Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.01.2004. In der SZ rechnet die palästinensische Autorin Ghada Karmi mit dem "arabischen Verfolgungswahn" ab. Die FR fürchtet, dass dem französischen Kino die Luft ausgeht. In der Berliner Zeitung erläutert Toni Negri, wie die anstehende Revolution aussehen wird. In der taz wendet sich die Soziologin Beate Krais gegen Eliteuniversitäten. Die NZZ möchte Bam in Lehm wieder aufbauen. Die FAZ besiedelt das nahe Weltall.

SZ, 13.01.2004

Mit dem Phänomen des "arabischen Verfolgungswahns" rechnet die palästinensische Autorin Ghada Karmi (mehr) ab. Die Hauptfrage sei, wie die arabische Welt diese "gefährliche Obsession" und "diese selbstzerstörerische, religiöse Bigotterie in den Griff bekommen kann. Denn die vorrangige Aufgabe ist, die israelische Besatzung und den Drang der neo-konservativen US-Regierung nach Hegemonie im Nahen Osten anzugehen. Beides hat mit Religion wenig zu tun, auch wenn sich die Akteure ihrer Symbole bedienen."

Selbst politische Theaterstücke in Amerika handeln derzeit letztlich "von der Sehnsucht nach dem Unpolitischen", stellt Robin Detje nach einer aktuellen Inventur fest. Das Stück "I?m gonna kill the President!" etwa - "sehr weit Off-Broadway" zu sehen - sei "ein rührendes Spektakel losgelassener Theaterwissenschaftler. (...) Aber der Hündchenblick siegt: Der Abend, der mit dem totalen Einsatz und der höchsten Gefahr kokettiert, ist vor allem lieb."

Weitere Artikel: Zwei Texte begleiten den "Weg ins All": Alex Rühle erinnert anlässlich von Bushs Besiedlungsfantasien von Mars und Mond an den "Mondvertrag", und Fritz Göttler analysiert "Mythen und Missverständnissen um die Fahrt zum Mars - im Hollywoodstil". Im Interview erläutert Wolfgang Michalka, Mitherausgeber der Walther-Rathenau-Gesamtausgabe, die Auswirkungen der Entscheidung der russischen Regierung, Rathenaus Nachlass zum Staatseigentum zu erklären. Svenaj Klauke berichtet über Querelen um Peter Kerns Dokumentarfilm über Christoph Schlingensiefs Zürcher "Hamlet"-Projekt von 2001 und den Verdacht, Schlingensief könne dabei von einem angeblichen Aussteiger aus der rechtsradikalen Szene benutzt worden sein.

"Oft kommt?s Knüppel dick" überschreibt Hermann Unterstöger seinen heutigen Streifzug durch die Abgründe des Sprachalltags. Im Falle eines Schweriner Jusos, der kürzlich angeblich "Behinderte mit Tieren gleich gesetzt" hatte, sieht "akis" dagegen auch gedankliche Abgründe klaffen. Schließlich noch drei Meldungen aus der Hauptstadt: Die Berliner Kunst-Werke, weiß Holger Liebs, finanzieren ihre umstrittene RAF-Ausstellung nun selbst, Wolfgang Schreiber skizziert die Aufgaben für die neue Opernstiftung, und "g.s." beklagt die Folgen der chronischen Überfüllung des Lesesaals der Preußischen Staatsbibliothek.

Besprochen werden eine Pariser Ausstellung über Botticelli und seine Zeit im Musee du Luxembourg, das Theaterstück "Zeugen! Ein Strafkammerspiel" von Rimini Protokoll am Berliner Hebbel am Ufer, die jüngste Ausgabe der "Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte" und Bücher, darunter Michael Lentz' "Liebeserklärung", von ihm selbst gelesen, die "erweiterte, revidierte und neu übersetzte Ausgabe" von Ted Hondrichs umstrittener Schrift "Nach dem Terror" und eine Werkausgabe des Schweizer Schriftstellers Kuno Raeber (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 13.01.2004

Die FR-Kultur findet heute in Berlin statt. Nur der Aufmacher führt nach Paris. Gerd Midding erzählt, dass der mächtige französische Bezahlsender canal + keine Lust mehr hat, Geld in ambitionierte Autorenfilme zu investieren. Nun droht dem französischen Kino der Verlust "seiner Mitte". Der Sender, so Midding, zieht sich aus der Film(mit)finanzierung zurück oder folgt bei der Auswahl unterstützter Projekte zunehmend "einer Fernsehlogik". Dadurch hat sich "ein paradoxer Schwelleneffekt eingestellt: Filme mit großen oder ganz kleinen Budgets lassen sich vergleichsweise leicht auf die Beine stellen, das Mittelfeld jedoch droht wegzubrechen."

"Das wird hart für die Berliner", prophezeit Ursula März anlässlich der Eröffnung des neuen Grand-Hotels Ritz-Carlton (hier) am Potsdamer Platz in Berlin. Nämlich "eine Herausforderung an ihre liebenswürdigste Eigenschaft: das plebejische, ziemlich heruntergekommene Stilempfinden, dem das Erscheinen des Friseurs Udo Walz in der Paris-Bar als Prominentenauftritt und Brunchen im Kempinski am Ku-Damm als noble Vergnügung gilt." Ästhetisch jedenfalls sei der Neubau (Bild) des Berliner Büros Hilmer, Sattler und Albrecht "die Mondlandung unter den Hotelunternehmen": "ein Sandsteingebäude im Stil der Art-deco-Hochhäuser der 20er Jahre", eingerichtet "im klassizistischen Ambiente des Spätempire, angelehnt an die Ästhetik Karl Friedrich Schinkels". (Na, das klingt doch ziemlich berlinerisch.)

Weitere Artikel: Ein weiteres Berliner Großereignis muss eine "Art Fachmesse" für's Heiraten gewesen sein. Nach dem Besuch der "Hochzeitswelt" jedenfalls konstatiert Verena Mayer in ihrem Bericht erstaunt: Interessant sei daran vor allem, "wie wenig die [Messe] den Eindruck erwecken soll, dass es sich beim Heiraten um ein individuelles Erlebnis handelt, um eine romantische Angelegenheit zwischen zwei Personen". Wie Thomas Medicus meldet, haben die Berliner Kunst-Werke bekannt gegeben, dass sie die RAF-Ausstellung jetzt lieber ohne Bundesmittel realisieren wollen. Besprochen wird das neue Stück "Zeugen!" der Realitätstheatergruppe Rimini Projekt am Berliner Hebbel am Ufer.

Berliner Zeitung, 13.01.2004

Toni Negri, Mitautor von "Empire" war in Berlin, und eröffnet uns im Gespräch mit Jens Balzer umstürzende Perspektiven: "In der historischen Situation, in der wir uns befinden, muss jede Bewegung lokal agieren; es kann keine einheitliche Organisation mehr geben, die den Bewegungen die Ziele und die Taktiken vorgibt. Die Revolution, auf die wir heute zielen, ist nicht mehr die Revolution einer revolutionären Avantgarde; die widerständigen Subjekte treten in Schwärmen auf, sie umschwärmen die anstehende Transformation der Gesellschaft und klinken sich dort ein, wo es notwendig ist."
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Stichwörter: Jens Balzer, Empire, Toni Negri

TAZ, 13.01.2004

Die Soziologin Beate Krais sieht in dem Ruf nach Eliteuniversitäten vor allem den Versuch "bürgerlicher Mittelschichten" das "'Mittelmaß', kurzum: die 'nivellierte Masse' hinter sich zu lassen - und hier finden wir sie wieder, die Entgegensetzung von Masse und Elite, die Verachtung für den 'Rest' der Bevölkerung, der kein Rest ist, sondern die Mehrheit." Diese "Sehnsucht nach der Aristokratie, die in ihrer unbestrittenen Distinguiertheit zugleich Vorbild und doch unerreichbar ist, scheint in der differenzierten, demokratischen Gesellschaft der Moderne offenbar unausrottbar zu sein", so die Soziologin kopfschüttelnd. Eine gewisse Verachtung für die Masse scheint allerdings auch bei Frau Krais durch, wenn sie "feststellen muss", "dass sich hier vor allem die Kleinbürger des kulturellen Sektors zu Wort melden. Das vielfältige, bunte und lebendige Gewusel der demokratisch verfassten, arbeitsteilig differenzierten Gesellschaft der Moderne scheint immer auch zu tiefer Verunsicherung über den eigenen Ort im sozialen Raum zu führen."

Weitere Artikel: Detlef Kuhlbrodt resümiert das dreitägige Symposium "Explosion of a Memory", mit dem in der Berliner Akademie der Künste das große "Heiner-Müller-Geburtstagsjahr" 2004 eingeleitet wurde. Außerdem lesen wir einen Nachruf auf den verstorbenen italienischen Philosophen Norberto Bobbio. Besprochen werden der Erfahrungsbericht "Ghost Riders" des nomadisierenden amerikanischen Journalisten Richard Grant und zwei Bücher zur deutschen Kolonialgeschichte. (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr)

Und hier TOM.

NZZ, 13.01.2004

Der Archäologe Alexander Preuss beschäftigt sich mit den Möglichkeiten des Wiederaufbaus der völlig zerstörten Stadt Bam. Er sieht gute Chancen für eine vollständige Rekonstruktion und gibt ausführlich über die lange Tradition, die Vor- und Nachteile des Lehmziegelbaus Auskunft. Wenn es auch den Bewohnern zu wünschen wäre, zukünftig in erdbebensicheren Stahlbetonbauten zu leben, so fehle dafür vermutlich das Geld. Lehmziegelarchitektur sei außerdem ausgezeichnet an die klimatischen Bedingungen der Region angepasst. Sein Urteil: "Ein Aufbau in modernen Materialien könnte sich zwar als widerstandsfähiger erweisen, wäre aber mit dem Charakter des einzigartigen Architekturdenkmals Bam unvereinbar." (Wir plädieren dafür, dass er auch dort einzieht!)

Besprochen werden heute nur Bücher, darunter Bela Balazs' (mehr) zwischen 1908 und 1918 entstandenen Erzählungen "Die Geschichte von der Logodygasse, vom Frühling, vom Tod und von der Ferne", Jean-Luc Nancys (mehr) kurze Studie "Die Erschaffung der Welt oder die Globalisierung", Ottfried Höffes Untersuchung "Kants Kritik der reinen Vernunft" (mehr) und Vladimir Vertlibs (mehr) Roman "Letzter Wunsch" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 13.01.2004

Der Weltsozialgipfel wird in diesem Jahr nicht in Porto Alegre stattfinden, sondern in der indischen Stadt Goregaon, unweit von Bombay. Der Gipfel findet in einem Land mit immer größerer wirtschaftlicher und politischer Zuversicht statt, berichtet Martin Kämpchen, der hieraus einige Hoffnungen bezieht: "Das Weltsozialforum steht also in Indien einem starken und selbstbewussten Regierungs-Establishment gegenüber. Und an die Starken soll sich wenden, wer Konzessionen für Gerechtigkeit und Gleichheit fordert. Gerade aus ihrem Selbstbewusstsein heraus könnten die Regierenden bereit sein, einen Dialog zu führen."

Im Aufmacher versucht Dietmar Dath sich auszumalen, "wie die Besiedlung des nahen Alls uns verändern wird". Er nimmt dabei Bezug auf George W. Bushs erwartete Rede zur Weltraumpolitik und glaubt, dass Bush Besiedlungsprojekte verkünden werde, womit er laut Daths letzten Sätzen zu einer Art Heilsbringer würde: "Wenn wir also wieder sagen, dass die Orte, an denen Menschen wohnen, nicht die einzigen sind, an denen sie wohnen könnten, dann meinen wir auch, dass die Art, wie sie derzeit miteinander leben, nicht alternativlos ist."

Weitere Artikel: Andreas Rossmann schreibt recht wohlwollend über Jürgen Goschs Inszenierung der "Sommergäste" in Düsseldorf ("ein Gesellschaftsbild, erhellend und splitterhaft", sei Gosch mit Gorki gelungen). Ilona Lehnart kommentiert den Verzicht der Berliner Kunst-Werke auf Bundesmittel für die Organisation der schon im Vorfeld umstrittenen Ausstellung zum "Mythos RAF". Wiebke Hüster gratuliert dem Choreografen Roland Petit zum Achtzigsten. Stefan Klöckner setzt die FAZ-Debatte zur Lage der Kirchenmusik in Deutschland fort. Niklas Maak kann der Erweiterung der Zentrale des Springerverlags in Berlin durch die Londoner "Architekturfabrik Renton Howard Wood Levin" nicht allzu viel abgewinnen. Der Rechtsprofessor Gerd Roellecke glaubt kaum, dass es dieser Bundesregierung gelingen wird, eine Elite zu installieren ("Selbst wenn der Bund fünfhundert Millionen Euro in Eliteuniversitäten stecken könnte, er könnte keine einzige gründen. Die Amerikaner würden nur lachen und sagen: Hübsch, dieser Institutspalast, aber wo sind die Ergebnisse?")

Auf der letzten Seite porträtiert Dawid Danilo Bartelt den charismatischen brasilianischen Präsidenten "Lula" da Silva, der allerdings an den übergroßen Hoffnungen, die die Linke in ihn setzt, scheitern könnte. Kerstin Holm berichtet über Feierlichkeiten zum zehnten Jahrestag der "Jelzin-Verfassung" in Russland, die unter anderem von russischen Künstlern satirisch illustriert wurde. Und Wolfgang Sandner freut sich über die Ernennung Fabio Luisis zum Dresdner Generalmusikdirektor ab 2007.

Auf der Medienseite schildert Gina Thomas den Fall des BBC-Moderators Robert Kilroy-Silk, der wegen eines drastisch antiarabischen Kommentars im Sunday Express seinen Job verliert. Und Souad Mekehennet porträtiert den mutigen marokkanischen Journalisten Ali Lmrabet, der wegen seiner Arbeit im Gefängnis saß und nun verkündete, keinen Deut an seiner kritischen Haltung ändern zu wollen.

Besprochen werden Zeichnungen von Arshile Gorky im New Yorker Whitney Museum, Maria Nordmanns Installation "La primavera" auf der Zeche Zollverein in Essen und neue Choreografien von Martin Schläpfer beim Mainzer Ballett.