9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Oktober 2025
31.10.2025. In der NZZ spricht Juri Andruchowytsch über die Ukraine nach über drei Jahren Krieg. Hurra die Brandmauer steht wieder, zumindest in den Niederlanden, freuen sich die Zeitungen. Die "Gesellschaft für Freiheitsrechte" klagt für muslimische Gebete an Berliner Schulen, berichtet die hpd.de - das Problem mit dem Islamismus könne man ja mit pädagogischen Mitteln klären. Golem.de wirft einen sehr ernüchternden Blick auf China: Es hat uns überrundet, zumindest technologisch. taz und FAZ thematisieren Antisemitismus an den Uni.
30.10.2025. In der FAZ plädiert der Präsident des Verfassungsgerichtshofs Rheinland-Pfalz, Lars Brocker, für eine Ausgestaltung des Sozialstaatsprinzips durch die Gerichte - und zur Not auch für Umverteilung. The Free Press zeichnet ein Porträt der Democratic Socialists of America, denen auch Zohran Mamdani angehört. In der Zeit erinnert Moshe Zimmermann an den Mord an Izchak Rabin vor dreißig Jahren, der den Osloer Friedensprozess beendete. Dennoch gibt es stille Erfolge im Nahen Osten, meint Yuval Harari in der SZ. Die taz überlegt, warum der Klimaschutz gerade so in der Defensive ist. Die unbequeme Antwort: Zu viel Ideologie.
29.10.2025. Die islamistische RSF-Miliz hat die Stadt El Fasher im Sudan erobert und tausende Menschen getötet: Die taz hofft, dass der Rest der Welt nun endlich etwas unternimmt. Geld und Waffen für den Krieg im Sudan kommen vor allem aus arabischen Ländern, berichtet der Spiegel. Die FAZ fragt, wie das ZDF nicht merken konnte, dass einer seiner Mitarbeiter Mitglied der Hamas war. backstageclassical dokumentiert, wie Wolfram Weimer die Kultur "schwarz lackiert."
28.10.2025. Von wegen "Stadtbild". Auch die extreme Rechte funktioniert über die Eroberung von Räumen, erklärt der Rechtsextremismusforscher Daniel Mullis in der FAZ. Die NZZ erzählt, wie Spanien mit Algorithmen und einem Überwachungssystem Gewalt gegen Frauen reduziert. Jungle World fragt, warum der 7. Oktober bei einer gewissen Linken eine solche Euphorie auslöste. Dank "Blaupause" können wir hoffen, keinem "Slop" aufgesessen zu sein.
27.10.2025. Es gibt immer mehr Deutsche, die keiner geregelten Erwerbsarbeit nachgehen - die taz ist empört. In der NZZ prangert der Ökonom Branko Milanovic die wachsende Ungleichheit in der Welt an. Trump kann ganz schön raffiniert sein, meint Michael Wolffsohn ebenfalls in der NZZ. Die FAZ klärt über die Piratenflagge aus der Mangaserie "One Piece" auf. Die Welt informiert über Antisemitismus in der deutschen Nahostwissenschaft.
25.10.2025. Algerien ist nahezu unsichtbar. Aber Kamel Daoud macht es in der FAS sichtbar. Der Konflikt zwischen Israel und Palästinensern besteht fort, weil er Funktionen erfüllt, schreibt der ägyptisch-amerikanische Essayist Hussein Aboubakr Mansour in der NZZ. Wehrdienst war mal nicht Zwang, sondern Partizipation, erinnert sich die SZ.
24.10.2025. Die Franzosen wollen nicht arbeiten, aber immerhin sind sie solidarisch mit denen, die an ihrer Stelle arbeiten, stellt Pascal Bruckner in der NZZ fest. Nochmals in der NZZ erklärt der Politologe Joseph Torigian, warum Xi Jinping bis heute an die Vorteile der Planwirtschaft glaubt. Die Zeitungen sind uneins über die Effekte volkstümlicher Rhetorik bei Friedrich Merz. Staatsgeld für die Zivilgesellschaft ist laut taz gut bei NGOs, laut SZ schlecht bei Wolfram Weimer.
23.10.2025. Migration wird gerade zur Chiffre für alles, was in Deutschland schiefläuft: Das dient aber nur der AfD, meint in der taz der Politikwissenschaftler Hans Vorländer. Die FAZ wünscht sich endlich eine Diskussion darüber, welche sinnvolle Einwanderung Deutschland braucht. Die NZZ stellt zwei Neuerscheinungen vor, die sich mit dem Antisemitismus der französischen Linken auseinandersetzen. Zeit und FAZ analysieren die Kräfte, die die Zukunft Gazas bestimmen wollen. Die Pressefreiheit in Italien gerät immer mehr unter Druck, konstatiert die SZ. Kein Wunder, wenn sogar Giorgia Meloni gegen Journalisten schießt, meint Roberto Saviano in der Zeit.
22.10.2025. In der Zeit sieht Herfried Münkler eine neue Hegemonialmacht im Nahen Osten erstehen: die Türkei. In der NZZ hofft Sergei Gerasimow: Sobald klar wird, dass Putin diesen Krieg verliert, wird sein eigenes Volk ihn stürzen. Die SZ hat einige Vorschläge, deutsche Stadtbilder, an denen sich Friedrich Merz stört, schöner und sicherer zu machen: Zum Beispiel, indem er mit den ewigen Baustellen biblischen Ausmaßes aufräumt. Außerdem plädiert sie für einen digitalen Postkolonialismus. Und in der Zeit zieht Maram Stern ein bitteres Fazit nach dem 7. Oktober: Wir sind allein.
21.10.2025. "Eine solche Räuberbande war noch nie an der Macht", meint der legendäre österreichische Journalist Paul Lendvai, der 1957 aus Ungarn ausgewandert ist, im SZ-Interview - er meint natürlich das Orban-Regime und seine rasende Korruption. Was bei Trump die "gestohlenen Wahlen" sind, meint Maarten Boudry in Quillette, ist bei der Linken der "israelische Genozid" - eine Lüge, an die man nicht glauben muss, denn sie ist ein Treueschwur. In der SZ warnen die Historiker Martin Wagner und Sören Urbansky vor dem chinesisch-russischen Bündnis. Und was ist mit Wolfram Weimer?
20.10.2025. Karl Schlögel sprach in seiner Friedenspreisrede über seine Bewunderung der Ukraine und nicht so große Bewunderung der deutschen Öffentlichkeit: "Es gab viele Russlandversteher, aber zu wenige, die etwas von Russland verstanden." Im Perlentaucher schreibt der Historiker Jeffrey Herf über Richard Herzinger. Die Welt recherchiert, warum Herta Müller nicht in Krakau reden durfte. Die NZZ findet heraus, wem Trumps Zollpolitik in Lateinamerika nutzt: nur China.
18.10.2025. "Was ist das für eine Welt, in der es eines Trumps bedarf, um einen Krieg zu beenden", fragen sich Doron Rabinovici in der FAS und Zeruya Shalev in der NZZ. Rabinovici fragt allerdings auch, was die eigentlichen Motive jener pro-palästinensischen Aktivisten sind, die jetzt plötzlich schweigen. In Polen haben pro-palästinensische Aktivisten derweil dafür gesorgt, dass Herta Müller bei einem Festival nicht auftreten wird, berichtet die Welt. Es gibt durchaus Proteste gegen Trump in den USA, sie werden nur von den Medien ignoriert, versichert in der FAZ die amerikanische Anwältin Rachel Cohen. Und die taz erzählt, wie die Taliban in Afghanistan gegen das Internet vorgehen.
17.10.2025. In der Türkei bitte nicht lachen - darauf stehen viereinhalb Jahre Gefängnis, berichtet Bülent Mumay in seiner FAZ-Kolumne. Die taz verabschiedet sich von der, äh, taz: naja jedenfalls im Print. Gut so, ruft Arno Widmann in der FR. In der SZ erzählt die Taiwaner Ex-Digitalministerin Audrey Tang, warum die Schüler des Landes jetzt länger schlafen. In der Jüdischen Allgemeinen schreibt Marko Martin einen Nachruf auf Richard Herzinger.
16.10.2025. In der FAZ kritisiert Kamel Daoud scharf eine westliche Linke, die einen Boualem Sansal in seiner Gefängniszelle vergisst, weil er sich nicht brav in die Rolle des Dekolonisierten fügt. In der SZ sucht Karl Schlögel nach Gründen, warum so wenig Russen gegen den Ukrainekrieg protestieren. Die Franzosen sind keine reife Gesellschaft, bedauert die Philosophin Corine Pelluchon im Interview mit der Zeit. Und: Der Perlentaucher resümiert Reaktionen auf den Tod Richard Herzingers.
15.10.2025. In der NZZ erklärt Richard C. Schneider das Prinzip des jüdischen Pikuach Nefesh, dem Yahya Sinwar seine Freilassung aus einem israelischen Gefängnis verdankt. Die Hamas tritt in Gaza derweil wieder in voller Waffenmontur auf, berichtet der Spiegel. In der FAZ erinnern sich ehemalige Schüler Karl Schlögels an Exkursionen gen Osten mit ihrem Professor. In der SZ fragt der israelische Rapper Ben Salomo, wie es nicht antisemitisch sein könne, seinem 5-jährigen Sohn "Free Gaza" hinterherzurufen. In der Zeit suchen die Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey nach Erklärungen für den Erfolg der Rechtspopulisten.
14.10.2025. In der SZ schildert Zeruya Shalev ihre zwiespältigen Gefühle am Tag der Heimkehr der Geiseln - Euphorie darüber einerseits, Angst und Fragen andererseits: Denn zu den freigelassenen palästinensischen Gefangenen gehört auch der Attentäter, der sie im Jahr 2004 fast umgebracht hatte. In der FAZ lernt Heinrich August Winkler einiges über Konrad Adenauer und diese "lästige und unangenehme Sache" namens Berliner Mauer. In der FR fragt sich Karl Schlögel, ob die Europäer den Ernst der Lage begreifen. Und die Buchmesse beginnt: Die FAZ wirft einen Blick auf die Lage der Branche.
13.10.2025. Die Hamas hat die ersten sieben Geiseln freigelassen, meldet die Jüdische Allgemeine. Muss man Donald Trump nun dankbar sein, fragt Zeit Online. Solange die Hamas die Waffen nicht abgibt und Israel sich nicht aus Gaza zurückzieht, ist ein dauerhafter Frieden nicht in Sicht, fürchtet Politico. Die SZ vermisst auf einer Basler Konferenz ein lustmaximierendes Angebot der Linken für die Zukunft der Gesellschaft. In einer Leipziger Rede blickt Nino Haratischwili aus postkolonialer Perspektive auf Europa. In der FAZ fragt der Historiker Felix Ackermann, warum das Auswärtige Amt ausgerechnet beim Forum für historische Belarus-Forschung sparen will.
11.10.2025. taz und Zeit mäkeln über den Friedensnobelpreis für María Corina Machado, denn die Dame ist bürgerlich, ja, liberal. In gewisser Hinsicht hätte der skrupellose Trump den Preis verdient gehabt, findet Michael Wolffsohn in der FAZ. Die Welschen sind gekränkt, das Frühfranzösisch verkümmert, fürchtet die NZZ. "Frankreich ist ein ängstliches Land geworden", sagt Daniel Cohn-Bendit in der Zeit. Die taz bringt eine Hommage Gerd Koenens auf Karl Schlögel.
10.10.2025. Die Waffenruhe im Gaza-Krieg scheint zustande zukommen. Nach der Hamas hat auch die israelische Regierung zugestimmt, die Geiseln werden freikommen. Natürlich bleibt die Lage heikel. Wie heikel sie im Alltag ist, erzählt die israelische Psychologin Ayelet Gundar-Goshen im Gespräch mit der NZZ. In Europa wird unterdessen über den Antisemitismus der Linken diskutiert. Und über das Schwanken der Demokratien, das vor allem der Rechten angelastet wird.
09.10.2025. Es geschehen noch Zeichen und Wunder: Israel und Hamas habe sich auf eine erste Phase des US-Friedensplans geeinigt, melden die Zeitungen heute. Ein Zusammenleben von Israelis und Palästinensern muss die Friedlichkeit zum Prinzip erheben, dem alles untergeordnet wird, fordert in der Zeit der Historiker Tom Khaled Würdemann: die Selbstbestimmung der Palästinenser ebenso wie die Unverletzlichkeit eines jüdischen Staates. Die Welt fordert eine Abrechnung mit Angela Merkels Ostpolitik. In der SZ warnt Thomas Chatterton Williams: rechte Cancel Culture ist auch nicht besser als linke.
08.10.2025. In Frankreich herrscht politisches Chaos. Es riecht nach einem unrühmlichen Ende für Macron. Und: Le ridicule tue. In Amerika baut sich zugleich ein Regime der Schamlosigkeit auf, dem der in Zeit online befragte Slavoj Zizek sogar die Heuchelei vorzieht. Ein Video der New York Times liefert eine unheimliche Bestätigung dieser Beobachtung. Nick Cohen im Spectator und Eva Illouz im Spiegel reflektieren unterdessen den schamlosen neuen Antisemitismus der westlichen Linken.
07.10.2025. Der
7. Oktober hat die Begriffe zerstört, schreibt
Eva Illouz in der
SZ. "Links, Rechts, Rassismus, Kolonialismus, Antisemitismus -
all diese Begriffe haben ihre Bedeutung verloren." Viele Artikel versuchen heute das Datum zu reflektieren - viel Kritik an der israelischen Regierung ist dabei.
Herfried Münkler erklärt - ebenfalls in der
SZ - , wie der "asymmetrische Krieg" mit "bildgestützten Erzählmustern" funktioniert. Außerdem: Was ist los in
Frankreich?
06.10.2025. Das Attentat von Manchester war vorhersehbar, und es geschah in einem gesellschaftlichen Umfeld, das den Täter nur ermutigen konnte, schreibt der Historiker Simon Sebag Montefiore im Jewish Chronicle. Auch in Deutschland kursieren Morddrohungen, warnt die taz. Der Spiegel erzählt, warum die mongolische Kultur in China jetzt nur als "Kultur der Nordgrenze" bezeichnet wird. In der SZ erklärt die Reporterin Natalie Amiri, warum sie auch Hoffnungen in Benjamin Netanjahu setzt. Welt-Autor Thomas Schmid sucht nach der eigentlichen Erklärung für den Erfolg der AfD.
04.10.2025. "Wir befinden uns längst mitten in einem Kalten Cyberkrieg", behauptet im Interview mit der Zeit die amerikanerische Hackerin Chris Kubecka. In der FAZ erzählt der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudiš von der bedrückten Stimmung in Tschechien vor den Parlamentswahlen an diesem Wochenende. Die taz erinnert an die Geiseln der Hamas, fordert aber zugleich, den 7. Oktober nicht als Auslöser für den Gaza-Krieg sehen, sondern als Ergebnis eines israelischen Siedler-Kolonialismus. In der FAS erzählt die russische Investigativ-Journalistin Jelena Kostjutschenko vom schwierigen Verhältnis zu ihrer Putin ergebenen Mutter.
02.10.2025. Am Wochenende wird in Tschechien gewählt und die Aussichten für die EU- und Nato-kritischen Rechtspopulisten um den Milliardär Andrej Babiš stehen gut, fürchtet die taz. Unterdessen ist Britannien trotz Labour-Regierung fest in der Hand von Nigel Farage, behautet A.L. Kennedy in der SZ. In der NZZ fühlt sich der Historiker Christian Osthold angesichts von Putins Krieg in der Ukraine an stalinistische Gewaltmuster erinnert. Deutschland blockiert sich selbst mit seiner Verklärung der alten Bundesrepublik, warnt der Historiker Frank Trentmann in der FR. In der taz erklärt der Ökonom Martin Gornig, wo in Deutschland das wirkliche wirtschaftliche Gefälle liegt: Nicht zwischen Ost und West, sondern zwischen Stadt und Land.
01.10.2025. Viel gibt's noch nicht zum neuen Friedensplan für Gaza. Für den Nahostexperten des BND Gerhard Conrad (Jüdische Allgemeine) steht allerdings fest: Die Hamas hat verloren. In der FAZ sehen Saba-Nur Cheema und Meron Mendel vor allem die Lücken im Plan. In der SZ hätte sich die deutsch-palästinensische Schriftstellerin Joana Osman einen nachhaltigeren Frieden mit mehr sozialer Gerechtigkeit gewünscht. Außerdem zeichnet der Historiker Alexey Tikhomirov in der FAZ ein rabenschwarzes Bild des russischen Überwachungsstaates. Bei Zeit online hofft Aleida Assmann auf eine Stärkung des kritischen Bewusstseins, um die Demokratie zu verteidigen.