9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Oktober 2024
31.10.2024. Die nordkoreanischen Soldaten in der Ukraine zeigen der Sicherheitsexpertin Rachel Minyoung Lee vor allem eines, wie sie im Zeit-Interview betont: "Putin ist verzweifelt." Die Bundesregierung hätte den Tod Jamshid Sharmahds verhindern können, ruft uns Mariam Claren, Tochter der ebenfalls im Iran inhaftierten Deutsch-Iranerin Nahid Taghavi, in der FR zu. In der Zeit sieht der Politologe Peter Neumann den "Aristopopulismus" auch in Europa auf dem Vormarsch. Zeit Online und FAZ blicken in die Türkei, wo es zu einem Friedensschluss zwischen der PKK und Erdogan kommen könnte.
30.10.2024. Nach der Hinrichtung des Deutsch-Iraners Jamshid Sharmahd erheben SZ und Zeit Online schwere Vorwürfe gegen die Bundesregierung: Ist eine Hinrichtung so etwas wie Pfusch am Bau, fragt die SZ den Kanzler. Die Welt muss die iranische Zivilgesellschaft stützen und die Revolutionsgarden als terroristische Organisation einstufen, fordert die iranische Schriftstellerin Atefe Asadi in der FR. Auf Spon verurteilt der UNO-Experte Richard Gowan Israels Vorgehen gegen die UNRWA. Auch die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde gilt in Russland jetzt als "extremistisch", weiß der Historiker Martin Schulze Wessel in der FAZ.
29.10.2024. Der Schriftsteller Michal Hvorecký zieht im taz-Interview die katastrophale Bilanz der von den Rechtsextremen bestimmten Kulturpolitik in der Slowakei. Donald Trump ist für die Evangelikalen wortwörtlich der neue Heilsbringer geworden, stellt die SZ fest. Auf Zeit-Online verteidigt die Kulturhistorikerin Eva Horn die "Letzte Generation". Und: Das Sondierungspapier für eine künftige Koalition mit dem BSW in Brandenburg kommt einem Kniefall der SPD gleich.
28.10.2024. In der FAZ erzählt Lennart Laberenz, wie sich die Ukraine auf dem Winter vorbereitet, nachdem Putin die Kraftwerke systematisch beschossen hat und ein Großteil der Heizkapazität fehlt. Die taz fürchtet nach den Wahlen in Georgien, wo sich die putinistische Seite der Transparenz verweigert, das Schlimmste - und auch die EU ist in der Bredouille. Welt-Autor Thomas Schmid erinnert an den Holocaust-Historiker Joseph Wulf, der sich vor fünfzig Jahren das Leben nahm. In Zeit online wirft der Publizist Robert Levine dem Autor Ta-Nehisi Coates brutale Vereinfachungen vor.
26.10.2024. Die Extremismusforscherin Amy Cooter gibt in der FAZ Entwarnung: Sollte Kamala Harris die amerikanischen Wahlen gewinnen, kommt es nicht zum Bürgerkrieg. Trump ist ein Performer, kein Schauspieler, sagt Richard Sennett im Tagesspiegel. Die taz erinnert an die Teilung Zyperns vor fünfzig Jahren. Die SZ stürzt den ehemaligen "lieben Gott" von Ingolstadt. Die Öffentlich-Rechtlichen sollen nicht mehr so viel texten, berichtet die SZ.
25.10.2024. In Georgien findet morgen eine Schicksalswahl statt. Der Autor Iwa Pesuaschwili erklärt in der FAZ, warum er sie als den vielleicht "wichtigsten Augenblick in unserer Geschichte" betrachtet. Ebenfalls in der FAZ wird ein alternativer Vorschlag für eine Bundestagsresolution zum Schutz jüdischen Lebens in Deutschland" vorgestellt, der den Vorteil hätte, das Unis und Institutionen unbehelligt weitermachen könnten. Trump wird nicht gewinnen, da ist sich der britische Autor John Niven in der SZ sicher, aber es könnte Bürgerkrieg geben. Und die SZ baut ab.
24.10.2024. Der Iran wird keine Ruhe geben, bis Israel vollständig vernichtet ist, befürchtet Herta Müller in ihrer Dankesrede zum Arik-Brauer-Preis, die die Jüdische Allgemeine dokumentiert. Frieden kann es nur geben, wenn Putin weg ist, aber der Westen hat zu große Angst vor Putin, sagt Julija Nawalnaja im Zeit-Online-Interview. Das Schweigen zu den Themen Armut und Migration wird Kamala Harris vermutlich den Wahlsieg kosten, befürchtet der Wahlforscher Frank Luntz in der Welt. Der mächtigste Mann der Welt ist ohnehin längst Elon Musk, erfährt die SZ von den New-York-Times-Journalisten Kate Conger und Ryan Mac.
23.10.2024. Die selbsternannten "white saviours" im Westen schaden der Sache der Palästinenser nur, ärgert sich der palästinensische Aktivist Ahmed Fouad Alkhatib in der FAZ. Währenddessen wird auf einer sogenannten Bonner "Friedensdemonstration" unbehelligt zum täglichen Mord an Juden aufgerufen, notiert die Welt. Auf Zeit Online glaubt der Politologe Wilfried von Bredow weder an die Stärke der "Achse des Widerstands" noch an Frieden im Nahen Osten. In der FAZ warnt der Historiker Christopher Clark die Ukrainer davor, Spuren russischer Kultur aus Odessa zu tilgen.
22.10.2024. Der türkische Sektenführer Fethullah Gülen ist gestorben: Die Zeitungen zeichnen seinen Aufstieg und seinen Fall nach - und der Kollateralschaden war die säkulare Türkei. In der Welt spottet Leander Scholz über die Postmoderne, die aus der Poesie der Differenz in den Bürokratismus der Identitätspolitik abglitt. Ebenfalls in der Welt lernt der russische Journalist Ivan Ruslyannikov aus Alexej Nawalnys heute erscheinenden Memoiren, was "Gefängnis-Zen" ist.
21.10.2024. "Seit fast einem Jahrhundert wissen wir, dass der Ruf nach Pazifismus angesichts einer aggressiven Diktatur oft nichts anderes ist als Appeasement und Hinnahme dieser Diktatur", rief Anne Applebaum einer verdutzten Hörerschaft bei der Friedenspreisverleihung entgegen. Das Echo der Zeitungen ist bisher eher verhalten. In der NZZ erinnert Michael Wolffsohn an den Ursprung des Begriffs "Palästina". In der Jungle World spricht Deborah Hartmann von Haus der Wannseekonferenz über ihren Kampf gegen Relativierungen, Gleichsetzungen und Vereinnahmungen von allen Seiten.
19.10.2024. Die Zeitungen beschäftigen sich mit dem Tod des Hamas-Führers Yahya Sinwar und fragen, was nun kommen wird: der Vorsitzende der israelischen Demokraten Yair Golan fordert im FAS-Interview eine konkrete Zukunftsperspektive für Gaza. Spiegel-Online hofft auf ein Ende des Krieges und einen Geiseldeal. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung glaubt der Historiker Yuval Noah Harari, dass Künstliche Intelligenz in nächster Zeit die Vorherrschaft auf der Erde übernehmen wird. Der Autor Can Dündar erhebt im Tagesspiegel-Interview Vorwürfe gegen die deutsche Regierung, die Menschrechtsverletzungen in der Türkei zu Gunsten "schmutziger Deals" ignoriert.
18.10.2024. Mit der Idee, 3sat mit Arte zu fusionieren, als wäre Arte allein ihr Sender, könnten die Funktionäre der Öffentlich-Rechtlichen auch die Debatte über Arte in Frankreich anheizen - denn der Front national hasst Arte, lernen wir in der Welt. Im Tagesspiegel fordert die polnische Politologin Edit Zgut-Przybylska, dass die EU unabhängige Medien in Ungarn fördert. Wie wichtig ist "Demokratieförderung", wie fatal ist Kulturförderung, fragen taz und Berliner Zeitung. Fania Oz-Salzberger beschreibt in einem schlaglichthaften Tweet die Stimmung in Israel nach der Tötung des obersten Hamas-Schlächters Yahya Sinwar.
17.10.2024. In seiner Rede zur Verleihung des Thomas-Mann-Preises, erzählt Navid Kermani in der Zeit davon, wie er ein Jahr vor der Iranischen Revolution, Ajatollah Chomeini in Paris begegnete. In der NZZ zeichnet der Politikwissenschaftler Michael Borchard die schwierige Beziehung zwischen der UNO und Israel seit 1947 nach. Es gab nicht nur europäische Aufklärer, erinnert die Kulturwissenschaftlerin Liliane Weissberg anlässlich einer Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Der Generalmusikdirektor der Staatsoper Christian Thielemann warnt in der SZ eindringlich vor den geplanten Einschnitten im Kulturetat.
16.10.2024. Die SZ sondiert die Lage vor den Wahlen in der Republik Moldau, die mit russischer Propaganda geflutet wird. In der Türkei gibt es immer mehr Gewalt gegen Frauen, hält die FAZ fest, Erdogan hetzt derweil gegen Israel. Die Welt nimmt Chinas Inszenierung als Friedensvermittler in der Ukraine und im Nahen Osten genauer unter die Lupe. Französische Juden dürfen sich nicht aus der Linken vertreiben lassen, glaubt der Philosoph Bruno Karsenti in der Jungleworld. In der taz geben Rana Salman und Eszter Koranyi von der "NGO Combatants for Peace" die Hoffnung auf eine Zweistaatenlösung nicht auf.
15.10.2024. Die SZ druckt die Rede von Eva Illouz zur Verleihung des Aby-Warburg-Preises, in der sie die Blindheit vieler Intellektueller in Bezug auf Nahost anprangert. In der taz erklärt die queere und schwarze Aktivistin Michaela Dudley, warum bei vielen Schwarzen die Solidarität mit den "propalästinensischen" Studenten schwindet. Wenn man anti-aufklärerische Tendenzen aufspüren will, sollte man sich zuerst einmal in seinem eigenen Milieu umschauen, meint der Philosoph Wolfram Eilenberger in der Zeit. Im Zeit Online-Interview graut dem Regisseur Leander Haußmann vor dem Führerinnen-Kult des BSW: Nicht mal die KPDSU habe sich in "Stalin-Partei" umbenennen lassen.
14.10.2024. Die taz erinnert an Joseph Wulf, Pionier der Holocaustforschung, der sich vor fünfzig Jahren das Leben nahm. Im Spiegel spricht Andreas Reckwitz offen über Verluste. Die FAZ stellt Befunde des Soziologen Lev Gudkov über die russische Gesellschaft vor: Man ist sich einig in der Anbetung von Brutalität. In Le Point schildert ein Funktionär des französischen Bildungsministeriums die Angst unter Lehrern vor Islamismus - und die mangelnde Solidarität der Behörden. Le Point erzählt auch, warum Kamel Daoud seinen neuen Roman nicht in Algerien präsentieren darf.
12.10.2024. In der taz schildert Irina Scherbakowa von Memorial ihre Enttäuschung über die russische Öffentlichkeit und den Westen nach dem Einmarsch Putins in der Ukraine. In der Welt bezweifelt Anne Applebaum, dass es Netanjahu und Khamenei zu einem richtigen Krieg kommen lassen, beide seien zu sehr an ihrer persönlichen Macht interessiert. Tagesspiegel und taz recherchieren zu internationalen Netzwerken, die hinter "propalästinensischen" Aktivisten in Berlin stecken, Russland mischt auch mit. Und auch die Suhrkamp-Krise beschäftigt die Zeitungen weiter.
11.10.2024. Russland stuft westliche Organisationen wie die "Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde" wegen einer Nummer der Zeitschrift Osteuropa als "extremistisch" ein - die FAZ zeigt auf, welche Folgen das hat, bis hin zu gehackten E-Mails. Der Falter beleuchtet die Abgeordneten der FPÖ, die demnächst ins österreichische Parlament einziehen, ein Sammelsurium, das Karl Kraus grimmige Freude gemacht hätte. Auf Twitter zirkuliert ein Video, in dem Ta-Nehisi Coates sein Verständnis für die Gewalt der Hamas bekundet.
10.10.2024. Die Schriftstellerin Nino Haratischwili fordert im taz-Interview die Unterstützung der georgischen Opposition durch Europa. Der Historiker Jörg Baberowski erklärt im Zeit-Interview, warum er seine Geschichte Russlands von "oben" und nicht aus Sicht des Volkes geschrieben hat. Die FAZ liest die Autobiografie Boris Johnsons und erinnert sich, wie dieser die Ära des Absurden in der Politik einläutete. Saudi-Arabien könnte einen größeren Konflikt im Nahen Osten verhindern, hält der Tagesspiegel fest.
09.10.2024. Kamala Harris macht das Rennen, prognostiziert auf Zeit Online der Historiker Allan Lichtman, der bisher bei neun von zehn Präsidentschaftswahlen richtig lag. Die SZ blickt mit den Journalisten Russ Buettner und Susanne Craig indes hinter die Kulissen des Fake-Imperiums von Donald Trump. Im Zeit-Gespräch geht Anne Applebaum mit Merkels Russland-Politik ins Gericht. Gläubige Patrioten müssen nicht rechnen können, entnimmt die taz dem neuen Lehrplan in der Türkei. Und in der FAZ kann Suhrkamps neuer Eigentümer Dirk Möhrle über 270.000 Euro Miese nur schmunzeln.
08.10.2024. Auch heute dominiert noch der Jahrestag der Hamas-Pogrome in den Medien. Es gibt viel Kritik an der israelischen Regierung, auch aus der Sicht der Geiselangehörigen. Netanjahu hat den "ganzen Staat als Geisel" genommen, schreibt in der Welt Zeruya Shalev. In der FAZ schildert Orna von Fürstenberg die Ausgrenzung jüdischer Wissenschaftler an den Universitäten. Auch die Suhrkamp-Krise beschäftigt die Zeitungen weiter.
07.10.2024. Fast alles steht heute im Zeichen des Jahrestags der Hamas-Pogrome. Auch Deutschland wurde durch das Ereignis verändert, konstatiert Michel Friedman in der Welt: "Die hässliche Fratze des radikalen Islamismus prägt immer mehr den Alltag." In der taz hält Fania Oz-Salzberger trotz allem an einer Zweistaatenlösung fest. Selbst Israels Trauer ist kolonialistisch, findet dagegen Naomi Klein im Guardian. Im Spiegel kritisiert Dana von Suffrin den deutschen Kulturbetrieb, der mit Antisemitismus offenbar so gar kein Problem hat.
05.10.2024. Die Zeitungen bringen bereits heute Schwerpunkte zum 7. Oktober: Marina Münkler versucht der propalästinensischen Linken in der SZ nochmal zu erklären, was das Massaker der Hamas war: Eine triumphale imperiale Geste der Vernichtung jüdischen Lebens. In der FR meint der israelische Historiker Tom Segev: Nichts rechtfertigt eine zweite Nakba. Der palästinensisch-amerikanische Aktivist Ahmed Fouad Alkhatib setzt in der taz leise Hoffnung auf den Pragmatismus der palästinensischen Zivilbevölkerung. Außerdem: Der Suhrkamp Verlag gehört jetzt komplett dem ehemaligen Baumarktketten-Leiter Dirk Möhrle.
04.10.2024. Sahra Wagenknechts gestrige Demo für "Frieden" war nicht allzu überzeugend, es dominierten DKP und Palästina-Fans, merkt Michael Miersch in seinem Blog an. Zum 3. Oktober sind einige Befindlichkeitsartikel erschienen, die die leicht unheimliche Stimmung im Land wiedergeben. Die Berliner Zeitung freut sich, dass "34 Jahre nach der Einheit der Umbruch im Land da" ist. "Die Westdeutschen müssen verstehen, dass Ostdeutschland nicht als Restgestalt der DDR zu verstehen ist", meint Heinz Bude in der SZ. In der FAZ baut der libanesische Künstler Akram Zaatari den israelischen Schlag gegen die Hisbollah in die schiitische Märtyrergeschichte ein.
02.10.2024. In der Zeit findet es der Schriftsteller Boris Schumatsky immer noch kaum fassbar, wie wenig die Vergewaltigungen am 7. Oktober thematisiert werden. Die FAZ wüsste gern, warum den Öffentlich-Rechtlichen beim Stichwort Sparen immer nur die Kultur einfällt? Kann eine Demokratie während eines Krieges demokratisch bleiben, fragt sich Herfried Münkler in der NZZ. Im Tagesspiegel kritisiert Thomas Kleine-Brockhoff die Doppelmoral des globalen Südens. Hpd stellt eine Mainzer Studie zu Islamstudiengängen in Deutschland vor: Danach lehnen 68 Prozent der befragten Studenten einen an Europa angelehnten Islam ab.
01.10.2024. Claus Leggewie legt für die FR sein Ohr auf mittelosteuropäischen Boden und hört ein unheimliches Rumpeln: Ist es das Gespenst des Habsburgerreichs, das hier sein Haupt erhebt? Auch Elias Hirschl macht sich in der SZ Sorgen: "Österreich geht nicht zum Arzt. Nie." In der Jüdischen Allgemeinen erklärt Peter R. Neumann, warum er eine israelische Bodenoffensive im Libanon für einen Fehler hält. Und die Übermedien haben mal nachgezählt: Die Öffentlich-Rechtlichen brachten in den letzten Monaten 380 Minuten Dokumentation über Sahra Wagenknecht, eine ganze Wagner-Oper. Und da sind die Talkshows nicht mit drin.