Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.10.2006. Die kulturjournalistischen Sonntagsdienste haben sich kein Bein ausgerissen. Immerhin: In der taz erklärt Kurt Wagner, der Sänger der Band Lambchop, warum der Süden der USA ein absolut poetisches Land ist. In der SZ meint Abbas Beydoun, dass die Uno-Truppen im Libanon nicht Israel verteidigen sollten. Die Welt feiert die Wiedereröffnung des Bodemuseums in Berlin.

FAZ, 16.10.2006

Andreas Platthaus berichtet über die Gedenkveranstaltung für Anna Politkowskaja in den Berliner Räumen der FAZ. Präsentiert werden auch einige der dort gehaltenen Schriftsteller-Statements. Die Mitinitiatorin der Veranstaltung, Monika Maron, sagte: "Ich habe Anna Politkowskajas Intelligenz, ihre Erschütterbarkeit und ihren Mut bewundert, seit ich ihr Buch über den Krieg in Tschetschenien gelesen habe. Sie war nicht mutig, weil sie furchtlos war. Sie hat sich gefürchtet und trotzdem getan, was ihr Gewissen und ihr Mitgefühl von ihr gefordert haben."

Weitere Artikel: Jürgen Kaube mokiert sich im Aufmacher über die Beschwerden von Länderministern, deren Universitäten bei der Exzellenzinitiative zur Förderung der Hochschulen nicht berücksichtigt wurden. Andreas Rossmann plädiert in der Leitglosse gegen Peter Sellars als künstlerischen Leiter der europäischen Kulturhauptstadt Ruhrgebiet im Jahre 2010. Ingeborg Harms liest deutsche Kulturzeitschriften und beobachtet eine Rückkehr zu Reim und Metrik in der neuesten Lyrik.

Auf der Medienseite berichtet Petra Tabeling über einen französischen Anstoß zum besseren Schutz von Journalisten in Krisengebieten, Peer Schader berichtet von der Verleihung des deutschen Comedypreises in Köln. Und Andreas Rossmann berichtet, wie Alfred Biolek aus dem Fernsehen verschwindet, nicht aber aus den Theatern, wo er jetzt Ausschnitte aus seinen Shows präsentiert.

Auf der letzten Seite druckt die FAZ ein Kapitel aus einem Buch Ulf Geyersbachs über Schriftsteller und ihre Autos - es handelt von Becketts dramatischer Fahrweise. Patrick Bahners lauschte einem Vortrag des amerikanischen Terrorismusexperten Bruce Hoffman in Berlin. Und Martin Kämpchen berichtet über indische Reaktionen auf den Booker-Preis für Kiran Desai.

Besprochen werden eine Londoner Beckett-Aufführung mit Harold Pinter als "Krapp", ein Kölner Auftritt der schwedischen Popband The Knife, das Frankfurter Antrittskonzert Paavo Järvis als Chefdirigent des Sinfonieorchesters des Hessischen Rundfunks, Uraufführungen von Dea Loher und Maxim Biller am Berliner Maxim Gorki Theater, die Ausstellung "Pracht und Prunk der Großkönige - das persische Weltreich" in Speyer und Sachbücher, darunter Sönke Wortmanns WM-Tagebuch.

Welt, 16.10.2006

Rainer Haubrich feiert die Wiedereröffnung des Bodemuseums: "Das etwas Muffig-Stickige, das man zuletzt mit dem Bau assoziierte, ist verflogen, dennoch herrscht kein kalter Glanz. Die porösen Steinoberflächen sind wieder griffig, der Putz angenehm matt, viele Säle zeigen wieder ihre Tonfliesenböden, die aufgearbeitet und ergänzt wurden." Und Gabriele Walde stellt die dazugehörige Skulpturensammlung vor, zu der auch Riemenschneiders "Vier Evangelisten", Donatellos "Madonna Pazzi", Berninis "Kruzifix" und Andreas Schlüters "Justitia" gehören.

Weiteres: Paul Badde berichtet, dass der Papst wieder die lateinische Liturgie zulassen will. Peter Zander hat sich Martin Scorseses neuen Gangsterfilm "The Departed", ein Remake des Hongkong-Kultthrillers "Infernal Affairs", auf dem Filmfestival in Rom angesehen. Besprochen wird eine Andreas-Slominski-Ausstellung im Frankfurter Museum für Moderne Kunst.

Bereits gestern freute sich Ralph Giordano über den Nobelpreis für Orhan Pamuk in Zeiten des globalen Kulturkampfs: "In dieser höchst prekären Situation, die eine ganze Welt in geduckte Haltung versetzt und ohne Zweifel noch eskalieren wird, sehe ich keinen besseren Vermittler, keinen geeigneteren Entschärfer als den neuen Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk. Ich finde es großartig, wenn er sagt: 'Ich habe die großen Ideen gründlich satt, bin ich ihnen in meinem überpolitisierten Land doch viel zu sehr ausgesetzt gewesen'... Das erinnert mich an Salman Rushdie, der, gefragt, wie er die westlichen Werte definiere, aphoristisch-salopp antwortete: 'Küssen in der Öffentlichkeit, Schinken-Sandwiches, offener Streit, scharfe Klamotten, Kino, Musik, Gedankenfreiheit, Schönheit, Liebe.' Wunderbar!"

FR, 16.10.2006

In "times mager" glossiert Hans-Jürgen Linke den russischen Boykott georgischer Weine. Besprochen werden Karin Neuhäusers Inszenierung der "Orestie" im Frankfurter Schauspiel (Peter Michalzik ist begeistert: "Hier ist alles groß. Groß ist die Bühne und groß ist der Raum, der geöffnet wird, groß sind die Gefühle, die gespielt werden, groß sind die Gedanken, die gewälzt werden, groß ist das Format, fünf und eine halbe Stunde, das gefüllt wird, groß ist der Bogen, der gespannt wird"), Verdis "Otello" in der Semperoper und regionale Kulturereignisse.
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Stichwörter: Otello, Semperoper, Orestie

NZZ, 16.10.2006

Über neueste neurophysiologische Erkenntnisse zur "Wetware des Gehirns" und ihr Verhältnis zur Selbstwahrnehmung berichtet Uwe Justus Wenzel anlässlich eines Symposiums zum Thema "Hirnforschung und Menschenbild". Der Islamwissenschaftler Stephan Rosiny klärt über die Geschichte von Shia und Sunna im Islam auf und beobachtet am Beispiel Irak, dass die Konfessionen immer auch zur Beschreibung politischer Gegensätze dienen. Sabine B. Vogel hat die sechste Gwangju-Biennale zur Gegenwartskunst in Südkorea besucht. Maike Albath erinnert an den italienischen Journalisten und Schriftsteller Dino Buzzati, der vor hundert Jahren geboren wurde. Martina Wohlthat hat im Stadttheater Bern Stijn Celis' Ballett "Gefährliche Liebschaften" gesehen. Und bereits in der gestrigen Sonntagsausgabe lobte der Berner Klimaforscher Thomas Stocker Al Gores Lehrfilm 'An Incovenient Truth', der sich wissenschaftlich solide auf Schweizer Klimaforschung stütze.

TAZ, 16.10.2006

Max Dax unterhält sich mit Kurt Wagner, dem Sänger der Band Lambchop, über das neue Album "Damaged", über Johnny Cash, Bob Dylan und das großartige Nashville: "Nashville war das Nichts. Eine repressive Stadt. Memphis war damals toll, auch wegen Elvis und den Sun-Studios - und heute ist es genau umgekehrt: Memphis ist heute eine sterbende Stadt. Aber es ist gut, dass wir über die Südstaaten reden, denn die Band Lambchop wäre nicht denkbar ohne den Süden. Viele südliche Länder in Europa erinnern mich stark an die Südstaaten in den USA. Kulturell und historisch gesehen ist der Süden der USA ein absolut poetisches Land. Es gibt viel Geschichte im Süden, viel Gewalt und große Kultur. Es ist ein sehr eigenes, sehr fremdes, sehr spirituelles Land."

Besprochen werden das Kunstprojekt "Hannah-Arendt-Denkraum" in der Jüdischen Mädchenschule in Berlin und Sebastian Baumgartens Inszenierung von Sartres "Schmutzigen Händen" in Düsseldorf.

Und noch Tom.

SZ, 16.10.2006

Der libanesische Lyriker und Journalist Abbas Beydoun hofft in Sachen Hisbollah auf den Mut seiner Regierung, und kritisiert Angela Merkel für ihre vielbeachtete Aussage, die deutsche Marine schütze vor der Küste des Libanon auch das Existenzrecht Israels. "In der Tat lässt die Diplomatie der Kanzlerin nicht viel Gespür für die Empfindlichkeiten in der Region erkennen. Warum sollten in den Libanon entsandte Truppen Israel verteidigen? Zudem ist das Existenzrecht Israels seit der Anerkennung durch die Palästinenser in Oslo und seit den Friedensverträgen mit Jordanien und Ägypten nicht mehr gefährdet. Nicht einmal Syrien stellt es noch in Frage, und selbst die Hamas und die Hisbollah verweigern die Anerkennung Israels eher aus religiös-ideologischen Gründen, ohne die Realität völlig zu verkennen. Nun aber zitieren führende Vertreter der Hisbollah ohne Unterlass Merkel, und werfen Unifil umstandslos mit Israel in einen Topf, projizieren israelische Eigenschaften auf die internationale Truppe und zählen sie Letztere zum feindlichen Lager."

Weiteres: Die Exzellenz-Initiative wird die Einheit von Forschung und Lehre an den Universitäten endgültig auflösen, vermutet Johan Schloemann im Aufmacher. Cathrin Kahlweit fordert mehr Geld für die Jugendhilfe und ein Ende der Strategie, die Kinder unter fast allen Umständen wieder zurück in ihre Familien zu schicken. Andrian Kreye begutachtet Anish Kapoors riesenhafte Skulptur "Sky Mirror", die auf dem Rockefeller Plaza in New York installiert wurde, und bescheinigt ihr eine "optimistische Spiritualität". Obwohl es nur wenige Übersetzungen westlicher Schriftsteller ins Arabische gibt, will Katar nun einen einen internationalen Literaturpreis in Höhe von drei Millionen Dollar stiften, wie Najem Wali berichtet. Marcus Rothe plaudert mit dem Schauspieler Stanley Tucci über dessen Rolle in "Der Teufel trägt Prada". Im Medienteil berichtet Annette Ramelsberger, dass der BND-Mitarbeiter und Journalist Wilhelm Dietl nun offenbar im Umfeld des Ex-BND-Präsidenten August Hanning nachforscht.

Besprochen werden Volker Löschs mit aktuellen Recherchen aus dem Hartz IV-Alltag unterfütterte Inszenierung von Brechts "Heiliger Johanna der Schlachthöfe" in Stuttgart, neue DVD-Erscheinungen, Aleksandr Rogoshkins "Kukushka/Der Kuckuck", Jorge Furtados "The man who copied" und Fritz Langs Western "Überfall der Ogallala", und Bücher, darunter Thomas Hürlimanns Roman "Vierzig Rosen" , Tristram Hunts vorerst nur auf Englisch zu lesende Geschichte Jerusalems "Building Jerusalem" sowie politische Bücher (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).