9punkt - Die Debattenrundschau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

September 2019

Fetischisierungen

20.09.2019. Heute ist der große Tag der Klima-Proteste. Die taz ist eine Klima-taz und fragt, warum die Deutschen, die doch Weltmeister des Diskurses sind, stets die Ziele verfehlen. In der Welt kritisiert Björn Lomborg, dass die Debatte um den Klimawandel viele andere wichtige Probleme der Welt verdränge. The Verge resümiert noch einmal die amerikanische Debatte um den Epstein-Skandal in wissenschaftlichen Institutionen. In der FAZ schildert Bülent Mumay die Zerstörung des Istanbuler Zentrums durch die türkische Religionsbehörde.

Imaginär und ziemlich kontingent

19.09.2019. Das Klima ist erhitzt. All jenen, die dem Kapitalismus die Schuld an der Klimakrise geben, rät Hubertus Knabe in der NZZ, ein wenig Geschichte nachzuholen: Kein Regime verschmutzte effizienter als der Sozialismus. SZ-Autor Gustav Seibt warnt die Klimaaktivisten vor totaliären Anwandlungen. In der Berliner Zeitung stellen sich die neuen Eigner Silke und Holger Friedrich nun auch den Lesern vor und benennen ein paar Berliner Missstände. In der Zeit rät Kwame Anthony Appiah zu einem "leichten, spielerischen Umgang mit Identitäten".

Starke digitale Ausrichtung

18.09.2019. Der Streit um die Potsdamer Garnisonkirche ist keineswegs abgeschlossen. Nun hat der Bürgermeister das Glockenspiel abgestellt, berichtet die taz. Der Dumont-Verlag hat den Berliner Verlag an ein Berliner Millionärsehepaar verkauft - die Zeitungen kommentieren eher wohlwollend. Statt über den Datenkapitalismus und den Überwachungsstaat zu schimpfen, könnte man doch mal über die Erfolge des Datensammelns nachdenken, fordert die NZZ. Und muss man für den Klimaschutz die Eigentumsfrage stellen, fragt Daniele Dell'Agli im Perlentaucher.

Konsequent Anführungszeichen benutzen!

17.09.2019. Zwei Tage danach wird das ZDF-Interview mit Björn Höcke, das dieser abbrach, eher zwiespältig diskutiert. Die taz sieht darin zwar Journalismus fürs Lehrbuch - bezweifelt aber, dass es der AfD schadet. Spiegel online sieht den vom Interviewer riskierten Crash eher als sterile Inszenierung. Grundsätzlicher analysiert die FAZ die Auswirkung der AfD auf die übrigen Parteien. Le Monde schildert den Fall der marokkanischen Journalistin Hajar Raissouni, der wegen "Unzucht" und einer angeblichen Abtreibung Gefängnis droht.

Nur der Tonfall

16.09.2019. In Südafrika gibt es drastische Ausschreitungen gegen Migranten, in Indien werden Lager für Muslime eingerichtet, die ihre Nationalität nachweisen sollen: Im Observer denkt Kenan Malik über die Universalität des Ausgrenzens nach.  Die Kosten für das "Museum der Moderne" in Berlin sollen sich verdreifachen, Kann es sein, dass die Politik dies aus Rücksicht auf den Sammler Erich Marx hinnimmt, fragt die FAZ. Nein, die Rede Herbert Grönemeyers, die solche Erregung in den sozialen Netzen provoziert, ist nicht faschistisch, sondern antifaschistisch, insitiert Zeit online.

Der Name Sahar

14.09.2019. Der Ruf "Wir sind das Volk" ist in einer Diktatur subversiv und in der heutigen Demokratie, in der die AfD ihn für sich reklamiert, nur kollektivistisch, schreibt Richard Herzinger im Perlentaucher. Emma.de bringt einige neue Details über die Geschichte der Sahar Khodayari, die sich anzündete, weil sie nicht ins Gefängnis wollte. Ihr Verbrechen: Sie war ein Fußballfan und hatte in Teheran einem Spiel zusehen wollen. Die taz bringt neue Belege für die Nazi-Sympathien der Hohenzollern.

Allenfalls 20 Millionen echte Demokraten

13.09.2019. Der Historiker Norbert Frei plädiert in der SZ für ein Museum des Zweiten Weltkriegs in Berlin. Die SPD-Politikerin Lale Akgün plädiert in dem Blog Watch-Salon für eine Trennung von Staat und Kirche in Deutschland. Wusste die Bundesregierung, dass das deutsche Leistungsschutzrecht vom EuGH kassiert werden würde?, fragen Netzpolitik und Berliner Morgenpost. Falls China Demokratieaktivisten in Deutschland attackiert, ist das Sache der Bundesländer, sagt die Bundesregierung laut SZ.

Ungenutztes Dokument

12.09.2019. Mit Furcht und Entsetzen blickt der Guardian-Kolumnist Paul Mason auf die Normalisierung des Chaos  in der britischen Politik zurück. In Deutschland wird zu wenig gestraft, findet der Politologe Yascha Mounk in der Zeit. Hätte sich Deutschland 1989 eine Verfassung gegeben, wäre der Rechtsnationalismus in den Neuen Ländern heute nicht so stark, meint der Bürgerrechtler Werner Schulz in der Welt. Wissenschaftlicher Konsens kann kräftig danebenliegen, mahnen die Salonkolumnisten. In der FAZ warnen Heiko Heinisch und Nina Scholz vor dem "legalistischen" Islamismus.

Das Überschreiten vernünftiger Grenzen

11.09.2019. "Wir Hongkonger tragen diesen schweren Kampf nicht nur für uns selber aus." Die Welt publiziert eine Rede des Hongkonger Aktivisten Joshua Wong. Die FAZ beschreibt, wie direkte Demokratie das ganze Gefüge der britischen Institutionen erschütterte. In Le Monde protestieren die Redakteure gegen Oligarchen, die sich nach Gutdünken Anteile an der Zeitung zuschieben.  Adrian Lobe prangert in der SZ ein System totaler Transparenz an: das Dorf.

Wirklich? Das ist ja interessant!

10.09.2019. "Scenes of Anger and Chaos" haben sich gestern Nacht im britischen Unterhaus abgespielt, und einige Labour-Abgeordnete sangen nicht "Oh Tannenbaum". Dies alles ist im Video dokumentiert. Timothy Garton Ash legt im Guardian dar, wie die Briten am Ende doch noch die Demokratie retten und ein leuchtendes Beispiel abgeben können. In der NZZ versucht Ines Geipel zu fassen, was in den Neuen Ländern los ist: "Die Zahlen sind bestens, aber die Stimmung ist obermies." In Zeit online protestiert Theologin Doris Reisinger scharf gegen das Frauenbild der Katholischen Kirche.

Vom wir zum sie

09.09.2019. Politico.eu zählt sechs Ereignisse auf, die Irlands Misstrauen gegenüber England historisch begründen, einer ist der "Act of Union" aus dem Jahr 1801. Der Triester Philosoph Damiano Cantone staunt in der NZZ über den parteilosen Politiker Giuseppe Conte, der es schaffte, die Fünf Sterne in eine Koalition mit gemäßigten Demokraten zu bringen.  Bei Medium und im Guardian diskutieren Lawrence Lessig und Evgeny Morozov über das Media Lab des MIT, das Spenden des pädophilen Milliardärs Jeffrey Epstein annahm.

Gefühle von Auslöschung und Verrat

07.09.2019. Der Rechtspopulismus geht unter. Dafür hat #MeToo wieder Konjunktur. Politico.eu konstatiert mit Interesse, dass die Rechtspopulisten in Frankreich, Italien, Britannien und Polen in der Bredouille sind. In der taz zeichnet Cornelia Koppetsch das Psychogramm der AfD-Wähler und ihrer auch nicht so sympathischen Widersacher, der "Kosmopoliten". Und #MeToo ist plötzlich wieder überall Thema, etwa in Frankreich, wo sich Tariq Ramadan laut FAZ zum "Dreyfus der Islamophobie" stilisiert und in den USA mit Weiterungen der Epstein-Affäre, vorgetragen von Ronan Farrow im New Yorker.

Da war dieser Plan

06.09.2019. Der Guardian resümiert eine Wahlkampfrede Boris Johnsons für eine Wahl, die er auf keinen Fall wollte, und zwar am 15. Oktober.  Die SZ bilanziert unterdessen die Schäden, die Taifun Boris an den britischen Institutionen anrichtete. In der Welt erklärt Alexander Gauland, warum es unbürgerlich wäre, nach der Nazi-Vergagenheit einiger Parteigenossen zu fragen. Und Hubertus  Knabe protestiert in der NZZ gegen die Abwicklung der Stasi-Unterlagen-Behörde.

Eine Elite, die sich nicht so nennen mag

05.09.2019. Das britische Unterhaus mag die"Mutter aller Parlamente" sein, aber die jüngsten Brexit-Ereignisse zeigen eher den feudalen Kern der britischen Demokratie, schreibt Fintan O'Toole in der Irish Times. Deutsche Kolumnisten bewundern Jacob Rees-Moggs Schläfchen auf der Abgeordnetenbank. Auch die Wahlen in Sachsen und Brandenburg beschäftigen die Medien noch: Götz Aly erklärt in der Berliner Zeitung, warum er die AfD eine "national-soziale Partei" nennt. Und die Zeit gibt dem Streit ein Ressort.

Die Krone ist noch hohler geworden

04.09.2019. Ein Abgeordneter, der sich umsetzt, und ein Rees-Mogg, der sich schlafen legt. Der gestrige Tag im britischen Unterhaus wird in Erinnerung bleiben. Ist Boris Johnson ein "Clownprinz"? Emma trägt einen Aspekt zu den Wahlen in Sachsen und Brandenburg bei: Hätten nur Männer gewählt, wäre die AfD die stärkste Partei. In der FR graut es dem israelischen Schriftsteller Sami Berdugo vor der sanften Diktatur des Populismus.

Dieser Dauerton der Maßlosigkeit

03.09.2019. Die AfD eine "bürgerliche" Partei? Eine Partei, deren Äußerungen an eine vollgeschmierte Klowand erinnern, wird dieses Prädikat kaum für sich beanspruchen können, meint Gustav Seibt in der SZ. In der FAZ rät Ines Geipel, die rechtsextreme Gesinnung vieler AfD-Wähler wirklich ernst zu nehmen.  Der Guardian  versucht, sich die Folgen eine No-Deal-Brexit auszumalen. Und die  irische Journalistin Caelainn Hogan erzählt im Guardian, wie der No-Deal-Brexit von Irland aus gesehen wird.

Ein riesiges Problem mit dem Wolf

02.09.2019. Verzagte Reaktionen auf die Wahlen in Brandenburg und Sachsen: Wie kriegt man es hin, links zu sein und nicht überheblich zu wirken, fragt die FR. Immerhin hat die drohende AfD dazu geführt, dass sich die etablierten Parteien wieder den Bürgern zuwenden, meint die NZZ.  Die Ostdeutschen sind die Opfer der Westdeutschen, sagt Naika Foroutan laut Deutschlandfunk. Die klassischen Medienindustrien, die bei der EU-Urheberrechtsreform ihre Forderungen durchsetzen konnten, möchten ihre Erfolge jetzt durch eine Anzeigenkampagne gegen die "Digitalmonopolisten" konsolidieren, berichtet Netzpolitik.