Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.04.2004. "Was Künstler mit ihrer Arbeit tun oder lassen, ist - zumindest auf dem Kunstmarkt - vollständig irrelevant geworden", stellt die taz nach einem Besuch in New York fest. Die FAZ besucht trotzdem James Turrells Sternentor in Arizona. Die NZZ versinkt im unerschöpflichen Strom russischer Schaffenskraft. Die FR fragt sich, warum die Kriegskinder so unrebellisch geworden sind.

TAZ, 14.04.2004

"Was Künstler mit ihrer Arbeit tun oder lassen, ist nämlich - zumindest auf dem Kunstmarkt - vollständig irrelevant geworden. " Isabelle Graw ist es offenbar gelungen, sich in die New Yorker Messe für Gegenwartskunst, der Armory Show, zu schmuggeln, die eigentlich Sammlern und Trustees vorbehalten ist. Ein traumatisches Erlebnis: "Allenthalben vernahm ich spitze Schreie, es wurde "wonderful!" oder "Oh my God, its amazing!" gerufen - ein Verhalten, das mich an die aufgepeitschte Atmosphäre hipper Boutiquen erinnerte. So, wie man sich in Boutiquen auf schiere Begeisterung verlegt, schien auch hier - im Angesicht von Gegenwartskunst - kein Anlass zu weiteren Nachfragen zu bestehen. Eine Galeriemitarbeiterin erzählte mir im Vertrauen, sie dürfe auf keinen Fall etwas Inhaltliches über die in der Koje angebotenen Arbeiten sagen - das verderbe das Geschäft. Allein der Hinweis darauf, dass der Künstler 'jung' sei, sei dem Verkauf förderlich - er müsse genügen. Wer also immer noch glaubt, Kunst müsse zu denken geben oder gar Probleme machen, der wurde hier eines Besseren belehrt. Man hätte sich ebenso gut auf einer Boots-, Champagner- oder Schmuckmesse befinden können. Die traditionelle Vorstellung von Kunst als einer relativ autonomen Sondersphäre lässt sich jedenfalls unter diesen Umständen nicht länger aufrechterhalten."

Weiteres: Andreas Busche findet Charlize Theron mit ihrer präzisen Darstellung hingerichteten Serienmörderin Aileen Wuornos in "Monster" absolut überzeugend. In der tazzwei liefert Michael Streck Impressionen aus der hippen Provinzhauptstadt Des Moines. Maja Rettig bespricht Bruno Steigers "luxuriösen, explizit intertextuellen" Roman "Erhöhter Blauanteil".

Und noch TOM.
Stichwörter: Mons, Autonome

NZZ, 14.04.2004

Noch ganz herbstlich ist Ulrich M. Schmid zumute angesichts eines unerschöpflichen Stroms russischen Schreibens. "Es gibt nach wie vor sichere Werte wie Andrei Bitow oder Vladimir Makanin, gleichzeitig zeichnet sich aber deutlich ab, dass in der russischen Literatur ein Generationenwechsel stattfindet. Die russische Postmoderne hat ihr Verfallsdatum endgültig überschritten." Besonders interessant findet Schmid die Erzählungen des russischen Internet-Pioniers Wladimir Tutschkow. "Mit rabenschwarzem Humor zeichnet er ein absurdes Bild der neunziger Jahre; gleichzeitig wird aber deutlich, dass sich hinter Tutschkows literarischen Übertreibungen eine schreckliche Wahrheit verbirgt: Der Killerinstinkt, der den stiernackigen 'biznesmeny' den Aufstieg zu Macht und Reichtum ermöglicht hat, ist nachgerade zum Leitprinzip der demoralisierten postsowjetischen Gesellschaft geworden."

Weitere Artikel: Uwe Justus Wenzel stellt sich die Frage, inwieweit der moderne Rechtsstaat von religiösen Bindungskräften zehrt und worauf er sich "am Tag der Krise" stützen kann. Marion Löhndorf erzählt uns die Geschichte des Londoner Victoria und Albert Museums und seines immensen Fotoarchivs. Besprochen werden: Hanno Loewys Ausstellung in Hohenems "So einfach war das. Jüdische Kindheiten und Jugend seit 1945 in Österreich, der Schweiz und Deutschland", und Bücher, darunter Emmanuel de Waresquiels Biografie "Talleyrand, le prince immobile", Hella Eckerts Roman "Da hängt mein Kleid" und Dagmar von Gersdorffs Buch über die Beziehung zwischen "Goethe und Marianne von Willemer" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 14.04.2004

Morgen läuft Patty Jenkins Film "Monster" mit Charlize Theron als Serienmörderin an, Fritz Göttler ist gar nicht überzeugt: Theron spielt den Macho, die harte Frau. Sie säuft und hat immer einen Glimmstengel zwischen den Fingern und schlägt zu, wenn einer sie dumm anredet in einer Bar. Der Film will kein falsches Mitleid erzeugen für diese Frau, aber Theron spielt gegen zwei starke Gespenster an, die schauspielerische Bravourleistung und die Message, all das Gutgemeinte, das an dem Film klebt, und sie muss am Ende unterliegen. Der Horror des Films ist nicht, dass sich das hässliche Entlein nie in den ersehnten weißen Schwan verwandeln wird - sondern dass man immer weiß, dass es der Schwan Charlize Theron ist, der in dieses Entenkostüm gesteckt wurde."

Auf der Literaturseite huldigt Aris Fioretis (mehr hier) seinem Kollegen, den schwedischen Dichter Tomas Tranströmer: "In solcher Poesie wird die Zeit nicht eingesperrt; im Gegenteil, hier wird sie offengehalten. Legt man das Ohr an das neue Buch, wird man es ticken hören. Ich möchte wetten: es ist das Geräusch von Musen, die kicken."

Weiteres: Im Aufmacher beschreibt Andrian Kreye, wie Europa unter die Räder der amerikanischen Wahlkampfmaschine zu geraten droht. Die Politikwissenschaftlerin und frühere Geschäftsführerin der Stiftung Holocaust-Denkmal, Sibylle Quack, wünscht sich eine gemeinsame europäische Erinnerungskultur. Petra Steinberger weiß, dass die Israelis schon seit längerem mit dem Terror leben müssen. Alexander Kissler berichtet von einer Irseer Debatte um mittelalterliche Höllenvisionen und neuzeitliche Nahtoderfahrungen. Siggi Weidemann meldet einen neuen Kurs in der holländischen Drogenpolitik. Weil die dortigen Cannabis-Züchter den THC-Anteil im Hasch stetig steigern, will die Regierung jetzt den Verkauf von zu starken weichen Drogen verbieten. Sonja Zekri macht uns mit einer russischen Anti-Barbie-Bewegung gegen falsche Gefühle, falsches Lächeln und nikotinfreie Zigaretten bekannt (hier die Homepage auf russisch).

Besprochen werden Burkhard C. Kosminskis Inszenierung von Kathrin Rögglas "Wir schlafen nicht", die "düsteren Bedrohungsszenarien" von Mona Hatoum in der Hamburger Kunsthalle, Jonathan Doves Oper "Flight" in Leipzig, und Bücher, darunter William Trevors Roman "Die Geschichte der Lucy Gault" und Martin Schieders Studie zu Kunstausstellungen der französischen Besatzung im Nachkriegsdeutschland (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).