Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Unordnung in der Nachrichtenbewertung

12.11.2012. Die BBC-Affäre schlägt in britischen, aber auch deutschen Medien große Wellen. Die BBC hatte fälschlich einen Politiker des Kindesmissbrauchs bezichtigt. Aber auch das Publikum ist in dieser Affäre nicht unschuldig und verbreitete die Gerüchte via Twitter, hält der Guardian fest. Und zuvor hatte die BBC jahrezehntelang einen eigenen Moderator gedeckt, merkt die FAZ an. Die NZZ resümiert die Reaktion amerikanischer Intellektueller auf die Wahlen. Und was machen FAZ und SZ  auf Safari mit Thyssen?

Es sind die verrückten Wissenschaftler, die ich liebe

10.11.2012. Die Welt erlebt einen intensiven Moment mit Tori Amos und lernt auch von ihrer Literaturpreisträgerin Zeruya Shalev, wie langweilig wir sind: Immer auf dem Mittelweg. In der NZZ erinnert sich Martin Meyer freudig daran, wie Hans Blumenberg ihn vom Schlafen abhielt. Die taz fürchtet, dass Toleranz auch nur eine perfide Form der Machtausübung sein könnte. In der FAZ wünscht sich Bodo Kirchhoff eine literarische Bestsellerliste. Und die SZ verliebt sich in die Zahnlücke von Léa Seydoux. Im Tagesspiegel trinkt Rudolf Thome ein grünes Fläschchen mit Hong Sang-soo.

Zwei Fäuste schweben wie die Fühler einer Schnecke

09.11.2012. In der Welt findet der Grünen-Politiker Werner Schulz sehr wohl (und ganz anders als Richard Schröder), dass die Frauen von Pussy Riot den Luther-Preis verdient haben.  Die taz betrachtet mit Faszination die Bilder alter Körper. Worth1000 verliebt sich in Frau Gere. Die FR staunt über die Tarif-Achterbahn der Gema. In der FAZ fragt Viktor Jerofejew: Wer steckt hinter dem Roman "Maschinka und Welik"? Die SZ befasst sich mit dem Antisemitismus der Linken. Und die NZZ spricht sich vor der Volksabstimmung in Zürich für die Erweiterung des Kunsthauses aus.

Lachend gegen eine Laterne

08.11.2012. Die Blogs staunen über die amerikanische Verwertungsgesellschaft HFA, die Rechte auf den Radetzky-Marsch einforderte. In der Welt malt Hans-Ulrich Gumbrecht in düsteren Farben das postpolitische Zeitalter aus, dessen erster Präsident Barack Obama heißt. Atlantic diagnostiziert ideologische Verrücktheit bei den amerikanischen Konservativen, die zur Verkennung der Realität führte. Die FR empfiehlt das Brockdorff Klang Labor, eine politische Dancefloorband mit Retrotouch. Die SZ stellt den Goncourt-Preisträger Jérôme Ferrari vor.

Der Sphärenharmonie Konkurrenz

07.11.2012. Nach einer aufregenden Nacht steht der Sieger dieser Wahlen fest: Nate Silver, so Mashable, hat mit seinem Blog Fivethirtyeight 50 aller 50 Staaten richtig vorausgesagt. Wir verlinken außerdem auf Barack Obamas Siegestweet, das er abschickte, bevor er seine Rede hielt und das mehr als hunderttausend mal retweetet wurde, und, mit Gawker, auf die Tweets einiger schlechter Verlierer. Die NZZ hält unterdes fest: Unser eigentliches Problem ist Sauerstoff. Glenn Gould spielt zur Feier des Tages auf dem Wohltemperierten Klavier.

Erinnerung an das Fieber

06.11.2012. Die taz feiert vierzig Minuten Musik, die vor hundert Jahren die Welt veränderten. Die New York Times staunt über die französischen und deutschen Debatten zu Google-Steuern auf Presseinhalte. In Frankreich wird gefragt, wieviel Geld Google wirklich mit der Verlinkung auf Zeitungen verdient. In der FAZ will der Politikberater und Autor Robert Kagan partout nicht an einen Niedergang Amerikas glauben.Und: Elliott Carter ist tot.

Wie grasende Tiere in der Savanne

05.11.2012. Die Welt ist sich sicher: Niemand singt eine Frauenrolle so glockenklar wie ein guter Countertenor. In der NZZ bekennt Brigitte Kronauer ihre Vorliebe für Unklassisches. Die FAZ hat in Lens gesehen, wie ein Museum ein Ereignis sein kann, ohne zum Event zu werden. Die SZ staunt über den späten Erfolg der Mormonen in den USA. Und für alle Ignoranten der Kinogeschichte: Die Top 250 der imdb in zweieinhalb Minuten.

Du herrlich Glas, nun stehst du leer

03.11.2012. In der taz erklärt Ruth Klüger, warum sie sich lieber auf Rädern, statt auf Wurzeln bewegt. In der NZZ erzählt Jan Koneffke, warum in Rumänien allenfalls fantastische Literatur an die Realität heranreicht. Cargo bringt eine Hommage auf die Filme von Hong Sang-Soo. Es wäre ein Fehler, die Neonazis nicht ernst zu nehmen, meint die Welt, und ein noch größerer, ihre Macht zu übertreiben. In der Abendzeitung blickt Joseph von Westphalen in die Abgründe der Selbstverantwortung. Und Dietrich Fischer-Dieskau singt Schumann.

Der Rest ist Rampe

02.11.2012. Lawblog und Heise verabschieden das Fernmeldegeheimnis. Zeit online kommentiert die Verlängerung der Schutzfristen auf Musik: So erdrosselt sich eine Kultur selbst. Die NZZ staunt über die Geilheit europäischer Medien nach der Apokalypse in Amerika, die dann doch vertagt wurde. Der Observer erklärt, warum der einflussreiche amerikanische Kunstkritiker Dave Hickey die Nase voll hat vom Kunstbetrieb. Und die Welt hat jetzt verstanden, wie bei Herbert Grönemeyer das Wort zur Musik findet.

Unentgeltlich, versteht sich

01.11.2012. Der Freitag bringt ein Loblied auf die musikalische Internationale der Roma und Sinti. Kann man als Independent-Musiker noch von seiner Musik leben?, fragt Atlantic und gibt angesichts der Pleite von Cat Power eine klare Antwort: nein. In der NZZ wehrt sich Pieke Biermann gegen Kritik an einer ihrer Übersetzungen und Kritik an Übersetzungen überhaupt. Und paidcontent hat einen Rat für Zeitungen, die eine Paywall einrichten möchten: am besten betteln. Das Merkur-Blog sinniert mit Améry über Proust.