9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Juni, 2017

Ganz ungeschoren

30.06.2017. Dass die Homo-Ehe nun beschlossen ist, stößt nicht auf einhellige Begeisterung: Die FAZ erinnert daran, dass die Ehe geschützt war, weil sie Kinder hervorbringt. In der NZZ erklärt Monika Maron ihre Schwierigkeit mit dem Begriff der "links". In Frankreich wird gerätselt und gelacht: Emmanuel Macron hat per Twitter sein offizielles Porträt veröffentlicht, das nun in allen Schulen und Behörden hängen wird. Aber was ist da genau drauf? Und wen kümmert es, dass deutsche Bürger von NSA und GCHQ ausspioniert werden? Die Regierung jedenfalls nicht, meint Constanze Kurz in Netzpolitik.

Mein kleines Israel-Papierfähnchen

29.06.2017. Hundert Autoren fordern, dass der krebskranke Liu Xiaobo in ein Krankenhaus in einem westlichen Land verlegt wird. Die Jüdische Allgemeine fragt sich, warum FAZ-Feuilletonist Patrick Bahners das "A-Wort" so fürchtet. Die FAZ ist zufrieden: Filmrechte sollen weiter länderweise vergeben werden - das europäische Publikum darf aber Vorabendserien des ZDF gucken. Le Monde betrachtet die Lage der Frauen in der Türkei, wo jede Äußerung Erdogans zur Fatwa wird.

In einem toten Winkel

28.06.2017. Nun kommt die "Ehe für alle" überraschender Weise doch, frohlockt die taz. Gestritten wird über Reform des Urheberrechts im Bildungs- und Wissenschaftsbereich, die trotz starken Drucks der Verlage und Presse nun offenbar beschlossen wird. Im NZZ-Interview hält Seyran Ates nach Diffamierungen und einer Fatwa dennoch an ihrer liberalen Ibn-Rushd-Moschee in Berlin fest.  In Libération spricht Manuel Valls über die von Dieudonné verkörperte Fusion von Rechts- und Linksextremismus.

In Code eingebettete Meinungen

27.06.2017. Nach über acht Jahren wird Liu Xiaobo aus dem Gefängnis ins Krankenhaus entlassen - aber nur weil er Leberkrebs hat. Noch ist nicht einmal klar, ob seine Frau Liu Xia, die im Hausarrest lebt, ihn zum Abschied besuchen darf, berichtet der Guardian. Westliche Länder werden sich kaum für die beiden einsetzen, denn sie haben Angst vor Strafen der Chinesen, erklärt politico.eu. Die SZ fordert, dass ausgerechnet Theologen das Problem mit den Religionen lösen.

Zur Illustration der Erbsünde

26.06.2017. Der Tagesspiegel veröffentlicht das Plädoyer des türkischen Autors Ahmet Altan, dem wegen angeblicher Beteiligung am Putschversuch eine lebenslange Haftstrafe droht.  Netzpolitik entschwärzt die geheimen Abschnitte im Abschlussbericht des Geheimdienstausschusses, den Constanze Kurz für die FAZ sehr kritisch liest. Seymour Hersh sieht in der Welt nicht Baschar al-Assad als Schuldigen des Giftgasangriffs von Chan Scheichun. Bellingcat antwortet mit einer Gegenrecherche. Laut Telepolis macht sich die Bundesregierung Sorgen über "Islamkritik".

Dynamik des Widerspruchs

24.06.2017. Zum Jahrestag des Brexit-Referendums schwankt der Guardian zwischen Hoffnung und Resignation. Die FAZ erinnert daran, dass die vom IS zerstörte Al-Nuri-Moschee in Mossul einst eine Kirche verdrängte und schon im 12. Jahrhundert zum Dschihad aufrief. Der Bundestag fordert die Einsetzung eines UN-Sonderbeauftragten zum Schutz von Journalisten, freut sich der Tagesspiegel. Und die NZZ erklärt, warum Jörg Baberowski als rechtsradikaler Rassist bezeichnet werden darf, ohne einer zu sein.

Ein Lehrstück in Selbstgerechtigkeit

23.06.2017. Der Bundestag hat den Staatstrojaner losgelassen. Und zwar auf "fast betrügerische Weise", schreibt Heribert Prantl in der SZ. Im Guardian bekennt Timothy Garton Ash seinen Schmerz über das Chaos in Britannien ein Jahr nach dem Brexit-Votum. Le Monde stellt die Bewegung der "Entfaster" vor, die in Tunesien während des Ramadan öffentlich zu Mittag isst. Nach dem Debakel um die Ausstrahlung des Films "Auserwählt und und ausgegrenzt" fragt Caroline Fetscher im Tagesspiegel, ob eine Debatte über Antisemitismus in Deutschland überhaupt möglich ist.

Deutlich eins reinwürgen

22.06.2017. Die Ausstrahlung des Films "Auserwählt und ausgegrenzt" und die Diskussion darüber gerieten zur hochnotpeinlichen Angelegenheit, meint Spiegel online - so etwas muss wohl passieren, wenn man einen Film zugleich zeigen und sich von ihm distanzieren will. Erstmals äußern sich in Télérama auch französische Stimmen zu dem Film: Das Magazin hat ausschließlich scharfe Kritiker gefunden. Jörg Baberowsiki darf laut einem Gerichtsurteil als rechtsextrem bezeichnet werden. Anlass für Wolfgang Benz, im Tagesspiegel nachzutreten.  Seyran Ates' liberale Moschee ist nun laut Zeit online auch Gegenstand einer Fatwa der Al-Azhar-Universität in Kairo - "im Klartext: todeswürdig".

Irgendwie gelblich

21.06.2017. Zadie Smith betrachtet für Harper's Dana Schutz' Gemälde "Open Casket" und fragt sich, ob ihre Kinder schwarz genug sind. In der Berliner Zeitung sucht Dirk Baecker einen Weg aus der Krise der Demokratien. Heute wird sich nach der Rede der Königin vor dem britischen Parlament zeigen, ob Theresa May regieren kann - die Brexit-Entscheidung erscheint der FAZ als Höhepunkt einer langen Krise.  Und es läuft die Doku "Ausgegrenzt und auserwählt" in der ARD. Seit sechs Monaten hat die Anstalt nicht mit ihm geredet, beklagt der Filmemacher Joachim Schröder in der FAZ.

Einen besseren Start konnte es nicht geben

20.06.2017. Die Kreuzdebatte greift zu kurz - das ganze Humboldtforum ist eine von political correctness und Neukolonialismus gelenkte  Fehlkonstruktion, meint Philipp Oswalt im Tagesspiegel. Der Belfaster Schriftsteller Paul McVeigh kann es in der Welt kaum fassen, dass Theresa May mit der Partei der Protestanten paktiert. Ein düsterer Fall von massivem Kindsmissbrauch erschüttert Argentinien - und bringt laut Le Monde auch den heutigen Papst in Bedrängnis. Vegetarier leben in einem Paradox, meinen die Kolumnisten.

Die Totalität aller Information

19.06.2017. Emmanuel Macron hat jetzt auch im Parlament die absolute Mehrheit: Pierre Rosanvallon fällt in Le Monde beim Blick auf den Wahlkampf die starke Personalisierung auf - bei mangelnden Experimenten in der Form. Was ist das für eine Umweltpolitik, die Hochhäuser in Dämmstoff aus Erdölprodukten einpackt, fragt die FAZ. Sechs Professoren warnen in der NZZ vor einer neuen Religion: dem Transhumanismus. Mashable analysiert neue Zahlen zur Internetwerbung: Google und Facebook haben inzwischen einen Anteil daran von siebzig Prozent.

Das schlechte Gewissen der Demokratie

17.06.2017. Helmut Kohl ist tot. Bettina Gaus erinnert daran, wie die deutsche Linke den Kanzler unterschätzte. Bei Emma.de erklärt Necla Kelek, warum sie Lamya Kaddors Aufruf zur Ramadan-Demo wenig glaubwürdig findet. Bei hpd.de erklärt Mina Ahadi, warum es so wichtig war, einen "Zentralrat der Ex-Muslime" zu gründen. Und die Diskussion hat geholfen: Die Antisemitismus-Doku "Auserwählt und ausgegrenzt" wird nun doch in der ARD gezeigt.

Unter verdächtigen Umständen

16.06.2017. Der Großbrand im Grenfell Tower ist ein Fanal und ein Symbol für die Behandlung der Armen in einer Metropole, die nur noch Superreiche will, schreibt Brendan O'Neill im Spectator. Die islamistischen Terroristen stammen meistens nicht aus den muslimischen Gemeinden, sondern von ihren Rändern, betont Olivier Roy in Le Monde. Buzzfeed präsentiert eine Recherche über mysteriöse Todesfälle in London, die auf die Sphäre der russischen Geheimdienste und Mafia verweisen. Die Zeit warnt vor Staatstrojanern auf der Suche nach Bagatelldelikten.

Belastende Aussagen

15.06.2017. Im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen vermutet Ahmad Mansour Gründe der politischen Korrektheit hinter der Weigerung von Arte und WDR, die Antisemitismus-Doku "Auserwählt und ausgegrenzt" zu senden. In Frankreich hat die Debatte um den Film bisher überhaupt kein Echo - trotz des Mords an einer jüdischen Ärztin, der die Frage aufwirft, ob Antisemitismus in dem Land massiv verdrängt wird. In der New York Times hält Kenan Malik ein deutliches Plädyoer für "Kulturelle Aneignung".

Kleine Gegenwelten

14.06.2017. Das Interesse an der Antisemitismusdoku "Auserwählt und ausgegrenzt" war groß - aber die Meinungen über den Film sind geteilt. Arte will aber nicht gegen die Veröffentlichung durch bild.de klagen und begrüßt, dass die Zuschauer, denen der Sender den Film verweigerte, sich nun ein Bild machen konnten. In der Zeit kritisiert Seyran Ates die Islamkonferenz. "Der Kommunismus ist machbar", verkündet der amerikanische Soziologe Erik Olin Wright in der Berliner Zeitung. Allerdings nur im Kapitalismus.

Riskant formuliert in aphoristischer Zuspitzung

13.06.2017. Auf Youtube und bei Bild.de ist jetzt die umstrittene Arte-Doku über Antisemitismus zu sehen, die Arte partout nicht zeigen will - wird es rechtliche Probleme geben?  Der Ärger um die Sachbuchbestenliste des NDR ist nicht zu Ende - NDR Kultur setzt die Zusammenarbeit mit der Jury aus. Was für einen Begriff von Religion hat die ARD eigentlich, wenn sie das Nicht-Glauben als eine bloße Unterform des Glaubens darstellt, fragt hpd.de. Libération erzählt, wie der Koalitionspartner von Theresa May über Homosexualität und Abtreibung denkt. Und die NZZ weiß: Die russische Jugend hat Putin satt.

Auf den Klippen von Dover

12.06.2017. Trotz der Schwächung ihrer traditionellen Parteien, siegt mit Emmanuel Macron auf paradoxe Art die Fünfte Republik, staunt Libération nach der ersten Runde der französischen Parlamentswahlen. Und der Mann ist schlau! Im NYRB Blog fragt Fintan O'Toole, wer in Britannien überhaupt das Volk ist. Die SZ stellt die peinliche Frage, wer ein rechtsextremes Buch auf die Sachbuchbestenliste des NDR gebracht hat. Die taz fordert Arte auf, die Antisemitismus-Dokumentation von Sophie Hafner und Joachim Schröder zu zeigen.

Wenn die Schweizer das können, können wir das auch

10.06.2017. Der Guardian erklärt, warum Schadenfreude über May und Jubel über Corbyn unangebracht sind: die Tories bleiben, der Brexit kommt. Die jamaikanische Kulturwissenschaftlerin Imani Tafari-Ama erzählt in der taz, weshalb es das Thema Kolonialismus in Deutschland besonders schwer hat. Zweifel und Glauben sind nach evangelischem Verständnis nicht Gegner, sondern Brüder, erklärt Johann Hinrich Claussen im Tagesspiegel mit Blick auf die Berliner Schlosskuppel. Und die NZZ tendiert nach reiflicher Überlegung gegen offene Grenzen.

In scheinbar ehrbarer Gestalt

09.06.2017. Das britische Schlammassel geht weiter: Theresa May verliert ihre Mehrheit. Nick Cohen hofft im Spectator, dass gemäßigte Kräfte nun einen weicheren Brexit durchsetzen können. Die SZ fragt: Wie kann es sein, dass die Renovierung der Oper und des Schauspielhauses in Frankfurt annähernd eine Millarde Euro kosten soll? Liegt es am Luxusgeschmack der Institutionen? In der Jüdischen Allgemeinen analysiert der Politologe Martin Kloke das pathologische Verhältnis deutscher Linker zu Israel.

Elefanten-Massenansturm

08.06.2017. Schon wieder! Heute wählen die Briten. Ian Dunt wundert sich bei politics.co.uk, warum der Brexit im Wahlkampf auf so kleiner Flamme gekocht wurde. Brendan O'Neill zupft in der NZZ an der britischen stiff upper lipp. Und Nick Cohen attackiert im Spectator Seumas Milne, den wichtigsten Berater Jeremy Corbyns und Verteidiger der DDR. Die taz bestaunt eine irre Debatte über Straßenbenennungen im Berliner Kolonialviertel. Und die Zeit-Geschäftsführer müssen eine Anzeige im eigenen Blatt schalten, um die Enteignung der freien Presse anzuprangern.

Fragile Herrschaftssysteme

07.06.2017. Die taz porträtiert die Dokumentarfilmerin Marcela Zamora aus El Salvador, die bekennt, abgetrieben zu haben: Dafür wurden Frauen in dem Land schon schon zu dreißig Jahren Gefängnis verurteilt. Am Humboldt-Forum soll laut Tagesspiegel jetzt auch nach dem Willen des Künstlers Lars Ramberg neben dem Kreuz der Zweifel angebracht werden. In NZZ und Guardian machen Ian McEwan und Timothy Garton Ash den Remainern Mut. Nein, Religion ist nicht für Terror mit verantwortlich, meint die Soziologin Z Fareen Parvez im Guardian.

ZWEIFEL

06.06.2017. Im Streit um das Kreuz auf dem Humboldt-Forum machen Horst Bredekamp, Neil MacGregor und Hermann Parzinger in der FAZ den Zweifel zum Gestaltungsprinzip. Welt und Guardian erklären uns die Zukunft, wie der Akzelerationismus sie sieht. Intercept veröffentlicht NSA-Dokumente, die zeigen, dass die Russen sehr wohl den amerikanischen Wahlkampf manipuliert haben. Libération erinnert daran, dass Feminismus auch etwas mit Solidarität zu tun hat. Und es hat sich gelohnt: Trumps Klimapolitik nützt - neben amerikanischen Ölmultis - vor allem den Russen, meint die SZ.

So ist Leitkultur

03.06.2017. In der Welt verteidigt Architekt Frank Stella das Kreuz auf der Kuppel des Humboldt-Forums. Konföderation statt Zweistaatenlösung - damit könnten sich sogar die israelischen Siedler anfreunden, hofft die Politikanalystin Dahlia Scheindlin in der taz. In der NZZ beschreibt Sonja Margolina Russland als Land der Fassaden. Die Columbia Journalism Review hört gerappte Nachrichten im Senegal. Spon und Zeit online sehen uns mit fünf neuen Gesetzen in den Überwachungsstaat rutschen.

Überall wird die Demokratie gewürgt

02.06.2017. Was hat der 2. Juni 1967 noch mit heute zu tun? Eine Menge, meinen eine Menge Autoren und Autorinnen, die dabei waren, überall. In der Welt erklärt Eva Quistorp, wie das mit den Fake News damals ging. Die taz fordert vom Berliner Senat eine Entschuldigung für das damalige kriminelle Behördenversagen. Der scheint auch geneigt zu sein. Außerdem: Das Silicon Valley schimpft auf Donald Trump. Die Berliner Zeitung ist entsetzt über die durchgepaukte Grundgesetzänderung für die Privatisierung von Autobahnen.

Unsere menschliche und revolutionäre Pflicht

01.06.2017. Ein Kreuz über dem Forum der Weltkulturen? Die Ratlosigkeit des Führungsgremiums in der Debatte verrät einiges über seine "schwere Konzeptarmut ", fürchtet die Zeit. Der Theologe und Präsident des Fördervereins Berliner Schloss, Richard Schröder, sieht in der Welt dagegen kein Problem mit dem Kreuz und bekommt Schützenhilfe vom Zentralrat der Muslime. Mit mehr Überwachung können die Behörden nicht von ihren internen Problemen ablenken, warnt Sascha Lobo in Spiegel online. In der Berliner Zeitung kritisiert Timothy Garton Ash Heiko Maas' Netzwerkdurchsetzungsgesetz.