zwischen den Autorschaften verschwimmen lässt', beschreibt der New Yorker Dichter Christian Hawkey dieses Verfahren. Zusammen mit der Lyrikerin Uljana Wolf übermalt er Rilkes Übersetzungen von Werken der viktorianischen Dichterin Elizabeth Barrett-Browning bis auf wenige Worte mit Tipp-Ex."

Besprochen werden unter anderem die Schau "Zurück zur Klassik" im Frankfurter Liebieghaus, eine Ausstellung zu William S. Burroughs in der Hamburger Sammlung Falckenberg, Geoff Dyers Roman "Sex in Venedig, Tod in Varanasi" und Michael Brenners Geschichte der Juden in Deutschland (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Aus den Blogs, 10.04.2013

(Via Netzwertig) Das Internet der Konzerne ist zugleich Straße, Karte und selbstfahrendes Auto, meint der Internettheoretiker Felix Stalder in einem Essay für die Berliner Gazette. "Niemand muss mehr Autofahren lernen, niemand verirrt sich je, und alle haben immer genau das Auto zur Verfügung, das sie gerade brauchen. Und das kostenlos! Kein Wunder, dass alle plötzlich so mobil sind und sich so frei fühlen. In der Bereitstellung der integrierten Kombination von Straße, Karte und selbstfahrendes Auto liegt aber eine enorme Macht der Kontrolle und der Manipulation."

Weitere Medien, 10.04.2013

Ian McEwan kann im Guardian den posthumen Hass auf Margaret Thatcher ja irgendwie nachvollziehen, bittet aber mal kurz innezuhalten: "But if today's Guardian readers time-travelled to the late 70s they might be irritated to discover that tomorrow's TV listings were a state secret not shared with daily newspapers. A special licence was granted exclusively to the Radio Times. (No wonder it sold 7m copies a week). It was illegal to put an extension lead on your phone. You would need to wait six weeks for an engineer. There was only one state-approved answering machine available."

Thomas Kramar gibt für die Presse einen Überblick über die Hasspoesie des britischen Pop: "Sogar der an sich nicht aufsässige Elton John, der sich mit der Queen stets gut verstand, sang in 'Merry Christmas Maggie Thatcher': 'We all celebrate today, 'cause it's one day closer to your death.'"

Und der Independent meldet: "Lady Thatcher's death could propel 'The Wizard Of Oz' track 'Ding Dong! The Witch Is Dead' to the top of the charts. Those who saw her death as a cause for celebration have prompted a download surge for the track. Within 24 hours of the former Prime Minister's death, the song had risen to number 9 in the iTunes best-sellers chart. It reached number 2 on the Amazon singles download chart."

Und Werben und Verkaufen meldet: "Nach dem Verkauf der Frankfurter Rundschau (FR) an die FAZ ist nun auch die DuMont Digitale Redaktion GmbH in Frankfurt insolvent. Die Redaktion gestaltet bislang die Onlineauftritte und Apps von FR und Berliner Zeitung. Betroffen seien 23 Mitarbeiter, teilt das Medienhaus M. DuMont Schauberg MDS mit."
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Welt, 10.04.2013

Manuel Brug stellt die senegalesische Tänzerin und Choreografin Germaine Acogny vor, die mit mehreren Kompanien arbeitet. Mit einer tritt sie gerade in Deutschland auf. "2006 begann dann die Auslese für Jant-Bi Jigeen, die Frauentruppe. 'Wir waren erst über 30, dann 16, schließlich blieben nach drei Jahren noch neun Frauen übrig', erzählt Ndeye Toutty Daffé, die 28-jährige ledige Mutter, die wie vier der anderen Frauen im Dorf bei ihrem Onkel lebt. 'Es war hart. Wir tanzen, was uns als Frauen im Senegal bewegt. Die Liebe und die Erniedrigung, die Kraft, aber auch den Stolz, um durch den Alltag zu kommen. Wir sind ein islamisches Land, laizistisch, aber als tanzende Frau, als Künstlerin wird man gleich als Hure abgestempelt. Nur hier nicht. Mein Dorf hat da viel gelernt. Das verdanken wir Germaine.'"

Hier ein wunderbarer Auftritt von ihr in Lyon 2010:



Aussichtsreichste Kandidaten für die Nachfolge der entlassenen Spiegel-Chefredakteure sind dpa-Chefredakteur Wolfgang Büchner und Freitag-Verleger Jakob Augstein, meldet Kai-Hinrich Renner, der in seinem Artikel aber vor allem die "von der FAZ befeuerte Dolchstoßlegende" widerlegen möchte, Informationen aus dem Spiegel seien an das Abendblatt "durchgestochen" worden, um die Chefredaktion unmöglich zu machen. "Das liest sich ganz hübsch, ist aber kompletter Blödsinn."

Weiteres: Alan Posener singt ein Loblied auf die Eiserne Lady als Kämpferin für die Aufsteiger und gegen die Klassengesellschaft. Besprochen werden Nina Grosses Verfilmung des Schlink-Romans "Das Wochenende" und Barbara Freys Inszenierung von Molnars "Liliom" im Wiener Burgtheater

Auf der Forumsseite verteidigt der Publizist Klemens Ludwig die Kritik am Islam: "Auch in den Ländern, wo kein radikaler Wechsel stattgefunden hat, haben sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert. Indonesien und Malaysia waren - auch für deutsche Muslime - jahrelang die immer zitierten Beispiele, dass Islam, Toleranz und Vielfalt durchaus vereinbar seien. Inzwischen werden auch dort die radikalen Vertreter immer einflussreicher; die Übergriffe auf alle, die von der einzig wahren Richtung abweichen, immer häufiger. In Indonesien wurden kurz vor Ostern fünf christliche Kirchen niedergerissen."

TAZ, 10.04.2013

Wer wird jetzt für die Auflage sorgen?, sorgt sich die taz nach dem drastischen Rauswurf der beiden Spiegel-Chefredakteure Mathias Müller von Blumencron und Georg Mascolo. Im Interview glaubt der Medienwissenschaftler Klaus Meier, dass der Streit Online versus Print an der Sache vorbei führt, der Graben verlaufe vielmehr zwischen Qualität, die kostet, und Schrott: "Es ist ein Trend, dass Medien, die von sich sagen, dass sie qualitativ hochwertigen Content anbieten, auch hinterherschicken, dass er etwas kosten muss. Aber es gibt verschiedene Modelle. Auch das freiwillige Bezahlmodell von taz.de fällt unter Bezahlstrategie. Daneben wird es immer einen breiten Markt für, abfällig gesagt, Junk Food geben, schnelle Nachrichten, die sich nur über Werbung finanzieren. Wahrscheinlich wird es eine Differenzierung geben zwischen einem Massenmarkt und einem hochwertigeren Journalismus, der Hintergründe aufbereitet und Orientierung bietet."

Besprochen werden Joseph Kosinskis Film "Oblivion" mit Tom Cruise, die Oper "Tod eines Bankers" im Theater Görlitz und zwei neue Bücher von Giwi Margwelaschwili: "Das Lese-Liebeseheglück" und "Fluchtästhetische Novelle".

SZ, 10.04.2013

Sehr zerknirscht liest sich, was Heribert Prantl im nachhinein zur Causa Wulff über die höchst unschöne Rolle der Presse zu sagen hat (die SZ nimmt er nicht aus): "Wenn man sich nachträglich durch die Artikelstapel von damals blättert, stellen sich Verwunderung, Beklemmung und auch Bestürzung ein - schon über die schiere Masse. Schon diese Masse kann den Eindruck erwecken, dass hier Macht ausgeübt werden soll; schon in der Dichte und Frequenz von Artikeln und Sendungen mag eine Art von Gewalttätigkeit liegen. Diese Art von Gewalt ist nicht gemeint, wenn von der Presse als vierter Gewalt die Rede ist. Die Causa Wulff ist ein Lehrstück für die Pressefreiheit. Diese Pressefreiheit ist nicht dafür da, Journalisten lust- und machtvolle Gefühle zu verschaffen."

Die erste Seite des Feuilletons ist Margaret Thatcher gewidmet, die laut Johan Schloemann nicht nur "einen neuen Typus des schnellen Geldverdieners" ins einst so graue Großbritannien und in die Welt gebracht, sondern auch den politischen Stil nachhaltig verändert hat: Ausgerechnet sie hat "eine maximale Verflüssigung - nämlich die beschleunigte Freiheit des Privateigentums - mit maximaler Festigkeit und Beharrlichkeit durchgesetzt. Mit ihrem eisernen Willen zur Veränderung brachte sie einen Ernst und eine Rigorosität in die Regierung und in den öffentlichen Diskurs des Vereinigten Königreichs, die den herrschenden Eliten, gerade auf konservativer Seite, eigentlich fremd war." Buchstäblich am Rande behandelt die SZ zudem die zahlreichen kritischen Stimmen in Film, Kunst und Musik, die Thatchers Politik von Anfang an begleitet haben.

Außerdem: Thorsten Schmitz berichtet von phänomenaler Resonanz auf eine Aktion in der Kunsthalle der Deutschen Bank in Berlin, bei der einen Tag lang von den Besuchern mitgebrachte Werke ausgestellt wurde. Sebastian Schoepp schreibt den Nachruf auf den spanischen Schriftsteller José Luis Sampedro, der für die spanische Protestbewegung ein Vorbild gewesen war.

Besprochen werden neue Pop-Veröffentlichungen, eine Wolpertinger-Ausstellung im Münchner Jagd- und Fischereimuseum, Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" am Opernhaus Zürich, Karl Otto Mühls Stück "Rheinpromenade" am Schauspiel Köln, der Film "Beautiful Creatures" und Bücher, darunter Zülfü Livanelis Roman "Serenade für Nadja" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 10.04.2013

Margaret Thatcher hat es auch im Moment ihres Todes noch geschafft zu polarisieren, meint Gina Thomas mit Blick auf die Häme und Wehleidigkeit der Popindustrie und anderer Akteure: "Möge sie im Höllenfeuer verbrennen, twitterte der linke Abgeordnete George Galloway, Minuten nachdem die Nachricht bekannt wurde. Mit dem Zitat 'Tramp the dirt down', beschwor Galloway das Anti-Thatcher-Lied von 1988, in dem der Popmusiker Elvis Costello die Hoffnung äußert, lang genug zu leben, um Margaret Thatchers Tod zu goutieren, auf ihrem Grab zu stehen und die Erde plattzutrampeln." Auch Edo Reents staunt über den Hass im britischen Pop.

Weitere Artikel: Stefan Kolfehoff berichtet, dass Oskar Kokoschkas Gemälde "Bildnis der Schauspielerin Tilla Durieux", das im Museum Ludwig hängt, nach viel Widerstand an die Erben des Kunsthändlers Alfred Flechtheim zurückgegeben werden soll - ein Präzedenzfall, der vielen Museen Angst macht. Christian Wildhagen wirft einen wohlwollenden Blick auf die erste Saison der Zürcher Oper unter Andreas Homoki. Evgeny Morozov macht in seiner Kolumne auf missliche Konsequenzen der Digitalisierung aufmerksam. Eine ganze Seite widmet sich neuen TV-Serien aus den USA. Auf der Medienseite erzählt Michael Hanfeld den Fortgang der Ereignisse im Spiegel, wo die Chefredakteure nun tatsächlich "mit sofortiger Wirkgung beurlaubt" wurden.

Beprochen werden Joseph Kosinskis Science Fiction-Film "Oblivion" mit Tom Cruise, eine Ausstellung der Künstlerin Tatjana Valsang in Wuppertal, die Film-Romanze "Mademoiselle populaire". "Liliom" in Bochum in Bochum und Bücher, darunter der letzte Band von Karlheinz Deschners "Kriminalgeschichte des Christentums" (mehr in usnerer Bücherschau ab 14 Uhr).