Heute in den Feuilletons
Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.06.2013. Der Spiegel geißelt Barack Obamas Überwachungsstaat, der bedenkenlos so viele Telefongespräche aufzeichnet wie nur möglich. Die Welt bringt ein großes Dossier über Picasso und Deutschland. Das Blog mylorraine.fr porträtiert den 21-jährigen Fotografen Edouard Elias, der in Syrien vermisst wird. Die taz lauscht der Nostalgiemaschine der Boards of Canada. Die FAZ feiert mit den Istanbuler Demonstranten. Aber in Venedig wird ihr übel.
06.06.2013. In der SZ singt Orhan Pamuk eine Hommage auf die Demonstranten vom Taksim-Platz. Berliner Blogs streiten über Berliner Start ups. Der Freitag fragt mit Blick auf die Suhrkamp-Debatte, ob die Feuilletons endgültig ins Spektakel abgeglitten sind. Die Zeit hat beim kostenlosen Lunch im Silicon Valley die AGB von Google studiert. In der taz fordert Reinhard Loske Freiheit zum Verzicht auf Freiheit zum Konsum. Der Tagesspiegel geißelt die scharfen Urteile gegen internationale Stiftungen in Ägypten.
05.06.2013. Die Begeisterung über den Büchner-Preis für Sybille Lewitscharoff ist allgemein sehr groß: Nur die taz hat Bedenken gegen ihren bekennenden Kulturkonservatismus. In der Welt erklärt Henryk Broder, warum er kein Börne-Preisträger mehr sein will, wenn Peter Sloterdijk einer ist. Die SZ und Netzpolitiker Markus Beckedahl sind sich einig: Es kommt nicht darauf an, dass Politiker im Wahlkampf twittern - sondern dass sie sich für Netzneutralität stark machen. Die FAZ würdigt van Gogh als Techniker.
04.06.2013. Die türkischen Proteste erregen auch die Feuilletons. Die taz findet: "Zu Grabe getragen wird ein Projekt von welthistorischer Bedeutung: die Demokratisierung des politischen Islams." Der Guardian erzählt, wie türkische Oppositionelle per Crowdfunding eine Anzeige in der New York Times kaufen. Die FAZ erklärt, warum Erdogans Polizei so unbeliebt ist. Außerdem: Die Welt versucht herauszufinden, wer die Milliarden-Erben Sylvia und Ulrich Ströher sind, die als weiße Ritter für Suhrkamp im Gespräch sind. Und die SZ fürchtet um die exception culturelle.
03.06.2013. FAZ, taz und Zeit online berichten aus Istanbul, wo die städtische Jugend erstmals massiv gegen den frommen Autoritarismus Tayyip Erdogans aufbegehrte. Der Streit um Suhrkamp geht weiter: Heute antwortet eine ungenannte Zeitung aus Frankfurt auf einen ungenannten Journalisten aus München. Die Welt schickt ein letztes Psychogramm der Bewegung gegen die Schwulenehe in Frankreich. Und Stefan Niggemeier fragt: Ist Springer etwa ein Startup?
01.06.2013. Heute eröffnet die Biennale in Venedig, die Feuilletons nehmen sie sehr kontrovers auf: Die FAZ erkennt in ihr einen synkretistischen Tempel, in dem auch die Götter der Vergangenheit und Dilettanten ihren Platz haben. Die NZZ erkennt in ihr eine große Umarmung der Welt. Die SZ vermisst Zeitgenossenschaft. Der taz fehlen die Highlights. SZ und NZZ schreiben außerdem den Suhrkamp-Roman fort. Und in der Welt stolpert Salman Rushdie über erste Erinnerungslücken.
31.05.2013. In der FAZ attackiert Constanze Kurz die Bundesnetzagentur. Cicero erinnert an den Konflikt, der zur Trennung von Suhrkamp und Fischer führte. In der Jungle World denkt Kenan Malik über den "verkommenen Nihilismus" der Mörder von London nach. In der NZZ erinnert Zülfü Livaneli an die Geschichte des Flüchtlingsschiffs "Struma". Und Teju Cole fragt in The New Inquiry, was Google mit der Fotografie (und diese mit Google) macht.
30.05.2013. Die NZZ gratuliert der Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz zum "eminenten Coup", der ihr mit dem Schutzschirmverfahren gelungen sei. In der Welt ruft der scheidende Hanser-Verlager Michael Krüger nach Mäzenen für Suhrkamp, während Krügers Nachfolger bei Hanser, Jo Lendle, im Literaturcafé an der Zukunft von Verlagen überhaupt zweifelt. Im Perlentaucher greift der Theologe Jan-Heiner Tück in die Monotheismus-Debatte ein und weigert sich, den absoluten Wahrheitsanspruch von Religion aufzugeben. In der Jüdischen Allgemeinen spricht das Klavierduo Tal & Groethuysen über Wagner in Israel.
29.05.2013. Sascha Lobo erzählt in Spiegel Online, wie Google sich in dem Android-Spiel "Ingress" mit der ganzen Welt gleichsetzt. Die Schriftstellerin Friederike Kretzen stellt in einer NZZ-Reportage aus Bombay die Ohren auf, hört aber keinen Aufschrei der Kreatur. Die SZ ist enttäuscht über Ai Weiweis Beitrag zur Biennale Venedig. Lange nach dem Theatertreffen tobt auf Nachtkritik immer noch eine riesige Diskussion über Jérôme Bels Spektakel "Disabled Theater". Die Zeit wälzt das Luxusproblem der FAZ: Verstoßen Künstler gegen die Ethik ihrer Kunst, wenn sie ihre Werke von "Reichen" kaufen lassen?
28.05.2013. FAZ und SZ bewundern die neueste taktische Volte im Streit um Suhrkamp: Der Verlag spannt einen Schutzschirm auf. Die NZZ hat Mario Vargas Llosa gelesen und ist jetzt ganz deprimiert - der weitere Kulturverfall ist schlicht nicht aufzuhalten. In der Welt spricht Abdellatif Kechiche über die Dramaturgie von Sexszenen. In der taz gibt's was gegen Fußballkommentatoren. Die Blätter stellen Jürgen Habermas' Verteidigung des Euro online. Und in Le Monde erklärt Marcel Ophüls, warum er seine Memoiren lieber gefilmt hat.