Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.06.2007. Die Zeitungen widmen sich ausgiebig Tony Blair, der heute sein Amt als Premierminister abgibt. Die FR resümiert die Blair-Jahre als Kulturkampf. In der NZZ rechnet die Schriftstellerin Jenny Diski mit Blairs Politik des Herzens ab. Die Welt hofft, dass er seinen Übertritt zum Katholizismus überlebt. Außerdem: In der SZ reist Richard Swartz über die Dörfer von Belgrad nach Zagreb.

FR, 27.06.2007

Matthias Thibaut resümiert die "Blair-Jahre" als Kulturkampf. "Es war eine aufregende Zeit, übermütig von brausendem Materialismus, der sich, zum letzten Mal vielleicht, als progressive Kraft fühlen durfte. Hochgetragen vom missionarischen Optimismus wollte Blair zeigen, wie sich eine moderne Nation im 21. Jahrhundert gelassen wohlfühlt. 'Cool Britannia' hieß das Projekt. (...) Viele spürten jedoch, dass die neue Kultur ein bisschen wie Blair selbst war: Charmant an der Oberfläche, endlos überzeugend, populär - aber irgendwie ohne verlässliche Substanz. Das Wort 'dumbing down' wurde erfunden - so viel wie: verblöden."

Weitere Artikel: Sylvia Staude stellt die neue "Körperkunst" Parkour vor, eine Art urbanes Ertüchtigungsprogramm über Hausdächer und Mauern, das inzwischen Filmstatus erreicht hat. Wibke Gerking berichtet über ein internationales Branchentreffen der elektronischen Hochschul-Musikstudios in Karlsruhe. In einem Interview bilanziert Gründungsvater Gert K. Müntefering 10 Jahre Kika. Und in Times mager empfiehlt Ina Hartwig - mit Hinweis auf die aktuelle Ausgabe der Literaturzeitschrift Akzente mit Oskar Pastiors "Intonationen" zu einem Baudelaire-Gedicht - "Poesie als Lebensform" gegen den Regen-Blues.

Besprochen werden die deutsche Erstaufführung von Edward Rushtons Kunstoper "Harley" in Kassel, das Action-Sequel "Stirb langsam 4.0" mit Bruce Willis, eine Studie über "Konservatives Denken bei Martin Heidegger, Ernst und Friedrich Georg Jünger" von Daniel Morat und der Band "nihilum album" mit Liedern und Gedichten von Oswald Egger. (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

NZZ, 27.06.2007

Die britische Schriftstellerin Jenny Diski (Blog) ist heilfroh, dass Tony Blair geht und rechnet vor allem mit dem so simplifizierenden wie selbstgerechten Moralismus seiner Regierung ab: "Tony Blairs Definition des Ethischen erschöpfte sich in dem Zauberwort, das er seit der Invasion des Iraks bei jeder Gelegenheit aus der Tasche gezogen hat: Aufrichtigkeit. Es bedeutete, dass alles, was Blair aufrichtig meinte, per se auch richtig war. Man muss also lediglich fest daran glauben, dass man das Richtige tut - dann braucht man auch von anderen Meinungen keinerlei Notiz zu nehmen, denn was zählt, ist allein der Glaube. Diese Politik des Herzens, des Vertrauens in eine unsichtbare Kraft, an deren leitende Hand man glaubt und der man einzig Rechenschaft schuldet, ist eine private Politik; und auch ein Ideal aus der viktorianischen Kinderstube - das des einsamen Helden, der auf Biegen und Brechen seine Sache durchficht. Blair behauptete, Gott allein könne sein Richter sein."

Weitere Artikel: Joachim Güntner berichtet über den Gegenwind für Tom Cruise und den Stauffenberg-Film, in dem er die Hauptrolle spielen soll. Das neue Museum für moderne Kunst (MAMbo) in Bologna hat sich Gabriele Detterer angesehen.

Besprochen werden eine Klangkunstinstallation in Berliner Wasserspeichern, die Ausstellung "Instant Urbanism" in Basel, erste Konzerte beim Boswiler Sommer und Bücher, unter anderem Klaus Schafmeisters Romandebüt "Höllenfahrt" und die kommentierte Neuausgabe von Hermann Lübbes Studie "Vom Parteigenossen zum Bundesbürger" (dazu mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 27.06.2007

Gerüchte besagen, Tony Blair wolle nach seinem Rücktritt Katholik werden. Nicht ganz ungefährlich, meint Hannes Stein: "Vor ungefähr 350 Jahren hat so etwas einen König den Kopf gekostet. Charles I. hatte - wie Tony Blair - eine katholische Frau, und er traf sich - wie Blair - heimlich mit katholischen Würdenträgern. Das Resultat: Zack! Am 30. Januar 1649 legte der Henker mit einem einzigen Streich des Handbeils dem König sein Haupt vor die Füße. Es war das erste Mal in der Geschichte, dass ein Monarch nicht wegen einer Palastrevolte, sondern im Namen des souveränen Volkes geköpft wurde. (Die Franzosen erwiesen sich auch hier wieder mal als plumpe Plagiatoren.)"

Weitere Artikel: Günther Grass liest in New York aus seinem Buch "Beim Häuten der Zwiebel" ("Man mag zu Grass' simpler Argumentation stehen wie man will - hier hatte er seine Leser wie so oft auf seiner Seite", schreibt Iris Alanyali). Bei Sotheby's in London wird heute Adolph von Menzels Gemälde "Ernest Meissonier in seinem Gartenatelier" versteigert, meldet Peter Dittmar. Michael Pilz stellt den New Yorker DJ, Produzenten und Musiker Mark Ronson vor. Rolf Schneider widmet sich Theodor Fontanes Ballade "Herr Ribbeck auf Ribbeck im Havelland", deren Urtext in Berlin versteigert wurde. Elmar Krekeler schreibt zur Eröffnung des 31. Bachmannpreises in Klagenfurt. Peter Dittmar meldet, dass Christoph Vitali neuer Direktor der Bundeskunsthalle in Bonn wird und "see" gratuliert dem Politologen Peter Graf von Kielmannsegg zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden: Der Film "Stirb langsam 4.0", den der Rezensent Hanns-Georg Rodek als Film des "gesunden konservativen Skeptizismus gegenüber einer sich in Bits und Bytes verflüchtigenden Welt" betrachtet, sowie ein Auftritt von Martha Argerich und Mischa Maisky in Lugano.

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TAZ, 27.06.2007

Dirk Knipphals freut sich, Bruce Willis in "Stirb langsam 4.0" wiederzusehen: "Digital ist besser, wusste einst die deutsche Band Tocotronic. Analog schlägt besser zurück, sagt dieser Film." Barbara Weidle informiert über die debakulöse Misswirtschaft in der Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, gegen deren bisherige Leiter nun wegen Untreue und der Vergabe von Freikarten ermittelt wird. Besprochen wird die Ausstellung "Ordnung. Eine unendliche Geschichte" im neuen Deutschen Literaturmuseum auf der Schillerhöhe Marbach.

In tazzwei stellt Heide Oestreich das neue Gruner+Jahr-Blatt emotion vor, für das Trendforscher Matthias Horx Leserinnen katalogisiert und mit den "Glücksstrateginnen" einen neuen "Megatrend" ausgemacht hat. Auf der Meinungsseite erklärt Hilal Sezgin, warum sie das Wort Integration nicht mehr hören kann.

Und Tom.

FAZ, 27.06.2007

Bruce Willis alias John McClane ist in "Stirb langsam 4.0" ein junger Hacker zur Seite gestellt. Der scheint dem Alten mehr Relevanz zu verleihen, liest man Verena Luekens Besprechung. "Angesichts dessen, was der Böse (Timothy Olyphant) mit ein paar Mausklicks an Unheil über die Welt bringen kann, ohne sein Hemd zu verknautschen, und was entsprechend auch ein Guter mit besserer Ausbildung als McClane zustande bringen könnte, ohne sich die Hände schmutzig zu machen, ist es schwer zu behaupten, so wie Bruce Willis sähen zeitgemäße Helden aus. 'Stirb langsam 4.0' legt eher nah: So sehen heute Väter aus. Wenigstens der Vater, den Hacker sich wünschen."

Jordan Mejias war dabei, als Günter Grass in New York die vertrauten Fragen zur SS-Mitgliedschaft gestellt wurden, auf die er, in gutem Englisch allerdings, die vertrauten Antworten gab. Resümee: "Grass hat keinen Eklat in einer Hochburg der jüdischen Intelligenz ausgelöst, aber die Absolution wurde ihm dort auch nicht erteilt." Edo Reents bereitet die Leserschaft launig auf das heute beginnende Wettlesen in Klagenfurt (Website) vor. In der Leitglosse informiert Andreas Kilb über den aktuellen Stand im Tauziehen um die Bespielung des noch lang nicht wiedererbauten Berliner Stadtschlosses. Der Historiker Stefan Scheil unternimmt einen Rückblick auf die Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen. Von der Versteigerung der Handschrift von Theodor Fontanes schulbuchbekanntem Ribbeck-Gedicht berichtet Wolfgang Schneider.

Oliver Tolmein nimmt sich die beiden Gesetzesentwürfe zur Patienverfügung vor. Richard Kämmerlings muss sich ziemlich aufregen über Maxim Biller, der im New Yorker den Amerikanern unterstellt, kein Verhältnis zur großen Romanform zu haben. Über zwei "vorbildlich restaurierte Patrizierhäuser" in Nürnberg freut sich Erwin Seitz. Dieter Bartetzko gratuliert der Archäologin Erika Simon zum Achtzigsten. Den Nachruf auf den italienischen Schriftsteller Luigi Meneghello hat Dirk Schümer verfasst. Auf der letzten Seite meditiert Nikolaj Aaron über Vergangenheit, Gegenwart und die diversen Erscheinungs- und Auftrittsformen der französischen Frau. Wolfgang Sandner porträtiert den einstigen Kulturpolitiker Rainer Haarmann, der heute das - von ihm auch gegründete - Festival Jazz Baltica leitet.

Besprochen werden die Anselm-Kiefer-Ausstellung im Pariser Grand Palais, die Uraufführung von Lara Foot Newtons Stück "Reach" in Hannover und Bücher, nämlich Matthias Polityckis Essayband "Vom Verschwinden der Dinge in der Zukunft" und Mike Davis' "Geschichte der Autobombe" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 27.06.2007

In einem kurzen Text beschreibt der Journalist und Schriftsteller Richard Swartz eine Reise von Belgrad nach Zagreb, die in dieser Richtung 45 Minuten länger dauert als andersherum. "Wir rollen an Dörfern vorbei, die vergessen zu haben scheinen, warum sie sich gerade an dieser oder jener Stelle befinden. Sie versuchen, sich zu erinnern: Doch ein Stall, ein Haus ohne Dach und ein aufgegebener Silo stützen das Gedächtnis nicht mehr als ein leeres Fotoalbum mit Resten von Leim und Klebestreifen. Die serbische Dame lacht ein hoffnungsloses Lachen."

Als "groben Unfug" beschreibt Thomas Steinfeld die Reformierung des Goethe-Instituts durch McKinsey. Alexander Menden porträtiert den neuen britischen Premierminister Gordon Brown als den belesensten seit Churchill. Richard Linklater, dem sich die Retrospektive des 25. Münchner Filmfests widmet, spricht im Interview über seine Anfänge, Sehnsüchte und das Geheimnis einer guten Philip-K.Dick-Verfilmung. Tobias Moorstedt erklärt, warum die großen Rockfestivals immer noch funktionieren. Michael Ott erinnert an den Bergsteiger Hermann Buhl, der vor fünfzig Jahren im ewigen Eis verschwand. Tonio Hölscher gratuliert der Archäologin Erika Simon zum 80. Geburtstag. Gemeldet wird schließlich der Tod des italienischen Schriftstellers Luigi Meneghello.

Besprochen werden die Rekonstruktion der Uraufführung von Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame" durch das Theaterkollektiv Rimini Protokoll am Zürcher Schauspielhaus, die Ausstellung "Neu Bau Land. Architektur und Stadtumbau in den neuen Bundesländern" im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt, das Action-Sequel "Stirb langsam 4.0", Mahlers IX. Symphonie unter dem Dirigat von Peter Ruzicka mit den Münchner Philharmonikern und Bücher, darunter Tony Parsons' Roman "Als wir unsterblich waren" über London im Jahre 1977 und Band 4 des Briefwechsels zwischen Horkheimer und Adorno 1950-1969 (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).