Heute in den Feuilletons
Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.10.2012. Der Spiegel meldet: Frankreich will Links besteuern, die Google auf Zeitungen setzt. Aber nun will Google keine Links mehr setzen. Netzpolitik hat neulich eine Studie zur Bestechlichkeit von Abgeordneten veröffentlicht. Nun soll das Blog sie zensieren - aus urheberrechtlichen Gründen! Die taz prangert den Prozess gegen den türkischen Pianisten Fazil Say an, der angeblich den Propheten beleidigte. Die NZZ fragt: Ist es ein Problem, dass einer der Nobelpreis-Juroren zugleich der Übersetzer Mo Yans war? Und Mathias Döpfner verkündet: Welt Online wird zahlbar. Und alle trauern um Wolfgang Menge.
18.10.2012. Die taz Online veröffentlicht einen Aufruf der bekanntesten deutschen Filmkritiker gegen den Deutschen Filmpreis, so wie er jetzt ist. Die Jüdische Allgemeine beschwert sich: Günter Grass bringt den literarischen Antisemitismus in Verruf - da gab's schon originellere Nobelpreisträger. David Cole wehrt sich im NYRBlog gegen Malise Ruthvens Forderung, Beleidigungen des Propheten Mohammed zu verbieten. In der Zeit erklärt Roberto Saviano, warum die Mafia für nichts tötet. Und die SZ mahnt: Museumsbesucher sind die eigentlichen Opfer der grassierenden Kunstraube.
17.10.2012. Die Welt feiert einen Film über die polnische Punkband Paktofonika. In der taz hat Hans Ulrich Gumbrecht Überlebensprobleme. Die NZZ fragt: "Wo lässt sich schöner von der Antike träumen als in Tunesien?" Für Spiegel Online fährt Sascha Lobo mit Big Brother in London Auto. In Meedia bedankt sich Zeit Online-Chef Wolfgang Blau bei den deutschen Onlinejournalisten, aber nicht bei den deutschen Medienkapitänen, und geht ab zum Guardian. Und natürlich: Dagens Nyheter besingt eine magische halbe Stunde.
16.10.2012. In der SZ erzählt der kasachische Theaterregisseur Bolat Atabajew, wie ihm klar wurde, dass er auf die Weltbühne musste. Ähnliches hat laut Welt der Fantasy-Autor Christian Alexander Schreiber vor, der aber zunächst am Eingang der Frankfurter Buchmesse zu scheitern drohte. Die FR berichtet, dass Günter Grass auch im Alter von 85 Jahren an seinen Dummheiten festhält. Die FAZ empfindet dank einer Brüsseler Inszenierung neue Empathie für Lulu. SZ und FAZ befassen sich mit den Plagiatsvorwürfen gegen Annette Schavan.
15.10.2012. Die Buchmesse klingt nach. FAZ und taz sind ergriffen von Liao Yiwus Friedenspreisrede. Liao Yiwu hat das Allerheiligste des chinesischen Regimes angegriffen, beobachtet die Welt. Christoph Kappes erzählt den Medienfischen, was er und Sascha Lobo mit ihrem E-Book-Verlag vorhaben. Das Ebook boomt dank erotischer Literatur, und diese Literatur wird von Frauen gekauft, konstatiert AFP. Der Tagesspiegel liest ein Buch über Beschneidung und stellt fest, dass hier auch Menschenrechtsargumente nicht zählen.
13.10.2012. Die Welt erlebte, wie sich der neue Literaturnobelpreisträger Mo Yan bei seinem ersten Auftritt in China mit dem inhaftierten Liu Xiaobo solidarisierte. Außerdem lernt sie in Hans Werner Richters Tagebüchern, warum die Bundesrepublik vielleicht ein politisch-wirtschaftliches, aber kein literarisch-ästhetisches Erfolgsmodell wurde. In der NZZ huldigt Laszlo Földenyi dem Heiligen Sebastian und Peter Nadas. Die SZ taucht in die vertonte Comicwelt von Kiss. Und die FAZ gönnt den Griechen nicht einmal das Preisgeld für den Nobelpreis.
12.10.2012. Die Jungle World geißelt die humorlosen Feuilletonreaktionen auf Rainald Goetz' Roman "Johann Holtrop". In der NZZ sieht der Harvard-Kunsthistoriker Jeffrey F. Hamburger mit dem geplanten Umzug der Berliner Gemäldegalerie auf die Museumsinsel imperiale Ansprüche aufleuchten. Und alle denken darüber nach, was der Literaturnobelpreis für Mo Yan bedeutet. Kritik kommt von Ai Weiwei, wie die Welt berichtet. Die deutschen Rezensenten sehen Mo Yan dagegen eher als gewitzten Literaten, der die Zensur mit Gewalt, Komik und Obszönität unterläuft.
11.10.2012. Die Welt besichtigt in Paris staunend die unangepasste Kunstsammlung Michael Werners. Der Tagesspiegel porträtiert die 14-jährige afghanische Schülerin Malala Yousafzai, der Taliban eine Kugel in den Kopf schossen, weil sie zur Schule gehen wollte. Die taz spaziert durch ein wiederbelebtes Belgrad. Die Zeit möchte eigentlich keine von Anders Breivik inspirierten Theaterstücke sehen. In der SZ macht sich Oliver Stone nichts aus perfekten skandinavischen Mädchen. Die FAZ wirft ihm prompt männerbündlerische Ausgekochtheit vor.
10.10.2012. Auch die Intellektuellen in Ägypten interessieren sich nicht für die Rechte der Frauen, erklärt in der NZZ die Autorin Salwa Bakr. Kafka wollte keinen Sex mit Frauen, behauptet in der FR Saul Friedländer. In der SZ warnt der Jurist Stefan Huster vor dem Betroffenheitskitsch in politischen Debatten. Alle freuen sich über den Buchpreis für Ursula Krechel. Nur die SZ hätte sich etwas mehr ästhetischen Furor gewünscht.
09.10.2012. Ursula Krechel erhält für ihre Vergangenheitsbewältigung "Das Landgericht" den Deutschen Buchpreis. Die FR freut sich. Die FAZ noch mehr. Die Welt nicht ganz so. Die taz bleibt neutral. Der Merkur eröffnet ein Blog. Die NZZ erliegt dem Charme des sanft vor sich hinrostenden West-Berlin und seiner verwitternden Wahrzeichen. In der FAZ sind sich Kultur- und Wirtschaftsteil über die Freuden der Digitalisierung im Buchgewerbe uneins. Die SZ huldigt den Vasen Carlo Scarpas. Außerdem Bilder von Bäumen und Straßenkreuzungen, Paris und James Deen.