Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.06.2003. Den bösen Zaun der Israelis verdammt Joseph Croitoru in der FAZ. Die SZ freut sich über die Abrechnung der New Republic mit der Kriegspropaganda der Bush-Regierung. "Orwell Matters!", ruft die taz, und die FR stimmt ein. Die NZZ begutachtet Wissenschaft in Budapest und Kultur in Madrid.  

FAZ, 25.06.2003

Mit dem Zaunbau zwischen Israel und den Palästinensergebieten, den Sharon derzeit voran treibt, geht Joseph Croitoru ins Gericht. "Trennungszaun" nenne ihn der Volksmund, "böser Zaun" dagegen die israelische Menschenrechtsorganisation B'Tselem. "Die Besatzungsrealität, die diese willkürlich errichtete Barriere schafft, ist aus menschenrechtlicher Sicht ein regelrechtes Schreckensszenario - für die palästinensische Seite, versteht sich. Denn die Felder und Plantagen vieler Palästinenser werden durch den Zaun künftig abgeschnitten sein. (...) Er schränkt zudem die Bewegungsfreiheit der Palästinenser auch innerhalb ihrer eigenen Gebiete noch mehr ein (...). Grundrechte wie jene auf Schulbesuch, Ausbildung und medizinische Versorgung geraten (...) immer stärker in Gefahr, missachtet zu werden."

Mit einem Stimmungsbild aus Belgrad schreibt Michael Martens die Sommer-in-der-Stadt-Serie fort. "Während andere europäische Hauptstädte zur Hochsaison mit Fremden geflutet werden, verfällt Belgrad in eine Art Sommerschlaf. Warum sollte man auch Urlaub hier machen? Es fliegt schließlich auch niemand zum Einkaufen nach Minsk". Es wird dann aber doch noch netter.

Weiteres: Zhou Derong erklärt, weshalb die chinesische Internetliteratur mit Arbeiter- und Bauerndichtung nichts zu tun habe und es im Netz viel lebendiger, "kommunikativer und existenzieller" zugehe als auf dem herkömmlichen Buchmarkt. Wolfgang Sandner stellt den Dirigenten, Komponisten und Direktor des Los Angeles Philharmonic Orchestra, Esa-Pekka Salonen, vor, der ab Oktober in seine erste Saison in der neuen, von Frank Gehry entworfenen Walt Disney Concert Hall geht. Um amerikanisches Recht beziehungsweise seine Protagonisten geht es in zwei Artikeln von Jordan Mejias: so porträtiert er "den mächtigsten Mann der Welt", die Richterin Sandra Day O'Connor, die durch ihre (häufig) ausschlaggebende Stimme die "akademische Vorzugsbehandlung der Schwarzen" gerettet habe"; und er kommentiert zwei weitere Urteile des Supreme Court zum Versicherungsanspruch von Überlebenden des Holocaust und zum Thema Internet und Pornografie. "apl" räsoniert erschöpfend über das Ergebnis einer Untersuchung des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg, wonach "Geldscheine in Deutschland zu neunzig Prozent Kokainspuren aufweisen".

Joseph Hanimann gratuliert dem Dichter Aime Cesaire (mehr hier) zum 90. Geburtstag, und Niklas Maak würdigt den italienischen Künstler Michelangelo Pistoletto ("manchmal klingt schon der Name des Künstlers wie ein ganzes Programm") anlässlich seines 70. Geburtstags. Jürg Altwegg schreibt einen Nachruf auf den Schriftsteller Hans Boesch, gemeldet wird außerdem der Tod von Leon Uris (mehr hier).

Berichtet wird über die Aufforderung einer unabhängigen Expertengruppe an anatomische und pathologische Sammlungen, ihre Bestände auf "dubiose Exponate" - während der nationalsozialistischen oder sozialistischen Diktatur oder ohne Einwilligung aufgenommen - zu untersuchen. (siehe auch den Text von Robert Jütte in der SZ von gestern). Informiert wird über die Umwandlung von Schloss Wartin in der Uckermark in eine Stiftung, in der als "Gegenentwurf" zur deutschen Universität das "Collegium Wartinum", ein "College nach angelsächsischem Vorbild" entstehen soll. Gemeldet wird ein bevorstehender Umbruch am Theater Bern, nachdem die komplette Führungsriege das Haus verlassen wird.

Auf der Medienseite porträtiert Heike Hupertz den amerikanischen "Krawalltalker" Jerry Springer, der jetzt für den Senat kandidiert. Berichtet wird außerdem über die "Preispolitik" der dpa, die heute von dreizehn Regionalzeitungen quasi "bestreikt" wird, indem nicht eine einzige Meldung der Nachrichtenagentur Verwendung findet.

Besprochen werden eine Ausstellung in Schloss Oranienbaum in der Nähe von Wörtlitz über die "Wiedererweckung eines anhaltinischen Fürstenschlosses", Björks einziges Deutschlandkonzert in Berlin, das mit Hagelbeschuss begann und trotzdem (oder deswegen?) "ozeanische Gefühle" auslöste, und Ken Loachs Film "Sweet Sixteen".

SZ, 25.06.2003

Tim B. Müller berichtet, dass die große liberale Zeitschrift "New Republic" (hier der Original-Artikel, siehe auch die Magazinrundschau), seit dem 11. September seiner Ansicht nach "allzu militanter Parteigänger" der Republikanischen Außenpolitik, nun in einer detaillierten Recherche belegt, wie das amerikanische Volk über die Gründe für einen Irak-Krieg getäuscht wurde. "Besonders unverfroren ging man bei den ... Belegen vor, die wiederholt für das irakische Atomprogram angeführt wurden... Experten des Energie- und des Außenministeriums hatten längst herausgefunden, dass die Aluminiumröhren, die der Irak beschaffen wollte, nicht für Atomwaffen geeignet waren. Dennoch verkauftem Cheney, Rumsfeld und Rice diese Röhren als Beweis für das Atomprogramm des Iran. Noch dreister ist der Nachweis des angeblichen Urangeschäfts mit Niger, den noch Powell dem Weltsicherheitsrat als Corpus Delicti vorlegte... die Dokumente waren gefälscht".

"Erschöpft, nein entleert von Erwartungen an ein geordnetes Erinnern tönt es ploppend und dröhnend aus den alten Zweispulentonbändern und Synthesizern" kommentiert Pinky Rose begeistert die Wiederveröffentlichung des "frühelektronischen Geräuschpunk" der Gruppe 'Cabaret Voltaire'. "An- und abschwellende metallische Flächen und perkussive Loops generieren hypnotisch rhythmische Muster, durch die der Zauber des Repetetiven der amerikanischen Minimal Music zu Velvet Underground Zeiten herüberweht."

Weitere Artikel: Jonathan Fischer freut sich über die Eröffnung des Stax Museum of American Soul Music in Los Angeles. Jens Biski ärgert sich über die "Gremienfolklore" im Vorfeld der morgigen Entscheidung über die Fusion der "Kulturstiftung des Bundes mit der "Kulturstiftung der Länder" zur Deutschen Kulturstiftung. Jay Rutledge feiert die St. Petersburger Band Markscheider Kunst; "holi" gratuliert dem "Eulenspiegel der Kunst" Michaelangelo Pistoletto zum siebzigsten Geburtstag, "WJS" schickt dem portugiesischen Architekten Alvaro Siza Vireira seine Glückwünsche, der ebenfalls siebzig wird. Dem Prähistoriker Georg Kossak gratuliert Hansjörg Küster zum Achtzigsten und Burkhard Müller würdigt George Orwell, der heute seinen hundertsten Geburtstag gefeiert hätte. Außerdem meldet "zri", dass einer Untersuchung des Nürnberger Instituts für Biochemische und Pharmazeutische Forschung zufolge bei siebenhundert untersuchten Geldscheinen neun von zehn Banknoten Spuren von Kokain aufweisen.

Besprochen werden Paul Schraders neuer Film "Auto Focus" (hier ein Interview mit Schrader); Die Oper "Malins Heimkehr" von Carsten Hennig (Musik) und Christine Lemke-Matwey (Libretto), mit der die Tagesspiegel-Musikredakteurin an der Oper Innsbruck gleichzeitig ihr Regiedebüt gab; neue CDs, darunter Stephan Eichers neues Album "Taxi Europa"; und Bücher, darunter Jakob Katz' Studie über die jüdische Gesellschaft der Vormoderne "Tradition und Krise" und Rene Chars früher Gedichtzyklus "Der herrenlose Hammer" (mehr ab 14.00 Uhr in der Bücherschau des Tages).

FR, 25.06.2003

Drängend fragt Rüdiger Heimlich auf der Medienseite, ob der politische Preis, den ARD und ZDF für den Kauf der Bundesliga-Übertragungsrechte bezahlen werden, nicht zu hoch ist. "ARD und ZDF haben sich auf einen Poker eingelassen und wenn die Politik ... oder die Rundfunkgremien in einigen Monaten Einblick in die Bücher fordern, könnte es zum großen Heulen und Zähneknirschen kommen. Sollte die Bundesliga doch zu Lasten anderer Etats gehen, können ARD und ZDF die nächste Gebührenerhöhung vergessen. Kein Politiker könnte sich dafür aussprechen, käme er doch in den Verdacht, über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk die hochverschuldete Liga vor Insolvenzen bewahren zu wollen. Mehr noch: Die Klage über Wettbewerbsverzerrung wird die Debatte über den öffentlich-rechtlichen Programmauftrag mit Nachdruck auf die politische Tagesordnung bringen. ARD und ZDF werden den Erwerb der Bundesliga mit einer Generalrevision ihres Programmauftrags zu bezahlen haben."

Weitere Artikel: Ulrich Speck befasst sich mit Denunziations- und Spionagevorwürfen gegen George Orwell, die Timothy Garton Ash pünktlich zu dessen hundertstem Geburtstag im Londoner "Guardian" veröffentlicht hat. Peter Michalzik regt sich über den Hamburger Innensenator Schill auf, der in einer Haushaltsklausursitzung die Schließung des Hamburger Schauspielhauses gefordert hat; Christian Schlüter schreibt zum Tode von Leon Uris und Michael Braun ruft dem vergangenen Samstag verstorbenen Schriftsteller Hans Boesch nach.

Besprochen werden die Ausstellung "Pittura", mit der die Biennale von Venedig nach Ansicht von Peter Iden eine Rehabilitierung der Malerei versucht, Wagners "Meistersinger", die in Münster als Stadtfest präsentiert wurden, eine Dieter-Roth-Retrospektive im neueröffneten Schaulager in Münchenstein bei Basel und die Schau "Nationalsozialismus in München" im Münchener Stadtmuseum.

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TAZ, 25.06.2003

"Orwell Matters!" findet Christian Semmler am hundertsten Geburtstag des britischen Schriftstellers. "Orwell, der Moralist, führte einen oft verzweifelten Kampf gegen den intellektuellen Konformismus, vor allem den der Linken. Ihm war es ekelhaft, wenn Fakten der Unterdrückung beiseite geschoben wurden, weil ihr Bekanntwerden "nur dem Gegner" nütze oder weil "die Zeit für sie noch nicht reif" sei. Argumente dieser Art haben die Zeiten überdauert. Sie prägten die Auseinandersetzung im deutschen linken Milieu der Siebzigerjahre, wenn es um die Verteidigung der jeweiligen Sehnsuchtsländer ging, sei es die Sowjetunion, China oder Kuba. Sie setzten sich in den Achtzigern fort, als Solschenizyn mit Schweigen übergangen wurde, und tun auch heute ihre Wirkung. Zu Orwells Schriften sollte immer gegriffen werden, wenn übergeordnete Gesichtspunkte der politischen Strategie geltend gemacht werden, um unliebsame, um schmerzliche Fakten, die das "eigene Lager" betreffen, zu unterdrücken."

Weiteres: "Sind sie miteinander vereinbar, die tyrannischen Kommunikationsformen der Filmproduktion und die demokratisch-bürokratischen der politischen Entscheidungsfindung?" fragt Cristina Nord anläßlich einer Diskussion des Ausschusses für Kultur und Medien über die Frage, ob eine neue Filmakademie künftig den Bundesfilmpreis vergeben soll. Und kommt zu dem Schluß: "Nicht wirklich." Außerdem berichtet sie, warum Argentinien zwar in einer Wirtschaftskrise steckt, zugleich aber das "neue argentinische Kino" international gefeiert wird.

Besprochen werden heute nur Bücher, darunter ein neuer Band der Arbeitstexte für den Unterricht: "Popliteratur" (mehr ab 14.00 Uhr in der Bücherschau des Tages).

Und schließlich: TOM.

NZZ, 25.06.2003

Wilhelm Droste informiert über Geburtswehen und Ziele der deutschsprachigen Andrassy-Universität in Budapest, die im Herbst endlich in den Renovierung befindlichen Festetics-Palast einziehen und von dort für die "geistige Neugestaltung Mitteleuropas" sorgen soll. Das "konservative Unternehmen" sei eigentlich keine Universität im Wortsinne, da es sich hier um "postgraduierte Eliten in drei nur sehr vage abgesteckten Fächern" handele. Was, fragt Droste, "soll etwa in der geisteswissenschaftlichen Rubrik 'Mitteleuropastudien' bedeuten? Da können sich beliebige Türen öffnen. Diese Schwäche des Amorphen ist natürlich zugleich die Chance auf ein eigenes und einzigartiges Profil: eine wissenschaftliche Institution mit dem spannenden Auftrag, sich selbst zu erfinden."

Hans-Jörg Neuschäfer empfiehlt den Circulo de Bellas Artes, um die gesamte Bandbreite des "buntscheckigen und schnelllebigen" Madrider Kulturlebens kennen zu lernen. Kommentarfrei wird schließlich über die von Timothy Garton Ash publizierte "Denunziationsliste" von George Orwell berichtet.

Besprochen werden ein Liederabend mit dem Bariton Matthias Goerne (mehr hier) im Opernhaus Zürich und Bücher, darunter die polnischen Biogramme von Helga Hirsch, zwei Bücher über die Saga der Arktisfahrten, der Roman "Die Radiosängerin" von John Dunning und ein Band über die erstaunliche Karriere der "Kulturologie" als "Weltwissenschaft" und neue Königsdisziplin in Russland. (mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).