9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
September 2024
30.09.2024. Erstaunlich gefühlvoll lesen sich die Nachrufe vieler Zeitungen auf Hassan Nasrallah. Für die taz ist aber auch klar: Israel hat die Hisbollah erheblich geschwächt. Das sollten vor allem die Kritiker Israels im Westen zur Kenntnis nehmen, findet die FAZ. Warum keine Antisemitismusklausel, das wäre nicht die erste Bedingung, die der Staat an Kunstförderung knüpft, fragt der UdK-Student Klemens Elias Braun in der Welt. Die Zeit beleuchtet das fatale Missverhältnis zwischen europäischer Rechtsprechung in der Asylpolitik und den Reaktionen der Nationalstaaten. Und nun auch in Österreich: Die FPÖ liegt vorn.
28.09.2024. Rechnet man alle Stimmen für radikale Parteien in den letzten Landtagswahlen zusammen, ergibt sich eine "deprimierend hohe Zustimmung zum Extremismus", konstatiert Ilko-Sascha Kowalczuk bei t-online.de. Auch heute arbeiten sich die Medien an den Erfolgen von AfD und BSW ab. In Österreich droht morgen der Triumph der FPÖ: Thomas Glavinic gibt in der Welt der Mitte dafür eine gehörige Mitschuld. Der Spiegel bringt eine große Recherche zur Berliner Zeitung - die zu einem Abgrund der Verschwörungstheorien geworden ist. Die FAS kritisiert Ta-Nehisi Coates' antiisraelische Komplexitätsreduktion.
27.09.2024. Noch nicht ganz Weimarer Republik, aber schon nicht mehr die gute alte Bundesrepublik. Die Zeitungen fragen, was da eigentlich im Thüringer Landtag los war. Mitten in der Krise der Grünen legt Cem Özdemir in der FAZ einen richtungweisenden Artikel zu Migrationspolitik vor. Peter Truschner stellt im Standard die Frage: Warum wählen die Leute rechtsextreme Klimaleugnerparteien, während sie gerade zu Opfern einer Überschwemmung werden? Die fraktionsübergreifende Bundestagsresolution zum Schutz jüdischen Lebens in Deutschland kommt wohl nicht zustande, so Zeit online.
26.09.2024. Die Zeit findet viele Gemeinsamkeiten bei AfD und BSW - nicht zuletzt in ihrer Ablehnung einer europäischen Integration. Kürzungen in der Kultur sind immer bitter, andererseits: welche Existenzberechtigung haben Theater ohne Publikum, fragt die SZ. Wie auch immer der israelische Angriff im Libanon ausgeht, die Hisbollah wird in jedem Fall gewinnen, fürchtet der libanesische Redakteur Anthony Samrani in der FAZ. Vielleicht können aber wenigstens die vom Hisbollah-Beschuss vertriebenen 60.000 bis 80.000 Israelis nach Hause zurückkehren, meint der israelische Politikwissenschaftler Jonathan Rynhold. Die FAZ stellt außerdem eine Studie aus NRW vor, die bei knapp einem Viertel der Befragten antisemitische Einstellungen feststellt.
25.09.2024. Was dem AfD-Mann ein "Spaziergang" zum Haus eines Ministerpräsidenten ist, ist dem Pro-Palästina-Aktivisten das Beschmieren des Wohnhauses eines Kulturpolitikers, hält Michel Friedman in der Welt fest. Der Guardian nimmt den industriellen Komplex der Sexualdelikte aufs Korn, all die kleinen Helferlein, die Vergewaltiger wie Al Fayed oder Sean Combs schützen. In der FAZ macht der Literaturwissenschaftler Marcel Matthies Edward Said für den Antisemitismus vieler Israelkritiker verantwortlich. Im Tagesspiegel hofft der israelische Ex-Geheimdienstchef Ami Ajalon auf Druck von außen, damit Netanjahu endlich verhandelt.
24.09.2024. Nach den Wahlen in Brandenburg herrscht bei vielen Autoren Katzenjammer. Daniel Schulz erzählt in der taz, wie dominerend die rechtsextreme Kultur in den Neuen Ländern jetzt schon ist: "Die AfD wird in keinem ostdeutschen Bundesland mitregieren. Aber die Angst vor ihr regiert bereits." In mehreren Texten wird geraten, sich nicht von der AfD treiben zu lassen, so auch von Svenja Flaßpöhler in der Welt. Im NDR rät der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk von Koalitionen mit dem BSW ab. In der Welt schildert Adam Krzeminski die polnische Angst vor Deutschlands Ukraine-Politik.
23.09.2024. Waffenlieferungen an die Ukraine sind weiterhin nötig, insistiert der Politikwissenschaftler Jonas Driedger im Tagesspiegel. Aber die FAS notiert auch, wie SPD und CDU vor Sahra Wagenknecht weiche Knie bekommen und lieber nicht über Taurus sprechen. Unterdessen bereitet China zusammen mit Brasilien einen "Friedensplan" vor, der so tut, als hätten Russland und die Ukraine gleichermaßen Anteil am Ausbruch des Kriegs, notiert Richard Herzinger in seinem Blog. Die taz begrüßt einen neuen Player in der deutschen Medienlandschaft: den Döpfner Verlag.
21.09.2024. In Malis Hauptstadt Bamako kamen am Dienstag bei zwei Angriffen einer Al-Qaida-Terrortruppe siebzig Menschen ums Leben - die NZZ fragt, ob die Sahelzone in Chaos versinkt. In den deutschen Medien wird über "Brandmauer" und "Ausschließeritis" diskutiert, was aber nicht dasselbe ist. Anders als Dirk Oschmann glaubt Lea Streisand in der taz nicht, dass der Westen den Osten erfunden hat - im Gegenteil, er will so wenig wie möglich mit ihm zu tun haben.
20.09.2024. In der Welt spricht der französische Philosoph Raphaël Enthoven über die Extreme in der französischen Politik. Der Guardian entblödet sich nicht, den BDS-Gründer Omar Barghouti eine UN-Resolution gegen Israel zu feiern zu lassen - er sieht sich als Opfer des israelischen Faschismus und kommt ganz ohne Erwähnung der Pogrome des 7. Oktober aus. In der FAZ warnt der Migrationsexperte Gerald Knaus: Wer irreguläre Migration nicht bekämpft, nützt Putin und seinen rechtsradikalen Sprachrohren in der EU.
19.09.2024. Im Spiegel verwahrt sich Joe Chialo gegen Rassismusvorwürfe, besteht auf der Antisemitismusklausel und fordert einen Gedenkort für die Verbrechen des Kolonialismus in Berlin. Die FAZ fragt: Warum bleibt die österreichische Kulturszene angesichts eines drohenden FPÖ-Kanzlers so merkwürdig stumm? In der NZZ erklärt der Politikberater Morten Lisborg, warum Asylbewerber seiner Meinung nach außerhalb der EU untergebracht werden sollten. Die israelische Pager-Attacke auf die Terroristen der Hisbollah widerspricht nicht dem Völkerrecht, meint die SZ.
18.09.2024. Die Detonation Hunderter Pager der Hisbollah war vielleicht eine strategische Meisterleistung im Detail, Frieden im Nahen Osten rückt damit nicht näher, fürchten FAZ und der Spiegel. In der NZZ erinnert der Schriftsteller Chaim Noll daran, wie Britannien versuchte, europäische Juden während des Holocausts an der Flucht nach Israel zu hindern. In der taz erklärt der Politologe Alexander Düben, warum er nach neun Jahren Forschung an einer chinesischen Universität des Landes verwiesen wurde. Übergriffig findet in der Welt der Politikwissenschaftler Michael Bröning die Vorschläge eines Bürgerrats zur Verhinderung von Fake-News.
17.09.2024. Putin wäre gern unsterblich, fürchtet Viktor Jerofejew in der FAZ - und er arbeitet dran. Die Debatte um die Migrationspolitik in Deutschland geht weiter. Die SZ und andere Medien werten russische Dokumente aus, die die Strategien der Desinfomation zeigen. Die taz erzählt, wie in der Westukraine, die seinerzeit zu Polen gehörte, an den Hitler-Stalin-Pakt erinnert wird, mit dem für diese Gebiete der Zweite Weltkrieg anfing.
16.09.2024. Überall wird über Migration diskutiert, aber vielleicht sollte man nach einer Spiegel-Recherche auch mal über die "Geschäftsgeheimnisse" reden, die sonst noch mit der Flüchtlingspolitik verbunden sind. Im Standard ruft der Schriftsteller Lukas Meschik dazu auf, die verständlichen und unverständlichen Gründe zu finden, aus denen Menschen die 'falschen' Parteien wählen. Der Staat fördert zu viel, meint der Spiegel, zu wenig, meint Soziologe Andreas Willisch in der taz, und auf jeden Fall falsch, meint der Caritas-Experte Georg Cremer in der FAZ.
14.09.2024. Die Zeitungen stellen sich heute überwiegend gegen die verschärfte deutsche Asylpolitik: Im Guardian warnt der Migrationsforscher Maurice Stierl vor einer Kettenreaktion in ganz Europa, die taz versammelt Stimmen von Künstlern und Intellektuellen, darunter Michel Friedman und Ilko-Sascha Kowalczuk, die für ein offenes Europa einstehen, während Spon und ZeitOnline auf die Probleme jenseits der Migration hinweisen. Im Tagesspiegel findet Sahra Wagenknecht, es sei an der Zeit, dass die Ukraine "Kompromisse schließt". In der FR hält Wolfram Eilenberger Jürgen Habermas für einen "Machtkarrieristen" - überhaupt haben wir seit den Achtzigern keine großen Figuren in der Philosophie mehr gesehen, meint er.
13.09.2024. In der SZ beklagt Mirjam Zadoff, Leiterin des Münchner NS-Dokumentationszentrums, es werde zu wenig darüber gesprochen, dass Rechtsextremismus und Islamismus "auf immer gefährlichere Weise" Hand in Hand gehen. Warum müssen wir darüber diskutieren, "ob Islamophobie virulenter ist als Antisemitismus", fragt die Philosophin Seyla Benhabib in ihrer Paulskirchen-Rede. Die SZ fordert, Björn Höcke mit einem politischen Aktionsverbot zu belegen. Zeit Online schaut eine Propagandasendung des Kremls, in der Sahra Wagenknecht dem Osten die "blühende DDR" zurückbringt.
12.09.2024. Die erste TV-Debatte zwischen Kamala Harris und Donald Trump war das "Wiederaufleben des amerikanischen Sprechtheaters", freut sich die SZ. Junge Männer fühlen sich benachteiligt und wählen deshalb rechts, glaubt die Politologin Ayaan Hirsi Ali in der NZZ. Jeden zweiten Tag wird eine Frau umgebracht und niemanden interessiert es, ruft indes wütend die Zeit. Im FR-Gespräch plädiert Correctiv-Autor Marcus Bensmann für ein AfD-Verbot. Der Historiker Norbert Frei ergründet die Widersprüche Theodor Heuss', der sich sowohl gegen das Vergessen als auch für NS-Verbrecher einsetzte.
11.09.2024. Wo blieb nach dem vereitelten Anschlag in München die Solidarität mit Juden, fragt die Schriftstellerin Dana von Suffrin bei Spon. Sie scheue sich nicht, den Begriff "Judeofaschismus" zu verwenden, sagt im Zeit-Gespräch die Philosophin Seyla Benhabib mit Blick auf die israelische Regierung. Die taz erlebt im Flüchtlingslager auf der Insel Kos, wie die neue europäische Migrationspolitik aussehen könnte: Eine "Architektur der Gewalt", in der es an Nahrungsmitteln und medizinischer Versorgung mangelt. Um West und Ost zu vereinen, bedarf es einer progressiven deutschen Nationengeschichte, glaubt Leander Scholz in der Welt. Und die FR fürchtet: Deadbots könnten Familiengeheimnisse aussprechen.
10.09.2024. Der als "ausländischer Agent" geächtete Kommunalpolitiker Lew Schlosberg versucht im SZ-Interview die Welt mit Putins Augen zu sehen. Die Migrationsdebatte in Deutschland droht, verbrecherische Regime zu legitimieren, warnt Richard Herzinger im Perlentaucher. Die SZ kritisiert den Umgang mit Sahra Wagenknecht in einer Talkshow: Ihren Populismus zu entlarven ist ja richtig, aber doch nicht so! Die FAZ stellt uns den amerikanisch-jüdischen Autor Joshua Leifen vor, der politisch zwischen allen Stühlen sitzt.
09.09.2024. Deutschland ist eines der wichtigsten Einwanderungsländer, aber die Westdeutschen tun sich schon schwer zu respektieren, dass der Osten anders ist, meint HKW-Leiter Bonaventure Ndikung im Spon-Gespräch. BSW-Politikerin Sevim Dagdelen droht in der Berliner Zeitung bezüglich der Friedensverhandlungen mit Russland keinen "Kotau" zu machen. Der Tod ist zur Routine geworden, schreibt der ukrainische Schriftsteller Artem Tschech in der FAS resiginiert darüber, dass den Zeitungen der jüngste Raketenangriff auf die Ukraine nur noch eine Meldung wert war. Die taz gibt der AfD Nachhilfestunden in Demografie. Ebenfalls in der FAS wirft Zeruya Shalev der israelischen Regierung Faschismus vor.
07.09.2024. Wir sollten auch extreme Meinungen diskutieren, ruft Constantin Schreiber im Zeit-Online-Interview und meldet sich nach längerer Pause mit einer Streitschrift zu Wort. In der FAZ ergründet Ilko-Sascha Kowalczuk den Hang der Ostdeutschen zum Autoritären. In der SZ erzählt Hasnain Kazim von seinen Begegungen mit AfD-Wählern. Die Filmemacherin Grit Lemke erklärt in der taz, warum sich der Westen dem Osten gegenüber "kolonial" verhält. Die Russen haben kein Nationalgefühl, so die Beobachtung des Historikers Martin Schulze-Wessel in der FAZ.
06.09.2024. "Das Unsicherheitsgefühl nicht nur in der jüdischen Gemeinschaft wird sich nach diesem Vorfall noch einmal verfestigen", kommentiert Charlotte Knobloch den vereitelten Terroranschlag in München, wie die Jüdische Allgemeine meldet. Die Zeitungen debattieren derweil über das Maßnahmenpaket zur Asylrechtsverschärfung: Verfassungsrechtlich nicht haltbar, meint die Juristin Franziska Drohsel in der taz, während die Schriftstellerin Fatma Aydemir im Guardian daran erinnert, dass viele Flüchtlinge vor dem islamistischen Extremismus in ihrem Land fliehen. In der NZZ skizziert Leon de Winter das Dilemma der israelischen Regierung. Die FAZ berichtet, wie sich Erdogan eine "fromme Jugend" heranzieht.
05.09.2024. Der Politikwissenschaftler Philip Manow und der Verfassungsrechtler Christoph Möllers diskutieren in der Zeit darüber, ob die Wähler in einer Demokratie das letzte Wort haben sollten. Die Schriftstellerin Juli Zeh will in der Zeit BSW und AfD nicht auf eine Stufe stellen. Der Generationenforscher Rüdiger Maas stellt in der NZZ fest: Die jungen Menschen im Osten leiden an Merkel-Nostalgie. Die Zeit berichtet, wie die russische Regierung dem nun wieder freigelassenen Telegram-Chef Pawel Durow ganz plötzlich den Hof macht.
04.09.2024. Im Guardian glaubt die Historikerin Katja Hoyer, die Ostdeutschen haben nicht die Demokratie satt, sie haben einfach Angst. Die Demokratie funktioniert, meint auch Hubertus Knabe in der Welt, mahnt aber, die Regierungskritik ernst zu nehmen, damit aus Protestwählern nicht Stammwähler werden. In der FAZ macht auch Armin Nassehi die etablierten Parteien für AfD- und BSW-Erfolg mitverantwortlich. In der SZ berichten der Soziologe Natan Sznaider und der Historiker Amir Teicher von den Demonstrationen in Israel: Sznaider hofft auf einen Neubeginn, Teicher macht seiner Wut auf die israelische Regierung Luft.
03.09.2024. Tag zwei nach den Wahlen in Thüringen und Sachsen: Mit AfD und BSW hat die Lust am Ressentiment gewonnen, meint Ines Geipel in der SZ, man hätte dieses Dilemma vermeiden können, glaubt Monika Maron in der Berliner Zeitung. Wo bleibt die Erschütterung, fragt die taz. Der Osten bewegt sich auf dem Weg, den Europa seit den 1990er Jahren eingeschlagen hat, meint der NewStatesman. Außerdem: Auf hpd schlägt der Zentralrat der Konfessionslosen vor, von den Kirchen "die 21 Milliarden Euro zurückzufordern, die die Länder ihnen seit Gründung der Bundesrepublik überwiesen haben". Und in der taz wirft der Nahostwissenschaftler Tom Khaled Würdemann der deutschen Nahostkriegs-Berichterstattung vor, zu oft deutsche Identitäten zu verhandeln.
02.09.2024. Thüringen und Sachsen haben gewählt: Die demokratischen Parteien ringen nach Luft, die Zeitungen um Antworten: Der Wahlsieger ist Putin, meinen die Ruhrbarone und halten fest: Wir erleben den bislang größten Angriff auf das Wertesystem der Bundesrepublik. Auch das ist Demokratie, meint die SZ, AfD-Wähler jetzt nicht ausgrenzen, ruft der Tagesspiegel, während SpOn glaubt: Ausgrenzung senkt die Neigung, eine extreme Partei zu wählen. In der FAZ plädiert der Europarechtler Daniel Thym für eine Verschärfung der Flüchtlingskonvention. In der taz hält der deutsch-israelische Regisseur Amit Jacobi die Nahostkriegs-Debatte in Deutschland für eine "kolonialistische Geste par excellence".