Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.10.2002. In der SZ ruft Norman Birnbaum die Europäer zu Hilfe - gegen Bush. Die FAZ schreibt über deutsche Balzritual, die von der "German Studies Association" begutachtet wurden. Die NZZ stellt Antwerpens Modenatie vor. Die FR denkt über die Handelsware Geist nach. Und alle klagen über die trübe Stimmung auf der Buchmesse.

SZ, 09.10.2002

Ein Verzweiflungsruf ertönt aus den USA! Die Europäer müssen sich gegen Bushs Irak-Pläne stellen, meint Norman Birnbaum (mehr hier), denn angesichts einer "journalistischen Liebdienerei" und der "Feigheit der Demokratischen Partei" sei in den USA selbst keine Kritik an Bushs großem Projekt der amerikanischen Hegemonie zu erwarten. Im ganzen Land sei das Christentum zur Nationalreligion erhoben, das "Gewissen durch Selbstgerechtigkeit" ersetzt. "Nach Bushs Version der Eschatologie hat Gott die Vereinigten Staaten nicht nur autorisiert, die Welt zu führen, er hat sie aufgerufen, die Welt zu beherrschen. Die Bergpredigt ist dabei einem 'Erinnerungsloch', wie Orwell es nannte, zum Opfer gefallen. Wenn andere nicht so reich und mächtig sind wie die amerikanische Nation, dann ist das deren eigene Schuld. Und warum sollten wir Ausländer besser behandeln als das ärmste Drittel unserer eigenen Bevölkerung?" Schröder, hilf!

Die Supermacht am Boden hat dagegen Fritz Göttler gesehen - in Ridley Scotts "Black Hawk Down". Und ihm hat's gefallen: "Der Film hat Drive." Anke Sterneborg hat mit Regisseur Scott über Kommandos, Katastrophen und zerfetzte Körper gesprochen.

Weitere Artikel: Zur Eröffnung der Buchmesse freut sich Verena Auffermann, dass "knapp vierhundert deutsche Verlage das Geld für die Reise zur Frankfurter Buchmesse sparen oder einfach nicht mehr haben, und dass statt der 400.000 Bücher im vergangenen Jahr diesmal in Frankfurt weltweit 70.000 Bücher weniger präsentiert werden." Und auch darüber, dass es immer weniger Neuerscheinungen gebe. Denn, meint Auffermann, "bei jeder Talfahrt muss der Mensch an den nächsten Hügel denken". Im Aufmacher der heutigen Literaturbeilage der SZ geißelt Thomas Steinfeld den "unbedingte Wille zur Leichtigkeit" deutscher Autoren, um dann im drittletzten Absatz Sander L. Gilmans Biografie über Jurek Becker vorzustellen.

Stefan Koldehoff erzählt die Geschichte der Bilder aus jüdischem Besitz, die demnächst bei Sotheby's in London versteigert werden. Henning Klüver berichtet, dass italienischen Zeitungen jetzt Bücher als Beilagen verkaufen. Auf der Medien-Seite erklärt Detlef Esslinger, wie die Deutsche Bank einen Großteil des Springer-Verlags an sich selbst versteigerte.

Besprochen werden jede Menge neue CDs: Mahlers Zehnte in vier verschiedenen Einspielungen, eine Edition mit digital gemasterten Aufnahmen der Pianistin Elly Ney, Beethovens Klavier-Violine-Sonaten mit Augustin Dumay und Maria João Pires sowie die Barock-Edition des katalanischen Musikers Jordi Savall.

Außerdem: Die Ausstellung "Von Velazquez bis Manet" im Pariser Musee d'Orsay, ein Konzert des Artemis-Quartett in München, Peter Katenmüllers "Lolita"-Adaption im Schauspiel Hannover und Bücher, darunter Ernst-Wilhelm Händlers Roman "Wenn wir sterben", Dietmar Riegers Band über "Imaginäre Bibliotheken - Bücherwelten in der Literatur" oder die Anthologie "Die schönsten Gedichte der Schweiz" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 09.10.2002

Zwei Artikel gibt es zur Buchmesse, die gestern abend eröffnet wurde:

"Der Wind hat sich gedreht am neuen Markt der Handelsware Geist", bemerkt Harry Nutt in seinen Betrachtungen zum Zustand der Buchbranche. Controlling sei der neue Erfolgstitel: "Seit einiger Zeit findet die Kulturberichterstattung eben auch auf den Wirtschaftsseiten statt. Die Demissionsstimmung in Opernwelt und Buchbranche, Zeitungshäusern und Kinowirtschaft haben das eigene Verschwinden zu einem lasziven Gesellschaftsspiel gemacht, in dem nunmehr kühle Regler als die neuen Kulturverweser auftreten und - je nach Bedrohungsszenario - sogar als Hoffnungsträger in Erscheinung treten. In penetranter Bestimmtheit drücken sich in Verlagen und Buchhandlungen Prüfungsgesellschaften die Klinke in die Hand, als gelte es die Kulturtechniken Schreiben und Rechnen zu einem Kampf gegeneinander antreten zu lassen, an dessen Ende nicht selten der Insolvenzverwalter die Szene richtet."

Und auch Leonore Martin klagt, nämlich darüber, dass sich gerade einmal zwei deutsche Verlage getraut hätten, litauische Gegenwartsliteratur in Übersetzungen herauszubringen - und dies seien noch nicht einmal die besten Bücher gewesen. Aufmacher der heute beilegten Literaturbeilage der FR ist ein Essay der litauischen Schriftstellerin Renata Serelyte über Russland, Litauen und das Gespenst im Bernstein.

Weitere Artikel: Frank Keil freut sich auf die neue Kulturstaatsministerin Christina Weiss. Hella Faust wundert sich, warum die französischen Intellektuelle und vor allem die "neuen Philosophen" nicht für Michel Houellebecq Partei ergreifen, der gerade wegen seiner Äußerungen über den Islam auf der Anklagebank sitzt. Die Kolumne "times mager" erzählt vom neuesten Skandal, den Amiri Baraka - früher bekannt als LeRoi Jones und seit kurzem Poet Laureate von New Jersey - mit seinem antisemtitischen Gedicht "Jemand hat Amerika in die Luft gejagt" provoziert hat. (Forderungen, als Poet Laureate zurückzutreten, antwortete Baraka in einem ausführlichen Statement unter dem Titel: "I will not apologize, I will not resign".)

Besprochen werden Laurent Cantets New-Economy-Groteske "Auszeit", Claude Regys Inszenierung von Sarah Kanes Stück "4.48 Psychose" mit Isabelle Huppert in Paris, Caryl Churchills neues Stück "A Number" in London und neues Theater in Tübingen mit "19 + 5 Autoren an Deutschland".

NZZ, 09.10.2002

Marc Zitzmann erzählt die kurze Geschichte vom Aufstieg Antwerpens zu einer der europäischen Modehochburgen. Wie konnte das passieren? Glänzende Schule, glänzende Studenten, die sich Mitte der siebziger Jahre vom "bon gout" ab- und der japanischen Avantgarde zuwandten, "die 'bisweilen an Fetischismus grenzende' Begeisterung japanischer Käufer" und schließlich die Gründung des FFI (Flanders Fashion Institute). "Seit kurzem nun hat das FFI ein 9000 Quadratmeter großes Gebäude an der zentralen Nationalestraat bezogen. Diese sogenannte Modenatie teilt es sich mit der Modeschule, die noch einziehen muss, und dem soeben eröffneten Modemuseum (MoMu) - eine im Modebereich wohl einmalige Symbiose."

Trübe Stimmung herrscht zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse, erklärt Joachim Güntner: zumindest bei den Deutschen. Die Briten dagegen seien voll geschäftlichem Elan. "Die Verleger aus dem Vereinigten Königreich reisen mit vollen Kalendern an die Messe. Nach Ansicht von Jonathan Atkins vom Verlag Simon & Schuster's zeichnet sich 'the busiest Frankfurt ever' ab."

Weitere Artikel: Joachim Güntner berichtet, das die Unabhängige Kommission zur Erforschung der Geschichte des Hauses Bertelsmann ihren Abschlussbericht vorgelegt hat: "Trübe ist die moralische Bilanz, da sie das Bild eines Kriegsgewinnlers zeichnet, der seine im Familiären noch bewahrte Distanz zum Nationalsozialismus gänzlich aufgab, sofern es den Geschäften zuträglich war. Besprochen werden Schuberts Oper "Fierrabras" in Frankfurt, die von Teresa Blanchr kuratierte Ausstellung "Limits de la Percepcio" in der Fundacio Miro in Barcelona und Bücher, darunter Karen Duves neuer Roman "Dies ist kein Liebeslied", eine kleine Poetik des Schreibens Dieter Fortes und Theodore Ziolkowskis historisches Buch über Berlin um 1810 (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
Anzeige

TAZ, 09.10.2002

Susanne Messmer hat sich Gedanken über die Buchmesse gemacht, über Litauen und den hehren Gedanken, ein kleines, schwaches Land zu präsentieren, der erzieherisch so wertvoll sein wird wie ein Schulbuch der siebziger Jahre: "Am letzten Tag, wird man doch rein zufällig in einem abseitigen Winkel der Messe auftauchen, sagen wir, in Halle acht, huch, wird man denken, was ist denn hier? Russische Wochen bei Karstadt? Ach nein, es ist ja das Gastland, Litauen diesmal. Kleines Land, davon hat man ja gelesen in den letzten Tagen. Und hier sein so genannter Nationalstand. Au ja, warum nicht mal ein litauisches Buch aussuchen und später irgendwann lesen. Aber dann wird man sich an die griechischen Gäste im letzten Jahr erinnern und an die zwei griechischen Bücher im heimischen Regal, die noch lange darauf warten können, gelesen zu werden." Und eh man sich's versieht, werde man schon wieder in Halle Neun gelandet sein, bei den Comics zum Beispiel.

Den Aufmacher der heute beigelegten Literaturbeilage der taz widmet Kolja Mensing Nicholas Christophers Roman "Eine Reise zu den Sternen" - "ein Buch, in dem es um nichs anderes geht als um die Gabe, angesichts des Nichts nicht zu erstarren, sondern Geschichten zu erzählen.".

Den Aufmacher der Kulturseiten darf man heute nicht im Netz lesen: Arno Frank schreibt über Dissidenz und die Kunst, ein Motorrad zu starten. Tobias Rapp fragt sich, warum die amerikanischen Gegner eines möglichen Irak-Krieges in den Medien des Landes keine Rolle spielen. Julian Weber stellt den New Yorker Musiker David Grubbs vor, der auf Tournee nach Deutschland kommt. Besprochen wird Dom Rotheroes Film "My Brother Tom".

Und schließlich Tom.

FAZ, 09.10.2002

Fernab von politischen Spannungen zeigt sich Heinrich Wefing überrascht von der Breite des Themenspektrums, das die Jahreskonferenz der amerikanischen "German Studies Association" in San Diego zu bieten hatte. "Mit der Seelenruhe von Insektenforschern" hätten sich die anwesenden Wissenschaftler über Deutschland und die Deutschen gebeugt: "Was in Berlin, Hamburg oder am Bodensee Gift und Galle schäumen lässt, nimmt sich von der amerikanischen Westküste aus betrachtet wie ein Balzritual aus, das in Schrittfolgen und Reiz-Reaktions-Muster zergliedert werden kann." Auch wenn Schwerpunkte wie bildende Kunst, Musik, Architektur und Theater sowie Wirtschaft, Theologie und Philosophie zu kurz kamen, lautet Wefings Fazit: "Eine ähnlich facettenreiche Tagung zu amerikanischen Themen in Deutschland ist schwer vorstellbar."

Mit der Aufnahme der DDR-Geschichte in den Pflichtstundenplan heißt es Abschied nehmen von der Ostalgie, meint Regina Mönch. Sie kann sich gar nicht genug wundern über die verklärte DDR-Folklore: "Ihren Gipfel erreichte diese unselige Entwicklung in diesem Sommer, als die Pisa-Hysterie, gestützt von verblüffender Unkenntnis der DDR-Realität, Honneckers Einheitsschulprogramm zum besten aller möglichen Bildungssysteme adelte. Verblüffend auch, dass sich die darüber einsetzende Diskussion weit hinter das zurück bewegte, worüber sich - zumindest im Osten - spätestens seit 1988 alle im klaren waren, die die Ursache und Wirkung von Unmündigkeit und staatlicher Einflussnahme gerade über die Schulen kannten."

Zur gestern eröffneten Frankfurter Buchmesse: Wie jedes Jahr, heißt es in Frankfurt auch diesmal wieder: "Das Buch ist tot. Es lebe die Frankfurter Buchmesse!", berichtet Richard Kämmerlings. Dass Litauen sich auf der Buchmesse so erfolgreich präsentieren kann, meint Tilman Spreckelsen, ist auch dem Goethe-Institut in Vilnius zu verdanken.

Weitere Artikel: Dass Politik weniger mit Literatur als mit karger Verwaltungssprache zu tun hat, davor scheint "I.L." die Literaturwissenschaftlerin und künftige Kulturstaatsministerin Christiane Weiss warnen zu wollen. Während die SPD-Spitze in den Berliner Koalitionsverhandlungen steckt, hat Günter Grass in Lübeck eine Rede zum zehnten Todestag von Willy Brandt gehalten, berichtet Eberhard Rathgeb. Carl Nedelmann stellt fest, dass dem Cannabis-Verbot die medizinische Grundlage fehlt. Oliver Tolmein porträtiert Armin von Bogdandy, neuen Mitdirektor des Heidelberger Max-Planck-Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht. Und gleich zweimal wird zum Nobelpreis gratuliert: der Nobelpreis für Medizin geht an Sydney Brenner (nicht erwähnt wird hier, dass er sich den Preis mit H. Robert Horvitz und John E. Sulston teilt) und den Nobelpreis für Physik teilen sich Raymond Davis jr. (hier gibt's noch ein hübsches Video von einer Preisverleihung), Masatosho Koshiba und Riccardo Giacconi. "J.M." meldet, dass in der Planung von Ground Zero nun doch die Visionäre am Zug sind. Außerdem wird gemeldet, dass das Landgericht München hat durch einstweilige Verfügung den Vertrieb von Daniel Goldhagens neuem Buch "Die katholische Kirche und der Holocaust" in Deutschland untersagt hat.

Besprochen werden Ridley Scotts Film "Black Hawk Down", Javier Marias' neuer Roman "Die Reise über den Horizont", Ausstellungen, Ellsworth Kellys Werke in der Baseler "Fondation Beyeler" und Camille Graesers Design-Objekt im Hannoveraner Kestner-Museum, und schließlich ein "Greta Garbo"-Musical in Stockholm.