9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

März, 2017

Ein Grund, ein Kriterium, ein Maßstab

31.03.2017. Nur Mut, ruft Timothy Garton Ash im Guardian den Remainern zu, noch ist Großbritannien nicht verloren - und setzt seine Hoffnung auf die Wahlen im Jahr 2020. Beunruhigend sind die Meldungen aus Ungarn und Polen: Viktor Orban will George Soros' Central European University schließen, so die taz. Und die FAZ meldet, dass die polnische Regierung die Gazeta Wyborcza mit Anzeigenentzug unter Druck setzt."Selbstmordattentäter" ist ein schlechter Name für Leute, die in erster Linie Mörder sind, schreibt der Historiker Jörg Fisch in der NZZ.

Das Über-Geheiß des Sozialen

30.03.2017. Über 30.000 Menschen sind beim Versuch nach Europa zu kommen in den letzten fünfzehn Jahren im Mittelmeer gestorben, berichtet Linkiesta - und die Zahlen steigen. In der Zeit fordert Lech Walesa mehr Führung von den Deutschen. Die New York Times porträtiert den Publizisten Maajid Nawaz, auf dessen Kritik am Islamismus die amerikanische Linke allergisch reagiert. Nein, der Terrorismus hat nichts mit Religion zu tun, meint dagegen The Intercept. In der Columbia Journalism Review stellen Emily Bell und Taylor Owen ein hundertseitiges Papier über den Einfluss der Plattformen auf den Journalismus vor.

Reiche Interaktion mit den Lesern

29.03.2017. Heute reicht Theresa May den Brexit offiziell ein. Der Guardian versucht "das kulturelle Ausmaß unserer Niederlage" zu ermessen. Politico.eu gibt einen detaillierten Überblick über alle Verhandlungen, die nun folgen. Die Bauern werden sich freuen. Die Bauern werden sich ärgern.  In der SZ begrüßt der Ökonom Robert J. Shiller die Idee, Steuern auf Roboter einzuführen.  Der Paragrafendschungel in Heiko Maas' Hate-Speech-Gesetz wird immer undurchdringlicher, warnt Netzpolitik.  Und die Nutzer sollen immer mehr für Medien zahlen. Entweder freiwillig oder so oder so.

Schweigen in eigener Sache, das können wir gut

28.03.2017. Constantin Schreiber hört wenig ansprechende Freitagsgebete in verschiedenen deutschen Moscheen. Im Tagesspiegel erklärt Marcia Pally, was "Verzweiflungstode" sind und warum sie in Amerika mehr Weiße als Schwarze betreffen. Bei Cicero.de attackiert der Jurist Alexander Peukert das von Heiko Maas geplante Gesetz zur Verfolgung von Hate Speech bei Facebook.  In der NZZ wendet sich der amerikanische Soziologe Shelby Steele gegen das "weiße Schuldgefühl". In der taz fragt Isolde Charim, ob es einen "guten Populismus" geben könne. Und Zeit online erzählt eine Betroffene, wie sie in einer Sekte gelitten hat, die von Lena Dunham, Ivanka Trump und Thomas Tuchel unterstützt wird.

Wer die Kontrolle hat

27.03.2017. Wenn die Rechte ihre Politik durchsetzen kann, was genau soll dann mit den muslimischen Staatsbürgern in Europa geschehen? Im Guardian bittet Nick Cohen um Konkretisierung. Im Streit um Abtreibung geht es längst nicht mehr nur um Abtreibungsverbote, lernt die SZ. In der Jungle World fordert der senegalesische Ökonom und Anthropologe Tidiane N'Diaye die arabischen Länder auf, sich endlich mit ihrer Geschichte des Sklavenhandels auseinanderzusetzen. In der NZZ feiert Giorgio Fontana die Schönheit des Räsonierens.

Ästhetik der Existenz

25.03.2017. Heute wird in ganz Europa für Europa demonstriert. In der taz hat André Wilkens kein Problem damit, die EU ein "Elitenprojekt" zu nennen - da hat es weitaus schlimmere gegeben.  Kenan Malik erinnert daran, wie sich selbst Index on Censorhip einst weigerte, die Mohammed-Karikaturen abzudrucken und dabei alle Argumente deklamierte, sie zu bringen. In der NZZ erklärt Hans Ulrich Gumbrecht seinen Begriff des "Sozialdemokratismus".  Die Kolumnisten sind bestürzt über die mickrigen Entschädigungen, die Opfer des Paragrafen 175 erhalten sollen.

Gründe für einen verhaltenen Optimismus

24.03.2017. Haben Trumps Leute das Land an den russischen Geheimdienst verraten, fragt die New York Times. In der SZ erzählt der russische Hacker Kris Kaspersky kurz vor seinem Tod, warum das russische Hackermilieu heute dem Vaterland dient. Annekathrin Kohout untersucht in ihrem Blog, was der Kampf gegen moderne Kunst und der gegen populäre Kultur gemeinsam haben. Im TagesAnzeiger hebt der Historiker Ian Kershaw das Kinn.

Verstörend nah an der Realität

23.03.2017. Sechs Quadratmeter Türkei: Die taz schildert die Haftbedingungen Deniz Yücels. In der SZ schildert der nigerianisch-deutsche Journalist Olaleye Akintola, wie schwer es ist, das Heimweh und die Kritik a der Heimat zusammenzubringen. Jetzt ist es soweit: Die Künstliche Intelligenz wird wirklich intelligent, meint Sascha Lobo in Spiegel online. In der taz erklärt der Kölner Verleger Helge Malchow, warum er die Lit.Cologne lieber mag als die Messe in Leipzig. In WUV.de erzählt Thomas Fischer am Beispiel VW, wie Werbetreibende die Medien mit Rabatten erpressen.

Die kleine Schwester der Dämonisierung

22.03.2017. Vielsprachigkeit ist das Geheimnis der dritten Kultur, erklärt der Chemiker Gerd Folkers in der NZZ. Die FAZ macht sich Sorgen um das Lesen im digitalen Zeitalter. In L'Histoire erinnert Emmanuel Macron daran, dass die Kolonisierung Algeriens ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit war. Die taz besucht das  Danziger Museum des Zweiten Weltkriegs.

Globaler Waschsalon

21.03.2017. Der Brexit wird jetzt offiziell gestartet - und die Frage ist, ob die Briten zahlen müssen. Laut politico.eu wollen sie aber nicht so. Ein neues Geschäftsmodell zeichnet sich laut Guardian, SZ und anderen Medien aber schon ab: Geld waschen für Russland. Unterdessen diskutieren viele Medien und Politiker über die Frage, ob die Meinungsfreiheit nicht doch ein bisschen eingeschränkt werden sollte. Und Bob Silvers, der langjährige Herausgeber der New York Review of Books, ist gestorben. Wir verlinken auf Nachrufe.

Unsere Gemeinschaftsstandards

20.03.2017. Wenn in einem Zürcher Theater ein AfD-Mann auftreten soll, herrscht überall Empörung, warum eigentlich nicht, wenn an gleicher Stelle Alain Badiou spricht, fragt der Blogger Jörg Scheller. Nicht nur Facebook, auch die Staatsanwaltschaft interessiert es nicht, wenn kritische Russlandberichterstatter mit Morddrohungen verfolgt werden, schreibt Boris Reitschuster in der deutschen Huffpo. Die Welt kritisiert das Verhalten des WDR, der ein Geert-Wilders-Porträt nach Antisemitismus-Vorwürfen einfach in bereinigter Fassung zeigt, ohne eine Diskussion zuzulassen.

Das Layout seit Urzeiten nicht geändert

18.03.2017. Die NZZ beobachtet mit Entsetzen, wie bereitwillig sich die Türken in Deutschland von Erdogan in Identitätskonflikte stürzen lassen. Der FAZ geht es ähnlich beim Blick auf die neuen Emojis, die Musliminnen jetzt mit Hidschab repräsentieren. Der Guardian fürchtet, dass Theresa May Schottland aus dem Vereinigten Königreich treibt. Im Blog NYRB erklärt Sue Halpern den Unterschied zwischen Julian Assange und Edward Snowden. In der taz fordert Tabea Rößner für freie Kulturschaffende Mindesthonorare.

Höhepunkte der Kollaboration

17.03.2017. Bürgerrechtler kritisieren das geplante Gesetz gegen Hasskommentare in den Sozialen Medien: die werden zu Ermittlern, Richtern und Henkern über die Meinungsfreiheit. Le Monde berichtet, wie die katholische Kirche zusammen mit französischen Politikern hohe Funktionäre des Genozids an den Tutsi deckt. Der Guardian bereitet sich auf den Tod der Queen vor. Nedim Gürsel (NZZ) und Canan Topçu (Zeit online) nervt der Opferkult Erdogans und seiner Anhänger.

Endlich mal zurückinformieren

16.03.2017. Große Erleichterung bei Zeit online: Die Niederländer haben für Europa gestimmt und gegen Geert Wilders. Je weniger die Amerikaner Gott fürchten, desto trumpinistischer werden sie, fürchtet Peter Beinart im Atlantic.  Die SZ porträtiert den französischen Journalisten Samuel Laurent, der mit seinem Blog "Décodeurs" gegen die Desinformationskampagnen des Front national angeht.  Die taz diskutiert über Israel-Boykott.

Das bittersüße Privileg des Erwachsenwerdens

15.03.2017. Heute sind Wahlen: Zeit online bringt ein Loblied auf die Niederländer und ihre antiautoritären Reflexe. Im Perlentaucher sieht Max Thomas Mehr dagegen Emmanuel Macron als einen neuen Politikertypus. Atlantic fragt: "Warum ist das Silicon Valley so grässlich zu den Frauen?" Die SZ kritisiert das Kopftuchurteil des Europäischen Gerichtshofs, die taz findet es gut. Die Deutsche Welle begrüßt den großen Prozess gegen die rechtsextreme Terrorgruppe von Freital.

Das Vorbild für alle

14.03.2017. Die Kommentatoren sind sich uneins: Wird Theresa May ein neues schottisches Referendum zulassen oder nicht? Laut taz funktioniert die Trennung zwischen Staat und Kirche beim Evangelischen Kirchentag in Berlin so: Die Kirche macht Missionsarbeit, der Staat bezahlt. In der Welt erklärt Seyran Ates, warum sie eine "Ibn Rushd-Goethe-Moschee" gründen will. Die Avantgarde der Fake-News-Bekämpfung hat ihren Sitz in der Ukraine, informiert politico.eu. Deutschland muss eine Perspektive für die jungen Leute entwickeln, ruft Timothy Snyder in der FR.

Aufregung ums Niederländisch-Sein

13.03.2017. Geert Wilders wird überschätzt, meint politico.eu. Trotzdem eifern ihm die andern niederländischen Politiker nach, kritisiert Zeit online. Die SZ beleuchtet das prächtige Verhältnis der Trumps zu den Murdochs. In der FR bekennt die französische Feministin Elisabeth Badinter ihre Bewunderung für Maria Theresia. Was unterscheidet Noam Chomsky eigentlich von Rechtspopulisten?, fragt Nick Cohen im Observer.

Anlassloser Vollzugriff

11.03.2017. In der taz unterhalten sich Doris Akrap und Yonka Sik über den drangsalierten Journalismus in der Türkei. Im New Statesman warnt Alan Rusbridger vor einem noch größeren Einfluss Rupert Murdochs in britischen Medien. In der taz lehnt Ulrich Herbert Timothy Snyders Nazi-Parallele mit Blick auf Trump ab. In der NZZ beschreibt Politikwissenschaftler Markus Linden, wie subtil Verschwörungstheorien funktionieren können. Jezebel sieht weltweit nur noch eine Hoffnung: die neue Frauenbewegung.

Sie wollen radikale Änderungen

10.03.2017. Wer sind wir, wo wollen wir hin? Ein paar Antworten darauf wünschte sich Geert Mak im Tagesspiegel von niederländischen Politikern. Die Vogue propagiert unterdessen "Dutch Love". In der NZZ schüttelt Doron Rabinovici den Kopf über Österreicher, die rechts und links nicht mehr unterscheiden können. In der FAZ erklärt Hector Abad, warum Steuern besser sind als Gewalt. In der taz schildert der südafrikanische Autor Sonwabiso Ngcowa die Situation der "Born frees". Das Münchner Haus der Kunst hat ein Scientology-Problem, berichtet die SZ.

Die kategoriale Unterscheidung

09.03.2017. Die Irish Times erklärt, wie das System der katholischen Kinderheime in Irland mit der Geschichte des Landes zusammenhängt. In der NZZ erzählt Adolf Muschg, warum er wieder in die Kirche eingetreten ist. In der FR staunt Staatsrechtler Christoph Möllers über Dauerpräsenz der Kirchen im politischen Diskurs. Auch Im Silicon Valley glaubt man laut Ideenhistoriker Fred Turner in der SZ: nämlich an die Technik.

Blogger ohne journalistische Standards

08.03.2017. Ein Artikel in der Times löst in Schottland und Irland Empörung aus: Darf nur Britannien beanspruchen, eine Nation zu sein? Die NRW-Zeitungsverleger haben die Ursache für Brexit- und Trump-Voten gefunden: Die Adblocker sind schuld. Golem.de ist nicht einverstanden. Die taz feiert zum Frauentag "People of Color, Muslim*innen, Trans*menschen, Reiche, Arme und Geflüchtete".  In der SZ findet die Historikerin Lorraine Daston den Ursprung von Fake News: Es war der Buchdruck.

Der Hass jener, die selbst Opfer des Hasses sind

07.03.2017. Wenn Britannien die Grenze zu Irland wirklich schließen will, werden wohl 300  Grenzposten nötig, meint huffpo.fr. In Ungarn werden laut politico.eu nun wie in Russland ausländische NGOs kontrolliert. In La Règle du Jeu schreibt Bernard-Henri Lévy über die Affäre Mehdi Meklat. FAS und Berliner Zeitung streiten über deutsch-türkische Kultur.

Auf einer planetaren Ebene

06.03.2017. Nach Recherchen der taz wird es für ungewollt schwangere Frauen in Deutschland immer schwieriger, eine Abtreibungsklinik zu finden. Der Guardian berichtet, dass in einem ehemaligen Waisenhaus der Katholischen Kirche in Irland die Überreste von 800 Kinderleichen gefunden wurden. In den französischen Wahlen entscheidet sich Europas Zukunft, sagt François Hollande im Interview mit europäischen Zeitungen. Ljudmila Ulitzkaja (NZZ) und Judith Butler (FR) denken über einen transnationalen Kampf gegen den neuen Nationalismus nach.

Das Istanbul, das es nicht mehr gibt

04.03.2017. Deniz Yücel ist in ein Hochsicherheitsgefängnis mit besseren Bedingungen und interessanteren Mithäftlingen verlegt worden, berichtet die taz. Für Erdogan ist Yücel ein deutscher Spion und PKK-Aktivist, meldet der Tagesspiegel. Nicht Erdogan, sondern Merkel hat die Annäherung der Türkei an den Westen beendet, stellt die taz fest. Die NY Times freut sich über Papst Franziskus' Hinweise zum Umgang mit Bettlern. Und die FAZ vermisst beim Reisen in virtuellen Welten die bösen Überraschungen.

Das Femininum kam als drittes Genus hinzu

03.03.2017. Mehr als sechzig Prozent der weltweit inhaftierten Journalisten sitzen in einem türkischen Gefängnis, hat die SZ ausgerechnet. Der Tagesspiegel fordert Boykottdrohungen gegen die Türkei. In Le Monde wendet sich Pascal Bruckner gegen die Idee, den Terrorismus mit ökonomischen Problemen der Terroristen zu erklären. In der SZ erklärt der Linguist Peter Eisenberg, weshalb das Streben nach geschlechtergerechter Sprache aus grammatischer Sicht Quatsch ist.

Sie er­näh­ren sich von un­se­ren Do­ku­men­ten

02.03.2017. In der NZZ beschreibt Pascal Bruckner, wie der Populismus den erschöpften Gegensatz von "Links" und "Rechts" überspringt. Libération besucht die nordirische Stadt Derry, wo sich katholische Nationalisten schon auf neuen Zoff an der Grenze freuen. Aufruhr auch im französischen Wahlkampf: François Fillon beschuldigt die Justiz der Parteilichkeit. In Le Monde erklärt der Historiker Gilles Richard, warum Frankreich eine "Republik der Anwälte" ist.

Das Schöne, das Kulturerbe, die Identität

01.03.2017. Mit der Inhaftierung Deniz Yücels macht Erdogan nun auch in Deutschland Medienpolitik, meint die taz. Die FAZ ist traurig: Sie ist bei der #Freedeniz-Kampagne nicht gefragt worden, obwohl ihr ein Herausgeber fälschlich zugerechnet wurde - und darum hat sie auch die Anzeige nicht gebracht. Die Welt gibt einen Ausblick auf die Kulturpolitik des Front National. Die FAZ reist an die demnächst wieder nordirische Grenze. Buzzfeed zeigt, wie ein Medienkonzern mit einfachen Mitteln zwei Filterblasen bedienen kann. Und dass Mahershala Ali Muslim ist, wird bestritten, zumindest von Muslimen, schreibt die Washington Post.