9punkt - Die Debattenrundschau

Die kulturelle Aneignung der Cevapcici

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.11.2016. Mark Lilla in der SZ und Colin Crouch in der taz machen sich Gedanken darüber, wie die Linke sich vom Schock erholen soll: auf nationaler Ebene geht es nicht, meint Crouch. Die SZ warnt vor einem "monströsen Zivilisationsbruch" in Aleppo. Bei irights.info erklärt der Anwalt Ansgar Koreng, wie schwer es sein kann, eine Kirche zu fotografieren. In der Basler Zeitung erinnert der Historiker Diarmaid MacCulloch die staatsfrommen Deutschen an den Schweizer Beitrag zur Reformation.

Ideen

Im taz-Interview mit Daniel Bax warnt der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch die Linke vor einer Rückkehr zum nationalstaatlichen Protektionismus: "Sie hegen nostalgische Gefühle für souveräne Nationalstaaten. Es stimmt ja, dass der sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat ein nationales Projekt war. Aber wenn man sich in eine größere Welt integriert und in mehreren Fragen seine Souveränität teilt, dann kann man nicht mehr zum ursprünglichen Zustand zurückkehren, ohne nationalistisch zu werden... Die Linke hat keine andere Wahl, als den Prozess der Internationalisierung zu gestalten. Es stimmt, dass die EU ein neoliberales Projekt geworden ist, und manche Dinge gehen in die falsche Richtung. Aber die EU ist mehr als das..."

Im SZ-Interview mit Meredith Haaf erklärt der amerikanische Politologe Mark Lilla noch einmal, warum die Linke ihre Hysterie in Identitätsfragen aufgeben sollte: "Der Linken fehlt eine fundamentale Analyse unserer Gesellschaft und des Menschen an sich und eine Geschichte, die überzeugend erklärt, warum wir dort sind, wo wir sind."

Das einzig Positive, das Doris Akrap der Critical Whiteness zubilligen kann, ist vielleicht, dass sie auch mal Weiße totaler Willkür aussetzen. Point made. Ansonsten findet sie die vor allem an amerikanischen Unis geführten Debatte um Respektlosigkeit - um Rassismus geht es schon gar nicht mehr - einfach nur beknackt: "Möchte jemand ernsthaft die Debatte führen, ob die Bulette die kulturelle Aneignung der Cevapcici ist? Oder die Köttbullar sich respektlos gegenüber dem Moussaka verhält? Oder ob die Tartaren das Copyright auf Hackfleisch haben sollten?"
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Politik

In der SZ fürchtet Paul-Anton Krüger das Schlimmste für Aleppo, das Assads Truppen gerade einnehmen: "Assad hat die Strategie des systematischen Aushungerns und Ausbombens schon vielfach erfolgreich angewendet, in Homs oder zuletzt in Daraya, einem Vorort von Damaskus. Geisterstädte, in denen nur Ruinen blieben. Wenn es dem Regime gelingt, Aleppo auf dieselbe Weise zu schleifen, wird es versuchen, auch den Rest des Landes auf diese Art zu nehmen. Da steht ein monströser Zivilisationsbruch bevor, der Vukovar verblassen lässt." Auch der syrische Staat wird kollabieren, prophezeit Krüger, Syrien wird zu einem Somalia verkommen, und die Verantwortung dafür trägt Wladimir Putin.

Halb erschrocken, halb beeindruckt erklärt sich Dirk Baecker in der NZZ Donald Trumps Wahlsieg als ein Ende von Politik als Sachzwang, Kompromiss und Alternativlosigkeit: "Mit der Wahl von Donald J. Trump zum 45. Präsidenten der USA legt die wählende Bevölkerung Amerikas - eine Mehrheit der Wahlmänner, keine Mehrheit der Wahlbürger - die blanke Waffe auf den Tisch, bildlich gesprochen...  Ein nicht unerheblicher Teil der Wähler Amerikas fordert die Rückkehr der Politik in die Politik."
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Kulturpolitik

Sehr umstritten ist in Berlin die Idee der Linkspartei, die Gehälter der Intendanten und höchster Kulturfunktionäre offenzulegen.  Barbara Möller findet sie in der Welt mit Blick auf Leipzig nicht so abwegig. Dort stellte sich heraus, dass GMD Riccardo Chailly nicht nur ein schönes Gehalt bekam, sondern auch noch einen Bonus, falls er tatsächlich dirigierte: "Andererseits ist diese Unsitte an den großen Staatstheatern ja schon vor Jahrzehnten eingerissen: Da zahlen sich Regisseure, die es auf Intendantenstühle geschafft haben, Honorare für ihre Inszenierungen aus. Oliver Reese, zum Beispiel, verdient in Frankfurt nach Recherchen der Frankfurter Rundschau 230.000 Euro und darf sich für zwei eigene Inszenierungen zusätzlich 50.000 Euro genehmigen."

Außerdem: Joseph Croitoru versucht in der FAZ, eine erste Bilanz der in der Stadt Nimrud, die jetzt vom Islamischen Staat aufgegeben wurde, zum Teil zerstörten assyrischen Denkmäler zu ziehen.
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Urheberrecht

Sehr interessant liest sich die Recherche des Anwalts Ansgar Koreng auf Irights.info, der auch Amateurfotograf ist und für die Wikipedia den Innenraum der Sankt-Adalbert-Kirche in Berlin-Mitte fotografieren wollte. Aber - aus urheberrechtlicher Sicht - leider ist der Architekt der Kirche,  Clemens Holzmeister, erst 1983 gestorben und somit noch nicht die urheberrechtlich geforderten siebzig Jahre tot. Koreng musste also nach den Erben suchen: "Holzmeister hatte wohl einige Kinder, von denen - nach dem, was ich in Erfahrung bringen konnte - einige schon verstorben sind, ihrerseits aber selbst wieder Kinder hinterlassen hatten. Einige leben wohl im europäischen Ausland, andere angeblich in Südamerika. Wo genau, ließ sich - jedenfalls mit meinen Mitteln - nicht feststellen. Ich schrieb einige E-Mails und versuchte näheres zu erfahren, leider ohne Erfolg." Folge: "Die Fotos liegen jetzt auf meiner Festplatte. Bis zum Jahr 2054 werde ich sie nicht auf Wikimedia Commons veröffentlichen können. Ich hoffe, dass ich (und meine Festplatte) dann noch rüstig genug sind."
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Europa

"Austerix taugt nix", schreibt Rüdiger Wischenbart im Perlentaucher ein paar Tage vor der dritten Rund der österreichischen Bundespräsidentenwahl. Mit wirtschaftlicher Vernunft hat der identitäre Populismus schon gar nichts zu tun: "Mit 'Identität', egal ob in der Variante alpiner Kuscheligkeit, dem abtauchenden 'Wir sind ja so speziell', oder gar als Wagenburg gegen all das Fremde, wird das alles keinen einzigen Arbeitsplatz halten, egal ob in der Industrie, im kleinteiligen Gewerbe, oder in der großen oder auch jungen Kultur."

Nein, Athen ist nicht das neue Berlin, stellt Alex Rühle in der SZ klar, auch wenn es nach acht Jahren Krise viel Verfall und Leerstand gibt, zusammengebrochene Strukturen und leere Versprechen gibt: "Stellvertretend ein Zitat des deutsch-griechischen Intendanten Prodromos Tsinikoris: 'Athen? Soll das ein Witz sein? In Berlin gibt es Jobs, und du wirst trotzdem für drei Euro satt. Hier gibt es nichts, aber alles kostet ein Schweinegeld.'"
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Religion

Der Oxforder Kirchenhistoriker Diarmaid MacCulloch pocht im Gespräch mit Hansjörg Müller von der Basler Zeitung auf den von den Deutschen leicht unterschlagenen Beitrag der Schweiz zur Idee der Reformation: "Das Volk entschied selbst über seine religiöse Identität. Das ist das Geschenk der Schweizer Reformation an die Kultur des Westens, denn der englische und der amerikanische Protestantismus sind in ihrem Charakter größtenteils reformiert. Die lutherische Reformation wurde dagegen sehr bald von den Fürsten abhängig. Ein Fürst oder ein Stadtrat entschied, die Reformation verlief also von oben nach unten. Luther hatte sich schon sehr bald von der Idee abgewandt, dass die Reformation vom Volk ausgehen sollte."
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Medien

Lügenmeldungen auf Facebook schön und gut. Aber das war nicht entscheidend, meint Götz Hamann bei Zeit online: "Das entscheidende Medium in diesem Herbst war eindeutig ein anderes: das Fernsehen. Das anzuerkennen ist eine Voraussetzung dafür, eine sinnvolle Facebook-Lügen-Debatte zu führen. Genauso eindeutig ist, wer die publizistische Auseinandersetzung vor der US-Wahl verloren hat. Es sind die schreibenden Journalisten, die Redakteure von Zeitungen und digitalen Nachrichtenportalen."

Peter Ahrens beglückwünscht die öffentlich-rechtlichen Sender bei Spiegel online dafür, dass sie aus dem Poker um die Rechte für die olympischen Spiele 2018 bis 2024 ausgestiegen sind. Zu fragwürdig sei dieses Spektakel geworden: "Immer mehr Menschen empfinden dieses Unbehagen. Es ist auch ein Unbehagen daran, dass öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten Millionenbeträge dafür ausgeben." Und zwar genau die Millionenbeträge, die die Korruption der Sportverbände genährt haben.
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Überwachung

Vor kurzem wurde in Großbritannien  ein neues Überwachungsgesetz verabschiedet. Hier die vom Independent bereitgestellte Liste all jener Behörden, inklusive Arbeitsamt und Rentenanstalten, die künftig nach bloßer Anfrage bei der Regierung die gesamte Internethistorie der britischen Bürger durchforsten dürfen:



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