Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.01.2006. In der NZZ besingt Bahman Nirumand die befreiende Wirkung des Internets im Iran. Außerdem wird der Film "Grounding" über das Ende des Symbols Swissair vorgestellt. Die Welt sagt ade Palast, hallo Stadtschloss. Und der Zoologe Josef H. Reichholf äußert seine Bewunderung für die europäische Bauernschaft, den einzigen Stand, der es schafft, sich fürs Nichtstun bezahlen zu lassen. In der taz verteidigt die Migrationsforscherin Necla Kelek den "Muslim-Test".

Welt, 16.01.2006

Auf der Forum-Seite nimmt Rainer Haubrich den jetzt beginnenden Abriss des Palastes der Republik zum Anlass, sich nochmal auf den annoncierten Neubau des Stadtschlosses zu freuen: "Wenn Anfang des nächsten Jahres auch die letzten Einzelteile des Palastes der Republik demontiert sind, wird dort wieder eine Leere herrschen wie vor über 50 Jahren nach dem barbarischen Akt der Sprengung des Stadtschlosses auf Befehl von SED-Chef Walter Ulbricht. Dann wird noch viel deutlicher als bisher, wie dringlich es ist, diese schmerzliche Leerstelle auf der kulturellen Landkarte der Republik mit Form und Inhalt zu füllen. Beide sind gefunden. Das 'Humboldt-Forum' hinter den rekonstruierten Barockfassaden Schlüters und Eosanders weist tief in die deutsche Geschichte zurück und weit voraus ins 21. Jahrhundert."

Der Zoologe und Ökologe Josef H. Reichholf hat eine wortgewaltige Diatribe gegen den subventionierten europäischen Bauernstand verfasst: "Wer je hat solche Spitzenleistungen geschafft, für Nichtstun (auf bestimmten Flächen) extra Prämien zu erhalten? Flurbereinigungsbehörden oder wie immer sie inzwischen heißen mögen, verfügten über Mittel, mit denen Umweltministerien Stadt und Land hätten sanieren können. Staatlicher Wasserbau verbaute den letzten Bach und legte Feuchtwiesen trocken für ein paar Handvoll Mais... Beim Blick aus dem Stau hinaus aufs Land wird klar: Wir, die 99 Prozent der Bevölkerung, sind die Habenichtse."

Im Feuilleton schreibt Gerhard Midding zum Tod der Schauspielerin Shelley Winters. Michael Stürmer erinnert an den Staatsmann Benjamin Franklin, der vor 300 Jahren geboren wurde. Auf der Magazin-Seite schreibt Uwe Schmitt über Rob Marshalls Film "Geisha", der in allen betroffenen Ländern einen Skandal auslöste.

Besprochen werden Erik Gedeons "Hartz-IV-Musical" am Schauspiel Dresden, eine Ausstellung mit Musikerporträts von Annie Leibovitz in Berlin und einige neue DVDs (unter anderem schreibt Hellmuth Karasek sehr hübsch über eine Neu-Edition von "Niagara" mit Marilyn Monroe).

NZZ, 16.01.2006

Bahman Nirumand besingt in einem euphorischen Artikel die befreiende Wirkung des Internets im Iran und zitiert aus einer Studie der Iranerin Nasrin Alavi über die jugendliche Weblog-Szene: "Viele erzählen einfach aus ihrem Alltag, von ihren Zukunftsängsten, ihrem Wunsch nach einem anderen Leben oder von ihrer Liebe. Was am meisten auffällt, ist die ungeheure Sehnsucht nach Freiheit, Unbeschwertheit, einem Leben ohne Zwang. 'Der Tag wird kommen, an dem alles gut wird', schreibt einer. 'Es wird keine Zensoren mehr geben, die Blogs durchkämmen . . . Dann werden du und ich mit einer Flasche Champagner durch die Straßen schlendern . . . Natürlich nur, wenn deine Mutter es erlaubt.'"

Matthias Saxer schreibt über den Film "Grounding", der in Form eines Doku-Thrillers die Pleite des nationalen Symbols Swissair vor vier Jahren nacherzählt. Schon die Pressevorführung war ein Ereignis: "Um zu verhindern, dass sich ein Anwalt in die Vorpremieren schmuggelt, wurden jedenfalls Passkontrollen durchgeführt. Strengere als am Flughafen."

Besprochen werden Matthias Hartmanns Inszenierung von Tschechows "Iwanow" in Zürich, Meg Stuarts neues Tanzstück an der Volksbühne Berlin, Peter Shaffers "Amadeus" in Sankt Gallen, Bachs "Wohltemperiertes Klavier" mit Daniel Barenboim in Zürich, Mozarts "Cosi fan tutte" in Hannover und "Geschichten aus dem Wienerwald" von Horvath am Theater Basel.

TAZ, 16.01.2006

Die Migrationsforscherin Necla Kelek verteidigt in der zweiten taz den sogenannten "Muslim-Test", dem sich Einwanderungswillige in Baden-Württemberg seit Beginn des Jahres stellen müssen. "Die in der deutschen Öffentlichkeit gepflegte Kultur des 'Alarmismus' nötigt mir einerseits immer wieder Bewunderung ab: Man ist sofort bereit, vermeintlich Schwachen, Bedrohten wortreich zur Seite zu stehen; andererseits bestürzt es mich, dass diese Solidaritätsbereitschaft oft mit Blindheit geschlagen ist - Blindheit für das, was an der eigenen Gesellschaft, der eigenen Verfassung verteidigenswert ist und im Zweifelsfalle auch verteidigt werden muss. (...) Hören wir doch auf, Migranten und ihre andere Einstellung zu den Kernfragen der Demokratie unter Naturschutz zu stellen."

Rechts und links haben gerade in der Großen Koalition wieder an Bedeutung gewonnen, meint der Schriftsteller Norbert Niemann im Feuilleton und diktiert noch einmal, was heute links ist. "Linkssein heißt, wieder Zweifel anzumelden, dass Arbeit um jeden Preis wirklich sozial ist. Der politische Anspruch auf soziale Gerechtigkeit ist freilich nur mit Mitteln der Politik, nicht der Ökonomie durchsetzbar. Links sein heißt also auch, Visionen für politische Instrumente zu haben, die wieder eine demokratische Kontrolle der Macht in der EU und auf dem globalen Markt ermöglichen."

Weitere Artikel: Susanne Messmer hat sich nur fast einwickeln lassen von Depeche Mode (mehr) in Dresden, bevor sie bemerkte, wie konservativ und "sicherheitssüchtig" die Band doch geworden ist. Gemeldet wird der Tod der amerikanischen Schauspielerin und Oscar-Preisträgerin Shelley Winters.

Rezensiert werden die Uraufführung von Erik Gedeon eher "beschreibendem" Stück "Hartz IV - Das Musical", im Staatsschauspiel Dresden und Michel Serres' Abhandlung "Atlas" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.
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FR, 16.01.2006

Ina Hartwig kommentiert in Times mager die Entlassung des Suhrkamp-Marketingchefs Georg Rieppel. Daniel Kothenschulte schreibt zum Tod von Shelley Winters. Besprochen werden Erik Gedeons Songdrama "Hartz IV", Joachim Schlömers "Cosi"-Inszenierung in Hannover und regionale Kulturereignisse.
Stichwörter: Ina Hartwig, Suhrkamp

FAZ, 16.01.2006

Die Fifa kannte die Pläne für die Eröffnungsgala zur Fußballweltmeisterschaft seit einem Jahr, das Budget wurde nicht überschritten, und der Rasen war eigentlich auch nie ein Problem, erklärt Andre Heller im Interview über die Absage der von ihm organisierten Gala. "Selbstverständlich war allen Beteiligten klar, und zwar von der ersten Sekunde an, dass zu einer Fußballweltmeisterschaft ein voll spielfähiger Rasen gehört. Die Fifa war bisher wie ich der Meinung, dass das zu schaffen ist. Am Donnerstag nun hat sie mir mitgeteilt, ihr Kerngeschäft sei nicht Kunst, sondern Fußball."

Weitere Artikel: Tilmann Lahme berichtet von einem Streit im Institut für Zeitgeschichte über die Bewertung der Verschwörer vom 20. Juli: Anscheinend wussten einige von ihnen früher über die Massenmorde im Osten Bescheid, als sie selbst in ihren Memoiren zugegeben haben. Die Frage ist, ob das ihren Widerstand entwertet. Zwei Artikel befassen sich mit der Vogelgrippe: Reinhard Wandtner erklärt sie zur Rache der Hühner am Menschen. Karen Krüger hat sich bei Berliner Türken umgehört, was sie von der Sache halten. Jürgen Kesting schreibt zum Sechzigsten der Sopranistin Katia Ricciarelli. Michael Althen schreibt einen - unverdient kurzen - Nachruf auf Shelley Winters.

Auf der letzten Seite porträtiert Camilla Blechen den neuen Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg, den Schweizer Markus Brüderlin. Niklas Bender berichtet über die wenig vornehme Inthronisation von Monique Canto-Sperber als Direktorin der französischen Eliteschule ENS. Ihren Posten erhielt sie nach einer Kampagne mit ihr befreundeter "Edelfedern des französischen Feuilletons" gegen die Pläne des alten Direktors, der die ENS mit der technisch-naturwissenschaftlichen ENS Cachan fusionieren wollte. Jordan Mejias meldet, dass die Geschichte des autobiografischen Bestsellers "A Million Little Pieces" von James Frey erfunden ist.

Besprochen werden ein Konzert von Depeche Mode in Dresden, eine von Joachim Schlömer inszenierte "Cosi fan tutte" in Hannover, die Uraufführung von Peter Turrinis "Bei Einbruch der Dunkelheit", eine Ausstellung mit Werken von Gustav Klucis im Straßburger Musee d'Art Moderne, die Uraufführung von Rebekka Kricheldorfs "Rosa und Blanca" am Staatstheater Kassel und Bücher, darunter eine Biografie des Komponisten Alexander Zemlinsky (mehr dazu in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 16.01.2006

"Von größerer Lyrik als hunderttausend Stadttheaterabende". Alexander Gorkow war auf dem Konzert, mit dem Depeche Mode in Dresden ihre Europatournee eröffnet haben, und ist begeistert, auch wenn wirklich alle Fans in Schwarz kamen, so "dass man sich vorkommt wie auf einer Großdemo sächsischer Schornsteinfeger. Als das Konzert dann aber mit den Alarmfanfaren zu 'A Pain That I'm Used To' beginnt, kommt man hübsch ins Staunen. Anton Corbijn (mehr) hat den Musikern eine Bühne gebaut, die zu seinen besten Arbeiten gehört - und zum reizendsten, was man bisher in einem Popkonzert sehen durfte. Die bei Depeche Mode immer noch maßgeblichen Keyboards stehen terrassenartig wie Raumfahrerkanzeln des Wölbungs-Magiers Verner Panton da. Ähnlich verschroben wirkt eine riesige blecherne Kugel am linken Bühnenrand, eine Art Sputnik, über den im Bauchbindenprinzip Texte rollen aus dem Wörterbuch des Küchenexistenzialismus, oder auch - besonders rührend - am Anfang nur: 'Hello'."

Tomas Avenarius berichtet, dass der kurdische Autor und Menschenrechtler Kamal Sayed Qadir im eigentlich als liberal geltenden Nordirak zu 30 Jahren Haft verurteilt wurde, weil er dem "Präsidenten" und Clanchef Massud Barsani in einem Internetforum Korruption und Machtmissbrauch vorgeworfen hatte. "Qadirs Internettexte waren offenbar selbst für kurdische Verhältnisse drastisch. Das lässt sich zwischen den Zeilen der kurdischen Internetseiten lesen, die den Autor eigentlich verteidigen. Auf der Website des Kurdistan Referendum Movements etwa heißt es, dass der an der Universität Erbil lehrende Qadir sehr weit gegangen sei und 'als kultivierter Mann seine Fehler sicher einsehen wird'. Man solle den 48-Jährigen, der in der Zwischenzeit schon in den Hungerstreik getreten war, bitte freilassen."

Weitere Artikel: Fritz Göttler bemängelt beim Bayerischen Filmpreis, der am Wochende vergeben wurde (Preisträger), das altbekannte "Gießkannenprinzip". Außerdem schreibt er zum Tod der Hollywoodschauspielerin Shelley Winters. Jörg Häntzschel referiert das Programm von Andre Hellers nun abgesagter Eröffnungsgala der Fußball WM, vom Tannhäuser bis zu den Black Eyed Peas. Und Christopher Schmidt schreibt den Artikel zur Espressomaschinenmanie: "Kaffee ist eine wässrige Lösung, Espresso ist eine Emulsion."

Besprochen werden eine Schau der "Combines" von Robert Rauschenberg im Metropolitan Museum of Art, Joachim Schlömers "gelassene" Inszenierung von Mozarts Oper "Cosi fan tutte" im Opernhaus Hannover, Roger Vontobels "mit großer Geschicklichkeit, überfließenden Ideen und enormem Spieltemperament" inszenierte Version von Anja Hillings "Monsun" an den Münchner Kammerspielen, Rupert Wainwrights "gruselfreie" Neuverfilmung von John Carpenters Gruselfilm "Nebel des Grauens", und Bücher, darunter "Geschichte der Ewigkeit", eine Sammlung mit Essays von Jorge Louis Borges aus den 30er Jahren, Peter Philipp Riedls 800 Seiten starke Habilitationsschrift "Epochenbilder - Künstlertypologien" über literarische Traditionsbildung sowie eine Edition mit sieben Hörspielen nach Patricia Highsmith (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).