Heute in den Feuilletons
Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.11.2012. Alle Hoffnung passée. Heute um elf Uhr wird den Mitarbeitern der FTD nun doch das endgültige Aus verkündet, meldet das Handelsblatt. Das Gute an Zeitung ist, dass sie von Realität trennt, meint die taz. In der NZZ stellt sich heraus: Auch Taubblinde haben in erster Linie religiöse Probleme. Die FAZ macht sich Sorgen um den Leser von Ebooks. Und Sensation: Thomas Mann hätte Actimel empfohlen.
22.11.2012. Die Financial Times Deutschland ist heute also auch erschienen. Spiegel Online meldet, dass noch nicht alle Hoffnung verloren sei. Die Zeit sucht unterdes nach Rettung für den Qualitätsjournalismus und zitiert gut zwanzig Medienchefs, die alle zugeben, das Internet verschlafen zu haben. Das aber andererseits auch schuld ist. Die Jüdische Allgemeine sammelt Stilblüten deutscher Qualitätsjournlisten zum neuesten Nahostkonflikt. Geoffrey O'Brien feiert im Blog der New York Review of Books Steven Spielbergs "Lincoln"-Film.
21.11.2012. Gestorben wird diese Woche nicht nur in der ARD. Erscheint heute schon die letzte Ausgabe der Financial Times Deutschland? So behauptet es jedenfalls der Guardian. Die drastischen Kürzungen bei den Wirtschaftsmedien von Gruner und Jahr sind auch Thema in anderen Medien. Laut taz hat hier vor allem das Bürgertum in seiner Analyse des allgemeinen Kulturverfalls versagt. Laut der FR hakt es dabei auch im Jahr-Clan, dessen Sprosse sich nicht mehr für Journalismus interessierten. Der Tagesspiegel resümiert Professoren-Zank um Kleist-Ausgaben. Die FAZ staunt über Pierre Schoellers Film "Der Aufsteiger" und noch mehr über die Katalanen.
20.11.2012. Die Welt plädiert für ein zumindest im Humanitären großzügiges Engagement des Westens für Syrien. Die taz nimmt Abschied von der Welt im Besonderen und der Zeitung im Allgemeinen. Im New York Magazine sieht es Tina Brown ganz ähnlich. Im Freitag vermisst Harry Rowohlt sein Kinngrübchen und dann auch wieder nicht. In der FAZ gibt BHL Angela Merkel in einem Punkt recht. Die NZZ begibt sich mit Dieter Rams in einen Tempel der Klarheit, Materialgerechtigkeit und Funktionalität. Der SZ graust es vor dem China des Malers Yue Minjung.
19.11.2012. Die neue Zeitungskrise sorgt für Rauschen im Netz. Neueste Gerüchte besagen, dass Gruner und Jahr bei seinen Wirtschaftstiteln radikal kürzen will. So langsam rückt die Zeitung in den Status der Vinylplatte, meint Lutz Hachmeister in der taz. Der sueddeutsche.de-Chefredakteur Stefan Plöchinger richtet auf vocer.org einen Weckruf an die Kollegen vom Print. In der Welt analysiert Wolf Lepenies den Familienstreit in der französischen Linken.
17.11.2012. Die taz bringt eine Sonderausgabe, ausschließlich von Frauen für Frauen und Männer. Die Welt kritisiert, dass in der ostslowakischen Stadt Košice, die im nächsten Jahr europäische Kulturhauptstadt ist, die Erinnerung an den Holocaust ausgespart bleibt. In der SZ trauert ein Teil von Led Zeppelin um einen anderen Teil von Led Zeppelin, in der FAZ trauert Frankfurt um Frankfurt. Die NZZ bewundert den Rock der Mätresse Baudelaires.
16.11.2012. Anlässlich des Petreaus-Skandals philosophiert die SZ über die Schriftmedien der Liebe; die FAZ denkt angesichts des auch auf Twitter ausgefochtenen Konflikts zwischen Israel und Hamas über die Schriftmedien des Krieges nach. Die taz würdigt Gudrun Guts Beitrag zur Poptheorie. In der NZZ erklärt Erwin Mortier die diversen belgischen Separatismustendenzen. Und die Welt amüsiert sich über Gewinner und Verlierer der Political Correctness.
15.11.2012. Das Aus für die Frankfurter Rundschau bewegt die Feuilletons: die Welt nimmt Abschied von einer verflossenen Liebe, die taz beantwortet pragmatische Fragen und Thomas Knüwer findet: selber schuld. In der Zeit denken Juli Zeh, Michael Krüger und Helge Malchow über die Zukunft des Buchs und der Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han über das Töten auf Knopfdruck nach. Die FAZ prophezeit Frankreich ein Rendezvous mit der Geschichte. Und alle gratulieren Daniel Barenboim zum Siebzigsten.
14.11.2012. Bestürzung - und Bitterkeit - herrscht über die Insolvenz der FR. Die taz meint: In der Not ist Häppchenjournalismus der Tod. In der FR selbst schwärmt Navid Kermani von Kleist. Die NZZ geht in Siena in die Schule der Gesten. In der SZ erklärt Werner Herzog, dass der Weg zum Filmemachen eher über den Sexclub führt als über ein Studio.
13.11.2012. Die taz lauscht beim Open-Mike-Wettbewerb Matrosenlyrik und Primzahlgeschichten. Im Falter bleibt Daniel Kehlmann bei seiner Kritik am deutschen Regietheater. Im Arts Journal beklagt Bernhard Haitink einen pathologischen Mahler-Kult. Welt und Berliner Zeitung diskutieren über die Zukunft der Krawallschachteln in der Politik. Und die SZ beobachtet BBC-Journalisten, die BBC-Journalisten zur Krise bei der BBC befragen.