Antizionismus ist auch
antisemitisch, hält im
taz-
Gespräch mit Klaus Hillenbrand die in Argentinien geborene jüdische
Historikerin Dina Porat fest: "Ich habe lange Zeit geglaubt, das sei nicht so. Wir alle dachten das. Wir glaubten besonders exakt zu sein, wenn wir das eine Ereignis als antisemitisch, das andere als antizionistisch beschrieben. Aber dann verschwammen die Unterscheidungen. Das begann schon zu
sowjetischen Zeiten, als die UdSSR antizionistisch agierte, dies aber mit antisemitischen Begrifflichkeiten tat. Die Bedeutung wuchs nach der
Konferenz von Durban im Jahr 2001. Ich war damals bei dieser UN-Konferenz dabei. Innerhalb von nur zwei Tagen vergaßen viele Teilnehmer, was sie über Rassismus wussten. Es wurde zu einer anti-israelischen und gegen Juden gerichtete Veranstaltung. (…) Es ging darum, Israel zu vernichten und die
Juden zu töten. Es gab nur noch eine Begrifflichkeit, nicht mehr Antisemitismus und Antizionismus. Keine Unterscheidung mehr."
Im
FAZ-Interview mit Heike Schmoll erklärt
Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, weshalb er die
AfD in Sachsen-Anhalt fürchtet und was er von der
Linken in Berlin erwartet: "Ich denke, der Wahlerfolg der Linken ist nicht in erster Linie den antisemitischen Einstellungen einiger Mitglieder zuzuschreiben, sondern der
Wohnungssituation in Berlin. Unabhängig davon erwarte ich von der Linken, dass aus den antisemitischen Störfällen
klare Schlüsse gezogen werden. Ich hätte erwartet, dass die Genannten keine Mitglieder eines Parlaments, also eines Berliner Abgeordnetenhauses oder des Bundestags, mehr sein können. Klare Fakten hat die Linke auch nicht mit der Erklärung geschaffen, die von den Parteimitgliedern unterschrieben werden musste. Ich nehme ihr die Abkehr vom Antisemitismus nicht ab. Ich nehme der Spitzenkandidatin ab, dass das nicht ihre persönliche Einstellung ist. Aber ich befürchte - und es spricht vieles dafür -, dass sie nicht in der Lage ist, ihre Einstellung in der Partei entsprechend durchzusetzen."
Für die
FR resümiert Andrea Pollmeier die 60.
Römerberggespräche in Frankfurt, wo Wissenschaftler über die Möglichkeit eines AfD-Verbots disktutierten. Die Juristin
Valentina Chiofalo und
Uwe Volkmann, Inhaber des Lehrstuhls für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Goethe-Universität Frankfurt, sehen ein Verbot kritisch: "In dem seltsam diffus bleibenden Austausch überwiegen die Zweifel an Sinn und Erfolgsaussichten eines Verbotsverfahrens. Zwar ließen sich, so Chiofalo, für die Jahre 2013 bis 2026 zahlreiche Verstöße von AfD-Mitgliedern gegen das Demokratieprinzip und die Menschenwürde belegen. Offen bleibe aber, so Volkmann, ob diese für die Partei als Ganzes stünden und ob einzelne Positionen einen Angriff auf die fundamentale Rechtsgleichheit darstellten. Solange das Verfahren laufe, werde sich die AfD gemäßigt geben, warnt er. Schon jetzt finde sich im Bundesparteiprogramm kein Satz, der
verfassungsrechtlich angreifbar sei. Zu bedenken sei auch, welcher Vertrauensverlust entstünde, wenn gewählte Abgeordnete nach einem Verbot womöglich mit Polizeigewalt aus ihren Büros und Parlamenten geholt werden müssten." Für die
FAZ resümiert Andreas Cevatli.
Weil die Ukraine unter anderem
Ölraffinerien in Russland angegriffen hat, spricht Putin bei den neusten
Bombardierungen von zivilen Zielen in der Ukraine von einem Vergeltungsschlag: Was für ein Hohn, meint Sergei Gerasimow in der
NZZ. Erstens hat Russland schon viel früher zivile Ziele und Zivilisten angegriffen, zweitens ist das Ausmaß der Angriffe kaum vergleichbar: "Schulen, Spitäler, Tankstellen und Supermärkte gehen in Flammen auf. Medienhäuser, Rechenzentren und Hochspannungsmasten kommen unter Feuer, desgleichen Bahnhöfe. Das Gebäude der Akademie der Wissenschaften brennt lichterloh, Mitarbeiter suchen sich zu retten, klettern aus den Fenstern und hangeln sich wie Superhelden den Hauswänden entlang. Auch Regierungsgebäude bleiben nicht verschont. Ukrainische Bibliotheken wurden zu Rauch und Asche. In nur wenigen Wochen hat Russland
zwölf Millionen Bücher zerstört. Russland greift die Wasserversorgung, das Verkehrswesen und die Kommunikationsinfrastruktur an. Es greift Häfen, Fabriken und Schienenfahrzeuge an. Lagerhäuser für medizinische Güter stehen ganz oben auf der Vernichtungsliste, sie werden besonders hartnäckig attackiert."
Annika Joeres analysiert bei
Zeit Online, wie
Marine Le Pen die
Proteste in Frankreich strategisch für sich nutzt. Schon jetzt liegt sie in den Umfragen für die Wahlen im nächsten Jahr deutlich vorne. Sie inszeniert sich als fürsorgliche Politikerin, die regelmäßig Katzenbilder in den Sozialen Medien postet: "In dieser Rolle als Katzen- und Landesmutter sendet Le Pen an die Schüler- und Studierendenproteste die Botschaft: Ich lehne eure brennenden Mülltonnen und Barrikaden ab. Aber sie wünsche sich, dass sie wieder 'träumen und hoffen' könnten. Während Macrons Regierung bislang nur ein paar Tausend Vertretungslehrer als Versöhnungsangebot einfielen - welcher Schüler träumt davon? -, versprach sie finanzielle Hilfe für den Kauf des ersten eigenen Wohneigentums, ein höheres Bildungsbudget und eine freiere Wahl des Studienorts. Sie wolle die unbeliebte Onlineplattform Parcoursup zur Verteilung von Abiturienten auf die Hochschulen des Landes
grundlegend reformieren. 'Die Jugend ist die Zeit der Zuversicht und des Wagemuts', schrieb sie vergangene Woche auf X. Sie selbst bezeichnet sich als "Optimistin" - was angesichts ihres Faibles für Untergangsszenarien absurd erscheint."
Es gibt Gefährdungen der Funktionsfähigkeit des politischen Systems in
Deutschland, die das Land
nahezu unregierbar machen könnten, konstatiert der Politikwissenschaftler
Peter Graf Kielmansegg in der
FAZ. Zum einen ist das die extrem begrenzte Handlungsfähigkeit der
Koalition aus CDU und SPD, zum anderen die kriselnde Leistungsfähigkeit der deutschen
Wirtschaft. Es ist daher Zeit für "eine
Sprache schonungsloser Offenheit, Deutlichkeit, Ehrlichkeit. Was es bedeuten würde, wenn dieses Land von der AfD regiert würde, muss mit einer ganz anderen Schärfe, unerbittlich, dabei immer sachlich, ins Bewusstsein gehoben werden. Das Gleiche gilt für das Gespräch mit dem Wähler über die Folgen seiner Neigung zum bequemen Verharren im Status quo. Was auf dem Spiel steht, muss so unmissverständlich, so hart, auch faktengesättigt zur Sprache kommen, dass es kein Ausweichen gibt. (…) Dass es keine Sprache gibt, in der man alle erreichen kann, ist klar. Aber nach den Regeln der Demokratie müssen auch nicht alle erreicht werden. Eine Mehrheit von der
Notwendigkeit des Notwendigen zu überzeugen, ist genug."
Im
Guardian macht sich die Politikwissenschaftlerin
Catherine de Vries für die EU stark - und formuliert ein überraschendes Lob: "Gerade jene Merkmale, die Euroskeptiker zur Weißglut bringen -
langsame Entscheidungsfindung, endlose Verhandlungen und
chaotische Kompromisse - sind, entgegen der Intuition, Quellen der Stärke für Europa. Die
Machtverteilung zwischen Regierungen, Parlamenten, Gerichten und EU-Institutionen macht das System schwer zu vereinnahmen, und Kompromisse halten in der Regel Bestand."