Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Prism is a team sport!

12.07.2013. Outlook, Hotmail, Skype - der Guardian erklärt, wie Microsoft der NSA beim Bespitzeln seiner Kunden hilft. Unsere Existenz ist ein Provisorium, seufzt die NZZ angesichts zahlreicher Baustellen. Die taz bewundert das urbane Mosaik von Glaubensfacetten in München. Die SZ lernt von den Pet Shop Boys, Marx und Lacan: Liebe ist ein bourgeoises Konstrukt. Die FAZ fürchtet die vorsorgliche Entmachtung des Bürgers.

Die Schlange, die in Kleopatras Brust beißt

11.07.2013. In der Zeit beteuert die Kanzlerin ihre totale Ahnungslosigkeit über Prism und die fürsorgliche Belagerung durch die Briten. Geheimdienste seien auch so intransparent! Gawker berichtet über Yochai Benklers Verteidigung von Wikileaks im Bradley-Manning-Prozess. Die FAZ porträtiert die Dokumentarfilmerin Laura Poitras, die Edward Snowden interviewte. Und Eugen Ruge wendet sich in seiner Eigenschaft als bloßer Ausländer an Barack Obama.

Bastard, Hühnerdieb, Pornograf

10.07.2013. Auf Spiegel Online erklärt Sascha Lobo, warum totale Überwachung in Demokratien nicht irgendwie okay ist. In Österreich dient die Vorratsdatenspeicherung gerademal zur Bekämpfung von Kleinkriminalität, weiß die taz. In der FAZ rechtfertigt Alaa al-Aswani den Sturz Mursis: Der sei ein gewählter, aber kein legitimer Präsident mehr gewesen. In der Welt sieht das Hamed Abdel-Samad ähnlich: Lange vor dem Militär habe Mursi geputscht. Außerdem porträtiert die NZZ den stachligen Architekten Rudy Ricciotti. Und die SZ stellt klar: Europas Schuldenkrise hat nichts mit Schlafgewohnheiten oder Konfessionen zu tun.

Weitere Aspekte der Neuigkeit

09.07.2013. In der Washington Post versteht Amerikas berühmtester Whistleblower, Daniel Ellsberg, sehr gut, warum Edward Snowden Amerika verließ. Der Guardian bringt neue Auszüge aus dem Snowden-Interview. Das Wall Street Journal erzählt, wie das FISA-Geheimgericht das Wörtchen "relevant" neu definierte. Die NZZ durfte die Google-Datenbrille leider nicht aufsetzen. In der FAZ attackiert Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger die Rotgrünen, die von Vorratsdatenspeicherung träumen.

Tänzelnd, schwebend, federleicht

08.07.2013. Die Enthüllungen über die versammelten Geheimdienstaktivitäten gehen weiter. In der FAZ fordert Georg Mascolo ein internationales Freiheitsabkommen. Auf Spiegel Online erklärt Hamed Abdel-Samad, warum die Muslimbrüder in Ägypten zurecht geschasst wurden. Aber auch die Opposition auf dem Tahrirplatz hat bezüglich des Verhältnisses von Mann und Frau noch einges zu lernen, zeigt der Guardian. Der Bachmann-Wettbewerb ist überstanden und gerettet. Die "bezaubernde Katja Petrowskaja" trifft mit ihrer Holocaust-Geschichte den allgemeinen Konsens.

Der Snowdensche Imperativ

06.07.2013. Auch Herfried Münkler hat's natürlich gewusst. Und jetzt sagt er uns in der NZZ, wie's nach Prism weitergeht: Nicht gut für Europa. Eine Initivative von Wissenschaftlern ruft die Justizministerin auf, für Edward Snowden einzuschreiten. Die taz verteidigt den klassischen Intellektuellen gegen die taz. Die New York Times versucht die Preispolitik von Amazon zu verstehen. In der Welt erzählt David Mitchell, wie es ist, mit einem autisitschen Kind zu leben. Die FAZ hat die Verkörperung des korrupten Zusammenspiels von Regierung und Privatwirtschaft persönlich getroffen. Und eins ist der SZ klar: Amerika zerfällt.

Während gleichzeitig eine Blutsuppe gekocht wird

05.07.2013. Le Monde enthüllt ein "Prism à la française". Sämtliche Telefon- und Internetkommunikation wird gesammelt und gespeichert - ohne jede gesetzliche Grundlage. In der FAZ macht die Essayistin Rebecca Solnit Google und Facebook als das Hauptroblem mit dem Netz aus, und Frank Schirrmacher fordert erneut ein europäisches Google. In der Welt spricht der malische Sänger Kouyaté über die Rolle der Griots und über den Islamismus in seinem Land. Die Berliner Zeitung, die selbst einige Entlassungen zu verkraften hatte, befragt einen Psychologen zur "Kultur des Kündigens".

Ein Schlechtfühl-Luxusangebot

04.07.2013. Für die Zeit begibt sich Clemens Setz ganz tief ins Deep Net. Außerdem schickt die Zeit  ein moralisches Care-Paket nach Amerika, das zur Zeit nicht die Energie habe, sich selbst zu korrigieren. Die NZZ verabschiedet sämtliche Freiheitsideen, die sich je mit dem Internet verbanden. Zeit.de fragt, ob Snowden zum Wahlkampfthema werden kann - für die SPD wäre das nicht so komfortabel. Der Freitag reanimiert die leider eingeschlafene Debatte um die Öffentlich-Rechtlichen. In der Homotaz erinnert sich Elmar Kraushaar an die Befreiung der Schwulenbewegung durch Michel Foucault.

Die neue Ära des Unbehagens

03.07.2013. Die Debatte um Snowdens Enthüllungen geht weiter: Muss man die Geschichte des Internets in die Zeit vor und die Zeit nach den Enthüllungen einteilen, fragt Carta. Wir verweisen auch auf das Liveblog des Guardian über den Irrflug von Evo Morales' Präsidentenmaschine. Aber es gibt auch andere Themen: Die FAZ klagt über literarische Überproduktion bei nachlassender Nachfrage. In der FAZ fordert auch Hamed Abdel-Samad mehr Säkularisierung in Deutschland. Die Welt beschuldigt die SZ des Antisemitismus auf Stürmer-Niveau.

Attacke und Versenkung

02.07.2013. Nun ist der Prism-Skandal im Wahlkampf angekommen: Sigmar Gabriel attackiert in der FAZ die Kanzlerin: "Merkel muss sagen, ob sie davon gewusst und es geduldet hat." In den deutschen Blogs ist der Ton der Debatte um Prism dagegen bisher erstaunlich resignativ. Die Welt berichtet über die Insolvenz des Insel Verlags. Die NZZ schildert die nach wie vor schwierige Lage der Journalisten in Birma. Cicero.de erinnert an die Zeiten, als die Grünen "ein Herz für Sittenstrolche" hatten. Die SZ fragt, wie sozialer Wohnungsbau heute aussehen könnte.