9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
November 2024
30.11.2024. Das Jahr 1933 unserer Zeit ist angebrochen, ruft in der taz der Soziologe Harald Welzer, und wenn man nichts dagegen tut, werden die Menschenfeinde siegen. Die "Kulturkämpfer hinter Donald Trump" finden mächtige Worte für ihre geplante Revolution, notiert indes die FAS, dahinter verbirgt sich allerdings nicht viel. Die taz empfiehlt der postkolonialen Linken einen "Blick in den Rückspiegel" - auch wichtige Vorbilder wie Michel Foucault verharmlosten Terror. Im rechtsextremen rumänischen Präsidentschaftskandidaten Calin Georgescu kristallisieren sich jahrelange Frustration und Rachegelüste der Wähler, fürchtet der Perlentaucher.
29.11.2024. Die Trumps und Putins kommen und gehen, nur die Gemeinheit in Russland, die bleibt, meint in der FAZ Viktor Jerofejew. In der SZ fragen sich Shimon Stein und Moshe Zimmermann, ob der Haftbefehl gegen Netanjahu nur die israelische Opposition schwächt. In der Welt findet der Völkerrechtler Matthias Herdegen den Haftbefehl vor allem unklug, weil er dem Völkergewohnheitsrecht widerspricht. FAZ und Politico rätseln über die Rolle von TikTok beim Wahlerfolg des rechten Putin-Fans Călin Georgescu in Rumänien. Die SZ würdigt den Widerstandskämpfer Marc Bloch, der 80 Jahre nach seiner Ermordung durch die Nazis ins Pantheon aufgenommen wurde.
28.11.2024. In der Zeit wundert sich der Schriftsteller Navid Kermani, wie wenig Angela Merkel in ihren Memoiren "über den Tellerrand der damaligen Tagespolitik" hinausschauen kann. "Wir stehen am Beginn einer höchst gefährlichen Phase", konstatiert ebenfalls in der Zeit der Historiker Heinrich August Winkler. Die Deutschen haben einerseits Angst, hält der französische Sicherheitsexperte François Heisbourg in der Welt mit Blick auf den Ukrainekrieg fest, "sie sind aber auch gierig."
27.11.2024. Putin hat Merkel gegenüber seine Absichten in der Ukraine kaum verborgen, bemerkt Timothy Garton Ash auf Zeit Online. Ein Dritter Weltkrieg ist nicht in Sicht, vielmehr geht es Putin darum, die Amerikaner aus Europa herauszubekommen, glaubt der Militärhistoriker Sönke Neitzel im Tagesspiegel. Die taz denkt darüber nach, wie Deutschland nach dem Haftbefehl mit Netanjahu umgehen sollte. Die Jüdische Allgemeine schlägt eine Untersuchungskommission in Israel vor, besetzt auch mit arabischen Rechtsexperten. Und in der Welt findet der britische Kunsthistoriker Neil MacGregor die britische Debatte um koloniale Raubkunst lebendiger als die deutsche.
26.11.2024. Heute erscheinen Angela Merkels Memoiren, selbstkritische Reflexionen zu ihrer Flüchtlings- oder Russlandpolitik fehlen, bemerkt unter anderem die Welt. Sie mache keinen Rückzieher von ihren Entscheidungen, betont Merkel im FR-Gespräch. Die Forderung nach Selbstkritik hat ohnehin etwas "Selbstgefälliges", findet die taz. In der NZZ bringt ein mit der DDR und dem BSW liebäugelnder Eugen Ruge viel Verständnis für Russland - und wenig für den Westen auf. Und in der FAZ ermuntert Joe Chialo Berlins Kulturinstitutionen zu mehr Eigenverantwortung und Kooperationen mit Unternehmen.
25.11.2024. "Wir sind ja schon in einer Kriegssituation", sagt Karl Schlögel im Interview mit der dpa und warnt vor Einflussagenten Putins in Deutschland wie der AfD und dem Bündnis Sahra Wagenknecht. In der FAZ fordert die CDU-Politikerin Anne König eine "feministische Innenpolitik", vor allem mit Blick auf "Häusliche Gewalt". Backstage Classical zieht eine katastrophale Bilanz der Arbeit Joe Chialos.
23.11.2024. Kritik an ihrer Russland-Politik will Angela Merkel im Spiegel-Gespräch nicht zulassen: Sie habe versucht Verbindungen mit Putin aufrechtzuerhalten, indem sie ihn am Wohlstand teilhaben ließ, rechtfertigt sie etwa ihre Entscheidung, Nord Stream 2 nicht gestoppt zu haben. Der IStGH habe dem Drängen "korrupter Führer aus dem Globalen Süden" nachgegeben, meint die Welt zum Haftbefehl gegen Netanjahu. Die Ruhrbarone skizzieren das moralische Dilemma Israels. Die Russen lernen gerade, wie man Nuklearwaffen als Druckmittel benutzen kann, warnt der Politikwissenschaftler Frank Sauer auf Zeit Online.
22.11.2024. taz und SpOn begrüßen die Entscheidung des Internationalen Gerichtshofes, Haftbefehl gegen Benjamin Netanjahu zu erlassen. Durch Waffenexporte leiste Deutschland unter Umständen Beihilfe zu Verbrechen, warnt der Völkerrechtler Kai Ambos auf SpOn. In der Jüdischen Allgemeinen hält Volker Beck die Entscheidung für doppelte Täter-Opfer-Umkehr. Nichtamerikaner haben nie das Ausmaß des Rassismus in den USA verstanden, erklärt der Soziologe Richard Sennett in der FR die Trump-Wahl. In Teheran wurde eine "Klinik zur Überwindung der Kopftuchlosigkeit" eröffnet, meldet die FAZ.
21.11.2024. Die Russen lernen nicht aus ihrer blutigen Vergangenheit, hält der ukrainische Schriftsteller Sergej Gerassimow in der NZZ fest. Die immer noch in Russland lebende russische Journalistin Katerina Gordeeva kritisiert in der SZ die russische Opposition in Europa. In der FR kann es Wolf Biermann kaum fassen, dass Parteien wie die AfD und das BSW auf dem Vormarsch sind. Die Zeit fragt: Ist Trump ein Faschist? Die Antwort lautet: "Jein." Der niederländische Schriftsteller Arnon Grünberg ruft in der NZZ angesichts der Debatte über die Amsterdam-Ausschreitungen zur Beruhigung auf.
20.11.2024. In der FR erkennt der Historiker Jürgen Kocka eine Parallele zwischen dem gegenwärtigen Rechtspopulismus und dem Aufstieg des Nationalsozialismus: Es sei eine Reaktion auf vorangehende Demokratisierung, die alte Werte verletzt hat. In der Berliner Zeitung hält Jens Bisky vorschnelle historische Vergleiche für "frivol", denn: "Im Vertrauen auf historische Analogien übersieht man leicht das Neue, das Entscheidende." Im Tagesspiegel wirft die demokratische Parteistrategin Julie Roginsky den Demokraten vor, sich bezüglich der Themen Nahostkonflikt und Transgender nicht klar positioniert zu haben.
19.11.2024. Bei Zeit-Online blickt die indische Umweltschützerin Sunita Narain mit Sorge auf die Wahl Trumps, die auch Jahre der Untätigkeit in der Klimapolitik bedeuten wird. Die Medizinerin N. Sydney Jemmott zeichnet in der taz derweil die düstere Lage für Frauen in den USA. Die etablierten Parteien dürfen dem BSW nicht die Verhandlung von schwierigen Themen überlassen, warnt die SZ. Der Politologe Mitchell Cohen erzählt in einem "Brief aus New York" für den Perlentaucher, wie der 7. Oktober New York verändert hat. Die NZZ porträtiert den General Waker-uz-Zaman, der Bangladesch nach dem Sturz der Regierung wieder stabilisieren soll.
18.11.2024. Die Ukraine und der 7. Oktober bestimmen die Debatten. Joe Biden erlaubt der Ukraine quasi als letzte Amtshandlung den Einsatz weitreichender Raketen, allerdings fragt sich der Militärexperte Greg Melcher im Tagesspiegel, ob der Westen durch seine zögerliche Unterstützung nicht längst schon mit verantwortlich sei für die hohe Zahl ukrainischer Kriegsopfer. Der Schriftsteller Michel Bergmann beschreibt in der FAZ den Mangel an Empathie mit den Juden und Israelis nach dem 7. Oktober. Der Hass auf die Juden, erklärt Eva Illouz ebenfalls in der FAZ, speist sich in seiner heutigen Form aus dem "Ressentiment gegen den Holocaust".
16.11.2024. Irgendwie steht alles unter dem Zeichen Donald Trumps. Der Historiker Brendan Simms in der FR und der Politologe Alexander Libman in der taz spekulieren über die Frage, wie ein "Deal" Trumps für die Ukraine aussehen könnte und wie kümmerlich die Rolle Europas dabei ausfiele. Wird Trump sich an den Medien rächen, fragt die FAZ, Joshua Cohen behauptet in der SZ, dass manche Medien in den USA schon anfangen, sich mit den neuen Machtverhältnissen zu arrangieren. So ist der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk nicht drauf, er fordert in einem offenen Brief den Rücktritt von Frank-Walter Steinmeier.
15.11.2024. Die iranische Aktivistin Masih Alinejad erklärt in der Welt, warum das iranische Regime so viel Angst vor Frauen hat. Die NZZ blickt nach Mexiko: Droht das Land mit der neuen Präsidentin Claudia Sheinbaum, in den Autoritarismus abzurutschen? Die SZ schaut sich ein Tattoo-Motiv an, dass bei radikalen Christen und Rechtsextremen immer beliebter wird: Das Tempelritter-Kreuz. Ebenfalls in der SZ erklärt die Althistorikerin Mary Beard, dass auch Römische Kaiser früh aufstehen mussten.
14.11.2024. Die Zeit versucht, die Ereignisse in Amsterdam zu rekonstruieren. Die Jüdische Allgemeine berichtet über Nervosität vor dem Spiel Frankreich-Israel in Paris heute Abend, zu dem auch Präsident Macron erscheinen will. Die taz legt Verbindungen der Berliner CDU zum Rechtsextremismus offen: Burschenschaften spielen eine Rolle. In Zeit online erklärt die Philosophin Lisa Herzog, was sie heute unter Liberalismus versteht. In seiner FAZ-Kolumne erklärt Bülent Mumay, wie Erdogan seine "mobile Guillotine" einsetzt.
13.11.2024. Die Lage ist nicht gut, aber einen Weltkrieg wird es nicht geben, tröstet Timothy Garton Ash in der FR. Der Donnerhall von Trumps triumphaler Wiederwahl hat bisher vor allem eine eher komische Verzweiflung ausgelöst, findet Susanne Klingenstein in der FAZ. Im Tagesspiegel erklärt Marko Martin, warum er Männern, die sagen "Wir Männer in den Hinterzimmern regeln das", nicht über den Weg traut.
12.11.2024. Die Deutschen sind nicht gut vorbereitet auf eine weitere Amtszeit von Donald Trump, sie sind ganz generell schlecht vorbereitet auf die Zukunft, meint der britische Ökonom Adam Tooze im Interview mit der FR. Ökologie und Liberalismus passen sehr gut zusammen, versichert der französische Philosoph Gaspard Koenig in der Welt. In der FAZ hofft David Wagner, dass der Bundestag Organspenden erleichtert. Der Krieg der Narrative um die Amsterdamer Ereignisse tobt weiter.
11.11.2024. Der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe zieht in der FAZ eine gnadenlose Bilanz deutscher Politik in den letzten Jahrzehnten. Ein Szenario werde denkbar, "wie es die späte DDR kennzeichnete". Im Spiegel warnt der Politologe Jan-Werner Müller mit Blick auf Trump und andere Autokraten: Beim zweiten Mal wird's immer noch schlimmer. FAZ und Zeit online kommen auf Marko Martins Rede im Schloss Bellevue zurück. Die New York Times und andere fragen: Was geschah in Amsterdam?
09.11.2024. Heute ist also der 9. November. Vor 35 Jahren ist die Mauer gefallen. Marko Martin kommt in t-online.de auf seine Rede im Schloss Bellevue zurück, die Frank-Walter Steinmeier so erzürnte. Die Welt bringt die Rede im Wortlaut. In der taz streiten sich Katja Hoyer und Anne Rabe über die DDR. Aber es gibt auch viele andere Themen: Marci Shore, Jan Gerber, Peter Sloterdijk machen sich in verschiedenen Medien Gedanken über den Rechtspopulismus: Zieht der Faschismus-Vergleich? Auch vielleicht bei den Taliban, die laut Zeit neue Jungfrauentests entwickeln?
08.11.2024. Wie konnten die Demokraten in Amerika so gedemütigt werden? Sie sind selbst schuld, sie sind Akteure einer tiefen sozialen Spaltung, schreibt der New-York-Times-Kolumnist David Brooks. Nach dem Bruch der Ampel denkt Gustav Seibt inder SZ über das Problem des Liberalismus nach: Negative Freiheit, sagt er an die Adresse Christian Lindners, wird immer irgendwann zur Freiheit des Stärkeren. Für Simon Strauß in der FAZ leidet der starke Auftritt des Kanzlers an der Sichtbarkeit des Teleprompters. Und Marko Martin hat im Schloss Bellevue geredet - aber dem Hausherren dürfte es nicht sehr gefallen haben.
07.11.2024. Wohin die Reise für die Ukraine nach den US-Wahlen geht, macht Wladimir Putinin den letzten Stunden deutlich, als er Kiew mit Drohnenbeschuss überzog, Zehntausende drängeln sich in den U-Bahnhöfen. Währenddessen: Donald Trump hat bei allen dazugewonnen, Frauen, Latinos, Schwarzen, Weißen sowieso. Selbst in absoluten Zahlen hat er diesmal gewonnen. Wie konnte das geschehen? Die SZ diagnostiziert beim Wahlvolk: Angst vor den Zumutungen der Moderne. Die FAZ empfiehlt, diese Angst auch hierzulande nicht zu ignorieren. Die FR fürchtet sich derweil vor den alten Männern - Trump, Putin, Xi Jinping - die jetzt die Welt beherrschen und denen für Triebaufschübe die Zeit fehlt. Außerdem: Die Antisemitismusklausel sorgt immer noch für Diskussionen. Und ach ja, die Bundesregierung hat sich aufgelöst. Daran soll Trump aber nicht schuld sein.
06.11.2024. Die Debatte um die Bundestagsresolution "Nie wieder ist jetzt" verschärft sich: Scharf ist der Widerstand von akademischer Seite, wo man sich mit israelbezogenem Antisemitismus nicht so befassen möchte. Frauen im Iran, die gegen das Kopftuch protestieren, schön und gut - aber in Deutschland ist Kritik am Kopftuch "rechts", findet Sonja Zekri in der SZ. Und Trump? Nun ja, der wird uns noch vier Jahre lang beschäftigen...
05.11.2024. Die amerikanischen Wahlen werfen ihren drohenden Schatten über die deutsche Öffentlichkeit. Aber hat Aufbleiben Sinn? Erst um 4 Uhr deutscher Zeit kommen morgen die letzten Ergebnisse der Swing States, warnt die taz. Über die Bundestagsresolution "Nie wieder ist jetzt" wird weiter gestritten: Schränkt sie die Freiheit von Antisemiten ein? Mehr als vier Jahre nach dem Mord am französischen Lehrer Samuel Paty beginnt heute der Prozess in Paris: Er wird nachzeichnen, wie Paty im Stich gelassen wurde, so die FAZ.
04.11.2024. Auch antiisraelischen Antisemitismus will die neue Bundestagsresolution "Nie wieder ist jetzt" bekämpfen - das sorgt in den Medien für viel schlechte Laune. Die FAZ fürchtet "grenzenlose Gesinnungsschnüffelei". Dahinter kann nur die, äh, "proisraelische" Lobby stecken, so der Deutschlandfunk. Bei den amerikanischen Wahlen kommt's auf die Frauen an, so die SZ. Und auf die Männer, so die Soziologin Arlie Russell Hochschild in Zeit online. Und er läuft und läuft und läuft eventuell bald nicht mehr, so Ulf Erdmann Ziegler in der NZZ zum Mythos VW.
02.11.2024. Es ist die große Stunde der Prognosen: In der Welt fürchtet der Schriftsteller Jonathan Franzen eine jahrelange Periode des bewaffneten Widerstands nach einem Wahlsieg von Kamala Harris. In der FAS tippt der Soziologe Richard Sennett auf Trump: Amerika sei zwar eine Demokratie, aber keine sonderlich intelligente. In der FAZ skizziert der Amerikanist Johannes Völz die katholischen "Aristopopulisten" hinter Trump. Der Historiker Karl Schlögel beschwichtigt indes: Die Amerikaner haben die Fähigkeit des Durchwurstelns. Außerdem: Die Ampelkoalition und die Union haben sich auf einen Entwurf für die Resolution gegen Antisemitismus geeinigt, meldet Spon.
01.11.2024. Die nächste Woche könnte die Wiederkehr des Joker bringen. Fast alle Medien bringen Interviews mit besorgten Experten. Diesmal wird's noch schlimmer als in der ersten Amtszeit, fürchtet die amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Pavlina R. Tcherneva in der taz, denn Trump will die institutionellen Strukturen zerschlagen. Die Welt fordert dem iranischen Tiger endgültig die Zähne zu ziehen. In der FAZ sorgt sich der Literaturwissenschaftler Zaal Andronikaschwili derweil um die georgische Kultur unter dem russlandfreundlichen Milliardär Bidsina Iwanischwili.