Heute in den Feuilletons

Hameister und ich im Bett

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.04.2008. Gabriele Goettle befragt in der taz Dorothea Ridder zum Leben mit den Machos von der Kommune 1. Die Welt ist zufrieden mit der Vertragsverlängerung für Simon Rattle. Netzpolitik.org kommentiert die braven Reaktionen der Politik auf den Offenen Brief der Musikindustrie und fragt sich, was Angela Merkel mit dem "Herunterladen von Computern" meint. In der SZ beschreibt der Nahostexperte Bernard Haykel Osama bin Ladens poetische soft power.

TAZ, 28.04.2008

Gabriele Goettle nähert sich den 68ern nicht über die Protagonisten. Sie besucht Dorothea Ridder, ein eher unbekanntes Mitglied der Kommune 1. "Und dann kam Kunzelmann nach Berlin. Ich erinnere mich an diesen Ausruf von Hameister - von allen - Ah! Kunzelmann kommt! Hameister und ich im Bett. Als er kam, hatte ich nichts mehr zu sagen. Männerfreundschaften! Weg - da war nichts, keine Frage mehr, gar nichts. Ich war erledigt. Ich dachte, na gut! Aber es ging ja darum, Kommune zu gründen. Also das Experiment. Bei mir war das kein politischer Plan. Nur diese Vorstellung, mit anderen zusammenleben, das fand ich sehr gut. Das gab es nirgends bei uns. Und die hatten auch Angst, andere sind ja abgehauen, die erst ganz groß ? Dutschke, Rabehl, haben abgesagt. Lieber doch nicht!"

In der zweiten taz erfährt Gunnar Leue vom Jenaer Jugendpfarrer Lothar König, was er in seinem Mobilen Musikkampfwagen auf Demonstrationen denn so auflegt. Cristina Nord merkt bei der Verleihung der Deutschen Filmpreise, wie schön pluralistisch verstritten die Filmakademie doch ist. Im Medienteil vermutet Eckhart Lottmann nach einer Stuttgarter Tagung, dass der Zeitzeuge in Geschichtsdiokumentationen mehr und mehr durch den allwissenden Erzähler ersetzt wird.

Und Tom.

Welt, 28.04.2008

Simon Rattles Vertrag wurde von den Berliner Philharmonikern gerade über das Jahr 2012 hinaus verlängert. Manuel Brug scheint damit zufrieden und resümiert den jüngst mit der Neunten abgeschlossenen Zyklus der Beethoven-Sinfonien: "Da steht ein Dirigent, der während der Aufführung nicht nur Konzepten folgt, sondern bisweilen spontan hier antreibt, da eine Melodielinie noch verlängert, einen unendlich schönen fragilen Augenblick beschwört. Und da sitzen Musiker, die ihm wach und mitdenkend folgen, die selbst als Tuttisten in jeder Sekunde als Individuen, nicht als gleichgeschaltete Masse wirken."

Weitere Artikel: Thomas Lindemann wundert sich über die Erfolge der "Sims". Martin Zöller erklärt, warum bis heute Tausende von Italienern an das Grab Mussolinis pilgern. Eckhard Fuhr hat der jährlichen Treppenrede Klaus Staecks in der Akademie der Künste zugehört. Hanns-Georg Rodek berichtet von der Verleihung der Deutschen Filmpreise. Besprochen wird Roland Schimmelpfennigs Stück "Hier und Jetzt" in Zürich.

NZZ, 28.04.2008

Barbara Villiger Heilig berichtet reichlich erschöpft über Jürgen Goschs Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs Seitensprung-Drama "Hier und Jetzt", das seinen Stoff ihrer Meinung nach leider zu Tode traktiert": "Draufhauen lautet die Devise je länger, desto deutlicher, bis aus der Hochzeit auf dem Lande eine triefende Bluthochzeit wird. Manche Gäste essen inmitten von Dreck und Geschrei tapfer weiter. Ob sie dabei mit leiser Bangnis ans Zähneputzen denken, dessen alltägliches Ritual Katja und Georg als Paar scheitern ließ?"

Weiteres: Joachim Güntner berichtet von einem Berliner Symposion zur deutschen "Nationalkultur", bei dem es jedoch "mehr um Staatsbürgerkunde als um das im engeren Sinn kulturelle Selbstverständnis" ging. Zu lesen ist auch ein Interview mit Jutta Limbach über Bildung, das Markus Spillmann für den Sammelband "Mut zum Handeln" des Konvents für Deutschland geführt hat.

Besprochen werden auch Hans Hollmanns Inszenierung von "Glaube Liebe Hoffnung" am Theater Basel und die Ausstellung "Soutine und die Moderne" im Kunstmuseum Basel.
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FR, 28.04.2008

Harry Nutt berichtet von der "inspirierenden" Tagung des Goethe-Instituts zur Nationalkultur, auch wenn ihm der Verdacht kam, "dass ein derart weit und liberal gefasstes Konzept von Nationalkultur eine große Konsensmaschine ist". Einen anstrengenden Abend hat Ina Hartwig mit Klaus Theweleit im Frankfurter Literaturhaus erlebt, der dort recht frei über sich, Jonathan Littell und seine Idee vom Universalfaschisten assoziierte: "Alle drängenden Fragen bleiben unbeantwortet." Daniel Kothenschulte musste bei der Vergabe der Deutsche Filmpreise leiden: "Man schämte sich wieder einmal für eine peinliche Gala." In Times mager widmet sich Judith von Sternburg der Auswahl schönster Wörter mit Migrationshintergrund wie Tollpatsch, Currywurst und Engel.

Besprochen werden Parag Khannas Studie zu den neuen globalpolitischen Tendenzen "Der Kampf um die zweite Welt", Christoph Hagels Aufführung der "Zauberflöte" in der Berliner U-Bahn (der Jürgen Otten einige hübsche Einfälle, ansonsten "nette Sottisen und saloppe Sprüche" anrechnet) und neue Werke bei den Schwetzinger Festspielen.

Aus den Blogs, 28.04.2008

Netzpolitik.org kommentiert den Offenen Brief der Musikindustrie, die zum Tag des Geistigen Eigentums eine Überwachung der Internetnutzer forderte, und die Reaktion der Bundesregierung: "Der Tag des Geistigen Eigentum und die Urheberrechtsdebatte funktionieren immer nach dem gleichen Schema: Die Rechteindustrie beklagt den Untergang des Abendlandes und die Bundesregierung erklärt brav, dass man alle Forderungen umsetzen wird." Netzpolitik.org verlinkt auch auf Äußerungen unseres Kulturministers Bernd Neumann ("Das ist übrigens der, der aktuell Steuergelder zum Fenster rauswirft, weil er daran glaubt, dass die Jugend nicht mehr lesen würde, also kein gedrucktes Papier") und das jüngste Videopodcast von Kanzlerin Merkel mit dem denkwürdigen Satz: "Denn das Herunterladen von Computern ist eine Sache, die nationale Grenzen nicht schützen können."

Perlentaucher, 28.04.2008

Rüdiger Wischenbart fragt in einem "Virtualienmarkt", warum sich auch Verleger dem Offenen Brief der Musikindustrie angeschlossen haben: "Die abstruse Anzeige verweist auch noch irgendwie auf die 'milliardenschwere Telekommunikationsindustrie'. Nun, die Buchbranche setzt rund 9 Milliarden Euro um, rund doppelt so viel wie die Musikindustrie, vor deren Karren sich die Verleger da spannen ließen. Was soll also der ganze Zinnober und das Flehen um 'staatliche Aufsicht'?"
Stichwörter: Euro, Musikindustrie

FAZ, 28.04.2008

Michael Althen kommentiert die Filmpreisverleihung, bei der Fatih Akin abräumte und die wenigstens - anders als bisher meist - halbwegs unfallfrei über die Bühne ging. Und einen Höhepunkt hatte sie auch: "So durfte man sich daran freuen, dass selbst den nie um Worte verlegenen Ehrenpreisträger Alexander Kluge die Macht der Gefühle zu übermannen schien, als der Saal ihm minutenlang stehend Respekt zollte. Seine Rede war dann schon ein großer Moment, der der Akademie vormachte, wie man einen selbstbewussten Sinn für Geschichte mit einem neugierigen Blick in die Zukunft verbinden kann."

Weitere Artikel: Matthias Hannemann berichtet von einer Londoner Historikertagung zum Thema Geheimdienste. Über die Filme des Frauenfilmfestivals in Dortmund und Köln informiert Andreas Rossmann. In der Glosse hält Jürgen Kaube Andrea Nahles' Vorschlag eines Rechtsanspruchs auf den Hauptschulabschluss für unter den gegebenen Umständen sehr vernünftig. Wenig Klärendes hat Thomas Thiel bei den Römerberggesprächen zu hören bekommen, bei denen sich "der kommunistische Schriftsteller" Dietmar Dath, Sascha Lobo und SZ-Redakteur Bernd Graff über das Internet unterhielten. Marta Kijowska weist darauf hin, dass in Krakau des hundertsten Geburtstags von Oskar Schindler nirgends gedacht wird. Kerstin Holm klärt darüber auf, wofür die neureichen Russen auf dem Kunstmarkt so ihr Geld ausgeben: gerne, weiß sie, für Akte und für stalinistische Kunst auch. Walter Haubrich begrüßt den lange erkrankten, jetzt wieder gesunden Nobelpreisträger Jose Saramago zurück in der portugiesischen Öffentlichkeit. Angelika Heinick gibt die bedauerliche Erkenntnis weiter, dass es sich beim berühmten aztekischen Kristallschädel (Bild) im Pariser Musee du Quai Branly um eine keineswegs aztekische Fälschung handelt. Freddy Langer gratuliert dem Fotografen Frank Horvat zum Achtzigsten. Auf der Medienseite wird kurz gemeldet, dass russische Gerichte Medienunternehmen in Zukunft wegen "Verleumdung" schließen können.

Besprochen werden zwei Inszenierungen von Molieres "Menschenfeind" - eine in München (in der Version von Botho Strauss) und eine in Hannover, eine Inszenierung von Agostino Steffanis Barockoper "Niobe" und die Uraufführung von Adriana Hölszkys "Hybris" zur Eröffnung der Schwetzinger Festspiele, ein Konzert des Jazzers Wayne Shorter in Darmstadt und Bücher, darunter der Briefwechsel Hans Falladas mit seiner Frau Anna Ditzen mit dem Titel "Wenn du fort bist, ist alles nur halb" und Michael J. Sandels philosophisches "Plädoyer gegen die Perfektion" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 28.04.2008

Bernard Haykel, Professor für Nahoststudien an der Princeton University, untersucht den meisterhaften Einsatz der Poesie in den Reden Osama bin Ladens. "Lässt man den religiösen Chauvinismus und die anti-jüdischen Inhalte beiseite, so liegt der Einfluss bin Ladens in seiner Fähigkeit, das tief empfundene Gefühl der Ungerechtigkeit und Demütigung in Worte zu fassen, das unter Arabern und Muslimen heute weit verbreitet ist. Deswegen gehört seine Macht in die Kategorie 'soft power' und findet weiten Anklang. Und zwar so weiten, dass eine meiner amerikanischen Studentinnen an der Universität Princeton in einem Seminar zugab, erschrocken zu sein, nachdem sie die Übersetzung einer seiner Botschaften gehört hatte. Erschrocken, weil sie merkte, dass sie mit bin Laden einer Meinung war, dass größere Gerechtigkeit in der Welt nötig und der westliche Materialismus ein Übel sei."

Weitere Artikel: Am Wochenende wurden die Deutschen Filmpreise verliehen: Im Print zeigt sich Anke Sterneborg zufrieden, online ist Sarah Ehrmann eher unzufrieden. Niklas Hofmann schickt Nachrichten aus dem Netz - diesmal hört er Interviews des amerikanischen Journalisten Mike Wallace. Andrian Kreye meldet den Tod von Jossi Harel, dem Kommandanten der "Exodus". Bei den Frankfurter Römerberggesprächen ging's diesmal um das Internet - dem Thema gerecht wurde laut Volker Breidecker allerdings nur ein Redakteur der SZ-online. Noch weniger gefiel Breideker ein Vortrag Klaus Theweleits zu Jonathan Littells Roman "Die Wohlgesinnten" im Frankfurter Literaturhaus, denn Theweleit las aus eh schon bekannten Texten vor. Wenig Erkenntnisgewinn brachte Stephan Speicher die Berliner Tagung "Wiedervorlage Nationalkultur".

Die Medienseite meldet die voraussichtliche Ablösung von Spiegel-Geschäftsführer Mario Frank durch den 44-jährigen ehemaligen Dokumentationsjournalisten Matthias Schmolz. Hans Leyendecker berichtet kurz von einer immensen Kungelei von Journalisten mit dem BND: "In der BND-Spitzelaffäre des Jahres 2006 wurde publik, dass die Sicherheitsabteilung des Dienstes rechtswidrig kritische Journalisten beobachtet hatte - dass aber auch journalistische Dunkelmänner für den Dienst Kollegen ausforschten. Es gab halb korruptive Verhältnisse von Journalisten zum BND, durch die am Ende die Pressefreiheit diskreditiert wurde. Dieses dunkle Kapitel ist bislang öffentlich nur in Teilen aufgearbeitet worden." Dann wird's ja Zeit!

Besprochen werden die große Jasper-Johns-Werkschau "Grays" im Metropolitan Museum, New York, die Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs neuem Stück "Hier und Jetzt" durch Jürgen Gosch in der Schiffbauhalle Zürich, Eric Guirados Film "Der fliegende Händler", Molieres "Misanthrop" am Münchner Residenztheater und Bücher, darunter Ernst Blochs Feuilletons "Der unbemerkte Augenblick" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).