Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.07.2003. Die FAZ rächt sich an Klaus Harpprecht. In der FR klärt Peter Fuchs Blair und Bush über ihren Dilettantismus auf. Die SZ stöhnt: Jetzt statten die Amerikaner sogar schon die Videospiele mit nicht letalen Waffen aus. Die taz sah einem norwegischen DJ zu, bei dem die Mädchen reihenweise in Ohnmacht fallen. Die NZZ untersucht das Verhältnis der Österreicher zu ihrer jüdischen Gemeinde.

SZ, 29.07.2003

Die USA machen sich ernsthaft Sorgen über den Antiamerikanismus, berichtet Andrian Kreye. "Es ist keineswegs so, dass sich die USA mental auf eine Position des Isolationismus und der unilateralen Politik zurückgezogen hätten, von der sie sich um den Rest der Welt nicht weiter scheren. An der amerikanischen Ostküste vergeht kaum eine Woche, in der nicht irgendeine Konferenz stattfindet, die Motiv und Wesen des Antiamerikanismus untersucht." Meist gehe es dann um die Frage "Warum hassen sie uns so". Erwähnenswert auch Ann Coulters Bestseller "Treasons", in dem europäische Außenpolitik, islamischen Fundamentalismus und inneramerikanische Kapitalismuskritik unter den Schlagworten "Antiamerikanismus" subsumiert werden und in dem sich laut Kreye der bemerkenswerte Gedanke findet: "Liberale haben die widernatürlich Gabe, sich auf die Seite des Hochverrats zu schlagen."

Eine Gruselgeschichte erzählt auch Olaf Arndt (mehr hier) aus den USA: Dort arbeiten Militär und Entertainment gemeinsam daran, den neuesten Technologien für den Kampf gegen den Terrorismus zu mehr Akzeptanz zu verhelfen: mithilfe des Gameboys, dessen Helden künftig mit so genannten nicht-letalen Waffen ausgestattet werden sollen. "John B. Alexander (mehr hier), der Mann, dessen Wissen hinter dem wohl größten Gemeinschaftprojekt von Militär und Entertainment steht, ist der Leitstern einer neuen militärischen Kultur. Seine Interessen klingen wie ein Alptraum jedes Bürgerrechtlers: Der 66-jährige ehemalige Hilfssheriff aus Dade County, Florida, und Oberst im Ruhestand ist der Botschafter einer Hightech-Ausrüstung für Polizei und Bodentruppen, die Aufrührer durch Schlaf, Schmerz, Blindheit, Lähmung, Erbrechen oder spontane Defäkation außer Gefecht setzt. Dieser Mann wird künftig Szenarien für die Entwicklung 'nicht-tödlicher Waffen' liefern, die als Plot für Comics, Featurefilme und die Entwicklung von Spielhandlungen in tragbaren Konsolen, PDAs und Mobiltelefonen genutzt werden können."

Weitere Artikel: Lothar Müller wirft einen Blick auf die Brand-Schäden im Hamburger Bahnhof und in die entsetzten Gesichter der Mitarbeiter. Willi Winkler hat sich beim Frank-Zappa-Konzert in Bad Doberan vergnügt, "der besten Gedenkfeier, die sich ein intelligenter Musiker nur wünschen kann". Wolfgang Jean Stock meldet, dass das berühmte Parkhotel von Hall in Tirol rekonstruiert, markant erweitert und wieder eröffnet ist. Fritz Göttler verabschiedet sich von der Komikerlegende Bob Hope, im "Testbild" nimmt er neueren Fahndungsplakate unter die Lupe.

Auf der Medienseite urteilt Hans Leyendecker über die gegen den Waffenexperten David Kelly geführte Treibjagd: "Derart ist eine saubere Quelle noch nie beschmutzt worden".

Besprochen werden Stefan Herheims Inszenierung der "Entführung aus dem Serail" bei den Salzburger Festspielen, Susan Sontags "lebertranige" Ibsenbearbeitung der "Frau am Meer", die Monika Gintersdorfer ebenfalls in Salzburg auf die Bühne gebracht hat, und Bücher, darunter Renate Bergers Biografie "Rudolfo Valentino", Elias Canetti postum erschienenes Buch "Über den Tod" und Navid Kermanis Berichte von Städten und Kriegen "Schöner neuer Orient" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 29.07.2003

Christian Horn stellt den neuen Star der englischen Kinderbuchszene vor, den Autor der fulminanten "Eddie Dickens Trilogie": "Philip Ardagh heißt er, sprüht in seinen Sach- und Kinderbüchern vor absurdem und rabenschwarzem Humor - und gibt sich alle Mühe, sein Talent belangloser erscheinen zu lassen, als es ist." Daniel Kothenschulte schreibt zum Tod von Bob Hope, der sich "zu den vielen Zweitschönsten" rechnen musste, und sich "dennoch nicht unterkriegen ließ". In "Times mager" fragt sich Volker Schmidt, ob die Bürgerversicherung auch gegen das Bürgerlich-Werden versichern soll.

Der Soziologe Peter Fuchs seufzt über den "Dilettantismus" von Bush und Blair, der jegliche Staatskunst der Vergangenheit komplett ignoriert". So weiht er sie in die Arcana des Souveräns ein: "Er darf gerade nicht die moderne Narretei der Ehrlichkeit, der kommunikativen Transparenz ausüben, sondern muss über hinreichend Intelligenz verfügen, die Kunst zu beherrschen, nicht zu meinen, was er sagt. Er muss, wie man auch sagen könnte, im Blick auf Dissimulieren-können eine üppigere Intelligenz entwickeln als der Durchschnittsmensch, der wegen des Fehlens dieses Überschusses an Täuschungsmöglichkeiten Untertan ist und gerade nicht: Fürst." Bush und Blair dagegen, seufzt Fuchs, "treten nicht als Leute auf, von denen man wissen kann, dass sie zur Dissimulation gezwungen sind, sondern einfach nur als flotte Lügner."

Besprochen werden Stefan Herheims Neuinszenierung der "Entführung aus dem Serail" bei den Salzburger Festspielen ("Allmählich kommt alles ins Rotieren und Explodieren, ein eventuell angerichtetes jesuitisches Lehrtheater überschlägt sich und purzelbäumelt munter multimedial und in wilden Sprüngen daher, dass man sich schon bald nicht mehr auskennt.") und das Industrie-Theaterprojekt "Union der festen Hand" in der Essener Zeche Zollverein.

TAZ, 29.07.2003

Christoph Braun und Fehmi Baumbach erzählen, wie Helsinki den internationalen DJ-Jetset mit dem Koneisto-Festival ins sommerliche Finnland lockt: Vor allem die Sicherheitskräfte waren "für unterhaltsame Performances gut. So gab es selbst noch in den V.I.P.- Bereichen Wimpel-umsäumte Zonen, in die man verwiesen wurde, wenn man ein bestimmtes Bier trinken wollte - die Sponsoren-Claims waren unkonventionell eng abgesteckt. Von der Trinkzone einer finnischen Brauerei hatte man dafür einen exzellenten Einblick in das Rundzelt, in dem Erlend Oye mit seinem Magnificent Singing DJ Set die Mädchen in Ohnmacht fallen ließ. Zu Disco-Classics und House-Hits improvisierte der Norweger seine Liebesbeweise und sorgte für eine gelungene Stunde."

Weitere Artikel: Auf der Medienseite berichtet Roland Müller von dem Kolloquium "Komik der Medien", auf dem sich die Medienwissenschaftler und Medienmacher einig waren, dass Lacher billig sind. Besprochen werden die Bridget-Riley-Ausstellung in der Tate Britain und Bücher, darunter Radek Knapps Roman "Papiertiger", Claudia Ruschs DDR-Erinnerungen "Meine freie deutsche Jugend" und der Sammelband "Bühnen des Wissens", der eine Antwort darauf versucht, warum wir Sehen immer noch mit Erkenntnis gleichsetzen (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und noch Tom.
Anzeige

NZZ, 29.07.2003

In Österreich entdeckt Paul Jandl wieder die alten Ressentiments. Zurzeit werden dort die staatlichen Subventionen für die jüdische Gemeinde in Wien (IKG) diskutiert. Einst eine der größten und wichtigsten in Europa, wurde sie in den Jahren 1938-1945 quasi ausgelöscht. Und dann muss man sich heute zynische Fragen wie die des Vize-Chefredakteurs der "Presse", Michael Fleichhacker, anhören, "ob die Jüdische Gemeinde heute noch jene Leistung erbringe, für die sie einstmals berühmt gewesen ist". Das ist besonders makaber, findet Jandl, weil Österreich sich tatsächlich mit dem "geistigen Bonus" der jüdischen Intellektuellen und Künstlern des frühen zwanzigsten Jahrhunderts schmückt: Freud, Schnitzler, Schönberg, Wittgenstein, Karl Kraus. Es ist nicht ohne Symbolik, so Jandl, dass die Unterstützung jetzt aus vorausgezahlten Entschädigungsgeldern der Länder kommen soll - so werde "die Wahrnehmung jüdischer Kultur wieder auf die Zeiten des Holocaust reduziert".

Begeistert ist Peter Hagmann von der Salzburger "Entführung aus dem Serail" in der historischen Aufführungspraxis des Salzburger Orchesters unter Ivor Bolton: "Da steht etwa der bedrohlich gemütliche Osmin vor der Tür zum Palast des Bassa Selim und trällert sein Liedchen vom treuen Liebchen. Wie aber das scheinbar harmlose Trallalera einsetzt, treten mit einem Mal die Celli und die Bässe, die zuvor noch unauffällig ihr durch Pausen durchbrochenes Fundament gelegt haben, mit wuchtig gezogenem Kontrapunkt zur Singstimme in den Vordergrund und unterstreichen dadurch die Doppelbödigkeit des Moments."

Weitere Artikel: Christoph Egger schreibt einen Nachruf auf den amerikanischen Komiker Bob Hope und es gibt einige Buchbesprechungen, darunter Norbert Gstreins Roman "Das Handwerk des Tötens" (mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 29.07.2003

Die FAZ treibt den investigativen Journalismus auf neue Höhen. Zweimal hat der Zeit-Autor Klaus Harpprecht in der taz den FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher angegriffen, einmal mit dem Argument, der Verantwortliche für Entlassungen müsse selbst zurücktreten, dann mit dem Gerücht, er wolle unter Kanzler Roland Koch Kulturstaatsminister werden, nun findet die FAZ heraus (und räumt dafür fast die ganze Medienseite frei), dass Klaus Harpprecht vor zwanzig Jahren an die Echtheit der von Konrad Kujau gefälschten Hitler-Tagebücher glaubte und sie in einem Fernsehkommentar lauthals proklamierte: "Mir war deutlich, dass hier ein Dokument von weltgeschichtlichem Rang vorliegt." Vom pressegeschichtlichen Rang der Angelegenheit wollen wir gar nicht erst reden!

Wilfried Wiegand flaniert durch die Ausstellung "Kunst in der DDR" in der Berliner Neuen Nationalgalerie und kommt zu dem Ergebnis, dass der viel gepriesene Realismus der DDR-Kunst gewisse Lücken kennt: "Man sieht dort vom Alltagsleben so gut wie gar nichts. Beispielsweise scheint es außer Sitte und dem naiven Ebert keinem Maler jemals aufgefallen zu sein, dass es auch in der DDR hübsche Frauen gibt. Kein Zimmer wird so gemalt, dass man das Mobiliar beschreiben könnte, und wiewohl alle dargestellten Menschen irgendwelche Kleidungsstücke tragen, kann man sich an keines erinnern. Es prägt sich nicht ein, weil es offenbar schon den Maler nicht interessierte. Das wiederum ist kein Wunder, denn die DDR war lange eine Welt ohne Mode. Es war auch eine Welt ohne Werbung, und vielleicht fehlte den Künstlern auch deshalb jeder Sinn für die Verführungskraft der Objekte, die Erotik der Gegenstände."

Weitere Artikel: Der Politologe Herfried Münkler betrachtet die Zurschaustellung der Leichen von Saddam Husseins Söhnen als Verstoß gegen die Genfer Konvention, aber auch als Fußnote zum Begriff der Weltinnenpolitik". Jürgen Kaube kommentiert das Urteil gegen den Mörder Jakob von Metzlers. Heinrich Wefing setzt die unter dem Titel "Geld oder Leben" stehennde Metropolenserie mit der Stadt San Francisco fort. Dieter Bartetzko gratuliert dem Schlagersänger Michael Holm zum Sechzigsten.

Auf der letzten Seite stellt Verena Lueken das Berliner Chronos Film Archiv vor, in dem noch ungehobene zeitgeschichtliche Schätze lagern. Hussain Al-Mozany erzählt das abenteuerliche Leben Samuel Shimons, eines irakischen Christen, der jetzt in London das (sehr empfehlenswerte!) arabisch-englischsprachige Internet-Kulturmagazin Kikah herausbringt. Und Gina Thomas kolportiert britische Klagen über das immer schlechtere Bildungsniveau britischer Studenten.

Besprochen werden Susan Sontags Bearbeitung von Henrik Ibsens "Frau vom Meer" bei den Salzburger Festspielen, Mozarts "Entführung" ebendort, der japanische Zeichentrickfilm "Vampire Hunter D" und die Wiederaufnahme des "Tannhäusers" in Bayreuth.