Heute in den Feuilletons

Gott ist der einzige Universalhistoriker

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.10.2012. In der taz verortet Joachim Unseld die Zukunft des Buchs irgendwo zwischen Manufactum und Amazon. Die NZZ trinkt keinen Cappuccino in Triest. In der FR wendet sich Jörg Fischer gegen die Idee der Globalgeschichte. In der SZ fordert Marcel Beyer mehr Fantasie von deutschem Aufklärungspersonal.

TAZ, 01.10.2012

Christoph Schröder porträtiert den Verleger Joachim Unseld, der vor 25 Jahren die Frankfurter Verlagsanstalt neu ins Leben rief. Die Zukunft der Buchbranche stellt sich Unseld so vor: "'Wir müssen die gedruckten Bücher edler machen, wertvoller, teurer. Das gebundene Buch wird zum Luxusgegenstand für Bibliophile werden. Auf der anderen Seite steht dann das digitalisierte E-Book, das zum reinen Gebrauch bestimmt ist.' Das Taschenbuch, so prophezeit er, könnte dabei auf der Strecke bleiben."

In seinem wöchentlichen Rück- und Ausblick widmet sich Friedrich Küppersbusch der ausgetüftelten Personalpolitik der SPD und einer Großsekte, die als "Corporate Design ein barbarisches Hinrichtungswerkzeug zumutet".

Besprochen werden die Ausstellung "Schwarze Romantik" im Frankfurter Städel-Museum, das Konzert von Radiohead in der Berliner Wuhlheide und Alma Har'els Film "Bombay Beach".

Und Tom.

Perlentaucher, 01.10.2012

Ostap Slyvynskys Vater baute sich während der Sowjetzeit in der Ukraine sein eigenes Europa: Es bestand aus Büchern in den Sprachen befreundeter sozialistischer Länder, vor allem aus Polen. Ausländische Prosa, schwarze Bände von Existenzialisten, oder ein Album mit Luftschiffen, schreibt Slyvynsky. "All das gab es in polnischen Übersetzungen. Das Beste gab es damals in polnischen Übersetzungen. Sogar den Tschechen Hrabal gab es nur auf Polnisch. Polen verdarb die Reinheit des kommunistischen Experiments in Osteuropa, blieb aber trotzdem 'befreundet'. Deshalb durften polnische Bücher in sowjetischen Buchhandlungen nicht fehlen, auch wenn sie nur in 'spezialisierten' Geschäften geführt wurden."
Stichwörter: Polen, Ukraine

Aus den Blogs, 01.10.2012

Wir haben schon am Donnerstag hingewiesen auf Clemens Setz' unbedingt lesenswerten Essay über eine tatsächlich existerende Software, "Anonymouth", die Autoren dazu dient, stilistische Eigenheiten des eigenen Schreibens aufzufinden, und zwar gerade um in Postings im Netz anonym bleiben zu können. Nur am Rande erwähnt Setz den amerikanischen Kinderbuchautor Edward Gorey, dessen hinreißend sadistisches Kinderalphabet wir im Netz gefunden haben. Hier der Anfang:


Anzeige
Stichwörter: Clemens Setz

NZZ, 01.10.2012

Schwärmerisch flaniert Christine Wolter durch Triest, die Stadt an der Adria, die ihre ganze wechselvolle Geschichte zeigt und trotzdem "lichtflimmerndes Märchenbild" bleibt. Wie auf der Piazza dell'Unità: "Die vierte Seite des Platzes raubt immer wieder den Atem: das Meer. Auf dem Platz streben die Flanierenden zum Café degli Specchi, das ihnen drinnen ihr eigenes Abbild widerspiegelt, aber draußen den immer wechselnden Blick aufs Meer bietet. Und Kaffee in vielen Triestiner Variationen. Triest ist schließlich die Hauptstadt des Kaffees, beherrscht Import, Röstung und Entkoffeinierung. Nur den sonst allüberall üblichen Cappuccino gibt es nicht, die Triestiner Variante ist ein kleiner Espresso mit leicht bräunlichem Milchschaum, köstlich und stark."

Besprochen werden eine Ausstellung mit Zeichnungen Félix Vallottons im Kunstmuseum Winterthur und Sebastian Baumgartens Kostümparty-Version von Brechts "Heilige Johanna" am Zürcher Schauspielhaus.
Stichwörter: Adria, Triest, Flanieren

Aus den Blogs, 01.10.2012

Selbst prominente Kolumnisten wie Götz Aly haben nicht geholfen - die FR könnte bald ihre posthume Existenz als Ipad-App fristen, meldeten wir mit kress.de am Samstag. Dazu passt eine Meldung aus Mashable: "News organizations have invested significantly in native apps for iOS, Android, WP7 and even, for a time, webOS -- yet nearly three times as many tablet owners and twice as many smartphone users access news primarily through browsers rather than apps, according to a Pew Research Center study released Monday."

FR/Berliner, 01.10.2012

Der frisch emeritierte Historiker Jörg Fisch, Mitherausgeber der auf 21 Bände angelegten neuen Fischer-Weltgeschichte, von der gerade drei Bände erschienen sind, besteht im Interview mit Arno Widmann darauf, dass man eine Weltgeschichte als "Geschichte einzelner Räume und ... der Beziehungen zwischen diesen Räumen" erzählen kann. Eine Globalgeschichte? Eher nicht. Wer hat denn einen Blick auf den ganzen Planeten? "Dieser Blick von außen ist doch nur eine Metapher. Wer hat ihn schon wirklich? Der Einzige, der wirklich eine Geschichte vom Urknall bis heute schreiben könnte, ist Gott. Er ist der einzige Universalhistoriker. Er steht uns aber als Autor der Fischer-Weltgeschichte bedauerlicherweise nicht zur Verfügung. Die Idee der Totalität ist eine religiöse Idee. Für die wissenschaftliche Forschung taugt sie nicht."

Weiteres: Sabine Vogel berichtet über das "im hochliterarischen Imperfekt" geschriebene Lobgedicht von Günter Grass auf den israelischen Nukleartechniker und Geheimnisverräter Mordechai Vanunu, das in Israel die erwartbaren Reaktionen ausgelöst hat. Besprochen werden ein Konzert von Radiohead und Caribou in Berlin, Sebastian Nüblings Inszenierung von Tennessee Williams' Theaterstück "Orpheus steigt herab" und eine DVD-Edition über das deutsche Kino.

Caribou bringt zum Montag etwas Sun, Feuilleton-Publikum ist zugelassen.:


FAZ, 01.10.2012

Trotz technokratischer Fassade lässt sich der Hang italienischer Politiker zur Korruption noch nicht unterdrücken, konstatiert Dirk Schümer in der Leitglosse ("gleichzeitig mit der auch in Brüssel wild feiernden Latium-Gang kommt ans Licht, wie der Poststellenleiter des italienischen Senats mit parlamentarischen Dienstwagen die Kokainmafia Roms bediente"). Fridtjof Küchemann besuchte in Berlin eine "Crypto-Party", in der Computerlaien in der Kunst der Computersicherheit unterwiesen wurden. Der Finanzmathematiker Emanuel Derman scheint eine neue Kolumne zu eröffnen, in der es um allerlei "Modelle, die sich nicht benehmen", geht. Melanie Mühl unterhält sich mit Reinhold Messner über seine neuen Film. Andreas Platthaus feiert zwanzig Jahre Alfred-Herrhausen-Gesellschaft. Jordan Mejias schreibt zum Tod des New York Times-Herausgebers Arthur Sulzberger. Paul Ingendaay berichtet vom Filmfestival in San Sebastian.

Besprochen werden die Ausstellung über die große Sonderbundausstellung vor hundert Jahren in Köln, eine Dramatisierung von Uwe Tellkamps "Eisvogel" in Potsdam und Bücher, darunter eine Biografie über Thor Heyerdahl (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 01.10.2012

Dokumentiert wird Marcel Beyers Antrittsrede als Stadtschreiber von Bergen-Enkheim, der die Ermittlungen um die Zwickauer Mordserie zum Anlass nimmt, über schlechte Geschichten nachzudenken, die das Leben schreibt: "Liest man heute rückblickend, welchen Phantasien Kriminalpolizisten und Journalisten im Zusammenhang mit den vom sogenannten "Nationalsozialistischen Untergrund" verübten Morden gefolgt sind, welchen Spekulationen sie sich hingegeben haben, so gewinnt man den Eindruck: Die deutschen Aufklärungs- und Enthüllungsfachkräfte verfügten über eine nur schwach ausgebildete Imaginationskraft, ja, sie bezögen ihr Imaginationsmaterial in erster Linie aus US-amerikanischen Krimis. Von deren Handlung und Aufbau sie, zu allem Übel, kaum die Hälfte verstehen."

Weitere Artikel: In den "Nachrichten aus dem Netz" verweist Niklas Hofmann auf eine durch dieses Gespräch mit Sir Peter Stothard im Independent losgetretene Diskussion in Großbritannien über Literaturblogs (hier eine Entgegnung auf Stothard). Rudolph Chimelli schreibt über den historisch wertvollen Basar von Aleppo in Syrien, der bei Auseinandersetzungen am Freitag in Brand geraten war (mehr). Stephan Opitz berichtet von den Vorschlägen einer schwedischen Kommission zur Stärkung des Leseverhaltens im Land. Stephan Speicher resümiert den Deutschen Historikertag, der sich Finanzkrisen widmete. Joseph Hanimann berichtet von diversen Kultureinsparungen in Frankreich.

Besprochen werden Alma Ha"rels Film "Bombay Beach" ("Cinéma Verité, wie es gemeint war", meint Martina Knoben), Tennessee Williams" "Orpheus steigt herab" an den Münchner Kammerspielen (mit "stimmigen Erfindungen" macht Sebastian Nübling "aus dem angestaubten US-Stück (...) eine zeitlos humane Theaterparabel", schwärmt Christine Dössel), die Ausstellung "Newtopia" im belgischen Mecheln und Simon Solbergs Musical über einen rappenden "Moses" am Münchner Volkstheater.