Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.07.2001.

NZZ, 16.07.2001

Über die Problematik von Übersetzungsmaschinen wie babelfish legt Sieglinde Geisel einen interessanten Artikel vor. Einerseits müssen Surfer, die nicht englisch können, ohne sie auf einen großen Teil der Inhalte des Netzes verzichten, andererseits liefern sie äußerst dürftige Ergebnisse: "Der Aufwand, den die Erforschung einer Sprache im Hinblick auf die Maschinenübersetzung fordert, ist immens, deshalb übrigens werden derzeit kaum neue Systeme in Angriff genommen, auch Babelfish arbeitet mit einer Software aus den siebziger Jahren, die nur verfeinert wird." Die Folge wird nach Geisel eine zunehmende Standardisierung und Reduktion der Sprachen mit Rücksicht auf diese Maschinen sein.

Weitere Artikel: Matthias Frehner gratuliert Ernst Beyeler zum Achtzigsten. Besprechungen widmen sich dem Theaterfestival von Avignon, dem Jazzfestival von Montreux und einem Auftritt des Pianisten Zoltan Kocsis in der Zürcher Tonhalle.
Stichwörter: Avignon

SZ, 16.07.2001

Die SZ bringt ein Pro und Kontra zur Entscheidung, die Olympischen Spiele von 2008 nach Peking zu vergeben. Der Schriftsteller Yang Yin (heißt der wirklich so?) hofft, diese Entscheidung könnte zur Öffnung des Landes beitragen: "Ich denke - und hoffe: Es wird erstens die Modernisierung Chinas fördern - obwohl es natürlich auch die Position der kommunistischen Partei sichern wird. Zweitens kann China der Weltwirtschaft seine Möglichkeiten offenbaren. Das könnte eine Hoffnung für alle kriselnden Wirtschaftssysteme sein. Es wird, drittens, auch für das komplizierte Verhältnis zu Taiwan von Vorteil sein. Viertens wird sich die chinesische Wirtschaft noch schneller entfalten. China wird internationaler. Die Menschenrechtssituation wird sich verbessern. Bis zu welchem Niveau, wird sich zeigen."

Ian Buruma hingegen glaubt nicht, dass die Olympiaentscheidung die Menschenrechte in China befördern kann: "Es liegt im Interesse des IOC, dass China wie eine stabile Gesellschaft mit glücklichen, wohlhabenden Menschen aussieht. Jeder, der die Aufmerksamkeit auf sich lenkt, indem er diesem schönfärberischen Eiapopeia widerspricht, wird als potenzieller Störenfried angesehen werden. Wenn die chinesische Regierung das Gefühl hat, Ordnung und Stabilität bei den Spielen 2008 dadurch garantieren zu müssen, dass sie solche Leute wegsperrt, wird das IOC schwerlich intervenieren. Im Gegenteil, es dürfte solche Maßnahmen eher begrüßen."

Weitere Artikel: Der serbische Autor Dragan Velikic träumt nach den Angriffen auf eine Schwulendemo in Belgrad, dass auch die Serben lernen, den Leuten ihre Sexualität zu lassen. Jost Kaiser wirft den Grünen vor, dass sie in Wirklichkeit nie eine rrrevolutionäre Partei waren ("Die Art jener Anti-Bürgerlichkeit, mit der die Grünen hausieren gingen, war seit jeher das Privileg des Bürgerlichen: geistig und stilistisch. Flegeleien leisten sich gerne diejenigen, die in Wahrheit eine zu genaue Vorstellung von gutem Benehmen haben.") Und Alex Rühle beschreibt den deutschen Fortschritt vom Bioladen der achtziger Jahre zum Bio-Supermarkt der Jetztzeit. Thomas Steinfeld schreibt über das "Intime Wörterbuch", das Milan Kundera in Le Monde veröffentlichte (wahrscheinlich um dort das Sommerloch zu füllen).

Besprochen werden die Ausstellungen "Caravaggio in Berlin" ebendort und "Black Box" im Berner Kunstmuseum, der Film "The Dish" und einige Bücher, darunter Nicholas Hammonds Biografie über Alexander den Großen.

FR, 16.07.2001

Besprochen werden das Theaterstück "Lilli in putgarden", das durch die Theatergruppe Nico and the Navigators in Berlin zur Aufführung gebracht wurde, die Tagung "Signale der Störung", eine "Walküre" in Erl und politische Bücher (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Stichwörter: Berlin

TAZ, 16.07.2001

Ist das das Ende der "neuen Lesbarkeit"? Der Bachmann-Preisträger Michael Lentz ("Muttersterben") definiert im Gespräch mit Monika Goetsch, worum es ihm in der Literatur zu tun ist: "Es geht darum, sich auf das Handwerk zurückzubesinnen. Auf elementare Dinge. Eine Wendung vom Bezeichneten zurück auf das Bezeichnende, die Sprache. Wer denkt noch nach über die eigene Tradition und bestimmt seinen Standort?"

Weitere Artikel: Lilli Brand erzählt die Geschichte dreier russischer Prostituierter in Berlin. Gabriele Hoffmann bespricht die Ausstellung "Frankfurter Kreuz" in der Schirn.

Schließlich Tom.

FAZ, 16.07.2001

Das harte Brot der Erkenntnis liefert uns die FAZ am frühen Montagmorgen. Nach Einsicht des Würzburger Soziologen Wolfgang Lipp treten wir nun unweigerlich ins Zeitalter der Biokratie ein: "Wenn ökologische Zusammenhänge, etwa die Verknappung lebenswichtiger Ressourcen, Thema sind, wenn es um Vergiftungen, Verstrahlungen, um das Aufkommen neuer Seuchen und, als Pendant dazu, um Massenschlachtung von Tieren im Genozidformat geht, und schließlich, wenn der Mensch selbst, seine Gene, sein Genom, Manipulationen unterworfen werden - dann wird menschliches Leben Ziel eines Zugriffs, der nicht nur Vernutzung, Bewirtschaftung, Patentierung aller Art ermöglicht, sondern eine neue, genuin politische, biopolitische Qualität erhält. Vermehrte soziale Kontrollen, etwa seitens des Gesundheitswesens, der Kassen, der Gerichte, der öffentlichen Meinung, haken ein, sie verflechten sich zu Zwängen, die zu umfassenden Herrschaftsstrukturen werden, eben zu jenem Ordnungsgefüge der Biokratie." Zur Erforschung des Phänomens schlagen wir die Schaffung, die Einrichtung einiger soziologischer, sozialwissenschaftlicher Planstellen vor.

Bettina Erche wendet sich gegen den Plan von Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn, das Institut der Habilitation abzuschaffen und durch neu zu schaffende Stellen für "Juniorprofessoren" zu ersetzen: "Die qualitätsmindernde Hausberufung, die nicht zufällig verboten wurde, würde wiederaufleben. Die Abhängigkeit von den etablierten Professoren wäre größer denn je."

Weitere Artikel: Eduard Beaucamp gratuliert dem Galeristen und Kunstsammler Ernst Beyeler zum Achtzigsten. Dirk Schümer erzählt, dass sich Luigi Malerba für sein neuestes Buch von der Industrie sponsorn ließ und durch eingestreute Werbung den Preis des Buchs für die Leser drückte. "apl" kritisiert die Qualität der Restauration bei den Stan-und-Laurel-Filmen, die seit kurzem wieder in den Kinos laufen. Bei Jordan Mejias erfahren wir, dass Nancy Reagan ja sagt zur Stammzellforschung. Reinhard Helling erinnert daran, dass vor 50 Jahren J. D. Salingers Roman "Fänger im Roggen" erschien. Zhou Derong berichtet von der gloriosen Idee der Taiwaner Partei DDP, Hitler in einem Wahlkampfspot auftreten zu lassen ? man bewundert ihn für seinen Mut! Richard Kämmerlings hat einem medientheoretischen Kolloquium über "Signale der Störung" zugehört. Und Jochen Hieber schreibt zum Tod des Komödianten Gerd Vespermann.

Besprochen werden die letzte Präsentation der Sammlung des Berliner Museums für Islamische Kunst vor dem Umzug vom Süd- in den Nordflügel des Pergamon-Museums (der sechs Jahre dauern wird), die Ausstellung über Friedrich I. im Charlottenburger Schloss, eine Günther-Selichar-Ausstellung im Kupferstichkabinett des Wiener Akademiehofes, Anne Teresa Kersmaekers Tanzstück "small hands" in Brüssel und der Film "Die grüne Wolke".