Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.06.2001.

NZZ, 26.06.2001

Viktor Pelewin (Autor von "Generation P") konstatiert, dass die Metro die Moskauer immer noch träumen lässt: "Die Moskauer Metro ist wohl das einzige Verkehrsmittel der Welt, das Touristen so fasziniert wie sonst nur Museen oder Architekturdenkmäler - sie ist ein echtes Meisterwerk der Sowjetkunst, das nicht nur als Transportmittel gedacht war, sondern auch das Bewusstsein der Menschen transformieren und es aus dem Alltagsleben in eine ideologische Sphäre versetzen sollte. Die Baugeschichte der Metro begann in den dreissiger Jahren, und der erste atheistische Staat der Welt besann sich dabei paradoxerweise auf das religiöse Erbe der antiken Kulturen."

Paul Jandl hält Rückblick auf 25 Jahre Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt (morgen geht's wieder los). Einige Biografien sind aufs Pikanteste darin verwoben: "Der Eros der Verweigerung, der die Prinzipien auf die Spitze treibt, um sie am Ende umso genussvoller wieder fallen zu lassen, gehört auch zur Geschichte des Bachmann-Wettbewerbs. Barbara Frischmuth, die es 1977 'degoutant' fand, Schriftsteller einem Bewerb auszusetzen, der sie zu Leistungssportlern degradiere, sass 1997 in der Jury. Als Juror des Preislesens von 1994 gab sich Hans Christoph Buch als abgeklärter ehemaliger Aufklärer. 1980 noch hatte er mit den Worten 'Ich bin kein subalterner Autor' seinen Text aus Protest gegen das Redeverbot der Autoren zurückgezogen. 1978 machte sich Sigrid Löffler im Profil über das 'Spießrutenlesen' lustig, um als nachmalige Jurorin die Klagenfurter Diskurs-Tradition würdig zu beleben."

Weitere Artikel: Georges Waser berichtet über Versteigerung eines unbekannter Entwurfs zu einem der letzten Kapitel in James Joyces Roman "Ulysses" in London. Birgit Sonna stellt Lothar-Günther Buchheims "Museum der Phantasie" vor. Besprochen werden das nationale Theaterfestival im ungarischen Pecs und einige Bücher, unter anderem zwei Anthologien über Australien und ein Band über das australische Architektenbüro Denton Corker Marshall.

SZ, 26.06.2001

Einen richtig wütenden politischen Kommentar schreibt der Autor der "Sonnenallee", Thomas Brussig. Was soll schlecht sein, wenn in Berlin die PDS mitregiert? "Endlich wird geredet werden über die Lüge, die 'deutsche Einheit' heißt. Warum Einheit, wenn sich im Westen fast nichts und im Osten fast alles ändert? Nun wird sich einheitsbedingt wieder was ändern, und zwar das Parteiensystem: Der mögliche Eintritt der PDS in den Berliner Senat signalisiert eben nicht nur den Einzug der PDS in eine etablierte Landesregierung, sondern gibt der SPD-Positionsbestimmung 'Neue Mitte' unerwartet Sinn - die Mitte liegt (nachdem die Grünen kaum noch wahrzunehmen sind) zwischen CDU und PDS. Die CDU hat allen Grund, diese Konstellation zu fürchten, denn in Berlin beginnt sich die oft zitierte 'Mehrheit links von der CDU' zu etablieren, eine Mehrheit, die bislang zwar existierte, aber der CDU nicht schadete, im Gegenteil."

Und Wolfgang Schreiber ist zuversichtlich gestimmt, nachdem er ein dpa-Gespräch mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit über die Berliner Kulturpolitik gelesen hat: "Wofür tapfere Streiter in der Berliner Kultur, auch ein Mann wie der ausgeschiedene Kultursenator Christoph Stölzl, lange schon plädieren, kommt neuerdings aus dem Mund eines Regierenden Bürgermeisters: Wenn sich eine Hauptstadt vor allem mit ihrem nationalen Kulturerbe präsentiere, 'dann ist das nicht nur eine Berliner Angelegenheit und es kann auch nicht nur eine Sache des Bundes sein, sondern da müssen auch die Ministerpräsidenten der Länder mit einbezogen werden.'"

Weitere Artikel: Andrian Kreye erzählt, wie der Regisseur Mel Brooks für die Musicalfassung seines Films 'The Producers' als Retter des Broadways gefeiert wird ("In 'The Producers' macht er seine Scherze auf Kosten von Nazis, Juden, Blondinen, Schwulen, Schwarzen, Iren und Senioren. Aber weil er dabei charmant bleibt und es schafft, nicht einmal mit der Giftspritze des Zynismus zu hantieren, darf er das sogar am notorisch familienfreundlichen Broadway"). Berlinale-Chef Dieter Kosslick äußert sich im Interview optimistisch zur Lage des deutschen Films ("Es gibt inzwischen eine Professionalität, die wir immer gewollt haben. Zum ersten Mal gibt es einen Hauch von Filmindustrie"). Und Julian Schnabel erklärt, was ihn zuletzt zum besseren Menschen machte (sein Film über einen kubanischen Schriftsteller).

Besprochen werden die "Zonenrand-Ermutigung" in Cottbus, der neue "Crocodile Dundee"-Film, eine "Freischütz"-Variation von Steffen Kopetzky in Köln, Rico Rodriguez' Platte "Get Up Your Foot", eine Ausstellung über die Formel 1 in Mönchengladbach, eine Gemäldeschau der Uni Leipzig, bei der kaum ein Gemälde echt zu sein scheint, eine "Traviata" in München und die Ausstellung "Fernweh und Reiselust" in Köln.

FR, 26.06.2001

Aus den Gedanken Astrid Herbolds zur Vorstellung des entzifferten Humangenoms vor einem Jahr: "Gründe für den abendländischen Hang zur Buchmetaphorik gibt es viele. Das Christentum und seine Affinität zum Buch ist einer. Gutenberg und das mit ihm anbrechende Zeitalter des maschinellen Buchdrucks ein anderer, die Aufklärung und ihr Ideal einer umfassend alphabetisierten Bevölkerung ein dritter. Sie alle haben dafür gesorgt, dass das Buch nicht nur als realer Gegenstand zum Massenartikel wurde, sondern dass es im Verlauf der letzten Jahrhunderte zum Inbegriff der Wissensspeicherung und -archivierung avancierte. Bis heute symbolisiert das Lesen den Akt der Erkenntnis." Ach so.

Der russische Schriftsteller Jurij Mamlejew erinnert an die "Amazonen" in der künstlerischen Dissidentenszene der Sowjetunion der siebziger Jahre: "Paradox erscheint allerdings, dass viele große Vorgängerinnen der heutigen Amazonen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur äußersten Linken zählten. Sie begrüßten die bolschewistische Revolution und glaubten, sie werde der Avantgarde den Zugang zu den Massen eröffnen. Ganz anders die Amazonen der 60er und 70er Jahre. Sie wandten sich gegen das kommunistische Regime."

Weitere Artikel: Klaus Walter bereitet uns auf die Tournee Neil Youngs vor (über den Jim Jarmusch gerade einen Film gedreht hat). Besprochen werden eine Wiener Tagung über "Gedächtnis und Restitution", die Cottbusser "Zonenrandermutigung" und Handke-Produktionen bei den Ruhrfestspielen.
Anzeige

TAZ, 26.06.2001

"Wer als Iraner länger in Europa gelebt hat, spürt überall Klassenkategorien bei seiner Rückkehr", erfahren wir in den "Beobachtungen aus dem Männerbereich auf einer Hochzeitsparty in einem südlichen Vorort von Teheran" von Tirdad Zolghadr. Er durchlebt die Depressionen einer Heimkehr: "Ich fühle mich komplett fremd unter diesen Männern. Nachdem ich mein ganzes Leben lang ebenso stur wie selbstgefällig darauf beharrt habe, Iraner zu sein, sitze ich jetzt hier und habe seltsame xenophobische Impulse."

Weitere Artikel: Andreas Merkel zieht eine durchaus positive Bilanz des Internationalen Literaturfestivals in Berlin. Pamela Jahn hat die Ausstellung "Berlin London 2001" in London besucht. Besprochen ein Buch über Neandertaler und und Manil Suris Roman "Vishnus Tod".

Schließlich Tom.
Stichwörter: Europa, Pamela Jahn, London

FAZ, 26.06.2001

Frank Schirrmacher hat sich über die Rede von Hubert Markl (hier nachzulesen) geärgert. Markl argumentiere "nicht naturwissenschaftlich oder medizinisch, sondern kulturgeschichtlich. Er produziert eine skurrile Privatideologie des Menschseins, deren moralische Anfechtbarkeit nicht erst durch die Erinnerung an den Balkan-Krieg offenkundig wird. 'Mensch', sagt Markl, 'ist nämlich kein Etikett der Natur, sondern eine selbstbezügliche Redeweise von Menschen, deren Bedeutung nicht die Natur festlegt.' Und: 'Mensch ist ein kulturbezogener Zuschreibungsbegriff von Menschen und keine rein biologische Tatsache.' Dass 'Mensch' nur eine relative und gleichsame auf Konsens beruhende Zuschreibung ist - diese Definition ist nun in der Tat das Eintrittsticket für Sloterdijks Menschenpark."

Drei Seiten später bereitet uns der "amerikanische Internetpionier und Kognitionsforscher" Ben Goertzel auf die nächste Stufe der wissenschaftlichen Entwicklung vor: mit dem Zusammenwachsen von Computer- und Biotechnologie sind wir bereits auf dem Weg zu Postgenombiologie. Worum geht es? Gen- und Proteinchips, die mit sogenannter Microarray-Technologie arbeiten, sollen große Datenmengen zur Analyse von Entwicklungs- und Krankheitsprozessen liefern. Die Auswertung soll dann mit Computerprogrammen aus der Forschung zur Künstlichen Intelligenz erfolgen. Goertzel beschreibt das gut verständlich: "Wie bei einem Menschen, so ist auch bei einem Gen das eigentlich Interessante nicht das, was es tut, wenn es nur da ist, sondern was es in einer Situation bewirkt, in der es sich gleichsam ausdrückt, also zur 'Expression' gelangt. Die meiste Zeit tun die meisten Gene gar nichts. Aber manche sind aktiv. Mit den neuen Labortechniken können wir herausfinden, welche Gene jeweils exprimiert werden. Wir können sehen, wie viele Gene zu einem bestimmten Zeitpunkt und dann ein wenig später und dann noch etwas später zur Expression gelangt sind. So lässt sich eine Karte der jeweiligen genetischen Dynamik erstellen. Und wenn man diese Karte mit Hilfe fortgeschrittener Computerprogramme analysiert, wird verständlich, wie die Gene jeweils für sich allein und in ihrem Zusammenspiel funktionieren. Welche Gene stimulieren welche anderen Gene? Welche agieren eher in Gruppen? Welche hemmen andere und hindern sie so an der Expression?"

Weitere Artikel: Heinrich Wefing beschreibt, wie der Architekt HG Merz die Alte Nationalgalerie zum Museum der Museumsgeschichte gemacht hat, Jörg Magenau berichtet noch einmal vom Literaturfestival in Berlin, Christian Schwägerl berichtet über den Auftakt der "Bio"-Messe in San Diego, in der Reihe "Deutsches Wörterbuch" schreibt Katja Lange-Müller über "die Endversorgung", und Martin Lhotzky berichtet von einer Sensation bei der 256. Sitzung des Konstanzer Arbeitskreises für Mittelalterliche Geschichte: Klaus Zechiel-Eckes konnte "äußerst stichhaltige Indizien" dafür vorlegen, dass der Abt Paschasius Ratbertus von Corbie (gestorben 859) die sogenannten Pseudo-Isidorischen Fälschungen begangen hat.

Besprochen werden der Film "27 Missing Kisses", eine Ausstellung des "ersten Meisters des Schweißbrenners" Julio Gonzalez in der Kunsthalle Recklinghausen, Ballette von Douglas Lee, Dominique Dumais und Kevin O'Day in Stuttgart, eine Ausstellung mit Grafiken von Victor Hugo und Arnulf Rainer im Sinclairhaus in Bad Homburg, die fünfzigsten Händel-Festspiele in Halle, eine Lecture Performance von Raimund Hoghe in Münster, ein Konzert des tied & tickled trios.

Auf der Medienseite erzählt Sandra Kegel, wie das vereinte Europa zumindest beim Fernsehen Amerika in die Schranken weist: nach der Verfilmung des Grafen von Monte Christo und "Les Miserable" wird jetzt ein Film über Napoleon gedreht. "Hollywood bekommt das neu erwachte Selbstbewusstsein der Europäer empfindlich zu spüren. Zwar garantieren die amerikanischen Kinofilme hierzulande noch immer hohe Einschaltquoten, doch vor allem die großen Sender Europas setzen mehr und mehr auf eigene Produktionen. Eurodata hat im April dieses Jahres eine Untersuchung vorgelegt, nach der sich unter den prominenten Sendungen des Jahres 2000 keine einzige amerikanische Produktion befand."